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Lifestyle 22.09.2011

Antarktis – die eisige Schönheit des siebten Kontinents

Antarktis – die eisige Schönheit des siebten Kontinents

Nachdem ich in einer der vorangegangenen Ausgaben bereits über die Schönheit und Tierwelt Südgeorgiens berichtet habe, möchte ich Ihnen in dieser Ausgabe ein weiteres Highlight unserer Reise durchs Südpolarmeer – die Antarktis – ein wenig näherbringen.

 Nachdem wir von  Leipzig über Frankfurt nach Buenos Aires und dann weiter nach Ushuaia, der südlichsten Stadt der Erde, nach Feuerland geflogen waren, starteten wir unsere Seereise mit dem unter russischer Flagge fahrenden Expeditionsschiff Professor Molchanov. Über die Falklandinseln und Südgeorgien fuhren wir bis zur antarktischen Halbinsel und durch die berüchtigte Drake-Passage zurück nach Feuerland. Eine Reise der besonderen Art – für uns einzigartig und daher kaum mit passenden Worten zu beschreiben. Da sich die fast vier Wochen nicht auf wenigen Seiten abbilden lassen, möchte ich den interessierten Lesern in diesem Beitrag die bedrohliche und doch auch liebliche Schönheit der Antarktis, zumindest der antarktischen Halbinsel, vorstellen. Ein faszinierendes Reiseziel.

Wir verließen Südgeorgien in der Nacht des 24. Dezember 2009 und nahmen Kurs in Richtung Antarktis. Das Wetter zeigte sich nicht von seiner schönsten Seite. In den nächsten drei Tagen sollten wir erleben, was es heißt, südlich des 56. Breitengrades die Meere zu befahren. Starke Böen aus Südwest peitschten das Meer auf. Wind und hohe Wellen wirbelten die Professor Molchanov durcheinander. Wir mussten den Kurs für mehrere Stunden den Windverhältnissen anpassen und waren daher deutlich weiter nordwestlich als gedacht. Also entschied unser erfahrener Leiter – Rolf Stange – die vorgelagerten Süd-Orkney-Inseln liegen zu lassen und direkt zur Antarktis zu fahren.

Die Antarktis, der siebte und letzte, von Menschen nahezu unberührte Kontinent, umfasst die um den Südpol gelegenen Gebiete. Sie reicht nach Norden etwa bis zur antarktische Konvergenz bei etwa 50° südlicher Breite, wo das kalte antarktische unter das wärmere subtropische Oberflächenwasser absinkt. Die Antarktis wurde bereits ab dem frühen 19. Jahrhundert von verschiedenen Forschungsexpeditionen erschlossen. Der politische Status wurde 1961 im Antarktisvertrag geregelt. Der Kontinent ist mit etwa 13–14 Millionen km² etwa 3–4 Millionen km² größer als Europa und etwas größer als Australien. Die exakte Fläche des Festlandbereiches ist nicht bekannt, da große Teile der dauerhaften Eisbedeckung am Rand aus Meer- und Schelfeis bestehen. Womit man auch schon beim auffälligsten Merkmal des antarktischen Kontinents ist – er ist fast völlig vereist. Man geht davon aus, dass bis zu 90 % des weltweiten Eises und 70 % der gesamten Süßwasserreserven in der Eisdecke der Antarktis stecken. Im antarktischen Winter erstrecken sich die Eisgebiete weit in Richtung Norden und die Fläche der Antarktis nimmt dann auf bis zu 30 Millionen km² zu. Im Sommer ist ebenfalls nur ein sehr geringer Teil eisfrei (2,4% der Gesamtfläche). Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt in Polnähe bei etwa −55 °C. Die tiefste jemals gemessene Temperatur auf der Erde beträgt −89,6 °C und wurde 1983 von der sowjetischen Wostok-Station auf dem Polarplateau gemessen. An der Küste liegen die Temperaturen in gemäßigteren Bereichen und können im Sommer (Januar) sogar auf einige Grad über Null ansteigen. Wir sollten also während unseres Aufenthalts mit Temperaturen um den Gefrierpunkt rechnen. Die Antarktis selbst hat keine Ureinwohner und auch keine Bevölkerung in der Art, wie wir sie kennen.

