Lifestyle 09.03.2018

Alles im Lot auf’m Rockliner 5

Alles im Lot auf’m Rockliner 5

Foto: Tine Acke/Hans Behrbohm

Am 1. September 2017 hieß es zum fünften Mal Leinen los für den Rockliner. An Bord waren zweieinhalbtausend Musikfreunde, die gemeinsam mit Udo Lindenberg und dem Panikorchester in See stachen. Das erste Ziel der Odyssee war Aarhus. Von dort ging es nach Göteborg, Kopenhagen und zurück nach Kiel. Der Rockliner legte 2010 erstmals ab. Die Vision einer Verbindung von Seefahrt und Rock 'n' Roll wurde wahr und ist bis heute lebendig (Abb. 1).

Der Rockliner ist eine mehrtägige sogenannte Themenreise von TUI Cruises auf Mein Schiff 3.

Auf dem Programm stehen drei Konzerte mit Udo Lindenberg und dem Panikorchester, Autorenlesungen, verschiedene Foren zu Themen der Rockmusik und auch die Vorstellung vieler sozialer Projekte, z. B. in Afrika. Ein besonderer Reiz besteht natürlich in den persönlichen Begegnungen und Gesprächen zwischen den Musikern und den Fans. Nach dem Einlaufen des Schiffes in die verschiedenen Häfen können die Passagiere an organisierten Ausflügen teilnehmen oder selbstständig zu Erkundungen aufbrechen. „Wenn ich auf dem Rockliner bin, tauche ich sofort in eine andere Welt ein“, berichtete mir eine Frau beim Einchecken an Bord. Das unterscheidet den Rockliner von allen anderen Kreuzfahrten. Es gibt einen gemeinsamen Nenner. Das sind die Songs, Balladen, Lyrics von Udo Lindenberg und die Musik des „göttlichen“ Panikorchesters. An Deck und in den Bars laufen Konzertmitschnitte, Zeitdokumente oder Videos, die z. B. bei der Entstehung von LPs aufgenommen wurden, wie bei „Unplugged“ (2011) im Hotel Atlantic. Es ist tatsächlich das, was Udo Lindenberg als einen Familienausflug bezeichnet – die Reise einer Community, der Panikfamilie, der Udonauten oder Lindianer. Nach den Shows wird der Ozean von den Fans zur Livemusik und auf Sessions von verschiedenen Coverbands bis in die Morgenstunden gerockt. 

Das Œevre, um das es an Bord geht, beginnt im August 1973, als das Panikorchester gegründet wurde. Seitdem entstanden ca. 700 Songs, Rock-'n'-Roll-Titel, Balladen, Filme, ein Musical, unzählige Auftritte in Theatern, Tourneen in Konzerthallen und den größten Stadien des Landes. In den Texten entstand über die Jahre eine eigene Welt mit vielen Figuren wie Elli Pyrelli vom Regensburger Opernhaus, Gerhard Gösebrecht aus dem dreizehnten Sonnensystem, Johnny Controlletti oder Woddy Wodka und plastischen Sujetbildern wie von Onkel Pö oder der Reeperbahn. Als Astronaut reist Udo durch Zeit und Raum. In den letzten Jahren widmete er sich dem Thema Zeit in Songs wie „Was hat die Zeit mit uns gemacht“ oder „Stärker als die Zeit“ (2016), seiner neuesten Platte, immer wieder.

Dennoch geht es auf dem Dampfer nicht um eine Memory-Show, sondern der Blick ist nach vorne gerichte – „Nimm Dir das Leben und lass es nicht mehr los“(2013). Auf der Playlist stehen viele neue Songs. Zu aktuellen Problemen wie Fremdenhass – „Bunte Republik Deutschland“ (1989), Klimawandel und Umweltzerstörung – „Grande Finale“ (1981), soziale Kälte und Digitalisierung – „Der Deal“ (2008) oder soziale Ungerechtigkeit „Verdammt, wir müssen raus aus dem Dreck“ (1978) werden auf der Bühne klare Kante und aktuelle Kommentare gegeben. Wen die Fantasie im Stich lassen sollte, sich die Figuren und scharfgezeichneten Charaktere aus den Udo-Songs bildlich vorzustellen, der findet Hilfe in der Galerie Walentowski an Bord. Ende der 1990er-Jahre fand die erste Vernissage mit Bildern des Malers Udo Lindenberg statt (Abb. 2). Likörelle und Acrylbilder sind auch auf den Rocklinern zu sehen und erhältlich.

