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Statements 15.09.2015

Schafft sich Deutschland ab?

Schafft sich Deutschland ab?

Das politische Sommerloch ist in diesem Jahr ausgefallen. Keine künstlich aufgeblasenen Hinterbänklerthemen bestimmten die Tagespresse, sondern ein sehr konkretes und drängendes Problem: Eine große Zahl von Flüchtlingen hat Deutschland erreicht. Es ist eine große humanitäre Herausforderung – für uns alle. Aber für mich drängt sich noch eine weitere Frage auf: Warum scheint niemand die wirtschaftliche Chance zu sehen, die neben aller Tragik in dieser Entwicklung steckt?

Deutschland altert – kein neues Thema, aber vermutlich dramatischer als gedacht. Betrachtet man nur die Geburtenrate pro Frau, dann fällt unter den Tisch, dass über nunmehr 40 Jahre hinweg viele Frauen nicht geboren wurden, die natürlich heute auch keine Kinder haben können. Viel ehrlicher ist die Geburtenrate pro 1.000 Einwohner. Da belegt Deutschland tatsächlich den letzten Platz in der Welt. Herdprämie oder Kita-Garantie, nichts wird helfen. Mit unseren eigenen Babys kommen wir aus dieser Situation nicht mehr heraus. Na gut, dann müssen halt die mehr arbeiten, die schon da sind! Bringt leider nicht wirklich viel. Selbst im Extremfall – gleiche Erwerbsquote von Frauen und Männern, Rente mit 70 – fehlen bis 2050 rund 12 Millionen Arbeitskräfte. Auch der technische Fortschritt wird uns nicht retten. Diese Analysen sind nicht neu. Man konnte das schon öfter lesen, aktuell in einer Studie, die die Bertelsmann-Stiftung beauftragt hat. Und auch die Konsequenz ist nicht neu. Deutschland braucht Zuwanderung, 500.000 Menschen jedes Jahr, ab 2025 sogar 600.000. Wer jetzt mit der Feststellung „Haben wir doch seit Jahren und noch viel mehr!“ aufbegehrt, wird sich wundern. Eine Nettozuwanderung von mehr als 500.000 Menschen hatten wir letztmalig vor 23 Jahren, 2009 hat Deutschland sogar 20.000 Menschen verloren.

Was das alles mit dem Schwerpunktthema dieser Ausgabe, der Alterszahnmedizin, zu tun hat? Nun, sehr viel! Wenn die Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland sinkt, schwinden die finanziellen Ressourcen, mit denen nicht zuletzt auch die spannenden neuen Möglichkeiten der Zahnmedizin zur Versorgung von Pflegebedürftigen im GKV-System bezahlt werden sollen. Ohne Zuwanderung wird es immer weniger Pflegekräfte geben, die sich um unsere Mundhygieneempfehlungen in der ambulanten Pflege oder im Heim kümmern können. Und nicht zuletzt wird es ohne Zuwanderung immer weniger Teampersonal geben, das uns in der mobilen Zahnmedizin unterstützt. Meine Frau hat kürzlich eine ZFA in München gesucht. Das Wort „aussichtslos“ stellt fast noch eine positive Umschreibung ihrer Bemühungen dar.

Niemand wird bestreiten, dass Deutschland eine herausragende Stellung in der Welt einnimmt. Unsere Zahnmedizin gehört dazu. Um diese Position zu halten, hätten wir eine ausreichende Zahl von Kindern großziehen können. Das haben wir nicht getan. Jetzt bleibt tatsächlich nur eine einzige andere Möglichkeit. Wollen wir die auch nicht, dann hat Thilo Sarrazin recht, und Deutschland schafft sich ab – wenngleich anders, als er dachte.

Prof. Dr. Christoph Benz, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, Mitglied des Vorstands und Referent Prophylaxe, Alterszahnmedizin und Patientenberatung der Bayerischen Landeszahnärztekammer

zur aktuellen Ausgabe der ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis

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