Endodontologie 19.03.2026

Die Entwicklung von Biokeramiken – Teil 1



Mikroleakages, die aus einem unzureichenden Verschluss resultieren, stellen eine der ­Haupt­ursachen für endodontische Misserfolge dar. Eine zentrale Komponente zur Erreichung eines dichten Verschlusses ist der Wurzelkanalsealer. Der Autor nimmt uns mit auf eine Zeitreise dieses ­Materials – in Teil 1 vom Start mit MTAs bis hin zu modernen Biokeramiken und ihren ­grund­sätzlichen Eigenschaften.

Die Entwicklung von Biokeramiken – Teil 1

Foto: Dr. Günther Stöckl

Die Funktion des Wurzelkanalsealers besteht darin, die Hohlräume zwischen dem Kernfüllmaterial und den Dentinwänden zu füllen und eine dichte Verbindung herzustellen.14 Insbesondere die Penetration des Sealers in die Dentin­tubuli und anatomische Komplexitäten des Kanalsystems ist für eine suffiziente Versiegelung von entscheidender Bedeutung. Zu den Anforderungen zählen eine exzellente Versiegelungsfähigkeit, dimensionale Stabilität, Biokompatibilität, Unlöslichkeit gegenüber Gewebsflüssigkeiten, eine gute Adhäsion an den Kanalwänden sowie eine adäquate Verarbeitungszeit und einfache Handhabung.9, 10

Die Entwicklung der MTAs

Lange Zeit galten epoxidharzbasierte Sealer – wie AH Plus – aufgrund ihrer ausgezeichneten physikalisch-chemischen Eigenschaften als Goldstandard. Der wesentliche Nachteil dieser Materialklasse liegt jedoch im Fehlen bioaktiver Eigenschaften. Bioaktive Materialien sind per Definition in der Lage, mit dem umgebenden biologischen Gewebe zu interagieren und den periapikalen Heilungsprozess aktiv zu unterstützen.9 Ein entscheidender Durchbruch in der Entwicklung bioaktiver endodontischer Materialien war die Einführung des Mineral-Trioxid-Aggregats (MTA). MTA ist ein hydrau­lischer Zement, der aus Modifikationen des Portlandzements hervorging und von Tora­bine­jad und White für zahnmedizinische Anwendungen patentiert wurde.18 Aufgrund seiner nachgewiesenen Biokompatibilität und hervorragenden Versiegelungseigenschaften etablierte sich MTA als Goldstandard für diverse endodontische Reparaturverfahren wie die Deckung von Perforationen und die Apexifikation.17, 18, 13 Damit legte MTA den Grundstein für die Entwicklung der Kal­zium­silikat­zemente als neue Material­klasse. Trotz seiner klinischen Erfolge wies MTA auch Nachteile auf. Dazu zählten eine schwierige Hand­habung, eine verlängerte Abbindezeit, das Risiko von Zahnverfärbungen und die Freisetzung geringer Mengen an Schwermetallen.

Die ersten Biokeramiken

Die Limitierungen von MTAs motivierten die Weiterentwicklung von Materialien, die auf dem Kalziumsilikat-Prinzip basieren, aber verbesserte Eigenschaften aufweisen.17 Die ersten speziell als Wurzelkanalsealer konzipierten Kalzium­­silikat-­zemente wurden im Jahr 2007 vorgestellt. Diese Materialien, zusammenfassend als Biokeramiken bezeichnet, werden nach ihrer Interaktion mit dem Gewebe als bioinert, biokompatibel oder bioaktiv klassifiziert.9 Moderne biokeramische Formulierungen basieren auf Kalziumsilikaten, Kalziumphosphat und Kalziumhydroxid, wobei als Röntgenkontrastmittel häufig Zirkoniumoxid anstelle von Bismutoxid verwendet wird, um Verfärbungen zu vermeiden. Ihr wesent­licher Vorteil ist die Bioaktivität: Bei Kontakt mit Gewebs­flüssig­keiten initiieren sie die Bildung von Hydroxylapatit, was zu einer chemischen Anbindung an die Dentinstruktur führt.17 Zudem schaffen sie durch die Freisetzung von Kalziumionen und Hydroxidionen ein hochalkalisches Milieu, das den periapikalen Heilungsprozess begünstigt.9 Diese Weiterentwicklungen führten zur Verfügbarkeit verschiedener Konsistenzen, darunter fließfähige Sealer und formbare Putty-Materialien für spezielle Repa­ratur­indika­tionen. Insbesondere die hydrau­lischen Kalziumsilikat-Sealer haben zudem vereinfachte Obturationstechniken, z. B. die Single-Cone-Methode, wieder in den Fokus der klinischen Anwendung gerückt.10

