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Branchenmeldungen 13.06.2018

„Patienten wie Mitarbeiter profitieren vom inklusiven Konzept“

„Patienten wie Mitarbeiter profitieren vom inklusiven Konzept“

Zahnärztin Dr. Marianela von Schuler Alarcón eröffnete 2013 im Herzen Hamburgs eine eigene Modellpraxis, in der sieben gehörlose und sieben hörende Mitarbeiter sowohl gehörlose als auch hörende Patienten behandeln. Diese nehmen Anfahrtswege von bis zu 400 Kilometern in Kauf und profitieren genauso wie die Mitarbeiterinnen vom inklusiven Konzept. Wie die gebürtige Venezolanerin zur Gebärdensprache kam, welche Hürden es zu meistern galt und wie sie mit ihrem Verein InDeafMed aktiv dazu beiträgt, weitere Praxen in ganz Deutschland von der Ausbildung und barrierefreien Behandlung gehörloser Menschen zu überzeugen, erzählt sie im Interview.

Frau von Schuler Alarcón, Sie sind nicht gehörlos, beherrschen aber perfekt die Gebärdensprache. Wie kam es dazu?

Durch meine beste Freundin lernte ich einen gehörlosen Menschen kennen und bemerkte, dass er das Gleiche fühlt wie ich zu dem Zeitpunkt, als ich – frisch aus Venezuela kommend – in Deutschland anfing, Zahnmedizin zu studieren. Mein Deutsch war eine Katastrophe, und die Vorlesungen der Professoren hörten sich für mich an wie ein defekter Kassettenrekorder. Jeden Tag an der Uni hatte ich große Angst vor dem Versagen und fühlte mich oft sehr einsam. Erst als ich die deutsche Sprache schließlich beherrschte, konnte ich diese Kommunikationsbarriere überwinden – eine große Erleichterung und Freude für mich.

Ich konnte damals die deutsche Sprache lernen, aber was können Gehörlose machen, um ein Teil unserer Gesellschaft zu werden? Die einzige Lösung war, dass ich selbst die Gebärdensprache lernen musste.

Ihre Niederlassung im Herzen Hamburgs gilt als Pilotpraxis in Deutschland, in der unter anderem gehörlose Angestellte sowohl gehörlose als auch hörende Patienten behandeln. Beschreiben Sie bitte den Weg von der Idee zur Verwirklichung.

Bereits seit Beginn meiner Berufstätigkeit setze ich mich dafür ein, Menschen mit und ohne Hörschädigung in Zahnarztpraxen gemeinsam zu behandeln und auszubilden. Ausschlaggebend für mein Engagement war die eigene Erfahrung, wegen fehlender Sprachkenntnisse ausgegrenzt zu werden. Später fühlte ich mich deshalb gehörlosen Menschen besonders verbunden und erlernte autodidaktisch die Gebärdensprache.

Da ich Menschen mit und ohne Hörbehinderung in bestehenden Praxen nicht ausreichend inklusiv behandeln konnte, eröffnete ich 2013 selbst eine eigene Modellpraxis, in der mittels Gebärdensprache kommuniziert wird.

Wie viele hörende und gehörlose Mitarbeiter sind bei Ihnen tätig?

Sieben gehörlose und sieben hörende Mitarbeiter.

Wie reagieren hörende Patienten in der Praxis auf die Gebärdensprache? Gab es auch negative Reaktionen?

Viele Patienten finden die Sprache so interessant, dass sie Kurse für Gebärdensprache besuchen. Am Anfang gab es auch einige Patienten, die es nicht gut fanden und einfach gegangen sind. Mittlerweile wissen die Patienten aber vorher um unsere Besonderheit – und finden es schön.

Durch das Erlernen der Gebärdensprache hat sich für mich viel geändert. Ich habe meine Fähigkeit des Sehens und Beobachtens geschult und bin darin sensibilisiert, mittels Körpersprache und Mimik einfühlsam mit dem Patienten zu kommunizieren. Das hat zur Folge, dass ich die Leiden und Sorgen der hörgeschädigten, aber auch der hörenden Patienten schneller verstehe und mich ihren Bedürfnissen schneller anpassen kann. Die Patienten fühlen sich verstanden und geborgen – ein Vertrauensverhältnis kann sich besonders schnell entwickeln. Auch hörende Menschen mit einer Zahnarztphobie, Kinder, ängstliche und ältere Menschen fassen sehr schnell Vertrauen.

Wie unterscheidet sich der Praxisalltag gegenüber den anderen Praxen durch die Mitarbeit von Gehörlosen?