In den zahlreichen internationalen Forschungsstationen leben im Sommer etwas über 3.000 und im Winter ungefähr 1.000 Menschen unterschiedlicher Nationalitäten. Politisch gesehen hatte die Antarktis in der Vergangenheit Glück gehabt. Durch die weit entfernte Lage von den ehemaligen Welthandelsrouten, kalt, ohne sichtbare Rohstoffe, unwirtlich und lebensfeindlich, war die Antarktis von der Kolonialisierung des 19. und 20. Jahrhunderts nicht betroffen. Auf Initiative des Geophysikalischen Jahres in den Jahren 1957/58 wurde daher eine Form der friedlichen internationalen Zusammenarbeit gefunden, die ebenso einmalig ist wie die Antarktis selbst. Auf der Grundlage des Antarktisvertrags von 1959 hat sich das Antarktische Vertragssystem entwickelt, das ursprünglich von zwölf Staaten beschlossen wurde und die Antarktis vor wirtschaftlicher Ausbeutung und militärischer Nutzung schützt. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges wurde so ein friedliches internationales Vertragswerk geschaffen, das 1959 unterzeichnet und am 23. Juni 1961 in Kraft trat. Dieser Vertrag wurde mittlerweile von 46 Staaten anerkannt und hat eine Laufzeit bis 2041. In diesem Vertragswerk sind auch alle touristischen Aktivitäten der Antarktis geregelt und stellen für Reise- und Expeditionsveranstalter  strenge Verhaltensregeln zum Schutz der Antarktis auf. Derzeit besuchen etwa 35.000 Menschen jährlich die Antarktis. Viele von ihnen jedoch lediglich als Kreuzfahrt-Passagiere, die das Land selbst nicht betreten. Also durchaus ein Privileg, dass wir die Möglichkeit hatten, diesen Kontinent zu bereisen und zugleich ausgedehnte Landausflüge zu unternehmen.

Je näher wir der antarktischen Halbinsel kamen, desto häufiger konnten wir Tafeleisberge am Horizont beobachten. Am Abend des 27.12. passierten wir endlich die der antarktischen Halbinsel vorgelagerten Inseln d’Urville und Joinville. Auch wenn Land endlich wieder zum Greifen nah war, würden wir noch den ganzen Abend und durch die Nacht fahren, um unser Ziel an der antarktischen Halbinsel zu erreichen. Wir hatten am 28.12. morgens gegen 6.00 Uhr nach 90 teils sehr stürmischen Stunden auf See endlich die Antarktis erreicht und konnten diese beim Durchfahren des Antarctic Sounds im Norden der antarktischen Halbinsel in der schöns-ten Morgensonne erleben. Weite Gletscher und Eisberge in allen Größen und Formen säumten unseren Weg. Wir ankerten schließlich vor Brown Bluff und für die meisten wurde ein lange gehegter Traum war, als wir erstmals unsere Füße auf den siebten Kontinent setzten. Begleitet von etwa 20.000 Adeliepinguinen und einigen Eselspinguinen unternahmen wir unsere ersten antarktischen Gehversuche. Mittags verließen wir den Antarctic Sound und brachen in das Weddell-Meer auf. Der Anblick der teils riesigen Tafeleisberge in allen Formen war unbeschreiblich. Da sich zudem das Wetter noch von seiner allerfreundlichsten Seite präsentierte, genossen wir die Fahrt Richtung Paulet Island auf den Außendecks. Überall standen vereinzelte Adeliepinguine und auch ein sehr selten anzutreffender junger Kaiserpinguin, das Symboltier des ganzen Kontinents, auf dem Eis. Am frühen Abend erreichten wir Paulet Island, die Reste eines erloschenen Vulkans. Dort konnten wir die größte Adeliepinguinkolonie der Region, etwa 100.000 Pinguine, bestaunen. Abends setzten wir die Fahrt ins Weddell-Meer mit Ziel Devil Island fort.