Bild von einem Quotenzeichen

„Damit legte MTA den ­Grundstein für die ­Entwicklung der Kalzium­silikatzemente als neue ­Materialklasse.“

Eigenschaften von Biokeramiken

Die fundamentalen Eigenschaften biokeramischer Materialien sind in ihrer chemischen Zusammensetzung und der ­daraus resultierenden Abbindereaktion verankert. Moderne Formulierungen basieren vorwiegend auf Kalziumsilikaten wie Trikalzium- und Dikalziumsilikat, häufig ergänzt durch Kalzium­alu­mi­nat, Kalziumoxid und Kalziumphosphat.1, 17 Eine wesentliche Weiterentwicklung gegenüber dem ursprüng­lichen MTA ist der Ersatz von Bismutoxid als Röntgen­kontrast­mittel durch Zirkoniumoxid oder Tantaloxid, wodurch das ­Risiko von Zahnverfärbungen, eine signifikante Einschränkung früherer Kalziumsilikatzemente, minimiert wird.17 Als hydrau­lische Kalziumsilikatzemente (HCSCs) benötigen diese Mate­rialien für ihre Aushärtung die Anwesenheit von Feuchtigkeit, was im endodontischen Milieu von erheb­lichem Vorteil ist.12 Bei Kontakt mit Gewebsflüssigkeiten oder der im Dentin vorhandenen Feuchtigkeit wird eine Hydrata­tions­reak­tion initiiert. Dieser Prozess führt zur Bildung eines Kalzium­silikat­hydrat-­Gels sowie zur Freisetzung von Kalzium­ionen (Ca2+) und Hydroxid­ionen (OH−), was zur Entstehung von Kalzium­hydroxid als Nebenprodukt führt. Dieser zen­trale Mechanismus bildet die Grundlage für nahezu alle weiteren physikalischen und biologischen Eigenschaften des Materials.9, 17 Die physikalisch-chemischen Eigen­schaften sind für die klinische Handhabung und die Langzeitstabilität der endodontischen Versorgung von entscheidender Bedeutung.

Die Partikelgröße des Zements beeinflusst die Abbindekinetik maß­geblich; kleinere Partikel vergrößern die reaktive Oberfläche, was die Hydratation beschleunigt und die Abbindezeit verkürzt. Gleichzeitig verbessert eine feine Par­tikel­vertei­lung die Penetration des Sealers in mikroanatomische Strukturen wie die Dentin­tubuli, was für einen hermetischen Verschluss essenziell ist. Studien belegen, dass biokeramische Sealer (z. B. Komet BioSeal) eine signifikant tiefere Penetration in die Dentin­tubuli erreichen als der Goldstandard AH Plus.17 Moderne, vorangemischte Formulierungen bieten zudem gegenüber MTA eine deutlich verkürzte Abbindezeit und eine erheblich vereinfachte Handhabung, was die klinische Effizienz und Standardisierung verbessert.17, 1 Ein idealer Sealer sollte unlöslich in Gewebsflüssigkeiten sein, um die Integrität des apikalen Verschlusses dauerhaft zu sichern.9 Einige Studien berichten für bestimmte vorangemischte Biokeramiken über eine höhere initiale Löslichkeit im Vergleich zu den ISO-­Normen oder zu AH Plus.

