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Branchenmeldungen 31.03.2020

Zahnärzte – Null Unterstützung, aber voll systemrelevant

Zahnärzte – Null Unterstützung, aber voll systemrelevant
Höchste Infektionsgefahr aber keine Hilfe vom Staat: Die eigene Praxis am Laufen zu halten ist dieser Tage ein Spagat zischen MacGyver und harter Realität. Praxisteams arbeiten entweder am Limit oder müssen schließen, weil sie entsprechende Schutzmaßnahmen nicht mehr gewährleisten können. Schutzschirme und Entlastungen für Zahnärzte? Fehlanzeige! Wir sprachen mit Harald Schrader, Bundesvorsitzender des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte (FVDZ) über die jüngsten Entwicklungen.

Herr Schrader, weshalb gibt es nach wie vor keine einheitliche Regelung für Zahnärzte? Viele Zahnärzte rufen in unserer Redaktion an und fühlen sich im Stich gelassen.  

Die Regelung, an die wir uns als Zahnärzte halten müssen, ist zunächst mal unser Versorgungsauftrag. Dieser besteht weiter – auch in der Corona-Krise. In welchem Umfang der einzelne Zahnarzt diesem Auftrag nachkommen kannim s, liegt im Ermessen jedes einzelnen nach Einschätzung der konkreten Situation. Das ist es, was die Kollegen so verunsichert. Es gibt, da hat Finanzminister Scholz durchaus Recht, hierfür kein Drehbuch. Die fortlaufend aktualisierten Empfehlungen des RKI, der Fachgesellschaften und der Kammern und KZVen sind eine Richtschnur. Bei der praktischen Umsetzung ist jeder auf sich gestellt. Anders als bisher fehlen derzeit validierte Handlungsanweisungen, die Sicherheit schaffen. Wir werden als systemrelevant eingestuft – und müssen dann aber sehen, wie wir klarkommen. Mehr denn je ist eigenverantwortliches Handeln für die Patienten, die Mitarbeiter und für sich selbst gefragt.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation rund um das Thema „Verbrauchsmaterialien“ zum allgemeinen Schutz aller Praxismitarbeiter. Österreich hat es ja gerade vorgemacht. Wo ein Wille, da ein Weg. Um für ausreichende Lagerbestände bei medizinischem Verbrauchsmaterial zu sorgen, hat das Land Oberösterreich vor einigen Tagen eine große Beschaffungsaktion gestartet

In Deutschland gibt es eher viel Wille, aber bislang noch keinen Weg. Die Ausrüstung der Zahnarztpraxen mit Schutzmaterial geht zur Neige. Lieferanten schicken Absagen oder sind zum Teil gar nicht mehr erreichbar. Unterstützung haben wir bislang nicht erfahren. Minister Spahn hat auf gezielte Nachfrage im Gesundheitsausschuss nach Unterstützung für Zahnarztpraxen abgewiegelt. Viele Praxen haben ihre Bestände jetzt aufgebraucht oder gelangen ans Ende. Einige Praxen mussten schon schließen, weil die notwendigen Schutzmaßnahmen nicht mehr eingehalten werden können. Es geht den praktizierenden Zahnärzten um das Leben und die Gesundheit ihrer Patienten, und wir wollen in dieser Krise nicht eine einzige Infektion verschulden. Da sitzen wir mit anderen ärztlichen Praxen in einem Boot.

Wir sind zwar als systemrelevant eingestuft und müssen unseren Versorgungsauftrag erfüllen, aber in Sachen Mundschutz, Masken oder Handschuhe fallen wir hinten runter und werden als „nachrangig zu beliefern“ eingestuft. Das muss man erstmal verstehen. Während sich andere Gedanken machen, ob sie Geldscheine noch anfassen dürfen, arbeiten wir direkt in der Gefahrenzone mit der potenziell höchsten Viruslast – und die Politik sagt: Helft Euch selbst.   

Den Zahnarztpraxen brechen derzeit fast vollständig die Einnahmen weg. Praxisinhaber wenden sich derzeit hilfesuchend an Banken. Reagieren die Kreditinstitute Ihrer Meinung nach flexibel genug?

Meiner Ansicht nach müssten die Banken und Kreditinstitute jetzt in die Offensive gehen: Es muss aktiv das Angebot von Tilgungsaussetzung geben, wenn nötig auch über eine längere Zeit hinweg. Das vermisse ich noch. Klar gibt es andere Angebote wie Überbrückungskredite oder ähnliches. Mit Zusatzkrediten ist aber gerade Existenzgründern, die ohnehin hart an der Kante rechnen, kaum gedient. Jetzt ist die Zeit, dass die Banken mal kreativ und unbürokratisch handeln. Ihr Interesse kann ein Komplettausfall der Kredite ja wohl nicht sein. Aber das droht jetzt bei den Neugründern und jungen Praxen. Die haben nicht genug Rücklagen, um Einnahmeausfälle von mehreren Monaten überstehen zu können. 

In den dentalen Medien las man dieser Tage immer wieder das Wort „Schutzschirm“, der die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie für Gesundheitseinrichtungen abfedern soll. Zahnärzte werden jedoch im COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz nicht berücksichtigt. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?

Diese Entscheidung ist schlicht falsch – und im Grunde skandalös. Niedergelassene Ärzte sollen bei Umsatzeinbußen aufgrund des Rückgangs von Patientenzahlen wegen einer Pandemie oder Naturkatastrophen künftig gesetzlich garantierte Ausgleichszahlungen erhalten. Niedergelassene Zahnärzte haben aufgrund des Coronavirus einen bis zu 80-prozentigen Rückgang ihrer Patientenzahlen und entsprechende Umsatzeinbußen, sind gesetzlich verpflichtet, ihrem Versorgungsauftrag nachzukommen – wie die Ärzte auch – und  sollen (bislang jedenfalls) keine Ausgleichszahlungen erhalten. Da wird mit zweierlei Maß gemessen. Diese Ungleichbehandlung ist nicht nachvollziehbar und nicht hinnehmbar. Und das werden wir auch nicht hinnehmen. Wir setzen gerade alles daran, damit unsere Kolleginnen und Kollegen, die Tag für Tag höchsten Risiken ausgesetzt sind, sich nicht auch noch Sorgen um ihre Existenz machen müssen. 

Thema Abschlagszahlungen für Vertragszahnärzte. In welchem Umfang reagieren jetzt zuständige KZVen?

Die KZVen verfolgen unterschiedliche Ansätze, das hängt auch mit den jeweiligen Vertragsstrukturen mit den Kassen zusammen. Was jedoch allen gemein ist: Sie versuchen im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Liquidität der Zahnarztpraxen trotz der enormen Umsatzeinbußen irgendwie aufrechtzuerhalten. Dies können Sonderzahlungen, Aussetzen des Honorarverteilungsmaßstabes, Beibehaltung der Abschlagszahlungen oder auch die Berücksichtigung dieser Ausnahmesituation bei möglichen Wirtschaftlichkeitsprüfungen sein. Die KZVen können aber auch nur das verteilen, was sie vorher eingenommen haben. Das Problem wird sich wegen des Auszahlungsmodus‘ der KZVen in seiner vollen Ausdehnung erst ab dem Sommer zeigen. Bis dahin müssen weitere kreative Lösungen gefunden werden. Die Krankenkassen, aber auch die PKVen, können sich in diesem Zusammenhang nicht aus der Affäre ziehen. Sie müssen auch ihren Anteil übernehmen, um die Versorgungslandschaft einigermaßen intakt zu halten. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Foto Teaserbild: FVDZ

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