Kieferorthopädie 30.04.2026

Energydrinks als Risikofaktor während der kieferorthopädischen Behandlung



Energydrinks gehören inzwischen fest zum Alltag vieler Jugendlicher (Abb. 1). Getrieben von Marketing, vermeintlichem Leistungsplus und hoher sozialer Akzeptanz werden sie vor allem in der Pubertät konsumiert, mit teils deutlich problematischen Folgen für Allgemein- und Mundgesundheit.1–11

Energydrinks als Risikofaktor während der kieferorthopädischen Behandlung

Foto: Prof. Wiechmann, Dr. Beyling & Kollegen

Neben den bekannten systemischen Risiken rücken in der Kieferorthopädie insbesondere die Auswirkungen auf Schmelz und Biofilm in den Fo­kus.12,13 Aus zahnmedizinischer Sicht ist die Kombination aus hohem Zucker- und starkem Säure­gehalt mit einem zum Teil extrem niedrigen pH-Wert von unter 2.0 besonders ungünstig. Der Konsum solcher Getränke fördert sowohl kariogene Prozesse als auch erosive Schmelzveränderungen. Nach der Aufnahme sinkt der Speichel-­pH innerhalb kurzer Zeit ab; wiederholte Expositionen schaffen damit ein ideales Milieu für initiale Demineralisationen des Zahnschmelzes.12–21 Auch zuckerfreie Varianten sind nicht automatisch unkritisch, da sie neben dem niedrigen pH-Wert in Kombination mit biofilmbegünstigenden Effekten ebenfalls zur Entstehung früher Läsionen beitragen können.20

Für die kieferorthopädische Praxis ist das vor allem deshalb relevant, weil Jugendliche mit eingeschränkter Mundhygiene während einer Multibracketbehandlung ohnehin ein erhöhtes Risiko für initiale Kariesläsionen, sogenannte White-­Spot-Lesions (WSL), haben22–24 und der regelmäßige Energydrinkkonsum diese Problematik deutlich verschärft. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die Auswahl der eingesetzten kieferorthopädischen Apparatur bezüglich des Demineralisierungs­risikos einen Unterschied machen kann und es somit möglich ist, auch die Belastung für das Gesundheitssystem zu reduzieren, da viele WSL eine anschließende konservierende Behandlung erfordern.25–27

Festsitzende Apparaturen

Bei vestibulären Multibracketapparaturen ist das Risiko für Schmelzdemineralisationen bekanntlich erhöht. Brackets und Bänder erschweren die Reinigung, fördern Plaqueretention und behindern die natürliche Selbstreinigung durch den Speichel. Klinisch manifestieren sich frühe Entkalkungen häufig als WSL, die das Behandlungsergebnis ästhetisch beeinträchtigen und im Verlauf auch restaurative Maßnahmen nach sich ziehen können.22–27 Die Literatur zeigt, dass bei der Behandlung mit konventionellen festsitzenden Apparaturen WSL relativ häufig auftreten.22,23 Eine aktuelle Metaanalyse beschreibt für herkömmliche Multibracketapparaturen ein deutlich höheres Risiko im Vergleich zu anderen kieferorthopädischen Systemen.24 Vestibuläre Brackets gelten dabei als besonders ungünstig, weil sie Plaqueakkumulation und lokale Entmineralisierung begünstigen. Für linguale Apparaturen werden dagegen geringere WSL-Raten angegeben, vermutlich aufgrund der erhöhten Speichelumspülung und der Selbstreinigung durch die Zunge.28–30 Van der Veen et al. haben vor diesem Hintergrund bereits im Jahr 2010 auf die statistisch und vor allem klinisch signifikanten Vorteile einer lingualen Bracketapplikation hingewiesen. In ihrer prospektiven randomisierten Split-Mouth-Studie waren Demineralisationen beim Einsatz lingualer Apparaturen im Vergleich zu vestibulären Apparaturen signifikant seltener (Faktor 5) und im Durchschnitt nur 1/10 so ausgeprägt. In einer Nachuntersuchung von jugendlichen Lingualpatienten mit ausgewerteten Zahnoberflächen beschrieben Wiechmann et al. sehr geringe Demineralisations­raten auf den lingualen Zahnoberflächen am Behandlungsende.29 Vergleichbare Studien beim Einsatz vestibulärer Apparaturen beschreiben im Durchschnitt etwa zehnmal mehr Demineralisationen im Bra­cket­umfeld nach der Behandlung.25–27

