Branchenmeldungen 08.02.2026
Zahnärztliches Agieren: Ein Bundesland, drei Perspektiven
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Der vorliegende Beitrag möchte beides aufzeigen und so greifbar machen, dass dem zunehmenden Praxissterben auf der einen Seite neue Entwicklungen auf der anderen Seite gegenüberstehen. Beide Seiten gehören zum heterogenen Bild heutiger Zahnmedizin.
Perspektive I: Die Realität
Für Dipl.-Stomat. Karl-Ludwig Manger bedeutete das Jahresende 2025 auch ein Praxisende: Seit dem 24. Dezember ist seine Zahnarztpraxis in der Burgstraße in Wernigerode nicht mehr in Betrieb. Der Grund dafür: Keiner wollte die Praxis übernehmen. Wieder eine Praxis weniger, und wieder ein Zeichen einer Zeit, die geprägt ist von einer äußerst realen Sorge um eine breit aufgestellte, regional verwurzelte (zahn-)medizinische Versorgung. Nach einer mehr als fünfjährigen erfolglosen Nachfolgersuche gab Manger Ende letzten Jahres auf und wickelt seit Januar – selbstverständlich behördenkonform – seine Praxis ab. Wenn er Glück hat, halten sich die Kosten für ihn gering, indem er Möbel, Kleinteile und Materialien entweder sehr günstig abgibt, spendet oder entsorgt. „Als ich im vergangenen Jahr meinen Angestellten mitteilte, dass ich gezwungenermaßen beabsichtige, Anfang 2026 die Praxis aufzugeben, haben zwei Mitarbeiterinnen sofort gekündigt“, erzählt Manger nüchtern. „Um das verbliebene Personal zu schonen, verkürzte ich die Praxissprechstunden auf vier Tage die Woche. Schließlich wollte ich die Angestellten nicht verbrennen. Bis zum Sommer 2025 arbeitete ich dann mit zwei Helferinnen, machte die Prophylaxe selbst und konnte sogar noch mal eine neue Mitarbeiterin gewinnen, der bewusst war, dass ihr Arbeitsverhältnis nur sehr kurz sein würde. Da der Mietvertrag für meine Praxisräume zum Februar 2026 abläuft und ich jede Illusion auf einen Nachfolger verloren habe, wird die Praxis zu diesem Datum offiziell schließen. Meine letzte Sprechstunde fand am 23. Dezember statt. Zwei von meinen drei Angestellten beendeten zum 31. Dezember 2025 ihre Anstellung, die dritte, eine treue Mitarbeiterin, mit der ich seit 27 Jahren zusammenarbeite, wird mich noch bis Ende Januar bei der Abwicklung unterstützen.“
„Es ist seit vielen Jahren bekannt, dass bis 2030 circa 700 Zahnärzt/-innen in Sachsen-Anhalt in den Ruhestand gehen werden. Und welche Maßnahmen hat die Politik ergriffen? So gut wie keine! Vieles wurde einfach zu lange schöngeredet und jetzige Initiativen kommen für meine Generation und unsere Praxen zu spät.“
(Dipl.-Stomat. Karl-Ludwig Manger)
Kampagnen kommen zu spät
Dabei hätten die Praxis und der Standort, so sieht es Manger, Potenzial für einen Neustart gehabt. Die 150 Quadratmeter große Praxis befindet sich in einem für die Stadt typischen, sanierten Fachwerkgebäude und verfügt neben einem Rezeptions- und Wartebereich über zwei Behandlungszimmer, separate Räume für Röntgen und Sterilisation sowie einen Aufenthaltsraum und ein Büro, das sich auch als ein drittes Behandlungszimmer hätte umfunktionieren lassen. Doch ohne Nachfolger verpufft jede Chance, den Praxisräumen neues Leben einzuhauchen. Ein trauriges Ende für eine klassische Familienpraxis, die Generationen an Patienten vertrauensvoll begleitet und betreut hat. Doch wie erklärt sich Manger seine erfolglos gebliebene Nachfolgersuche trotz diverser, auch auf kommunaler Ebene verfolgter Initiativen? „Ich bin ja nur ein Beispiel einer viel größeren Problematik, nämlich der