Während der nächsten Stunden genossen wir einen langen, antarktischen Hochsommerabend und Sonnenuntergang. Das Meer und die umliegenden Berge und Gletscher färbten sich über orange, rosa nach schwachblau. Farben, die ein Künstler so nur schwer mischen kann. Mehrfach passierten wir Schwertwale, und die Anblicke der Eisberge im Sonnenuntergang kann man schwer beschreiben. Der erste Eindruck des nächsten Tages ließ kaum glauben, dass wir uns in der Antarktis befanden: Die Sonne schien und wärmte mit unwirklicher Kraft (15–20°C in der Sonne). Ein kurzer Spaziergang entlang des Ufers, das mit kleinen Eis-skulpturen sowie Adeliepinguinen gesäumt war, führte uns zu einem höher gelegenen Bereich – ein atemberaubender Anblick auf an die etwa 10.000 Adeliepinguine und das tiefblaue Meer. Der Anstieg zu einem Horn des Teufels (daher Devil Island) führte zunächst über ausgedehnte Schneefelder und Geröll. Ein sensationeller Ausblick entschädigte für den schweißtreibenden Aufstieg. Am Nachmittag setzte der Kapitän Kurs nach Süden. Nicht weit vor unserem Ziel, der Insel Snow Hill, war eine Weiterfahrt nicht mehr möglich. Das Meer war komplett zugefroren. Noch ein kurzer Ausflug zu den Eisbergen und dann ging es zurück nach Norden. Am nächsten Tag, der 30.12.2009, fiel der Anker im Südwesten der King George Insel. In diesem Bereich befindet sich die größte Dichte an Forschungsstationen in der gesamten Antarktis. Wir besuchten die russische Station Bellingshausen, die in direkter Nachbarschaft zur chilenischen Station Frei liegt. Fast ungewohnt, so viele Häuser und Menschen zu sehen. Im Verlauf einer Wanderung zur Nordküste der Insel konnten wir einen Blick auf die berüchtigte Drake Passage werfen. Am Strand lagen mehrere Seeelefanten. Die tonnenschweren Tiere dösten ruhig und friedlich vor sich hin. Gegen Mittag waren wir alle wieder an Bord, und die Professor Molchanov nahm Ziel auf Deception Island – ein Hotspot jeder Ant­arktisfahrt. Wir befanden uns jetzt in Gewässern, die auch von anderen Kreuzfahrtschiffen angelaufen werden. Zunächst passierten wir den sehr engen Eingang.

