Anzeige
Branchenmeldungen 30.08.2018

„Höchste Perfektion für möglichst breitflächigen Einsatz angestrebt“

„Höchste Perfektion für möglichst breitflächigen Einsatz angestrebt“

Sie haben sich Zeit gelassen, die Dres. Giuseppe Scuzzo und Kyoto Takemoto. Mehrere Jahre sind vergangen, bis die beiden Lingualexperten der Fachwelt nun ihr ALIAS™ vorstellten. Seit Frühjahr 2018 ist die lang erwartete, selbstligierende Version des bekannten STb™ Light Lingual Systems endlich in Deutschland erhältlich. KN sprach mit Dr. Giuseppe Scuzzo über die innovative Bracketneuheit.

Als wir uns 2010 das letzte Mal zum Interview trafen, hatten Sie beim AAO-Kongress gerade über die Vorteile des STb™ Light Lingual Systems referiert. Auf die Frage, wann denn die selbstligierende STb-Variante erhältlich sein würde, antworteten Sie, dass man diese gern beim World Lingual Congress 2011 in Osaka/Japan vorstellen wolle. Nun hat es doch etwas länger gedauert, warum?

Dr. Giuseppe Scuzzo: Zunächst vielen Dank, dass Sie mir die Möglichkeit geben, den Grund für die Verzögerung des ALIAS™-Projekts darzulegen. Im Jahre 2011 befanden wir uns bereits in einem fortgeschrittenen Prototypen-Stadium mit ausgezeichneten klinischen Ergebnissen. Jedoch – wie bei allen innovativen Projekten – strebten wir mit unseren verschiedenen Berufserfahrungen die höchste Perfektion an, um einen möglichst breitflächigen Einsatz im Markt zu erreichen. Hinzu kam, dass es sich um ein Produkt modernster Technologie handelt, welches nicht einfach zu fertigen ist und ein erhebliches technologisches Engagement seitens der herstellenden Firma Ormco erforderte. Diese unterstützte sowie führte Dr. Kyoto Takemoto und mich hierbei durch sämtliche Prozesse und tut dies übrigens bereits seit mehr als 30 Jahren im Bereich der lingualen Orthodontie.

Das 2017 beim AAO in San Diego erstmals präsentierte passiv-selbstligierende ALIAS™-Bracket ist seit Frühjahr 2018 nun auch auf dem deutschen Markt verfügbar. Wie viele Fälle haben Sie bislang mit dem System erfolgreich behandeln bzw. abschließen können?

Momentan haben wir über 1.500 Fälle aller möglichen Malokklusionstypen behandelt, auch kieferorthopädisch-kieferchirurgische Fälle. All unsere Fälle sind dokumentiert, und einige von ihnen wurden bereits im Rahmen der Vorstellung des Produkts bei diversen internationalen Fachkongressen gezeigt. 

Eines der Hauptmerkmale des neuen ALIAS™-Lingualbrackets stellt dessen quadratischer .0180'' x .0180''er Slot dar. Welche Intension steckt hinter diesem Slotdesign, und wie wirkt sich dieses auf die Kontrolle von Torque und Angulation aus?

Die Idee von Dr. Takemoto und mir, ein linguales und/oder vestibuläres Bracket mit einem quadratischen Slot zu realisieren, wurde bereits vor mehr als sechs Jahren geboren. Wir haben hinsichtlich des quadratischen Slots (vestibular und lingual), den Vorteilen bzw. den sich durch dessen Einsatz ergebenden biomechanischen Möglichkeiten ein internationales Patent inne. Sich in den Dimensionen jenes dreidimensionalen .0180'' x .0180''er Slots zu bewegen, erlaubt vor allem in der initialen Behandlungsphase den Einsatz dünnerer Bögen, eine schnellere Kontrolle von Inklination und Rotation, den Verzicht auf Hilfsmittel wie Buttons oder den fürchterlichen Doppel-/Dreifachligaturen und daher eine präzise Vereinfachung der Kontrolle genannter Bewegungen.

Zudem bietet der Einsatz slotfüllender .0180'' x .0180'' Copper-NiTi-Bögen bei der Torquekontrolle und von .0180'' x .0180''er Stahlbögen beim mechanischen Lückenschluss allein mithilfe der passiven Selbstligation eine bemerkenswerte Reduktion von Nebenwirkungen (Torqueverlust), die typisch für konventionelle Brackets mit einem quadratischem Slot sind.

Vergleicht man das STb™ mit dem ALIAS™-Bracket – was hat sich hinsichtlich Korpus, Profilhöhe und Bracketbasis geändert?

Das ALIAS™-Bracket bietet ein extrem reduziertes Profil von 1,7 mm und eine Basis- bzw. Padlänge von 4,2 mm. Es ist zweifellos das erste und einzige passivselbstligierende Bracket mit einem solch reduzierten Profil und einer solch stark abgerundete Form, die einen bemerkenswerten Tragekomfort für den Patienten gewährleisten. Im Vergleich zum STb™-Bracket beträgt die Differenz im Profil nur 0,2 mm (STb™ = 1,5 mm). Das ALIAS™ ist mit einer Gitternetzbasis (80 Gauge) ausgestattet, um eine gute Haftung und Retention des Kompositmaterials zu ermöglichen.

