Branchenmeldungen 07.12.2020

Als ZFA bei der Bundeswehr: Voller Einsatz für die Truppe

Als ZFA bei der Bundeswehr: Voller Einsatz für die Truppe

Männerdomäne Bundeswehr trifft auf Frauenmehrheit in der Zahnärztlichen Assistenz: Alles nur Klischee? Die 24-jährige Charlotta Poppen dient als Obermaat in der Kai-Uwe-von-Hassel-Kaserne im schleswig-holsteinischen Kropp – mit Begeisterung für den Beruf der ZFA. Wie sich ihr Arbeitsalltag in Marineuniform von dem ziviler Zahnarztpraxen unterscheidet, erklärt sie im Interview.

Du hast dich direkt nach deinem Schulabschluss 2014 für eine Bundeswehrlaufbahn entschieden. Wieso?

Die Bundeswehr hat in meiner Kindheit und Jugend keinerlei Rolle gespielt. Als es dann in die berufliche Findungsphase ging, wurde mir durch einen Familienangehörigen die Bundeswehr als Arbeitgeber schmackhaft gemacht. Die Aussicht auf klare Strukturen, neue Herausforderungen – weit weg von zu Hause – gute Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie schnelle finanzielle Unabhängigkeit hat mich letztendlich überzeugt.

Über die Verpflichtungsdauer habe ich mir keine großen Gedanken gemacht. Mein Urvertrauen hat mir gesagt, es wird sich alles fügen. Genau so ist es auch gekommen. Mittlerweile bin ich SaZ 15 (Soldat auf Zeit für 15 Jahre) und bereue meine Entscheidung nicht.

Wie verlief deine Grundausbildung bei der Bundeswehr?

Ich bin sehr behütet aufgewachsen, habe eine Privatschule mit einer sehr familiären Klassengemeinschaft besucht – keiner hat sich mich in Uniform vorstellen können. Tatsächlich waren die ersten Wochen eine große Umstellung für mich, ich würde es sogar als Kulturschock bezeichnen. Anstatt mit meinen Mitschülern den Schulabschluss zu feiern, habe ich mich mit meinen Kameraden über den Standortübungsplatz gekämpft. Für mich war die Grundausbildung eine prägende Zeit, an die ich mich gerne erinnere. In den ersten Wochen wurden uns die grundlegenden Fähigkeiten eines Soldaten beigebracht. Dazu gehörte: Uniform nach Vorschrift tragen, marschieren, antreten, die Dienstgrade kennen und einordnen können, einem Vorgesetzten melden und vieles mehr. Ich gebe zu, an den rauen Ton konnte ich mich anfangs nur schwer gewöhnen. Aber durch den von den Ausbildern ausgeübten Druck bin ich zum ersten Mal in meinem Leben an meine körperliche Leistungsgrenze gegangen. Hier gab und gibt es keine Ausreden, kein Vielleicht und erst recht keine Widerworte!

In den drei Monaten wurden folgende Ausbildungen erteilt: Formaldienst, Unterricht über die Rechte und Pflichten des Soldaten, allgemeine Truppenkunde/innere Führung, Ausbildung zum Wach-Sicherungssoldaten sowieso zur Selbst- und Kameradenhilfe, Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit, Ausbildung an den Handwaffen Gewehr (G36) und Pistole (P8).

Im Biwak wurden all diese Dinge abverlangt und geprüft. Biwak kann man sich in etwa vorstellen wie Campen in der Natur – nur anstrengender und mit weniger Freizeit. In dieser – für uns Frischlinge – Ausnahmesituation wurde Kameradschaft besonders gelebt. Spätestens bei dem 20 Kilometer Orientierungsmarsch kamen einige an ihre Grenze. Durch motivierende Worte haben wir auch den mit nur wenig Schwund gemeistert.

Etwa im letzten Drittel der dreimonatigen Ausbildung stand das feierliche Gelöbnis bevor. Familie und Freunde meiner Kameraden und mir reisten an und verfolgten, wie wir – sichtlich stolz – angetreten waren, um unseren Schwur zu leisten. Wir Zeitsoldaten schworen (die freiwillig Wehrdienstleistenden gelobten), der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.