Tatsache, dass zahl-reiche Einzelpraxen in Sachsen-Anhalt keine Käufer finden. Die Ursachen dafür sind vielseitig. Natürlich spielen regionale Gründe eine Rolle, wie attraktiv ein Standort ist, obwohl eine Tourismusregion wie Wernigerode schon ein gewisses Flair vorzeigen kann und auch eine gute Lebensqualität mit sich bringt. Wenn ich aber sehe, dass in Sachsen-Anhalt nur die Universität Halle-Wittenberg Zahnmediziner/-innen ausbildet, 40 bis 42 Studierende jedes Studienjahr, und viele Absolventen oftmals in ihre Heimat zurückkehren, dann bleibt nicht genug Nachwuchs übrig, um den regionalen Bedarf zu decken. Es ist seit vielen Jahren bekannt, dass bis 2030 ca. 700 Zahnärzt/-innen in Sachsen-Anhalt in den Ruhestand gehen werden. Und welche Maßnahmen hat die Politik ergriffen? So gut wie keine! Vieles wurde einfach zu lange schöngeredet und jetzige Initiativen kommen für meine Generation und unsere Praxen zu spät.“
Perspektive II: Die Strategie
80 Praxisschließungen in 2025
Auch im Gespräch mit dem Dessauer Zahnarzt und Vorsitzenden des Vorstandes der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt, Dr. Jochen Schmidt, offenbart sich eine zugespitzte Situation: „Wir sind im Bundesländer-Ranking mit einem Altersdurchschnitt von 54 Jahren Vorreiter und das bringt natürlich Herausforderungen mit sich. So sind allein die letzten fünf Jahre 250 Zahnärzt/-innen in den Ruhestand gegangen und weggefallen. Im vergangenen Jahr haben 80 Zahnarztpraxen geschlossen und nur 30 wurden nachbesetzt. Das sind 50 Praxen, die keine Versorgung mehr absolvieren. Nimmt man noch hinzu, dass Sachsen-Anhalt ein Flächenland ist, dann steht fest: wir haben ein Problem. Denn eine Praxis im Ländlichen, die schließt, wird in der Regel nicht mehr geöffnet. Schon jetzt arbeiten viele Zahnärzte über ihren offiziellen Renteneintritt hinaus. Das ist zwar erfreulich, aber nicht die Lösung.“
Dabei bemüht sich die KZV Sachsen-Anhalt aktiv um Wege und Strategien aus der zunehmenden Krise. Hierfür nennt Dr. Schmidt beispielhaft die Möglichkeiten des Strukturfonds: Aus diesem werden seit 2020 unter Beteiligung der Krankenkassen breit gefächerte Maßnahmen zur Sicherstellung der vertragszahnärztlichen Versorgung finanziert. Die Programme setzen an mehreren Punkten an: Nachwuchs gewinnen, Praxisnachfolgen unterstützen und junge Zahnärzt/-innen beim Start begleiten. Zentraler Baustein: Förderungen und Kooperationen, um mehr jungen Menschen den Zugang zum Zahnmedizinstudium zu eröffnen und zahnärztlichen Nachwuchs langfristig an das Land zu binden. Dazu gehört auch das „Trommeln“ für den Beruf. Neben der Präsenz auf Bildungsmessen nutzt die KZV eigene Online-Plattformen für Informationen zu Stipendien und betreibt mit keinelücke.de zudem eine praxisnahe Stellenbörse. Auch das Praxislotsen-Angebot wird aus dem Fond subventioniert. Es bietet individuelle Gesprächstermine mit einem Team aus Finanzberater, Steuerberater – beide unabhängig – und Jurist, die sich individuellen Fragen und Herausforderungen der zahnärztlichen Berufsausübung beratend annehmen. Gerade die Themen Praxisabgabe, Nachfolgersuche und Selbstständigkeit können in diesem Rahmen frühzeitig eruiert und notwendige Schritte vorgezeichnet werden. „Angebote wie der Praxislotse oder Fördermaßnahmen aus dem Strukturfonds sind wichtige flankierende Instrumente, ersetzen jedoch“, so Dr. Schmidt, „keine strukturellen Lösungen für den zunehmenden Praxiswegfall. Sie wirken vor allem langfristig und unterstützend und sind daher keine Lösung für bestehende Einzelpraxen. Vor diesem Hintergrund stößt“, auch das betont Dr. Schmidt, „das klassische Instrumentarium der Selbstverwaltung zunehmend an seine Grenzen.“
