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Branchenmeldungen 02.03.2018

Das digitale Zeitalter in der Lingualtechnik hat begonnen!

Das digitale Zeitalter in der Lingualtechnik hat begonnen!

Zukunftsorientierte DGLO-Tagung konferierte am 12. und 13. Januar 2018 in Luxemburg.

„Mit einer müden Einstellung kann man kein lustiges Leben führen!“ Mit diesem Motto empfing die bezaubernde Köchin Léa Linster1 die Referenten und Kongressteilnehmer zur 12. Wissenschaftlichen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Linguale Orthodontie in ihrem Sternerestaurant in Luxemburg. Eingeladen hatten der  Tagungspräsident Dr. Germain Becker und der Erste Vorsitzende der DGLO, Dr. Andreas Bartelt, zu einem zweitägigen Kongress zum Thema „Lingual Luxembourg. Digital oder Manuell!“ Bereits am Freitagvormittag konnten sich die Kongressteilnehmer über einen Hands-on-Typodonten-Kurs bei dem aus Japan angereisten Referenten Dr. Toshiaki Hiro und dem Franzosen Dr. Guillaume Lecocq freuen. Dieser stellte eine einmalige Gelegenheit dar, in das von Dr. Hiro entwickelte, gleichnamige und in Deutschland wenig verbreitete linguale Behandlungssystem Einblicke zu gewinnen.

Parallel zu diesem Vorkongresskurs nahmen zahlreiche Zahnmedizinische Fachangestellte gemeinsam mit ihren Chefs an dem von Dr. Herluf Skovsgaard durchgeführten Assistenzkurs teil. In pfiffiger Manier zeigte der dänische Referent die von ihm propagierte effektive „Vierhandtechnik“ in der lingualen Behandlung, um auch auf lange Sicht Rückenleiden zu vermeiden.

Die erste Vortragsreihe der Tagung begann am Freitagmittag mit einer Dankesrede des Ersten Vorsitzenden der DGLO, Dr. Andreas Bartelt, und seinem Vortrag über das von ihm verwendete STb Straight-Wire-System sowie das für die Allgemeinheit noch nicht käuflich zu erwerbende, selbstligierende ALIAS Lingualbracket. Dabei wurde ein Fallbespiel anhand des neuen digitalen Workflows gezeigt.

Der derzeitige ESLO-Präsident, Dr. Guillaume Lecocq, lud zunächst alle Lingualbehandler zum nächsten europäischen Meeting nach Portugal ein und bezog sich dann auf die Überlagerung digitaler 3D-Röntgenaufnahmen und digitaler Intraoralscans. Er betrachtete die neuen digitalen Techniken als vorteilhaft und die fortschreitende Entwicklung als unaufhaltsam, aber gleichzeitig auch als Herausforderung für die Praxis.

Dr. Toshiaki Hiro hingegen hält in seiner Praxis bisher am manuellen Set-up fest, obwohl er einen Wechsel zum digitalen Set-up durchaus kommen sieht. Der anschließend aus Belgien angereiste Referent Dr. Bart Vande Vannet wiederholte ermahnende Grundsätze der Kieferorthopädie wie „Keep it simple“ und „Begin with the end in mind“, um zu verdeutlichen, dass letztendlich der Kieferorthopäde der Verantwortliche für seine Behandlungsergebnisse in der Lingualtechnik sei.

Beeindruckende Bilder und das richtige Timing in der Mund-,Kiefer-, Gesichtschirurgie zum Erreichen einer maximalen fazialen Harmonie zeigte der spanische Chirurg Professor Dr. Federico Hernandez Alfaro in seinem Vortrag auf. Im Anschluss daran ging der Past-Präsident der DGLO, Dr. Esfandiar Modjahedpour, auf wichtige Kriterien bei der Lingualbehandlung in Bezug auf die Ästhetik der „Social Six“ ein. Im Duo zeigten zu Beginn der zweiten Vortragssession am Freitagnachmittag Dr. Franziska Meschke und Dr. Till Merkle, dass selbst CMD-Patienten, die parallel zur lingualen Behandlung eine Kiefergelenkschiene tragen müssen, problemlos funktionell und ästhetisch rehabilitiert werden können.

