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Statements 09.09.2011

Dranbleiben!

Dranbleiben!

Statement von Professor Dr. Christoph Benz, Präsident der Bayerischen Landeszahnärztekammer


Die Zahnmedizin ist eine lebende Disziplin. Zum Leben gehört die Veränderung. Wer kannte noch vor fünf Jahren die Bisphosphonat-Problematik? Wer hätte sich vor zehn Jahren viel unter Alterszahnmedizin vorstellen können? Wer wollte früher glauben, dass das Implantat die Brücke mehr und mehr ersetzt? Das Studium kann nur eine Momentaufnahme sein. Das meiste, was man später braucht, muss man sich danach beibringen: aus dem Internet, aus Büchern, Zeitschriften, Fortbildungen und Kongressen sowie unserem Bayerischen Zahnärztetag. Leichthin spricht man von der geringen Halbwertszeit des medizinischen Wissens – nach zehn Jahren sei 50 Prozent veraltet. Viel konkreter wird es jedoch, wenn man den persönlichen Bezug sucht: Begleiten Sie mich dazu doch kurz in das Jahr 1983 – mein Examensjahr. Die Funktionsdiagnostik hieß Gnathologie und bestand aus intensivem Einschleifen und großzügiger Bisslagekorrektur über Goldversorgungen. Das Implantat kam im Studium nicht vor.

Komposite galten als minderwertiges Material, das nur notgedrungen bei Frontzähnen eingesetzt werden konnte. Die hohe Schule der plastischen Versorgung dagegen bestand aus aufwendig geschnitztem Amalgam, das mit möglichst vielen parapulpären Stiften verankert wurde. Bei Goldversorgungen durfte man die Zahnhartsubstanz großzügig entfernen, weil Gold keine Karies bekommt. In der Endodonto­logie genügte es, einen einzelnen Guttaperchastift im Kanal zu versenken. Und wenn etwas nicht funktionierte, wurde früh reseziert. Die Parodontologie verfolgte klare Grundsätze: Ab fünf Millimeter Sondierungstiefe wird aufgeklappt. Und die Prävention war ein Privatvergnügen für den Patienten. Wenn er die Zahnbürste nach dreimaligem Zeigen immer noch nicht einsetzen wollte, war er verloren für höherwertige Versorgungen. Das Vital-Bleichen war noch nicht erfunden und Dentin durfte nicht geätzt werden. Ohne Unterfüllung ging gar nichts, Keramik war nicht einmal bei der Verblendung von Metallrestaurationen beliebt, und ein guter Alterszahnmediziner war der, der eine Totalprothese zum Saugen brachte. Natürlich war nicht alles falsch, was wir damals gelernt haben, aber dennoch werden 90 Prozent aller klinischen Behandlungen heute wohl mit guten Gründen anders gemacht.

Der Wandel hat auch unsere Patienten verändert. Wer hätte 1983 geglaubt, dass heute 70 Prozent der Zwölfjährigen keine Karieserfahrung mehr haben und gerade neun Prozent alle sanierungsbedürftigen Zähne auf sich vereinigen? Wer hätte gedacht, dass heute 77 Prozent der 65- bis 74-Jährigen im Durchschnitt noch 18 natürliche Zähne besitzen? Wer hätte vermutet, dass die Zahl der jährlich bei den Kassenzahnärztlichen Vereinigungen abgerechneten Füllungen seit 1991 um 35 Prozent zurückgegangen ist? Die Devise heißt Dranbleiben: Es ist wie im Radsport – wer sich zurückfallen lässt, verliert mit dem psychischen Druck mehr, als es seinen tatsächlichen Möglichkeiten entspricht. Dranbleiben ist nicht lästig und schon gar nicht überflüssig. Wer dranbleibt, kann den Spaß, den er einmal darüber empfand, Zahnarzt zu sein, immer wieder neu beleben. Er kann Schritte tun, wo andere noch keinen Weg sehen und ersetzt Angst und Ohnmacht durch Aktivität und Engagement.

Ihr Professor Dr. Christoph Benz

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