„Wir sind im Bundesländer-Ranking mit einem Altersdurchschnitt von 54 Jahren Vorreiter und das bringt natürlich Herausforderungen mit sich. So sind allein die letzten fünf Jahre 250 Zahnärzte in den Ruhestand gegangen und weggefallen.“
(Dr. Jochen Schmidt)
Reale Zuversicht
Trotz der demografisch bedingten Überalterung der Gesellschaft und den Nachwuchsproblemen in der Region, blickt die KZV Sachsen-Anhalt zuversichtlich nach vorne. „Das müssenwir!“, sagt Dr. Jochen Schmidt ganz klar. „Und das können wir, weil sich viel tut. Wir stehen im engen Austausch mit der Universität Halle-Wittenberg und holen immer gezielter Studierende ab, indem wir und auch die Gemeinden und Kommunen, ihnen engagiert aufzeigen, welche Möglichkeiten sie bei uns im schönen Sachsen-Anhalt haben. Auch die neue Landzahnarztquote, die auf dem im Juni 2025 vom Landtag beschlossenen Landzahnarztgesetz Sachsen-Anhalt basiert, ist ein effektiver Treiber hin zu mehr Fachkräften und Manpower in der Region. Das sind alles wichtige Schritte für die nahe wie weitere Zukunft!“
Sprechstunde Praxislotse
Jede Veränderung in der zahnärztlichen Berufsausübung ist auch immer ein sensibles Vorhaben, bei dem viele Stellschrauben korrekt ineinandergreifen müssen. Die KZV Sachsen-Anhalt steht mit der Sprechstunde Praxislotse allen Zahnärzt/-innen dabei beratend zur Seite, auch und ganz gezielt jenen, die ihre Praxis abgeben möchten. Einer Erstberatung mit fachkundigen, unabhängigen Ansprechpartnern kann bei Bedarf eine längerfristige Betreuung folgen.
Perspektive III: Die Vision
Nachwuchs möchte Austausch, Spezialisierungschancen und planbare Arbeitszeiten Schauen wir noch kurz auf die Stadt Wanzleben-Börde, die südwestlich der Landeshauptstadt Magdeburg liegt. Hier befindet sich im Gewerbegebiet Hofbreite der groß anlegte Neubau des
ZahnZentrum Freese + Kollegen und damit ein Gegenbeispiel zur drohenden Unterversorgung in der Region. Neben der allgemeinen Zahnmedizin bietet das spezialisierte Zahnärzteteam Know-how in den Bereichen Digitale Zahnmedizin, Endodontie, Implantologie und Ästhetische Zahnmedizin. Jungzahnarzt David Deipenbrock ist seit 2021 im ZahnZentrum tätig, in erster Linie als Spezialist für Endodontie und Vitalerhaltung, seit 2024 ergänzt er zudem die Geschäftsführung und bringt sich als CCO in strategische und organisatorische Fragestellungen ein. Für Deipenbrock ist der Stand-ort keine Frage der Qualität: „Dass sich unser ZahnZentrum im ländlichen Bereich kurz vor Magdeburg befindet, ist aus meiner Sicht kein Nachteil, sondern eine große Chance. Als größeres Zentrum mit stabilen Strukturen schaffen wir Versorgungssicherheit in einem Umfeld, das zunehmend von Praxisaufgaben und Nachfolgeproblemen geprägt ist. Moderne Ausstattung, klare Abläufe und ein eingespieltes Team ermöglichen eine kontinuierliche Versorgung unabhängig von einzelnen personellen Veränderungen. Unser Standort zeigt aus meiner Sicht sehr deutlich, dass hochwertige, moderne Zahnmedizin nicht an Großstädte gebunden ist.“ Deipenbrock stammt aus Sachsen-Anhalt und hat in Halle (Saale) studiert. Dass er seiner Heimat treu geblieben ist, war für ihn keine schwere Entscheidung. Worin sieht er als Vertreter des zahnärztlichen Nachwuchses die zahlreichen Praxisschließungen in der Region begründet?