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„Aus zahnmedizinischer Sicht ist die Kombination aus hohem Zucker- und starkem Säuregehalt mit einem zum Teil extrem niedrigen pH-Wert von unter 2,0 besonders ungünstig.“

Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang Daten aus einer kürzlich publizierten retrospektiven Kohortenstudie zu Jugendlichen mit hohem Energydrinkkonsum, die mit vollständig individuellen lin­gualen Apparaturen behandelt wurden.30 Verglichen wurden in der Untersuchung bei dieser Hochrisikogruppe die Anzahl der Deminera­lisa­tionen auf den brackettierten lingualen Zahnoberflächen mit den nicht brackettierten vestibulären Zahnoberflächen.

Studiendesign

Für diese retrospektive Kohortenstudie wurden folgende Einschlusskriterien definiert:

  • Behandlung mit einer vollständig individuellen lingualen Apparatur (VILA, WIN, DW Lingual Systems)
  • Patienten unter 18 Jahren zu Behandlungsbeginn (T0)
  • Mindestens eine neu auftretende WSL bei Entbrackettierung (T1) auf einer nicht beklebten labialen Zahnoberfläche
  • Energydrinkkonsum ≥ 2 Dosen pro Tag laut Angaben des Patienten oder der Eltern

Als Ausschlusskriterium wurde lediglich eine Aplasie von Schneide- oder Eckzähnen definiert.

Von allen Patienten, die die Einschlusskriterien erfüllten, wurden die labialen und lingualen Oberflächen aller Schneide- und Eckzähne vor (T0) und nach (T1) der kieferorthopädischen Behandlung anhand di­gitaler intraoraler Fotos beurteilt. Insgesamt wurden 456 labiale und 456 linguale Befunde mit binärer Zuordnung (ja/nein) für WSL pro Zahnoberfläche erfasst (Abb. 2).

Statistische Analyse

Alle Daten wurden deskriptiv für jede Lokalisation (lingual, labial) zusammengefasst und als Mittelwert ± Standardabweichung sowie als Me­dianwerte, Minimum und Maximum dargestellt. Die WSL-Rate pro Pa­tienten und Lokalisation wurde als Anzahl der WSL dividiert durch die maximale Anzahl an Zahnflächen (12) angegeben. Der Unterschied in der WSL-Rate zwischen lingual und labial wurde mittels gepaartem t-Test bei einem Signifikanzniveau von α = 0,05 analysiert. Ein p-Wert von p < 0,05 wurde als statistisch signifikant betrachtet. Aufgrund des explorativen Charakters der Studie wurde keine Alphakorrektur vorgenommen.

Ein möglicher Zusammenhang zwischen den kategorialen Werten la­biale und linguale WSL wurde mit Kontingenztafeln überprüft. Alle statistischen Analysen wurden mit der Statistiksoftware SAS v 9.4 (SAS Institute, Cary, NC, USA) durchgeführt.

Ergebnisse

Insgesamt wurden 38 Patienten (11 weiblich, 27 männlich) mit einem Durchschnittsalter von 15,2 ± 1,4 Jahren eingeschlossen.

Vor Behandlungsbeginn (T0) wiesen 70 von 456 analysierten labialen Zahnoberflächen (15,4 %) und fünf von 456 lingualen Zahnoberflächen (1,1 %) WSL auf. Zum Zeitpunkt der Entbänderung (T1) zeigten 243 la­biale Oberflächen (51,4 %) und 45 linguale Oberflächen (9,9 %) WSL. Dies entspricht einem Anstieg von 36,0 Prozent (labial) bzw. 8,8 Prozent (lingual) mit signifikant mehr Entkalkungen an labialen Zahnoberflächen (p < 0,001). Im Durchschnitt waren 1,05 (±1,87) Zähne (8,8 %) auf der lingualen Oberfläche und 4,32 (±2,21) Zähne (36,0 %) auf der labialen Oberfläche von WSL betroffen. Dieser Unterschied in der WSL-Rate war statistisch signifikant (p < 0,001; Tab. 1).

