Lifestyle 25.09.2015

Scotish rail – Mit der Eisenbahn durch Schottland

Scotish rail – Mit der Eisenbahn durch Schottland

Foto: © Behrbohm/Shutterstock

Wer sich auf eine Bahnreise durch Schottland begibt, der kann sich einerseits auf spektakuläre Landschaftseindrücke und andererseits auf eine Zeitreise durch die packende Geschichte des Landes, vorbei an Trutzburgen und historischen Schlachtfeldern, freuen. Die bekannte Eisenbahnstrecke der „West Highland Line“ wurde erst kürzlich zur schönsten Bahnstrecke der Welt erklärt (Abb. 1).

Dabei kann man sich zwischen den Luxusabteilen des Royal Scotsman und einem ganz normalen 2.-Klasse-Waggon entscheiden. Ich habe letztere Option gewählt, weil sich auf diese Weise mehr Möglichkeiten bieten, mit Land und Leuten in Kontakt zu kommen.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Schotten sehr freundliche und sympathische sowie offene und hilfsbereite Menschen mit viel Humor und Selbstironie sind. Beim Fußball hört der Spaß manchmal auf, besonders, wenn die beiden wich­tigsten Clubs, die Glasgow Rangers und die Celtic, gegeneinander spielen. Die einen stehen für „protestantisch“, die anderen für „katholisch“. Ob Religion hierbei tatsächlich eine Rolle spielt, bezweifeln Insider. Die zehn Prozent Katholiken in Glasgow kommen meist aus ärmeren Schichten als die Protestanten. Möglicherweise bietet dies Streitpotenzial. Um Konflikte nach den Spielen zu deeskalieren, steht an den Kneipen „no colours“, was bedeutet, hier sind Ver­einsutensilien nicht erlaubt. Die Fußballlegende William Shankly hat einst formuliert: „Some people believe, football is a matter of life and death. I’m very disappointed with this attitude. I can assure you it is much, much more important than that!“

Von König(inn)en und Kriegen …

Die Reise beginnt normalerweise in Edinburgh, dem historischen Zentrum des Landes und seit 1437 Hauptstadt von Schottland (Abb. 2). Die Fahne von Schottland, das weiße Andreaskreuz auf hellblauem Grund, stammt aus dem 9. Jahrhundert und gilt als älteste Nationalflagge der Welt. Sie begegnet dem Reisenden jetzt häufiger (Abb. 3). 1707 wurden die Königreiche Schottland und England zum Königreich Großbritannien vereinigt. Zuvor tobten grausame Kriege und blutige Schlachten, deren Schatten bis in die Gegenwart reichen. In den letzten Jahrzehnten entstand eine starke Bewegung für die Abspaltung Schottlands von Großbritannien. In einem Referendum entschieden sich jedoch über 55 Prozent der Schotten für einen Verbleib des Landes im Vereinigten Königreich. Dennoch ist das Thema auch heute offenbar noch nicht ganz abgeschlossen, denn bei den Wahlen zum britischen Unterhaus konnte die nationalistische SNP alle Mandate im Norden holen.

Edinburgh besteht aus einer mittelalterlichen „old town“ mit engen Gassen und Plätzen und einer ­eleganten „new town“ mit exklusiven Wohngebieten und abschließbaren, gepflegten Stadtparks. Die „Royal Mile“, die der englische Schriftsteller Daniel Defoe als „edelste Straße der Welt“ bezeichnete, verbindet die Hügelfestung „Edinburgh Castle“ mit dem „Palace of Holyrood House“ und dem Parlamentsgebäude, einem modernen architektonischen Highlight. Ganz unweigerlich gelangen wir hier bereits auf die Spuren von Maria Stuart, Schottlands tragischer ­Königin und Regentin von 1542–1576. Ihre große Kontrahentin und Verwandte, Elisabeth I von England, sperrte sie 18 Jahre in verschiedenen Burgen ein, bis sie 1587 hingerichtet wurde. 1566 brachte Maria Stuart im „Castle of Edinburgh“ ihren Sohn Jakob, den späteren König von England und Schottland, zur Welt. (Abb. 4) Stefan Zweig schreibt in seinem Roman „Maria Stuart“: „Beide, Maria Stuart und Elisabeth, sind ­Begabungen besonderer und unvergleichlicher Art. Neben ihren energischen Erscheinungen wirken die anderen Monarchen der Zeit wie flache Nebenrollenspieler; keiner von ihnen erreicht auch nur annähernd die hohe geistige Ebene, auf der diese außerordentlichen Frauen einander entgegentreten.“ Edinburgh bietet eine große Vielzahl von Galerien und Museen, die im Übrigen größtenteils kostenfrei sind. Die Stadt wurde 2004 von der UNESCO zur ersten „Literaturstadt“ überhaupt erwählt. Ständig stößt man auf Ankündigungen von Kulturveranstaltungen und Dichterlesungen. Ein persönlicher Tipp ist der Besuch in der „Scotish National Portrait Gallery“. Im Katalog des Museums heißt es: „This Gallery is about the people of Scotland – past and present, famous or forgotten. The portraits are windows into their lives and the display throughout the building help to explain how the men and women of earlier ­times made Scotland the country it is today.”