„Viele junge Kolleg/-innen wünschen sich fachlichen Austausch, Entwicklungsmöglichkeiten, Spezialisierung sowie planbare Arbeitszeiten. Größere Praxisstrukturen – unabhängig davon, ob sie als MVZ oder als klassische Mehrbehandlerpraxis organisiert sind – bieten hier oft bessere Voraussetzungen. Aus meiner Sicht handelt es sich dabei nicht um einen Werteverlust traditioneller Praxen, sondern um einen notwendigen strukturellen Wandel, um Versorgung langfristig
sicherzustellen.
(David Deipenbrock)
„Aus meiner Sicht gibt es mehrere Gründe, warum es kleineren Ein- oder Zweibehandlerpraxen in Sachsen-Anhalt zunehmend schwerfällt, Nachfolger aus meiner Generation zu finden. Ein wesentlicher Faktor ist das unternehmerische Risiko klassischer Praxisübernahmen. Hohe Investitionssummen, langfristige Kreditverpflichtungen und die alleinige Verantwortung für Personal, Organisation und wirtschaftlichen Erfolg wirken auf viele junge Zahnärzt/-innen abschreckend. Hinzu kommt ein deutlicher Unterschied zwischen Ausbildung und Praxisrealität. Studierende arbeiten heute in hochmodernen Universitätskliniken mit aktueller Technik und digitalen Workflows. Treffen sie nach dem Studium – insbesondere in strukturschwächeren Regionen – auf Praxen, die technisch und organisatorisch deutlich hinter diesem Standard zurückliegen, entsteht häu-fig Ernüchterung. Der Gedanke, zusätzlich zur Praxisübernahme auch noch umfassend in Technik und Prozesse investieren zu müssen, verstärkt diese Zurückhaltung. Zudem haben sich die Erwartungen an den Beruf verändert. Viele junge Kolleg/-innen wünschen sich fachlichen Austausch, Entwicklungsmöglichkeiten, Spezialisierung sowie planbare Arbeits-zeiten. Größere Praxisstrukturen – unabhängig davon, ob sie als MVZ oder als klassische Mehrbehandlerpraxis organisiert sind – bieten hier oft bessere Voraussetzungen. Aus meiner Sicht handelt es sich dabei nicht um einen Werteverlust traditioneller Praxen, sondern um einen notwendigen strukturellen Wandel, um Versorgung langfristig sicherzustellen.“
© ZahnZentrum Freese + Kollegen MVZ-GmbH
Nachwuchsgewinnung auch durch Famulaturen
Das ZahnZentrum Freese + Kollegen versteht sich nicht nur als Anbieter einer vertrauensvollen und modernen Zahnmedizin, sondern auch als Nachwuchsschmiede. So hat sich das Zentrum als Famulaturpraxis zertifizieren lassen, um frühzeitig sowohl Studierenden der Zahnmedizin als auch interessierten Abiturient/-innen, die noch vor ihrer Studien- oder Berufswahl stehen, Orientierung zu bieten. Denn, so David Deipenbrock, „Nachwuchsgewinnung beginnt deutlich vor dem Studienabschluss. Unsere Erfahrungen zeigen, dass Studierende und Abiturienten moderne Technik, strukturierte Abläufe und funktionierende Teamarbeit als sehr motivierend erleben. Für uns ist klar: Wer langfristig Versorgung sichern möchte, muss bereit sein, Zeit, Transparenz und Verantwortung in die nächste Generation zu investieren.“
Fazit
Weitere Infos zur KZV Sachsen-Anhalt auf www.kzv-lsa.de.
Mehr Infos zum ZahnZentrum Freese + Kollegen auf www.zahnzentrum-freese.de.