Prophylaxe 08.05.2025
Diagnostik von Mundgeruch und die Zungenreinigung in der modernen Prophylaxe
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Entstehung von Mundgeruch auf der Zunge
Der Biofilm auf der Zunge ist die häufigste intraorale Ursache für Mundgeruch, da sich dort die meisten Bakterien befinden (60–80 Prozent). Patient/-innen mit Mundgeruch und Zungenbelag haben eine 25-fach höhere Bakteriendichte auf der Zunge. Warum? Die raue Oberfläche der Zunge (verschiedene Papillenarten) ist ein Eldorado für Bakterien. Besonders der dorsale Bereich der Zunge reinigt sich selbst sehr schlecht, die Papillen (Wallpapillen) sind an dieser Stelle sehr tief und so können sich die Bakterien dort gut vermehren. Die Biofilmentstehung auf der Zunge wird durch reduzierten Speichelfluss, falsche Ernährung (tierisches Eiweiß), Rauchen, Stress, Mundatmung und zu geringe Flüssigkeitszufuhr begünstigt. Ebenfalls können Medikamente das orale Zungenmikrobiom negativ beeinflussen, und die Auswirkungen sind durch einen Zungenbelag sichtbar (siehe Abb. 2c – Patientin nahm Antidepressiva ein). Der Biofilm auf der Zunge besteht meistens aus Blut- und Speichelbestandteilen, Nahrungsresten, abgestoßenen Epithelzellen sowie Bakterien und kann sich bei verminderter Kautätigkeit vermehren, da kein natürlicher Abrieb stattfindet (siehe ebenfalls Abb. 2c).
Neben dem Zungenbelag können eine Gingivitis oder Parodontitis ebenfalls orale Verursacher von Mundgeruch sein. Dabei spielen die Interdentalräume und Pseudotaschen als Schlupfwinkel für die mundgeruchverursachenden Bakterien eine wichtige Rolle. Die Primärtherapie ist eine erfolgreiche Behandlung der Gingivitis und Parodontitis mit begleitender Zungenreinigung nach den geltenden S3-Leitlinien. In der Nachsorge sollten Patient/-innen mit Mundgeruch, neben der empfohlenen Zungenreinigung, auch auf eine tägliche Reinigung dieser Nischen mit Interdentalraumbürstchen achten.
Möglichkeiten der Diagnostik von Zungenbelag
Den eigenen Mundgeruch zu riechen, ist fast unmöglich, da die Nase die unangenehmen Hintergrundgerüche aus dem Mundraum filtriert und somit den eigenen Atem ignoriert. In der Praxis ist das sicherste Diagnoseinstrument immer noch die Nase des Behandlers (organoleptische Untersuchung), da die Nase bis zu 10.000 unterschiedliche Geruchsnuancen wahrnehmen kann. Es braucht jedoch ein wenig Übung, um die Ursachen für den Mundgeruch feststellen zu können. Dabei empfiehlt es sich, die Bewertung der Atemluft durch einen Index von vier Stufen (Uni Bern, Abb. 1) durchzuführen. Darüber hinaus kann mit einem Wattestäbchen ein Abstrich der Zunge genommen werden, um daran zu riechen. Um die Intensität des Geruchs des Zungenbelags festzuhalten, kann die Beurteilung mittels der Geruchsskala nach Rosenberg mit Schweregrad 1 bis 5 vorgenommen werden (Tab. 1). Damit hat man auch vergleichbare Werte für die nächste Überprüfung.
Ebenfalls empfiehlt es sich, die Zunge optisch genauer zu betrachten und bei Bedarf eine Fotodokumentation durchzuführen. Die genaue Zungendiagnostik erleichtert die Therapieauswahl, außerdem kann der Erfolg mit den Patient/-innen überprüft werden. Die klassischen Zungenveränderungen wie die Haarzunge (Lingua negra), Landkartenzunge (Lingua geographica) oder die Faltzunge (Lingua plicata) sind ja bekannt. Aber wie schaut der Zungenbelag meiner Patient/-innen in der täglichen Praxis aus? Dünn oder dick, gelblich, weißlich oder doch dunkel? Was sind die Ursachen für die verschiedenen Belagarten (Abb. 2a–d)? Dazu sollten die Gewohnheiten der Patient/-innen etwas näher analysiert werden:
- Raucht der Patient (Abb. 2a)?
- Isst er eher spät abends?
- Hat er gefastet (Abb. 2b)?
- Nimmt er Medikamente wie zum Beispiel Antidepressiva ein (Abb. 2c)?
- Ist er chronisch krank oder älter und nimmt eine Vielzahl von Medikamenten ein (Abb. 2d)?

Die professionelle und häusliche Zungenreinigung
Nachdem andere mögliche intraorale Ursachen wie Gingivitis und Parodontitis für den vorhandenen Mundgeruch ausgeschlossen wurden, sollte nach erfolgter Diagnostik des Zungenbelags eine gezielte Zungentherapie eingeleitet werden. Hier möchte ich auf das Buch von Prof. Dr. Andreas Filippi Die Zunge – Atlas und Nachschlagewerk für Zahnärzte1 hinweisen, das als Leitfaden für dieses komplexe Thema sehr hilfreich sein kann.
Bei vorhandenem Zungenbelag, mit oder ohne Mundgeruch, kann die professionelle Zungenreinigung in der Praxis auf verschiedene Arten durchgeführt werden. Beim Patienten (Abb. 3a+3b) wurde während einer Prophylaxesitzung, nach erfolgter Diagnose und Aufklärung bezüglich des Zungenbelags, eine professionelle Zungenreinigung durchgeführt.
Bei stärkerem Zungenbelag ist eine häusliche Zungendesinfektion mit einem geeigneten Zungenreiniger und einem 1% Chlorhexidingel empfehlenswert. Ebenfalls können bestimmte Wirkstoffe, wie zum Beispiel Zinkverbindungen,2 die geruchsbestimmenden flüchtigen Schwefelverbindungen besser neutralisieren.
In zahlreichen Studien konnte gezeigt werden, dass durch eine professionell durchgeführte Zungenreinigung in der Praxis (Abb. 4a+b) die mundgeruchverursachenden Gase (Volatile Sulfur Compounds) reduziert werden konnten.3
Regelmäßige unterstützende Maßnahmen wie das bekannte Ölziehen (fünf- bis zehnminütige Mundspülung am Morgen mit kaltgepresstem Öl) verhelfen zu einem angenehmen Mundmikrobiom und verhindern unangenehme Folgeerscheinungen wie Zungenbelag, der auch unangenehm riechen kann.
Auch neue antibakterielle photodynamische Therapieansätze zeigen gute Ergebnisse in der Bekämpfung von Biofilm mit unangenehmen Folgen wie Mundgeruch, selbst im dorsalen Bereich der Zunge. Bei der Auswahl des Zungenreinigers für die Patienten in der häuslichen Anwendung sollten spezielle Zungenreiniger mit Lamellen oder Borsten empfohlen werden (Abb. 5). Reine Zungenschaber haben nicht den gewünschten Effekt, wenn die Furchen zu tief sind, da die anaeroben Mikroorganismen des Zungenepithels nicht erreicht werden. Bei längeren Fadenpapillen kann jedoch ein reiner Zungenschaber seine Vorteile haben. Daher sollte die aufklärende Prophylaxeassistentin/Dentalhygienikerin das nötige Wissen zu diesem Thema haben.
Fazit
Die Literaturliste können Sie sich hier herunterladen.
Dieser Fachbeitrag ist im PJ Prophylaxe Journal erschienen.