Eine besondere Straße ist die „Victoriastreet“: Eine mittelalterliche Straße, die in zwei Etagen einerseits mittelalterliches Flair und andererseits modernste Cafés, Whisky Bars, Pubs und Shops vereinigt, mündet auf einen Platz, auf dem vor Jahrhunderten die öffentlichen Hinrichtungen stattfanden. Das Mittelalter ist in der Altstadt immer noch spürbar, und wenn man bei einem Cappuccino in der Morgensonne ­ an die grausigen Rituale denkt, freut man sich, dem entgangen zu sein. Von Edinburgh empfiehlt sich ein Tagesausflug nach „Stirling Castle“ und „Loch Lommond“. In „Stirling Castle“ (Abb. 5) versteckte Marie de Guise, die Mutter von Maria Stuart, ihren Säugling, der nach dem Tod von König Jakob V. von Schottland, ihrem Vater, sofort als Mary I. auf den Thron folgte. Um durch eine ehe­liche Verbindung der Häuser Stuart und Tudor die ­Königreiche England und Schottland zu vereinigen, forderte der englische König Heinrich VIII. für seinen unmündigen Sohn Eduard die sofortige Überstellung des Säuglings nach England – aber vergeblich … und dann kam alles ganz anders.

 

Links: Edinburgh, das historische Zentrum des Landes und seit 1437 Hauptstadt von Schottland. – Mitte: Stirling Castle. – Rechts: In Schottland finden Sie eine große Auswahl an Whiskysorten, Brennereien und Whisky-Bars.

Über Helden und Mythen

Von „Stirling Castle“ hat der Besucher dann einen geradezu strategischen Blick auf einen der bedeutendsten Orte der schottischen Geschichte, wo die „Schlacht von Stirling Bridge“ 1297 stattfand. ­William Wallace, der als „Braveheart“ in die Geschichte einging, führte hier eine zahlenmäßig völlig unterlegene Armee von schottischen Bauern gegen eine hochgerüstete englische Berufsarmee zu einem historischen Sieg. In dem Historienfilm von und mit Mel Gibson wurden die Hintergründe und die Schlacht selbst detailliert dargestellt. Die Seen in Schottland heißen „Lochs“. Es gibt auch ­einige „Lakes“, aber die Zahl der „Lochs“ ist mit 1.700 um einiges höher. Der größte von ihnen ist „Loch Lommond“ mit 37 Kilometern Länge und einer Tiefe von 200 Metern (Abb. 6). Der See kann mit Booten ­befahren werden und gestattet von hier aus einen faszinierenden Blick auf die Highlands, die sich im Norden anschließen. Der höchste Berg ist der „Ben Lomond“ mit 974 Metern Höhe, dessen Besteigung eine Herausforderung darstellt. An den Ufern befinden sich exklusive Golfclubs und Nobelhotels, wie „Cameron House“, wo an prominente Gäste wie ­Michael Jackson oder Clint Eastwood erinnert wird.

Mit der Eisenbahn geht es von „Waverley Station“ in Edinburgh durch Zentralschottland und die mittleren Highlands nach Inverness. Die Reise führt durch eine raue, überwältigende Landschaft (Abb. 7). Im April befindet sich auf den meisten Gipfeln Schnee. Hier, in den mittleren und westlichen Breiten, zeigt sich Schottland von seiner eindrucksvollsten Seite. Eine malerische Landschaft und zugleich historisch brisante Region ­zwischen der Ost- und Westküste mit hohen Bergen, zerklüfteten Glens und tiefblauen Lochs. Die Hauptstadt der Highlands ist Inverness. Hier sollte man aussteigen, um einige Tage am „Tor zu den Highlands“ zu verweilen. Die sympathische Stadt mit 70.000 Einwohnern liegt an der Nordspitze des „Great Glan“. In Inverness beginnt der kaledonische Kanal, eine herausragende Ingenieurleistung von Thomas Telford, der die Ost- mit der Westküste Schottlands verbindet. Er führt über folgende natürliche Gewässer: „Moray Firth“ (Nordsee), „River Ness“, „Loch Dochfour“, „Loch Ness“, „Loch Oich“, „Loch Lochy“, „Loch Linnhe“ und „Firth of Lorne“ (Atlantik). In einer Tagestour per Schiff kann man versuchen – mit viel Glück – das „Ungeheuer von Loss Ness“ zu Gesicht zu bekommen, denn der Mythos hält bis heute an.

