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Psychologie 21.04.2011

Richtiger Umgang mit demenzkranken Patienten

Dr. Lea Höfel
Dr. Lea Höfel
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Richtiger Umgang mit demenzkranken Patienten

An dieser Stelle können unsere Leser der langjährigen ZWP-Autorin Dr. Lea Höfel Fragen im Bereich Psychologie in Bezug auf Patienten, das Team und sich selbst stellen. Die Fragen und Antworten finden Sie dann redaktionell aufbereitet hier wieder. In der jetzigen Ausgabe der ZWP geht es um die Frage, wie das Praxisteam im Alltag richtig mit einer älteren, dementen Patientin umgeht. Psychologin Dr. Lea Höfel antwortet.

Anfrage: Wir haben in der Praxis eine ältere Patientin, die grundsätzlich nur von einer bestimmten Helferin betreut werden möchte, welche schon seit 25 Jahren bei uns arbeitet. Geht das einmal nicht, fängt die Patientin an zu weinen und ist zu keiner weiteren Behandlung fähig. Sie ist dann verwirrt und ist nicht mehr zu beruhigen. Wie sollen wir im manchmal turbulenten Praxisalltag damit umgehen?

Sie schreiben, dass es sich bei Ihrer Patientin um eine ältere Dame handelt. Die von Ihnen beschriebenen Anzeichen deuten darauf hin, dass die Frau zumindest demente Züge zeigt. Sie scheint sich gut an die gewohnte Helferin erinnern zu können, was der Patientin Halt in einer ansonsten eher orientierungslosen Welt gibt. Versuchen Sie sich kurz in Ihre Patientin hineinzuversetzen und folgen Sie mir in eine fremde Welt.

Wahrnehmungswelt der Patientin

Im ersten Schritt vergegenwärtigen Sie sich die üblichen altersbedingten Be­einträchtigungen, die vielleicht vorhanden sind. Stellen Sie sich vor, wie Sie in Ihre Praxis kommen. Sie haben Watte in den Ohren und die Brillengläser sind verschmiert. Gleichzeitig tragen Sie einen 20-Kilo-Sack Kartoffeln auf dem Rücken und der Boden ist uneben. Genau so könnte sich Ihre Patientin fühlen. Es kann immerhin sein, dass sie schlecht hört oder sieht. Eventuell hat sie Rückenschmerzen und das Laufen fällt ihr zunehmend schwer. Jetzt kommen noch demente Erscheinungen hinzu. Sie kann die Räume gar nicht richtig zuordnen, da ihr alles neu erscheint. Die Gesichter hat sie noch nie gesehen. Sie hat keine klare Vorstellung von der Vergangenheit. Dies wiederum heißt, dass sie auf keinerlei Ressourcen zurückgreifen kann, die ihr Sicherheit für die Zukunft geben. Sie lebt im Augenblick. Sie weiß momentan, dass sie beim Zahnarzt ist, das erkennt sie am Geruch. Damit verbindet sie eine Helferin, die sie schon seit 25 Jahren kennt. In dieser Verfassung hat Sie einen einzigen Anker: Diese Helferin muss her. Nun passiert es aber, dass eine unbekannte Person, die beim Sprechen auch noch in den Terminkalender schaut, anfängt zu reden. Die Patientin hört kaum etwas und die verschwommene Helferin ohne Augenkontakt ist ihr unheimlich. Außerdem kann sie mit ihren Rückenschmerzen gerade mal so über den Tresen schauen. Dann wird ihr noch vorgeworfen, dass sie früh am Telefon schon geklärt hätten, dass die jahrelange Helferin nicht da sei. Daran allerdings kann sich die Dame nicht erinnern.

Ihre Patientin ist extrem verunsichert und verliert dadurch vollkommen die räumliche und zeitliche Orientierung. Sie fängt an zu weinen und lässt sich nicht mehr beruhigen. Da sie sich nicht an vergangene ähnliche Situationen erinnern kann, die sie gemeistert hat, erlebt sie nur die momentane Angst. Sie hat keine Vorstellung davon, wie sie da wieder hinauskommen soll.

Vorgehen

Wenn wir uns einmal in die (hypothe­tische) Wahrnehmungswelt Ihrer Patientin hineinversetzt haben, fällt es uns leichter, Verständnis zu zeigen und Lösungen zu finden. In erster Linie ist Geduld vom gesamten Personal gefragt. Die Patientin kommt nicht mit dem Vorsatz in die Praxis, „den Laden aufzumischen“. Versuchen Sie auf jeden Fall, die Termine so zu vergeben, dass die Praxis möglichst ruhig ist und die bevorzugte Helferin anwesend ist. Sollte die Helferin nicht können, muss die ältere Dame von einer vertrauten Person begleitet werden. Wenn Sie mit der Frau sprechen, stellen Sie sich jedes Mal vor und nennen Sie Ihre Aufgabe. Verwenden Sie dabei kurze Sätze mit wenigen Informationen. Schauen Sie der Frau direkt ins Gesicht und sprechen Sie sie von vorne an. Die Patientin muss in die bestmögliche Lage versetzt werden, sich zu orien­tieren. Dazu gehören Licht, Ruhe, verständliche Stimmen und wenige Per­sonen. Führen Sie sie immer wieder in dasselbe Behandlungszimmer, falls sie mehrere haben. Auch wenn sich die Patientin nicht explizit erinnern kann, sind doch implizit Kenntnisse vorhanden. Sollte die Patientin dennoch anfangen zu weinen, ohne sich beruhigen zu lassen, sorgen Sie für Ruhe. Gehen Sie auf die Emotion ein, nicht auf Inhalte. Nutzen Sie Worte wie „ruhig“, „alles in Ordnung“, „ich bin da“. Vermeiden Sie, ihr inhaltlich zu erklären, was passiert ist oder was passieren wird – die Emotion steht jetzt im Vordergrund. Jeder hat seine eigene Wahrnehmungswelt. Die Ihrer Patientin ist besonders interessant und ist es wert, erkundet zu werden.

Foto: © Shutterstock.com
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