Das Innere der hufeisenförmigen Insel Deception besteht aus einer Caldera, Port Foster. Wir ankerten in der Telefon Bay. Wie überall auf Deception Island, so bestand der Strand auch hier aus dunkler vulkanischer Asche. Eine sensationelle Landschaft, schwarz und weiß. Nach einem kurzen Spaziergang erreichten wir einen kleinen Hügel und bekamen einen tollen Überblick über die bizarre Vulkanlandschaft, die von einigen freundlichen Sonnenstrahlen in ein bizarres Licht getaucht wurde. Ein zweites Mal passierten wir Neptune’s Bellows und setzten anschließend Kurs Süd, hin zur Westküste der antarktischen Halbinsel. Durch die Gerlache Strait fuhren wir zu einem Punkt Namens Spigot Peak. Vom felsigen Ufer führte uns ein Weg zu einer hoch gelegenen Kolonie von Zügelpinguinen. Danach ging es durch den Neumayer Kanal in Richtung Port Lockroy, eine britische Forschungsstation – Museum, Post und ein Souvenirladen. Genau der richtige Ort zum Jahresende. Wir feierten dort eine einmalige Silvesterparty, die man in solcher Umgebung sicherlich nicht oft erleben kann. Am Morgen des 1.1.2010 hatte es aufgeklart, und das neue Jahr, Port Lockroy sowie die umgebende Landschaft präsentierten sich unter einem teilweise blauen Himmel. Kurze Zeit später erreichten wir einen der berühmtesten Wasserwege der Antarktis – den Lemaire Kanal. Er ist nur 7 Kilometer lang, bis zu 350 Meter schmal und eingerahmt vom Festland der antarktischen Halbinsel und der bis zu 1.000 Meter hohen Booth-Insel. Senkrechte Felswände, hängende Gletscher und schroffe Klippen zu beiden Seiten geben ein tolles Panorama. Schließlich umrundeten wir das Südende der Booth-Insel und erreichten dabei unsere südlichste Position: 65°06’S, lediglich 2.700 Kilometer vom Südpol entfernt. Dort trafen wir erstmals auf einen Seeleoparden, der faul in der Sonne schlief. Zurück ging es durch den Lemaire Kanal in Richtung Paradise Bay und der alten, argentinischen Station Almirante Brown. Den Abschluss des Tages bildete ein kleiner Landgang bei der Station und eine kurze Bergtour auf einen kleinen Hügel, von dem aus wir einen hervorragenden Ausblick auf das berühmte Panorama hatten. Wir hatten eine windstille und erholsame Nacht und gingen letztmals auf Danco Island an Land. Die kleine, im Errera Channel gelegene Insel war überwiegend von Eselspinguinen bewohnt, die sämtliche schneefreien Flecken bewohnten. Die Sonne wärmte und der Errera Kanal lag in all seiner Pracht vor uns. Wale zogen durch das spiegelglatte Wasser, und das Schnaufen ihrer Atemzüge war gut zu hören. Wir hatten reichlich Zeit, um die Eindrücke antarktischer Landschaft und Tierwelt zu genießen und vielen von uns fiel der Abschied von den wunderbaren Pinguinen, die wir alle ins Herz geschlossen hatten, schwer. Am Nachmittag fuhren wir in die weite Bucht Dallmann Bay ein. Dort sollten wir unbeschreibliche Begegnungen mit den größten Säugetieren, den Walen, erleben. Der Kapitän änderte den Kurs, und langsam und vorsichtig näherten wir uns den gewaltigen Meeressäugern– es handelte sich um mehrere Buckelwale, die bis zu 24 Meter lang werden können. Wir sichteten sicher mehr als 25 Tiere. Wohin man auch schaute, überall spritzte entweder der Blas in die Höhe oder es verschwand ein dunkler Rücken und mehrmals sogar die berühmte Fluke in der Tiefe. Mehrfach kamen die Wale ganz nah an unser Schiff heran, und die Beobachtung dieser mächtigen und friedlichen Tiere lässt einen vor Ergriffenheit doch still und andächtig werden. Nach einer Weile ließen wir die Wale wieder in Ruhe und setzten Kurs in Richtung Melchior Inseln, wo wir ein letztes Mal mit den Schlauchbooten unterwegs waren. Auch dort fanden wir bald die Gesellschaft der Wale. Wir hielten uns in respektvoller Distanz, aber der Faszination der ehrfurchtgebietenden Begegnung konnte sich dennoch niemand entziehen. 

Der Abschied von der Antarktis fiel nicht leicht – mehrere Wochen ohne Handy, ohne Internet, ohne Termine – nur sensationelle Ruhe, faszinierende Formationen aus Eis und Fels, wahnsinnige Farbenspiele der Mitternachtssonne und eine bis jetzt noch weitgehend unbeschadete Natur. Für viele schwer vorstellbar, dass der siebte Kontinent mehr zu bieten hat als Eis, Kälte und Wind. Aber ich hoffe, ich konnte mit diesem Beitrag einen Eindruck von der Schönheit, der Einzigartigkeit und auch der Verletzlichkeit dieses Kontinents vermitteln. Seit diesen Tagen in der Antarktis bin ich immer noch auf der Suche nach einem dentalen Forschungsprojekt für die Antarktis. Vielleicht gelingt es ja und ich könnte einen längeren Aufenthalt in dieser Welt aus Eis ermöglichen. Auf ein Wiedersehen mit den Pinguinen!

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