Die kleinste Großstadt der Welt

In den Morgenstunden des zweiten Tages erreichen wir Aarhus. Die Einwohner nennen ihre Stadt die kleinste Großstadt der Welt. Ein Großteil der 320.000 Einwohner sind Studenten. Es ist die zweitgrößte Metropole in Dänemark auf der Insel Jütland. Mit einer Lichtershow wurde Aarhus 2017 zur Kulturhauptstadt. Das Motto „Rethink – sich neu erfinden“ begegnet dem Besucher überall in der Stadt in Form von 350 Innovationsprojekten. Eine gute Übersicht erhält man im Museum für Gegenwartskunst. Anything helps (Abb. 3) ist eine Installation im Kunstmuseum. Über sechs Jahre hat Jani Leinonen Bettlern auf den Straßen verschiedener europäischer Städte ihre Schilder abgekauft und zu einer Installation zusammengestellt. Die dämonische Rolle von Geld in der kapitalistischen Gesellschaft und seine Bedeutung für ein Leben in Armut oder Wohlstadt ist das Thema des Künstlers. In luftiger Höhe bietet das Rainbow-Panorama des dänischen Künstlers Olafur Eliasson einen traumhaften Blick über die Stadt und ihre Umgebung. Entlang der Innenstadt wird der Besucher von einer Fotoausstellung begleitet. Thema der Ausstellung ist Stadt und Natur. Wie viel Natur kann heute unter urbanen Bedingungen überleben (Abb. 4). Die Ergebnisse sind beeindruckend.

Die skandinavischen Spätsommerabende sind noch warm. Es weht eine Iaue Brise. In der Abendsonne legt das Schiff ab. Viele Passagiere begehen diesen Moment gemeinsam mit einem Gläschen Champagner oder einem zünftigen Eierlikör an Deck (Abb. 6). In der Morgendämmerung des nächsten Tages bietet die Fahrt durch die schwedische Schärenlandschaft des Kattegat ein reizvolles Panorama. Ein Teil der unzähligen Inseln ist bewohnt. Leuchttürme und Seezeichen weisen den Weg durch die steinige Klippenlandschaft nach Göteborg an Schwedens Westküste (Abb. 7).

Göteborg ist Universitätsstadt und Schwedens zweitgrößte Metropole. Ein schönes Ziel ist der älteste und romantische Stadtteil Haga (Abb. 8). Zahllose Cafés laden zur „fika“, der schwedischen Kaffeepause ein. An den Abenden finden die Konzerte statt. Es ist eine sehr persönliche Atmosphäre. Der Rahmen ist viel kleiner als in den Stadien und Konzerthallen. Der Kontakt zum Publikum ist sehr lebendig, einige Kinder werden auf die Bühne gehoben und singen und tanzen mit. Am Ende der Show stehen alle und singen die bekannten Songs aus voller Kehle.

Aussteigen und Erkunden

Kopenhagen, die letzte Station der Reise, ist eine der Städte mit der höchsten Lebensqualität auf der Welt. Ein besonderes Ziel ist Christiania (Abb. 9a und b), eine von dänischen Hippies 1971 gegründete Freistadt im Bezirk Christianshavn auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne. Heute sollen hier etwa eintausend Aussteiger leben. So genau weiß das niemand, denn es ist ein mehr oder weniger selbstverwalteter Raum mit eigenen Gesetzen. Über dem Bezirk wabert eine Wolke aus „Gras“. Neben einigen Designer-Werkstätten wird das Bild in den Straßen von alten Hippies und Ständen bestimmt, die Dinge anbieten, die man für ein alternatives Leben braucht. Geht man tiefer in die Gassen, wird klar, dass die Grenze zwischen Kreativität und Endstation Sehnsucht hier fließend verläuft.

In seinen Texten berichtet Udo Lindenberg authentisch, oft anekdotenhaft, aus seinem Leben mit Höhen und Tiefen. Seine Songs erzählen auch von den „Hängern“, die man im Leben haben kann. Dafür lieben und bewundern ihn seine Fans. Wie kein anderer hat er sich selbst vor Jahren da „rauskatapultiert“ und mit „Stark wie zwei “(2008), „Unplugged“ (2011) und „Stärker als die Zeit“ (2016) ein einzigartiges Comeback geschafft. Auf dem Rockliner kann man eintauchen in eine besondere Welt der Lieder und Balladen, die für viele Fans in über vier Jahrzehnten zum Soundtrack ihrer eigenen Biografie geworden sind. An vielen Stellen, z. B. beim Ablegen oder Begegnungen an Deck, erfährt man von ganz persönlichen Episoden. „Zu ‚Hinterm Horizont‘ haben wir geheiratet“, erzählte mir ein Paar aus Leipzig.

Zahlreiche Songs von Udo Lindenberg handeln von der Seefahrt, wie z. B. „Der alte Käpt`n, der nicht mehr fährt“ aus „Nichts haut einen Seemann um“ (1973) oder „Mein Freund Herm“, der Steward auf der Queen Elisabeth mit dem Silbertablett aus Fernweh (1998). Eine Kreuzfahrt, der Rhythmus von Anlegen und Auslaufen in fernen Häfen, ist genau die Atmosphäre, in der diese Figuren und Stimmungen lebendig werden. Dazu kommt noch ein weiteres lindianisches Prinzip, das des Streunens. Wie ein Detektiv neugierig aufbrechen, sich umgucken, Unbekanntes erkunden und in sich aufnehmen. Morgens in aufwachenden Großstädten in nebliger Hafenstimmung von Bord zu gehen und zu Erkundungen aufzubrechen, in den Städten und vielleicht im eigenen Leben – dafür ist eine Reise mit dem Rockliner genau das Richtige.

Der Beitrag ist in der cosmetic dentistry 1/2018 erschienen.

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