Immer wieder beeindruckend sind die überzeugenden Behandlungsergebnisse des in „der Provinz“ niedergelassenen Deggendorfer Kollegen Dr. Jürgen Roming, der mit dem Incognito System (3M) auf einen vollständig digitalen labortechnischen Workflow vertraut, jedoch in seiner Praxis weiterhin mit Silikon abformen lässt. Er macht das Behandlungsergebnis nicht davon abhängig, ob der Anfangsbefund gescannt oder konventionell abgeformt wurde. Die naturwissenschaftlichen Hintergründe und technischen Möglichkeiten zum optimalen Design der vollständig individualisierten lingualen Incognito-Apparatur erläuterte Dr. Ralf Paehl in anspruchsvoller Weise aus Sicht eines Ingenieurs.

Die  Vortragsreihe wurde am Freitagnachmittag durch den Beitrag des französischen Lingualspezialisten Dr. Didier Fillion abgeschlossen. Mit dem von ihm entwickelten Lingual Liberty System zeigte dieser, wie er das digitale Set-up zum Vorteil seiner Patientenbehandlungen nutzt. Die Mitgliederversammlung und der anschließende, gut besuchte Round-Table-Abend in der Brasserie Schumann ließen den ersten Kongresstag in aller Zufriedenheit ausklingen.

Am Samstagvormittag begann Dr. Stefan Kneer mit seinem Vortrag über die Behandlung tertiärer Engstände mit der von ihm verwendeten 2D-Lingualapparatur. Wichtig für ihn schien die Tatsache zu sein, dass scheinbar einfache Behandlungsfälle in ihrer Komplexität häufig unterschätzt würden und insbesondere kiefergelenkbezogene und parodontale Aspekte berücksichtigt werden müssten.

Eine große Ehre ist es jedes Jahr für die DGLO, die angesehene Professorin und Hochschullehrerin aus Münster, Prof. Dr. Ariane Hohoff, als Referentin begrüßen zu dürfen. Mit ihrem diesjährigen Beitrag ging sie unter wissenschaftlicher und klinischer Betrachtung auf die linguale Behandlung von Asymmetrien ein. Für die Korrektur funktioneller und skelettaler Asymmetrien sah sie keine Unterschiede zwischen lingualer und bukkaler MB-Apparatur. Bei der Korrektur dentaler Mittellinienverschiebungen empfahl sie bei der  Verwendung von vollständig individualisierten, lingualen Non-Straight-Wire-Bracketsystemen zusätzliche Verankerungsapparaturen einzusetzen, um eine blockweise Verschiebung der Zahnbogensegmente zu ermöglichen.

Das Tandem aus dem Chirurgen Dr. Dr. Axel Berens und dem Master of Science für linguale Kieferorthopädie Dr. Michael Sostmann präsentierte u. a. die Möglichkeiten der Behandlung erwachsener Klasse II-Patienten in der Kombination aus einer individualisierten, vollständig programmierten Lingualapparatur und dem Herbst-Scharnier zur Vermeidung einer Dysgnathieoperation, welche nur noch in Extremfällen erforderlich sei.

Dass  Vater und Sohn die linguale Orthodontie von damals bis heute durchlebt haben und beschreiben können, demonstrierten Dr. Klaus Gerkhardt und Tobias Gerkhardt mit ihrem Übersichtsbeitrag inklusive anschaulicher Fallbeispiele aus ihrer Praxis. Das Ehepaar Silke und Woo-Tum Bittner gab interessante Statistiken zur Kosten-Nutzen-Rechnung der Lingualbehandlung aus ihren zahlreichen Berliner Praxen preis und betonte dabei die Wichtigkeit der Mitarbeiterschulung.

Der Vergleich und die Vorteile der gängigsten, voll individualisierten lingualen Bracketapparaturen – Incognito und WIN – wurden in neutraler Weise von Dr. Peter Kohlhas und Dr. Claudia Obijou-Kohlhas aufgezeigt und verschafften einen guten Überblick über die Weiterentwicklung beider Systeme. Dr. Roberto Stradi beendete den Vormittagsblock mit einem Vortrag über die Incognito-Behandlungen in seiner Praxis.

In der Mittagspause hatten die Kongressteilnehmer Zeit, sich im Rahmen der Dentalausstellung über die neusten Materialien zu informieren und sich fachlich rege mit den Kollegen auszutauschen. Der in Niedersachsen ansässige Kieferorthopäde Dr. Bahram Masaelli eröffnete die Nachmittagssession mit einem Vortrag über die Lückenschlussmechaniken in der Lingualbehandlung. Um die Bowingeffekte bei der En-masse-Retraktion zu vermeiden, empfahl der Referent die Verwendung leichter horizontaler Kräfte, stärkerer Intrusionskräfte und einen höheren palatinalen Wurzeltorque im Oberkieferfrontzahnbereich. Die Französin Dr. Jessy Askar, welche Mitglied des Französischen Board of Orthodontics ist, präsentierte drei ihrer exzellenten Fälle, die sie mit vollständig individualisierten Lingualbracketsystemen behandelt hatte.