Zum Ende der Grundausbildung war ich nicht nur zehn Kilogramm leichter und körperlich um einiges fitter, sondern auch bis heute immer pünktlich, ordentlich und diszipliniert. (lacht)

Wie bist du dann bei der Zahnmedizin gelandet?

Nach der Grundausbildung wurde ich in meine Stammeinheit versetzt. Diese schickte mich auf einige Lehrgänge, um mich für meine geplante Verwendung an Bord vorzubereiten. Unter anderem wurde ich dabei zur Einsatzsanitäterin und Taucherarztgehilfin ausgebildet. Einfluss darauf wo, wann und welche Lehrgänge ich besuchte, hatte ich nicht. In einer lehrgangsfreien Zeit konnte ich in den Bereich Zahnmedizin schnuppern. Die Leiterin – eine Zahnärztin – und die Dentalhygienikerin haben jeden Tag so viel Leidenschaft für ihren Beruf gezeigt, dass ich von ihnen regelrecht angesteckt wurde. Ohne viel Hoffnung auf eine positive Rückmeldung, stellte ich ein Gesuch für einen Verwendungswechsel mit ZAW (Zivile Aus- und Weiterbildungsmaßnahme) zur ZFA. Obwohl ich kurz vorher erst meine Ausbildung zur Schiffarztgehilfin abgeschlossen hatte, wurde dem Gesuch zu meiner großen Freude zugestimmt. Ich glaube, es gibt wenige Berufsfelder, die so viele Komponenten zusammenbringen wie die Zahnmedizin. Mir gefällt die handwerkliche Arbeit, kreativ sein zu können, der Umgang mit den Patienten und die enge Zusammenarbeit im Team. Außerdem finde ich Zähne einfach toll! Ich weiß noch nicht, wo es mich beruflich hinführt, aber zurzeit kann ich mir keinen anderen Bereich vorstellen.

Was sind derzeit deine Aufgaben?

Ich trage die Marineuniform, bin aber kein Marinesoldat, sondern gehöre zum zentralen Sanitätsdienst. Zurzeit bin ich in der Anmeldung der Zahnarztgruppe eingesetzt. Meine Aufgaben sind neben der Terminvergabe auch Anträge schreiben, Rücksprache mit zivilen Praxen halten sowie Meldungen verfassen und an unsere vorgesetzte Dienststelle leiten. Ich muss zugeben, ich vermisse die Arbeit im Zimmer und freue mich über jede Gelegenheit, dort einzuspringen.

Wie sieht der Arbeitsalltag auf dem Stützpunkt aus?

Wir behandeln nur Soldaten, unsere Patienten sind also hauptsächlich jung und gesund. Wir haben dementsprechend keinerlei Berührungspunkte zur Kinderzahnmedizin. Auch die Herstellung eines herausnehmbaren Zahnersatzes zur definitiven Versorgung habe ich in einer Behandlungseinrichtung der Bundeswehr bisher nicht begleiten können.

Wie kann man sich als Laie die Arbeit in militärischen Strukturen und die dazugehörigen Umgangsformen vorstellen?

Die Hierarchie ist durch die Dienstgrade klar geregelt. Die Personen werden (wenn nicht anders besprochen) mit ihrem Dienstgrad angesprochen, etwa „Frau Flottillenarzt“ oder „Herr Oberfeldwebel“. Wenn es Probleme gibt, muss der Meldeweg eingehalten werden. Es ist nicht gern gesehen, wenn die Teileinheitsführer übergangen werden. Man kann sich das vorstellen wie eine Pyramide, es wird hochgemeldet. Bei uns steht die Behandlung der Patienten im Vordergrund, sodass militärische Gepflogenheiten häufig hintenanstehen. In meinen vorherigen Einheiten gab es jeden Morgen ein Antreten, an dem die Vollzähligkeit festgestellt und wesentliche Punkte angesagt wurden.