Diese Beobachtung ist jedoch im Kontext der Bioaktivität zu interpretieren: Die anfängliche Freisetzung von Ionen ist ein integraler Bestandteil des bioaktiven Mechanismus. Mikro-CT-Analysen belegen, dass diese massenbasierte Löslichkeit nicht mit einer klinisch relevanten volumetrischen Instabilität korreliert, was auf eine hohe Formstabilität des ausgehärteten Materials hindeutet.1 Eine adäquate Röntgenopazität zur radiologischen Beurteilung der Füllungsqualität wird von allen kommerziellen Biokeramiken erfüllt, die den von der ISO-Norm geforderten Grenzwert von 3 mm Aluminium-Äquivalenz übertreffen.16 Die Freisetzung von Kalzium- und Hydroxidionen während der Hydratation führt zu einem stark alkalischen Milieu (pH 12).1 In Anwesenheit von Phosphationen aus den Gewebsflüssigkeiten fördert diese chemische Umgebung die Präzipitation von Hydroxylapatit an der Grenzfläche zwischen Material und Dentin. Da Hydroxylapatit die mineralische Hauptkomponente des Dentins darstellt, entsteht durch diesen als Biomineralisation be­zeich­neten Prozess eine chemische Anbindung, die einen naht­losen Übergang zwischen Füllungsmaterial und Kanalwand schafft.17 Dieser Mecha­nismus versiegelt nicht nur die Dentintubuli, sondern bildet auch eine physikochemische Barriere, die Mikroleakages effektiv verhindert. Die Bildung von Hydroxylapatit, nachweisbar durch Methoden wie die von-Kossa-Färbung, dient als direkter Indi­kator für das bioaktive Potenzial eines Mate­rials.5 Die biologischen Eigenschaften der Biokompatibilität und der antimikrobiellen Wirkung sind direkt mit der Bio­aktivi­tät verknüpft. Zahlreiche Studien belegen, dass Kalzium­silikat-­basierte Sealer eine exzellente Biokompatibilität aufweisen, eine geringere Entzün­dungs­reak­tion und Zytot­oxizität als Epoxidharz-Sealer induzieren und die Pro­lifera­tion sowie Adhäsion von Stammzellen des parodontalen Ligaments und der Pulpa fördern.17, 5 Die antimikrobielle Wirkung resultiert primär aus dem hohen pH-Wert, der während und nach dem Abbindeprozess aufrechterhalten wird. Dieses stark alka­lische Milieu ist für die meisten endo­donto­patho­genen Bak­terien schädlich.3 Im Gegensatz zu vielen anderen Sealern, deren antimikrobieller Effekt transient ist, sorgt der langanhaltend hohe pH-Wert der Biokeramiken für eine nachhaltige bakteriostatische oder bakterizide Wirkung.3

Bild von einem Quotenzeichen

„Ein idealer Sealer sollte unlöslich in ­Gewebsflüssigkeiten sein, um die Integrität des apikalen Verschlusses dauerhaft zu sichern.“

Zusammenfassung

Die klinische Leistungsfähigkeit biokeramischer Materialien beruht auf einer Kaskade von miteinander verknüpften Eigen­schaften, die ihren Ursprung in der chemischen Zusammensetzung haben. Die hydraulische Reaktion führt nicht nur zur Aushärtung, sondern initiiert auch die Freisetzung von Ionen. Dies erzeugt ein hochalkalisches Milieu, welches die exzellente Biokompatibilität und die nachhaltige antimikrobielle Wirkung bedingt und zugleich als Katalysator für die Bio­aktivität – die Bildung von Hydroxylapatit – fungiert. Dieser Prozess gipfelt in einer chemischen Anbindung an das Dentin und einem hermetischen Verschluss. Parallel dazu gewährleisten optimierte physikalische Eigenschaften eine zuver­lässige klinische Anwendung.

Teil 2 wird diese Eigenschaften im Detail analysieren und die wissenschaftliche Evidenz bewerten, um ein umfassendes Verständnis der Stärken und potenziellen Limitationen moderner biokeramischer Werkstoffe zu vermitteln.

Literatur

Dr. Stöckl ist Referent der EndoFIT-Kurse von Komet.Dental.

Endodontie Journal 01/26

Endodontie Journal


Dieser Beitrag ist im EJ Endodontie Jounal erschienen.

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