Den mit 500 Euro dotierten Preis für den besten Vortrag der diesjährigen Tagung erhielt bereits zum zweiten Mal Dr. Volker Breidenbach. In seinem Beitrag erläuterte er die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der Locatelli-Feder im Rahmen der effizienten Lingualbehandlung. Anhand von Fallbeispielen, die mit der vollständig individualisierten WIN-Apparatur behandelt wurden, zeigte er nicht nur die klassische Lückenöffnung und die Einordnung verlagerter Zähne, sondern auch die dentoalveoläre Kompensation der Angle Klassen II und III. Der Sohn des Tagungspräsidenten, Dr. Jean-Philippe Becker, berichtete mit seinem oralchirurgischen Kollegen Prof. Dr. Daniel Grubeanu über die interdisziplinäre Behandlung von CMD-Patienten. Dabei wurde die Myozentrik als ideale, therapeutische Gelenkposition angesehen.

Um die Einordnung verlagerter Eckzähne effektiv und möglichst unsichtbar für die Patienten zu gestalten, referierte Dr. Mirra Elgurt-Soibelmann über die Möglichkeit, zunächst schraubenfixierte Verankerungsapparaturen und danach linguale Brackets zu verwenden. Im Anschluss daran überzeugte Dr. Philipp Eigenwillig mit seiner Präsentation über die vollständig digitale Umsetzung von kombinierten TAD-Lingual-Behandlungsstrategien. Digitaler Scan, digitales 3D-Röntgen, digitale Überlagerung und Planung der Schraubenpositionen, 3D-Druckverfahren von Positionierungsschienen und digital hergestellte Lingualapparaturen lassen die beiden Systeme hochpräzise zusammenwirken.

Der folgende Vortrag von Prof. Dr. Benedict Wilmes und Dr. Martina Bräutigam wurde mit einer von Prof. Dr.  Thomas Stamm gestifteten Prämie zur  Veröffentlichung in der „Head and Face Medicine“ ausgezeichnet. Dass palatinale Miniimplantate recht einfach mit der Lingualapparatur kombiniert werden können und die Hybridhyrax ein einzeitiges Einsetzen von GNE-Apparatur mit lingualen Brackets möglich macht, wurde von den Referenten überzeugend dargestellt. Außerdem erwähnten diese, dass durch Distalisierung mithilfe des Beneslider möglicherweise Extraktionen und der Einsatz eines Herbst-Scharniers vermieden werden könnten.

Kurz vor dem Tagungsende wurden schließlich noch zwei hochinteressante Beiträge präsentiert, die man auf keinen Fall hätte versäumt haben sollen. Zum einen der  Vortrag des in Österreich niedergelassenen Dr. Jörg Glockengiesser, der sich mit der heute schon möglichen Verwendung von MRT-basierten Fernröntgenseitenbildern anstelle von strahlenbelastenden Röntgenaufnahmen befasste. Seiner Auffassung nach werde diese Technik in näherer Zukunft durch neuartige, wesentlich günstigere MR-Tomografen immer häufiger zur Anwendung kommen. Zum anderen der Beitrag des der Angle Society angehörende Kieferorthopäde Dr. Björn Ludwig, der sich mit der digitalen Planung der TAD-Insertion in seiner Praxis beschäftigt und bereits eigene, neue Wege zur Umsetzung der 3D-Technologie gefunden hat.

Dem Tagungspräsidenten Dr. Germain Becker gilt großer Dank für eine gelungene Tagung in seiner wunderschönen Heimatstadt Luxemburg. Der Galaabend mit einem Pariser Pianisten im Centre Culturel 'Schéiss' bildete einen gelungenen Abschluss unter vielen Freunden der Lingualtechnik. Herzlichen Dank und auf ein Wiedersehen in 2019 in Heidelberg!

Autorin: Dr. Claudia Obijou-Kohlhas

Deutsche Gesellschaft für Linguale Orthodontie (DGLO)

Geschäftsstelle
Adlzreiterstraße 29
80337 München
Tel.: 089 189046-24
info@dglo.org
www.dglo.org

Literatur

1 Léa Linster, 2015, Mein Leben zu den Sternen, Kiepenheuer & Witsch, Köln

Dieser Beitrag ist in den KN Kieferorthopädie Nachrichten 3/18 erschienen.

Foto: DGLO
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