Obwohl alle Patienten einen ähnlich hohen Konsum von Energydrinks angaben, unterschied sich die Verteilung der WSL erheblich. Während einige Patienten nur ein oder zwei labiale WSL aufwiesen, waren bei einer Person elf labiale und sieben linguale Zahnoberflächen betroffen (Abb. 3).

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„Nach der Aufnahme sinkt der Speichel-pH innerhalb kurzer Zeit ab; wiederholte Expositionen schaffen damit ein ideales Milieu für initiale Demineralisationen des Zahnschmelzes.“

Die Autoren schlussfolgerten, dass die vierfach höhere Inzidenz von labialen WSL während einer Lingualbehandlung mit VILA im Vergleich zu lingualen WSL es ratsam erscheinen lässt, Patienten, die vermehrt Soft- und Energydrinks zu sich nehmen, bevorzugt mit lingualen Multibracketapparaturen zu behandeln (oder sie zumindest hinreichend über diese Möglichkeit aufzuklären), um das Risiko für die Entwicklung von WSL zu minimieren. Die Beobachtungen der oben genannten Untersuchung werden durch weitere Autorengruppen gestützt, die bei lingualen Apparaturen insgesamt eine geringere WSL-Inzidenz beschreiben.24,27–29 Daraus ergibt sich nicht nur ein möglicher klinischer Vorteil hinsichtlich der Läsionshäufigkeit, sondern auch ein potenzieller ökonomischer Nutzen durch niedrigere Folgekosten.25–27 Hinzu kommt, dass WSL auf lingualen Flächen ästhetisch meist weniger relevant sind als auf labialen Oberflächen, sodass der klinische Schaden dort in vielen Fällen geringer ins Gewicht fällt.

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„Für linguale Apparaturen werden dagegen geringere WSL-Raten angegeben, vermutlich aufgrund der erhöhten Speichelumspülung und der Selbstreinigung durch die Zunge.“

Aligner-Therapie

Aligner werden häufig als vorteilhaft angesehen, weil sie zum Essen und Trinken entfernt werden können. Dieser potenzielle Schutz ist jedoch stark von der Compliance abhängig. Werden die Schienen beim Konsum von Energydrinks getragen, bleiben Zahnoberflächen über längere Zeit Säure und Zucker ausgesetzt, was das Risiko für Demineralisationen erhöht.

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„Risikopatienten und ihre Eltern sollten früh, klar und verständlich über die Zusammenhänge zwischen Energydrinks, Demineralisation und apparaturbedingtem Risiko informiert werden.“

Entscheidend ist deshalb eine konsequente Patientenaufklärung: Aligner sollten beim Konsum säurehaltiger Getränke nicht nur kurz, sondern ausreichend lange entfernt bleiben, damit der Zahnschmelz remineralisieren kann. Fallberichte und klinische Beobachtungen zeigen, wie schnell bei unzureichender In­struktion relevante Schäden entstehen können.31–34 Hinzu kommt, dass Aligner nicht für jede Fehlstellung die gleichwertige Alternative zur Multibracketbehandlung darstellen (Abb. 4).35,36

Klinische Konsequenzen

Die aktuellen Daten sprechen dafür, bei bekanntem regelmäßigem Energydrinkkonsum die Patienten und deren Eltern bereits vor Behandlungsbeginn über die Risiken aufzuklären und eine Umstellung der Trinkgewohnheiten anzustreben. Gerade bei Jugendlichen mit hohem WSL-Risiko sollte die Indikation für eine linguale Apparatur bevorzugt erwogen werden, da Studien zeigen, dass die lingualen Zahnoberflächen offensichtlich robuster sind. Für die tägliche Praxis bedeutet das: Risiko­patienten und ihre Eltern sollten früh, klar und verständlich über die Zusammenhänge zwischen Energydrinks, Demineralisation und apparaturbedingtem Risiko informiert werden. Mundhygiene und Fluoridierung bleiben wichtig37, reichen bei hohem Energydrinkkonsum aber häufig nicht aus, um das Risiko vollständig zu kontrollieren.

Literatur

KN Kieferorthopädie Nachrichten 05/26

KN Kieferorthopädie Nachrichten


Dieser Beitrag ist in der KN Kieferorthopädie Nachrichten erschienen.

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