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Praxiseinrichtung 15.01.2020

Praxisübernahme: „Ich wollte an meinem Traum arbeiten."

Praxisübernahme: „Ich wollte an meinem Traum arbeiten."

Die junge Zahnärztin Aylin Selçuk hat im Juli 2019 ihre Familienpraxis eröffnet. Während sich für manche die Objektsuche als ein langwieriger Prozess herausstellt, ging es bei Aylin Selçuk eher schnell: Sie hörte zufällig von dem Angebot, sah und verliebte sich sofort in die Räumlichkeiten und begann, ihren Traum zu verwirklichen. Ein Gespräch über alte Fehler in der Flüchtlingspolitik, Start-up-Einblicke und die Erfahrung, eine Sache einfach zu machen, wie zum Beispiel eine Zahnarztpraxis in Berlin-Charlottenburg zu übernehmen.

Frau Selçuk, Sie bringen sich seit Schultagen in öffentliche Diskurse rund um das Thema Integration ein und debattierten in der Vergangenheit mit Bundespolitikern aller Ebenen – Woher rührt dieses offenkundige politische Engagement?

Der Hauptgrund für mein damaliges Engagement war, dass ich während meiner Schulzeit gemerkt habe, dass das Bild der jungen (deutsch-)türkischen Bevölkerung, welches in den Medien und zum Teil in den Köpfen meiner Lehrer und Mitschüler vorlag, nicht mit dem übereinstimmte, welches ich durch meine Familie hier in Berlin und durch meine Besuche in der Türkei und der dort lebenden Familie und meinen Freunden hatte. Es lagen da für mich eine deutliche Diskrepanz und viele Missverständnisse, Berührungsängste und Vorurteile vor. Durch mein Engagement wollte ich diese abbauen und Brücken schaffen. Außerdem wollte ich Jugendlichen aus bildungsfernem Milieu eine Stimme geben und zu einer gewissen Sichtbarkeit verhelfen. Wichtig war mir, dass sich mein Engagement letztlich nicht nur auf das deutschtürkische Verhältnis begrenzte, sondern es ging grundsätzlicher um Fragen der Integration und Partizipation.

Sie haben dann die Deukische Generation, einen Verein, gegründet …

Ja, wobei Deukisch nicht nur für deutsch-türkisch stand – auch wenn wir überwiegend dies repräsentierten –, wir haben auch viele deutsch-italienische, deutsch-arabische und sogar deutsch-spanische Mitglieder. Das Wort steht vielmehr symbolisch für die dritte und vierte Generation der Einwanderer. Hauptziel der Vereinsarbeit war es, der hiesigen Gesellschaft aufzuzeigen, dass wir alle ein Teil der Gesellschaft sind und alle gemeinsame Werte und eine gemeinsame Zugehörigkeit zu diesem Land aufweisen (sollten). Dies war vor 15 Jahren gar nicht so selbstverständlich, heutzutage sollte das nicht mehr der Rede wert sein. Es ging also darum, Vorurteile abzubauen, gleichzeitig Brücken zu bauen und auch den „Einwanderercommunitys“ ganz klar zu kommunizieren: Ihr seid Teil dieses Landes, ihr habt hier alle Rechte und Pflichten wie jeder andere: Macht mit und nehmt Anteil an der Gesellschaft. Tretet Parteien und Vereinen bei! Versteht und lebt die Werte dieses Landes, sprecht die Sprache und fühlt euch auch als Teil und nicht als Opfer. Wir haben immer an beiden Seiten angesetzt, und nicht nur einseitig. Unsere Arbeit war stets lösungs- und nicht problemorientiert.

Auch wenn bestimmte Fragestellungen heute weniger akut scheinen, es bleiben doch nach wie vor Probleme bestehen – von einer multikulturellen Gesellschaft, die auf einer verlässlichen Akzeptanz und Toleranz aller basiert, kann leider nicht die Rede sein …

Natürlich nicht, und hier muss mansich die Gründe anschauen. Die Art und Weise, wie schwer wir Deutschen es uns mit unserer eigenen Identität machen, spielt da bestimmt auch eine Rolle. Das hat natürlich historische Ursachen, die man nie vergessen darf. Doch während sich andere Nationen mit einer gewissen Laissez faire zu ihrer Nationalität bekennen, brauchte es in Deutschland erst die WM, um das Ganze etwas aufzulockern und positiv zu besetzen. Es ist wichtig, sich bei der laufenden Flüchtlingsdebatte diesem Hintergrund – der deutschen Zwiespältigkeit – bewusst zu sein. Zudem gestaltet sich die Integration von Flüchtlingen und Einwanderern nach wie vor schwierig, weil immer wieder die gleichen Fehler gemacht werden wie schon zu Gastarbeiterzeiten.

