Anzeige
Parodontologie 18.01.2017

Haben wir die Parodontitis im Griff?

Haben wir die Parodontitis im Griff?

Eine Betrachtung der Ergebnisse der Fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V). 
Von Prof. Dr. Thomas Hoffmann.

Zu den Mundgesundheitszielen 2020 für Deutschland zählt u.a., die Prävalenz schwerer parodontaler Erkrankungen auf 10 % in der Population jüngerer Erwachsener (35 bis 44 Jahre) und 20 % in der jüngerer Senioren (65 bis 74 Jahre) zu begrenzen.1 Ein Ziel der bevölkerungsrepräsentativen, sozialepidemiologischen Querschnittsstudie (Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie [DMS V]) war es, die derzeitige Verbreitung von Parodontalerkrankungen in Deutschland zu bestimmen und mit den Prävalenzen der DMS IV zu vergleichen. Diese Ergebnisse gestatten es, die Realisierung der Mundgesundheitsziele zu evaluieren.

Vorgehen

Untersuchungen und Befragungen der Studienteilnehmer erfolgten in 90 zufällig ausgewählten Untersuchungsgemeinden (sample points), bevölkerungsrepräsentativ und durch kalibrierte Untersuchungszahnärzte.Von den vier untersuchten Altersgruppen, 12 Jahre, 35 bis 44 Jahre, 65 bis 74 Jahre und 75 bis 100 Jahre, ebenfalls über zufällige Stichprobenziehung ausgewählt, gingen die letzten drei in die Parodontitis-Befundung ein. Um im Idealfall 1.000 Studienteilnehmer pro Altersgruppe zu erzielen, wurden jeweils 2.000 jüngere Erwachsene und jüngere Senioren sowie 3.000 ältere Senioren über die Einwohnermeldeämter identifiziert. Die Erfassung der Untersuchungsparameter Sondierungstiefen, Rezessionen und Blutung auf Sondierung erfolgte in der Mehrheit jeweils an zwölf Indexzähnen (partial mouth recording) an den mediovestibulären, mesiovestibulären und distooralen Messpunkten. Bei einem Subsample (8 % der jüngeren Erwachsenen, 12 % der jüngeren Senioren) sowie bei allen älteren Senioren wurden sechs Messpunkte jeden Zahnes (full mouth recording) erfasst.Das Erhebungskonzept und somit die Ergebnisdarstellung basierten einerseits auf aktuellen Literaturempfehlungen2, 3 (Tab. 1),
entsprachen andererseits dem Anliegen der Vergleichbarkeit mit vorausgegangenen DMS 
auf der Basis des Community Periodontal Index (CPI).

Ergebnisse

Deskriptiv
Jüngere Erwachsene (35- bis 44- Jährige), partial mouth recording (Tab. 2):

  • im Mittel 26,1 eigene Zähne 
  • ca. 45 % (48,4 % [CDC/AAP]; 41,3 % [CPI]) keine oder milde Parodontitis 
  • ca. 45 % (43,4 % [CDC/AAP]; 48,3 % [CPI]) moderate Parodontitis 
  • ca. 10 % (8,2 % [CDC/AAP]; 10,4 % [CPI]) schwere Parodontitis 
  • mittlere Sondierungstiefe 2,4 mm 
  • mittleres Attachmentlevel 2,6 mm 

Jüngere Senioren (65- bis 74-Jährige), partial mouth recording (Tab. 3):

  • im Mittel 19,3 eigene Zähne 
  • ca. 30 % (35,3 % [CDC/AAP]; 24,6 % [CPI]) keine oder milde Parodontitis 
  • ca. 48 % (44,8 % [CDC/AAP]; 50,8 % [CPI]) moderate Parodontitis 
  • ca. 22 % (19,8 % [CDC/AAP] bis 24,6 % [CPI]) schwere Parodontitis 
  • mittlere Sondierungstiefe 2,8 mm 
  • mittleres Attachmentlevel 3,8 mm 

Ältere Senioren (75- bis 100-Jährige), full mouth recording (Tab. 4):

  • ca. ein Drittel zahnlos 
  • im Mittel 15,2 eigene Zähne 
  • ca. 15 % (10,0 % [CDC/AAP]; 19,4 % [CPI]) keine oder milde Parodontitis 
  • ca. 48 % (45,7 % [CDC/AAP]; 50,5 % [CPI]) moderate Parodontitis 
  • ca. 37 % (44,3 % [CDC/AAP]; 30,1 % [CPI]) schwere Parodontitis 
  • mittlere Sondierungstiefe 2,8 mm 
  • mittleres Attachmentlevel 4,0 mm 

Die Analysen zeigen Folgendes:

  • Halbierung bzw. Reduzierung der Prävalenz schwerer Parodontitiden (partial mouth recording) im Vergleich zur DMS IV 
  • kaum Veränderungen in der Prävalenz moderater Parodontitis in den Altersgruppen im Vergleich zur DMS IV (partial mouth recording)
  • neue Bundesländer liegen im Vergleich zur DMS IV mit Ausnahme der Prävalenz schwerer Parodontitiden bei den 65- bis 74-Jährigen unter der Parodontitisprävalenz der alten Bundesländer (Tab. 2–4)
  • partial mouth recording führt zu Unterestimierung der Prävalenzen (Tab. 5) 

Auf die Gesamtpopulation umgerechnetes full mouth recording lässt folgende Parodontitisprävalenzen erkennen (4):

  • jüngere Erwachsene 67,7 % (14,3 % schwere Parodontitis) 
  • jüngere Senioren ca. 94,8 % (40,6 % schwere Parodontitis) 
  • ältere Senioren 90 % (44,3 % schwere Parodontitis) (Tab. 5) 
  • mit diesen noch hohen Parodontitisprävalenzen liegt Deutschland im internationalen Vergleich im (schlechteren) Mittelfeld

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse der DMS V lassen vor dem Hintergrund der bereits eingesetzten demografischen Veränderungen folgende Schlussfolgerungen ableiten:

  • die Deutschen Mundgesundheitsstudien sind keine Longitudinal-, sondern Querschnittsstudien
  • insofern sind alle Vergleiche mit dem nötigen Augenmaß (Kohorteneffekt etc.) vorzunehmen
  • trotz der positiven Veränderungen ist die Parodontitisprävalenz in Deutschland hoch (wir sind unterwegs, haben die Parodontitis jedoch noch nicht im Griff), sind bei Betrachtung der full-mouth-Hochrechnungen die Mundgesundheitsziele 2020 noch nicht erfüllt 
  • der parodontale Behandlungsbedarf wird weiterhin zunehmen (bei einer Reduktion restaurativer Therapie)
  • dieser Trend wurde von der Standespolitik erkannt
  • diesem Trend ist in der Ausgestaltung der Hochschulstandorte und des Curriculums entsprechend Rechnung zu tragen.

Die vollständige Literaturliste gibt es hier.

Der Artikel erschien erstmalig in PN Parodontologie Nachrichten, Ausgabe 6/2016.

Foto: © Christoph Hähnel – fotolia.com
Mehr Fachartikel aus Parodontologie

ePaper

Anzeige