Berichte uns doch von einer kleinen Anekdote aus deinem Arbeitsalltag!

Ich persönlich finde es immer wieder amüsant, wie unterschiedlich die Sprachkulturen sind. Auf Lehrgängen kommen Teilnehmer aus ganz Deutschland zusammen. Ich schlickere (aus dem Plattdeutschen = Süßes essen) zum Beispiel unheimlich gerne – in München habe ich für diese Aussage einige verwirrte Blicke geerntet.

Und wie sich sicherlich einige vorstellen können, kann ich mit meinem Nachnamen immer wieder für Gelächter sorgen – dazu muss ich gar nicht viel tun! In der Regel wird beispielsweise auf Lehrgängen jeden Morgen eine Vollzähligkeit gemacht und die Lehrgangsteilnehmer werden ohne Anrede und Dienstgrad alphabetisch geordnet mit dem Nachnamen aufgerufen. Einmal kam komischerweise der Buchstabe S plötzlich direkt vor dem P, so dass der Aufruf lautete: „… Schneller – Poppen …“. (lacht)

Inwieweit unterscheidet sich dein Dienst von dem in einer normalen Zahnarztpraxis?

Um in die Kaserne zu kommen, muss ich immer meinen Truppenausweis vorzeigen, der zum Aufenthalt innerhalb der Liegenschaft berechtigt. Das ist schon einmal ein großer Unterschied zur Arbeit in einer zivilen Praxis. Ich trage den ganzen Tag Uniform und muss meine soldatischen Pflichten erfüllen. Mindestens einmal im Jahr haben wir IGF-Leistungen (individuelle Grundfertigkeiten) abzulegen. Das beinhaltet Schießen, Marschieren, ABC-Abwehr, Kleiderschwimmen, Basisfitnesstest sowie die Sanitätsausbildung. All das muss irgendwie in den Alltag eingebaut werden.

Ein weiterer großer Unterschied: Die Soldaten werden im Rahmen der unentgeltlichen truppenzahnärztlichen Versorgung betreut. Wir haben keine Quartalsabrechnung, sondern melden monatlich der vorgesetzten Dienststelle unseren Behandlungsumfang. Neben Kontrollen finden bei uns auch zahnmedizinische Begutachtungen statt. Dabei entscheidet die Zahnärztin über die Verwendungsfähigkeit des Soldaten. Wenn also spontan einige Soldaten in den Auslandseinsatz verlegt werden sollen, kann es schon mal vorkommen, dass wir den ganzen Vormittag mit Begutachtungen beschäftigt sind. Außerdem dürfen die Patienten ihren Arzt nicht frei auswählen. Sie sind – salopp gesagt – dazu gezwungen, uns aufzusuchen. Darum ist es mir und auch all meinen Kollegen/Kameraden und den Zahnärzten ein großes Anliegen, dass sich die Patienten bei uns wohl fühlen und unserer Kompetenz vertrauen. Da wir zwar wirtschaftlich, aber nicht gewinnorientiert arbeiten, können wir uns für die Patienten mehr Zeit nehmen als das vielleicht im Zivilen der Fall wäre.

Welche Vorteile siehst du in der Bundeswehr als Arbeitgeber?

Der Arbeitgeber Bundeswehr ist verlässlich. Ich weiß, dass ich die nächsten neun Jahre ein festes Einkommen habe, mit dem ich jeden Monat pünktlich rechnen kann. Die Arbeitszeiten sind ebenso wie die Fortbildungsmöglichkeiten gut. Wir haben Gleitzeit, meine Wochenarbeitszeit beträgt 41 Stunden. Da ich aber meist schon um 06:00 meinen Dienst beginne (in Ruhe lässt sich Liegengebliebenes vom Vortag schneller und effizienter aufarbeiten) und ihn um 16:15 beende, sammle ich auf Dauer einige Überstunden. Durch die Arbeitszeitverordnung und unser Zeiterfassungsprogramm wird all das genau festgehalten. Die gesammelten Überstunden gleiche ich gern dann aus, wenn meine Zahnärztin nicht vor Ort ist. An einem Freitag ist der Dienst bis 13:00 angesetzt. Wenn ich in die Heimat fahren möchte, bespreche ich das häufig schon frühzeitig. Meistens kann ich mich dann schon um 11:30 auf die „Piste“ nach Sande bei Wilhelmshaven begeben.