Die Atmosphäre ist besonders, und die Mischung von hörenden und gehörlosen Menschen macht es besonders spannend. Jeden Tag spüre ich, wie dankbar die hörgeschädigten Patienten sind. Es ist ein bisschen wie in einer Familie. Dabei ist es sehr spannend, zu erleben, wie beide Seiten voneinander profitieren: So lernen z.B. die Hörenden, wie stark man mit Mimik und Gestik sprechen kann; die Gehörlosen hingegen erleben, wie Kommunikationsanlässe wie Begrüßung und Verabschiedung intensiver als in ihrer eigenen Sprache gestaltet werden können. Diese Erlebnisse rühren an der jeweils eigenen Haltung und eröffnen den Betreffenden einen ungezwungeneren Kontakt miteinander.

Was sind die täglichen Herausforderungen?

Bei hörgeschädigten Mitarbeitern ist es natürlich schwierig, wenn das Telefon klingelt, und bei jedem neuen Produkt oder Material, was in der Praxis Anwendung findet, muss ich eine neue Gebärde dafür suchen, aber ansonsten gibt es keinerlei Einschränkungen.

Sie ermöglichen Gehörlosen auch die Ausbildung zur Zahnmedizinischen Fachangestellten. Welche Hürden galt es im Vorfeld zu meistern?

Unterstützung erhielt ich vom Beratungs- und Unterstützungszentrum (BUZ) für körper- und sinnesbehinderte Jugendliche in Hamburg und der Beratungs- und Inklusionsinitiative Hamburg (BIHA). Gemeinsam mit Behörden, Zahnärztekammer und Berufsschule erarbeitete ich einen inklusiven Ausbildungsweg. Im Rahmen eines runden Tischs setzte ich mich schließlich erfolgreich für die gemeinsame Beschulung von gehörlosen und hörenden Auszubildenden an der Schule Gesundheitspflege W4 ein, die erste inklusive Berufsschule in Hamburg.

Um geeignete Bewerber zu finden, veröffentlichte ich selbstgedrehte Videos in Gebärdensprache. Schließlich wurden die ersten zwei Auszubildenden eingestellt – doch auch nach Beginn der Ausbildung zeigten sich Herausforderungen: So muss ich viele zahnmedizinische Fachbegriffe neu in Gebärdensprache entwickeln, die ich kontinuierlich in einem Wörterbuch zusammenfasse.

Mittlerweile ist die Praxis ein voller Erfolg: Patienten nehmen Anfahrtswege von bis zu 400 Kilometern in Kauf und profitieren genauso wie die Mitarbeiterinnen vom inklusiven Konzept. Die Atmosphäre ist viel entspannter, die Menschen unterstützen sich gegenseitig und lernen, ihre Stärken zu teilen. Ich möchte Arbeitgeber ermutigen, sich intensiv mit Inklusion auseinanderzusetzen: Viele Unternehmen beschäftigen sich nur mit dem Thema, weil sie die Quote erfüllen müssen. Von Inklusion profitiert man aber vor allem, wenn man sich ehrlich auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter mit Behinderung einstellt und die Bedingungen im Unternehmen anpasst. Ich will aktiv dazu beitragen und weitere Praxen in ganz Deutschland von der Ausbildung und barrierefreien Behandlung gehörloser Menschen überzeugen. Eigens dafür habe ich den Verein InDeafMed gegründet, der unter anderem auch die Veröffentlichung meines Gebärdenwörterbuchs unterstützt.

Welches Ziel verfolgt der 2013 gegründete Verein InDeafMed?

Der Verein möchte andere Zahnärzte, aber auch Ärzte aus anderen medizinischen Bereichen, dazu animieren, sich stärker für gehörlose Menschen zu öffnen, denn die Inklusion Gehörloser funktioniert nur durch die Gebärdensprache. Hörende müssen verstärkt mit der Gebärdensprache konfrontiert werden, um eine Akzeptanz und ein gegenseitiges Verständnis zu entwickeln. Nur so können sich Gehörlose in die Gesellschaft inkludiert fühlen.

Ein weiterer wichtiger Schritt hin zu einer lebendigen Inklusion ist die Ausbildung junger gehörloser Menschen. Der Zugang zu medizinischen Berufen war Gehörlosen bisher verwehrt. Ein solcher Beruf bietet den jungen Menschen aber die wertvolle Möglichkeit, in einem Team und im Austausch mit Hörenden zu arbeiten, er ist angesehen und nicht zuletzt schafft er Arbeitsplätze für gehörlose Menschen. Durch die Ausbildung von gehörlosen Zahnarzthelferinnen und Zahnarzthelfern erlernt die ganze Praxis die Gebärdensprache. Dies ermöglicht die Zusammenarbeit in einem Team mit Hörenden und ermöglicht parallel eine barrierefreie medizinische Versorgung für gehörlose Menschen.