 Was können Sie uns zum Design des Verschlussmechanismus beim ALIAS™ sagen?

Das passivselbstligierende ALIAS™-Bracket stellt die jüngste Innovation innerhalb der lingualen Orthodontie dar. Vier starre Wände bieten einen exzellenten Sitz des kieferorthopädischen Bogens im Slot, wobei alle Nebeneffekte aufgrund des Spiels zwischen Bogen und Slot reduziert werden, die zu einem Verlust bei der Kraftübertragung des Brackets auf den Zahn bzw. dessen Kontrolle führen. Zudem macht die Eliminierung der Variante mit konventioneller Ligatur, die stark vom Können des Behandlers abhängt (sowohl die komplett unzuverlässige Elastikligatur als auch die komplizierte und insbesondere bei Verwendung doppelter Ligaturen schwierige Metallligatur), die passive Selbstligation in Bezug auf die operativen Abläufe, die Sicherheit und Zuverlässigkeit der Insertion des Bogens in den Slot extrem vorteilhaft.

Welche Bögen bevorzugen Sie bei Einsatz des neuen selbstligierenden Systems und welche Bogensequenzen empfehlen Sie bei Non-Extraktions- bzw. Extraktionsfällen?

Da das ALIAS™ ein linguales Straight-Wire-System ist, muss der Bogensequenz in allen Behandlungsphasen strikt gefolgt werden. Da das Bracket über einen sehr präzisen Slot in Kombination mit einem passiven Verschlussmechanismus verfügt, hat der kieferorthopädische Bogen ein wenig Toleranz und muss daher perfekt inseriert sein. Aus diesem Grund ist eine genaue Umsetzung der Bogensequenz während der Behandlung erforderlich. In Non-Extraktionsfällen setzen wir gerade Vierkantbögen, hauptsächlich Copper-NiTi- und TMA-Bögen ein, ohne diese vielfach zu biegen. Zudem kommen in Extraktionsfällen mit Lückenschluss gerade Stahlbögen zum Einsatz. Es wäre empfehlenswert, hier einen Einführungskurs zu besuchen (selbst wenn bereits Erfahrungen in der lingualen Orthodontie vorhanden sind), bevor mit dem ALIAS™ Lingual Straigth Wire System gearbeitet wird.

Wo würden Sie die Indikationen für das STb™ bzw. für das ALIAS™ sehen? In welchen klinischen Situationen ist das Standardbracket und in welchen besser das selbstligierende Bracket geeignet?

Das STb™ stellt ein sehr gutes und genaues Lingualbracket dar, jedoch weist es einen rechteckigen Slot auf und ist ein konventionell ligierbares System wie die meisten lingualen Systeme am Markt und offensichtlich auch mit oben erwähnten Problemen. Sicherlich setzen wir momentan ausschließlich das neue ALIAS™ ein, welches den State of the Art in Bezug auf einfaches Handling, Technologie, Zuverlässigkeit und Komfort repräsentiert.

Beide Systeme folgen dem Konzept der Straight-Wire-Technik. Würden Sie hierbei auch klinische Grenzen sehen oder gibt es Ihrer Meinung nach keine Indikationen mehr für den Einsatz von Mushroom-Bögen?

Dr. Takemoto und ich haben viele Jahre lang pilzförmige Bögen verwendet, wobei wir uns nach und nach unseren eigenen Weg in der lingualen Orthodontie erarbeitet haben und heute als führende Köpfe dieser Technik anerkannt sind. Über die Jahre hat uns die umfangreiche Berufserfahrung dahin geführt, die Grenzen des (insbesondere robotergefertigten) Lingualbogens im Rahmen der Multibandtechnik zu verdeutlichen, vor allem in der dreidimensionalen Kontrolle, hinsichtlich der Schwierigkeiten bei Gleit- und Lückenschlussmechaniken, in der Koordination der Bögen und okklusalen Verhältnisse sowie insbesondere die Schwierigkeit beim Beherrschen von Situationen, die während einer Behandlung nicht vorhersehbar sind.

Der Trend kieferorthopädischer Anbieter ist es, einfache, zuverlässige und reproduzierbare Systeme anzubieten, die den Anwender jedoch zu noch nie dagewesenen Veränderungen und Entscheidungen während der Behandlungen führen, die innerhalb der initialen Planungsphase nicht vorhersehbar sind. Die linguale Straight-Wire-Technik stellt im Vergleich zu robotergefertigten Bögen ein Novum dar, das sich zunehmend zum Trend entwickelt, jedoch ein fundiertes Wissen bei der Fallplanung und Bracketpositionierung erfordert.

Aus diesem Grund haben wir eine Software namens Eline zur Unterstützung des ALIAS™ Straight-Wire-Systems entwickelt (www.elinesystem.net), die dem Anwender bei der Fallplanung, dem Erstellen der Transfertrays mit individuellen ALIAS™-Brackets und bei der Lieferung der SW-Behandlungsbögen unterstützt.  

Haben Sie vielen Dank!

Dieser Beitrag ist in den KN Kieferorthopädie Nachrichten 9/18 erschienen.

Foto: OEMUS MEDIA AG
Mehr
Mehr News aus Branchenmeldungen

ePaper

Anzeige