Inverness ist auch das historische Zentrum der ­Highlands. Bis zum Ende des 14. Jahrhunderts hatten sich hier patriarchalische Clan-Strukturen etabliert. Nach zahlreichen Konflikten der Clans untereinander und gegenüber dem Feudalsystem der Lowlands setzten sich im 16. Jahrhundert auch hier feudale Strukturen durch. Die Stuarts konnten sich letztlich auf die Loyalität der meisten Clan-Chefs verlassen. Nach der Vereinigung der ­Königreiche von England und Schottland und dem englischen Führungsanspruch eskalierten die Konflikte in den Jakobitenaufständen von 1715 und 1745. In der Schlacht im „Culloden Moor“ bei Inverness wurde ein zahlen­mäßig völlig unterlegenes Heer von Highländern von der Regierungsarmee Englands unter General Cumberland vernichtend geschlagen. Cumberland ging in den folgenden Jahren unmenschlich gegen die schottische Bevölkerung der Highlands vor. Es kam zu massenhaften willkürlichen Exekutionen und Plünderungen.

Die „Schlacht bei Culloden“ war die letzte Schlacht auf dem Boden der britischen Inseln. Sie war eine nationale Katastrophe für Schottland und das Ende des Machtanspruchs der Stuarts auf den Thron. Danach wurden Kilts und Plaids als typische Zeichen schottischer Identität im „Disarming Act“ von 1746 verboten und erst 1782 wieder erlaubt. Als der britische König Georg IV. 1822 Schottland im Kilt besuchte, erlebte der karierte Schottenrock eine große Renaissance. Heute sieht man ihn, Gott sein Dank, besonders in den Highlands überall. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Bevölkerung der Highlands erneut heimgesucht. Es kam zu einer Vertreibung der gälischsprachigen ansässigen Bevölkerung der schottischen Highlands zugunsten der Einführung der industriellen Schafzucht. Während der sogenannten „Highland Clearance“ wurden Zigtausende Menschen an die Küsten umgesiedelt, mussten auswandern oder gingen als neues Industrieproletariat am Vorabend der industriellen Revolution nach Glasgow. Die Straßenschilder in Inverness sind auch heute noch in Englisch und Gälisch beschriftet.

Hin zu Whisky und Haggis

Östlich von Inverness befindet sich Speyside, wo der weltbekannte Whisky „Glenfiddich“ hergestellt wird. Der Besuch einer Whisky-Brennerei lohnt sich sehr (Abb. 8). „Scotch Whisky“ wird derzeit in 99 Brennereien gebrannt: Whiskys werden nach Highland-, Lowland- und Island-Whiskys unterschieden. Ein wichtiger Rohstoff bei der Herstellung ist Wasser. Jede Brennerei schwört auf ihre Quelle, die einen bestimmten Mineral- und Torfgehalt sowie eine bestimmte Härte und Güte des Wassers besitzt. Dazu kommt Getreide und Hefe. Für viele Whiskys ist gemälzte Gerste ein entscheidender Faktor für den Geschmack. „Blendet Whiskys“ bestehen aus verschiedenen Marken, die aber immer den gleichen Geschmack haben. „Single Malt Whiskys“ kommen aus einer Brennerei und dürfen nicht mit anderen Marken oder anderen Whiskys derselben Brennerei verschnitten werden. Während „Blendet Whiskys“ mit Eis oder Soda genossen werden, wäre das bei einem „Single Malt“ ein Fauxpas und würde den Genuss ruinieren. „Single Malts“ werden zelebriert und brauchen Zeit zum Atmen wie ein Wein und müssen eine gewisse Temperatur erreichen, um alle Aromen zu entfalten. Bis das so weit ist, werden diese mit dem „Nosen“ erschnüffelt, bis der erste Schluck erfolgt. Erlaubt sind wenige Tropfen stilles Wasser, die in den „Single Malt“ pipettiert werden. Prost!

Das schottische Nationalgericht ist übrigens „Haggis“. Es besteht aus pürierten Schafsinnereien, die mit Hafermehl angedickt und mit diversen Gewürzen und Zwiebeln abgeschmeckt werden. Das sollte man mal probieren. Alternativen bietet Fisch in allen Formen, immer lecker als „fish & ships“, am besten direkt am Hafen, und natürlich der schottische Lachs aus den Tiefen der Lochs. Von hier geht es weiter nach Fort William. Der Bahnhof war die Endstation der „West Highland Line“, die einen gemütlichen Schlenker von Glasgow nach Maillaig an der Westküste, mitten durch die Berge und Glens, macht. Den Harry Potter-Fans wird die Gegend bekannt vorkommen. Von den einzigartigen viktorianischen Viadukten und Brücken eröffnen sich faszinierende Ausblicke auf die Highlands. Auf der „Road to the Isles“ geht es weiter in Richtung Atlantikküste bis auf die „Ilse of Sky“. Hier wird die Landschaft deutlich schroffer und, je nördlicher man kommt, auch karger. Reizvoll ist eine Fahrt entlang der Ostküste von Portree nach Uig, bevor der von der Zeit und Landschaft entrückte Reisende die Rückfahrt antritt.

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