Welche Fehler meinen Sie?

Das Weiterbestehen von sogenannten Sonder- bzw. Förder-/Flüchtlingsklassen zum Beispiel ist ein Trugschluss. Es ist bewiesen, dass das eher zu Abkapselungen führt und das gewünschte Erlernen der deutschen Sprache und Heranführen an die deutsche Gesellschaft und Kultur nicht fördert. Überhaupt dürfte der Erwerb der deutschen Sprache für Einwanderer keine Option, sondern sollte eine Pflicht sein. Denn es braucht für beide Seiten eine konstruktive und geplante Einwanderungspolitik. Natürlich bin ich auch für die Aufnahme und Unterstützung von Flüchtlingen. Doch dazu gehört auch, sie auf das Leben in Deutschland vorzubereiten. Da ist die Sprache und Wertevermittlung essenziell und sollte nicht optional gestaltet werden. Denn nur über die Sprache kann man an einer Gesellschaft partizipieren und sich integrieren. Hierfür gäbe es eigentlich ausreichend Ressourcen, auch ehrenamtliches Lehrpersonal, sie müssten nur genutzt werden. Und ohne Sprache ist auch die Aufnahme einer Arbeit schwierig bis unmöglich. Damit verengen sich die Perspektiven für viele junge Leute enorm, die aus ganz unterschiedlichen Gründen, zum Teil auch traumatisiert, nach Deutschland gekommen sind. Natürlich gibt es darunter Menschen mit Berufsqualifizierung, die in Deutschland schnell Fuß fassen können. Ein Teil aber kommt eben nicht aus der Bildungsschicht und braucht Angebote, Möglichkeiten und Hilfestellungen, sich einzubringen. Gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass diejenigen, die nicht bereit sind, sich an den Werten und Grundgesetzen des Landes zu orientieren, in dem sie um Aufnahme bitten, nicht selbstverständlich hier bleiben müssen. In diesem Zusammenhang finde ich auch das Strafsystem nicht konsequent genug.

Kommen wir zur Zahnmedizin – Was hat Sie an dem Fach gereizt?

Mein Entschluss, Zahnärztin zu werden, geht auf meine Kindheit zurück. Der Sohn meiner „Nanny“ studierte Zahnmedizin, und ich war begeistert von den Arbeiten, die er zu Hause durchführte. Schon mit fünf Jahren bemerkte ich, dass es zwei Seiten gab: Er „stellte“ sowohl Zähne „her“ und lernte auch Medizinisches über den Körper und konnte so alle Gesundheitsfragen von Freunden und der Familie beantworten. Das fand ich toll. Als ich dann auf das Gymnasium ging und in die 5. Klasse kam, schrieb ich am ersten Tag auf meinen Steckbrief, dass ich Kieferorthopädin werden möchte. Das Ziel war also gesteckt!

Und dass ich studieren würde, stand sowieso außer Frage, denn ich komme aus einer Familie, in der ein hoher Grad an Bildung dazugehört und erwartet wurde. Der Beruf passt aber auch deshalb zu mir, weil er zwei Seiten von mir anspricht: Zum einen habe ich eine starke Helfer-Ader, die ich in der Arbeit mit Patienten ausleben kann. Zum anderen bin ich auch kreativ und kann das wiederum in die zahnmedizinische Versorgung einfließen lassen. Ich arbeite ganz bewusst ganzheitlich und schaue mir meine Patienten genau an, mache ein allgemeines Check-up und ziehe dabei Anzeichen in Betracht, die nicht unmittelbar mit der Zahnmedizin zu tun haben. Mit diesem Ansatz entspreche ich ganz meinen Möglichkeiten und mache den Beruf zu meiner Berufung.

Sie waren 2018 Medical Advisor bei einem Dental-Start-up. Was hat Sie dazu bewogen, dort mitzumachen?