Die gehörlosen Mitarbeiter sollten nicht nur für gehörlose Patienten eingestellt werden. Sie können in allen Behandlungen auch bei hörenden Patienten eingesetzt werden. Gehörlose arbeiten besonders fokussiert wie auch konzentriert und lassen sich weniger stark ablenken als Hörende. Sie können vollständig in den Praxisbetrieb inkludiert werden. Natürlich können sie nicht telefonieren. Und natürlich brauchen sie technische Mittel, um mit einem hörenden Patienten zu kommunizieren. Wichtig ist, dass man sich vorab gut über die Kultur und die Sprache der Gehörlosen informiert.

Damit die Mitarbeiter sich maximal inkludiert fühlen, sollte man einen Grundwortschatz an Gebärden und Fachgebärden erlernen. Genau darin sieht auch InDeafMed seine Aufgabe. Wir wollen aufklären und andere Praxen bei vielen Fragen und Problemen unterstützen und beraten. Menschen mit Hörbehinderungen wurden und werden von der hörenden Welt unbewusst verletzt, sie sind sensibel und verunsichert – InDeafMed nimmt sich diesem Thema an. Wenn sich jemand spezialisieren möchte, hilft der Verein beim Lernen der Gebärdensprache. InDeafMed möchte ein Bewusstsein für die Kultur und die Bedürfnisse der gehörlosen Menschen schaffen und die Verbreitung des Modells vorantreiben. Dabei braucht der Verein natürlich die Unterstützung von Krankenkassen, medizinischen Universitäten, Gebärdensprachen-Universitäten, Zahnärzteverbänden, medizinischen Verbänden, dem Schwerhörigenverband, Gehörlosenverband sowie Ärzten und Zahnärzten.

Welche Hindernisse gibt es Ihrer Meinung nach für die nachhaltige Integration gehörloser Menschen in den Arbeitsmarkt?

Vielen ist leider nicht bewusst, dass die deutsche Lautsprache für Menschen mit Hörbehinderung eine Fremdsprache ist, da das geschriebene Deutsch sich erstens an der Aussprache des gesprochenen Wortes und zweitens an der Grammatik der deutschen Lautsprache orientiert. Da Hörgeschädigte nicht oder sehr schlecht hören, haben sie die deutsche Lautsprache nicht nebenbei erworben wie Hörende, sondern müssen sie mühsam und mit vielen bleibenden Schwachstellen erlernen. So sind viele komplizierte deutsche Sätze für sie nicht zu verstehen. Das führt folglich zur Isolation und einem Gefühl der Erniedrigung. Das Verhalten unserer Gesellschaft führt zur Ausgrenzung, Diskriminierung und Entwicklung einer Parallelgesellschaft bei Menschen mit Hörbehinderung.

Das hat viele Konsequenzen: Menschen mit Hörbehinderung leiden oft unter Depressionen, Minderwertigkeitsgefühlen und einer Verunsicherung innerhalb der hörenden Gesellschaft. Das Leben eines hörgeschädigten Menschen in unserer Mitte ist einfach sehr mühsam, es beginnt beim Einkauf und endet nicht bei einem Besuch beim Arzt. Insbesondere den Gesundheitssektor betrachtend, sollte jeder Mensch den barrierefreien Zugang zur ärztlichen Versorgung haben.

Die Politik und die Beauftragte für Menschen mit Behinderung versuchen, mit vielen Diskussionen und Werbung unsere Gesellschaft zu sensibilisieren und zu motivieren, die Inklusion voranzutreiben. Ihr Ziel ist es, Menschen, egal welcher Behinderung, in unsere Gesellschaft zu integrieren; aber dies gelingt nur, wenn die Gesellschaft sich diesen Menschen durch Inklusion anpasst. Bei Menschen mit Hörbehinderung ist eine Inklusion nur möglich, wenn sie ihre Muttersprache, die Gebärdensprache, sprechen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Es ist jetzt an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen, aktiv zu werden und etwas zu verändern:

  • weil Gehörlose die gleichen Bedürfnisse haben wie Hörende: ein Leben in Wohlbefinden und Gesundheit zu führen, sich beruflich und persönlich zu entfalten, die Chance zu haben, einen Beitrag für unsere Gesellschaft zu leisten
  • weil es mittelfristig noch nicht einmal Geld kostet, sondern einspart
  • weil es auch das Leben der Hörenden bereichern wird
  • weil es unsere Gesellschaft stärkt und weiterentwickelt
  • weil es Freude macht, Verantwortung zu leben
  • weil es unsere Herzen berührt

Es ist nicht zielführend, die Integrationsverpflichtung nur auf der Seite der Gehörlosen zu sehen, da diese nicht einfach das gesprochene Deutsch lernen können. Ohne die Bereitschaft und Unterstützung von Hörenden, die Gehörlosen zu integrieren und sich auf diese einzulassen, kann eine lebendige Integration nicht gelingen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Foto: Dr. Marianela von Schuler Alarcón
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