Während meiner Ausbildung habe ich ein sechsmonatiges Praktikum in einer zivilen Zahnarztpraxis gemacht. Dadurch weiß ich jetzt besonders zu schätzen, meinen Urlaub frei einteilen zu können. Außerdem habe ich die Möglichkeit (je nach Patientenaufkommen), ein- bis zweimal die Woche Dienstsport zu betreiben, also während der Arbeit Sport zu machen. Im Soldatengesetz §17 ist die Pflicht zur Gesunderhaltung geregelt. Natürlich kann es zu einer Erkrankung kommen, doch auch für diesen Fall fühle ich mich sehr gut aufgehoben und versorgt. Gerade bei längeren Erkrankungen kommen nicht auch noch finanzielle Sorgen auf mich zu, da mein Gehalt weitergezahlt wird.

Apropos Gehalt: Wie ist es darum bestellt?

Ich muss ehrlich zugeben, zivil würde ich den Beruf aus finanziellen Gründen nicht ausüben. In meinem Freundeskreis gibt es einige ZFAs, die nur unbedeutend mehr als den Mindestlohn erhalten – ich sage bewusst nicht verdienen! Meine Besoldung wird im Bundesbesoldungsgesetz festgelegt. Das Grundgehalt richtet sich nach meinem Dienstgrad, hinzu kommt noch die Erfahrungsstufe.

Welche Nachteile bringt der Dienst mit sich?

Ein Nachteil ist auf jeden Fall, die deutschlandweite Versetzungsmöglichkeit, wobei ich mich glücklich schätze, im Norden bleiben zu können. Nur die Luftlinie betrachtet, ist es nicht einmal weit bis in meine friesische Heimat. Seit 2014 war ich nur während meiner Urlaube und dem sechsmonatigen Praktikum sowie der Wochenenden zu Hause. Gerade Beziehungen leiden darunter sehr. Besonders schlimm ist es, wenn es einer nahestehenden Person schlecht geht. Ich hatte einmal solch einen Fall. Ich durfte sofort losfahren, doch ich kam trotzdem zu spät, um mich zu verabschieden.

Was sind deine nächsten Ziele?

Welche Aufstiegsmöglichkeiten ich in Zukunft wahrnehme, weiß ich noch nicht sicher. Das kommt ganz auf das Ergebnis meines Abiturs an. Auf jeden Fall möchte ich gern zu einem Lehrgang kommandiert werden, der mich auf einen Bordeinsatz als ZFA vorbereitet. Schon während der Eignungsfeststellung im Karrierecenter war mir klar, dass ich als Soldatin auch in einen Auslandseinsatz befohlen werden kann. Meine freiwillige Meldung wurde bisher nicht berücksichtigt, doch in den nächsten Jahren möchte ich an einem Einsatz teilnehmen – für mich gehört das einfach dazu.

Gleichzeitig ist es mir ganz wichtig, endlich richtig „anzukommen“. Die letzten Jahre war die Autobahn mein Zuhause, jetzt möchte ich Schleswig-Holstein dazu machen. Wenn alles so bleibt wie geplant, werde ich dort die nächsten Jahre bleiben. Noch lebe ich in der Kaserne, aber ich hoffe, in naher Zukunft ein neues Zuhause zu finden. Ansonsten wünsche ich mir, weiterhin jeden Morgen gerne zum Dienst zu gehen und mich beruflich weiterentwickeln zu können.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Dieser Beitrag ist in Zahnärztliche Assistenz erschienen.

Fotos Teaserbild: Falk Bärwald / Grafik: tabosan – stock.adobe.com

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