Ich bin, neben dem zahnmedizinischen Fachwissen, auch sehr an betriebswirtschaftlichen Prozessen interessiert, und so ergab sich die Zusammenarbeit mit dem Start-up. Das war eine wahnsinnig intensive und lehrreiche Zeit für mich, weil die Uni solche Inhalte kaum vermittelt. Es hat extrem viel Spaß gemacht, das Start-up mitaufbauen zu können und zu verstehen, wie ein Unternehmen von den Zahlen her funktioniert. Insofern war es auch eine tolle Vorbereitung auf meine Selbstständigkeit.

Sie haben im Juli 2019 Ihre Praxis in Charlottenburg eröffnet. Wie lange haben Sie bis dato nach einer Praxis gesucht?

Direkt gesucht habe ich eigentlich gar nicht. Als meine Mitarbeit bei dem Start-up endete, wollte ich mich erstmal nur auf meine Doktorarbeit konzentrieren. Dann hörte ich zufällig, dass jemand eine Praxis aufgeben möchte, und es hieß, die Praxis würde gut zu mir passen. Ab da war ich neugierig, habe mir eines Abends spät die Räumlichkeiten angeschaut und war sofort verliebt. Ich fand die Praxis wunderschön, und auch die bisherige Besitzerin war mir sympathisch. Vor Eröffnung habe ich die Praxis renoviert und jetzt drei Mitarbeiter – zwei Helferinnen und eine Person, die sich um die IT kümmert. Das Personal habe ich übernommen. Gleichzeitig suche ich aber nach Zuwachs für mein Team.

Gab es für Sie besondere Bedenken bezüglich der Praxisübernahme?

Ich hatte nicht viel Zeit, um das Ganze zu überlegen, ich wusste nur, dass ich meinen Traum verwirklichen wollte. Denn entweder arbeitet man an seinem eigenen Traum oder an dem Traum anderer. Ich wollte an meinem Traum arbeiten! Anfangs sprach ich mit verschiedenen Leuten darüber und hörte viele Gründe, warum das oder jenes nicht klappen könnte. Ich hörte überwiegend Zweifel und merkte, dass mir das nicht guttat. Und dann habe ich den Kreis derer, mit denen ich das Projekt besprach, verkleinert und die Dinge einfach Schritt für Schritt erledigt. Ich bin ein Typ Mensch, der die Dinge anpackt und Herausforderungen annimmt. Und am Ende darf man nicht vergessen, dass viele diesen Schritt gegangen sind. Man sollte also Mut haben und sich trauen und auch den Umständen vertrauen.

Welche Leistungen bieten Sie in Ihrer Praxis?

Ich biete ganzheitliche Digitale Zahnmedizin, Ästhetische Zahnmedizin und Kieferorthopädie mit Alignern an. Mein Fokus liegt damit auf einer digital-modernen, präventiven, ganzheitlichen und ästhetischen Zahnmedizin sowie der Kieferorthopädie. Zudem habe ich als Familienpraxis die Möglichkeit, Patienten wirklich kennenzulernen und langfristig einen persönlichen Kontakt aufzubauen, von den Großeltern über die Eltern bis zu den Enkeln. Eigentlich wie bei einer Allgemeinarztpraxis, ich kann Verläufe sehen und Veränderungen nachgehen. Und so meinen ganzheitlichen Ansatz umsetzen.

Und wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Oder anders gefragt: Was sind Ihre mittelbaren Pläne?

Zukünftig möchte ich mir noch einen angestellten Zahnarzt oder einen Partner in die Praxis holen, um meine dortigen Stunden zu reduzieren und Zeit für andere Projekte zu gewinnen. Viele tolle Projektideen habe ich schon im Kopf! Zugleich möchte ich mich damit auch für meine Familienplanung absichern, denn während angestellte Zahnärztinnen von Tag eins der wissentlichen Schwangerschaft dem Beschäftigungsverbot unterliegen, haben selbstständige Zahnärztinnen keinen Schutz oder Support. Auch wenn das Thema für mich noch nicht unmittelbar ansteht, beschäftigt es mich doch, und ich finde, dass der Staat selbstständige Frauen in dieser Hinsicht im Stich lässt. Darin sehe ich auch begründet, warum sich viele Frauen gegen eine Selbstständigkeit entscheiden. Das ist auf jeden Fall ein Thema, für das ich mich in Zukunft engagieren möchte.

Das Interview ist in der dentalfresh erschienen.

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