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Kieferorthopädie 11.03.2019

Alignertherapie – nicht nur für einfache Fälle!

Alignertherapie – nicht nur für einfache Fälle!

Wünschen Patienten eine möglichst unauffällige Korrektur ihrer Zahnfehlstellungen, wird ihnen neben bukkalen Keramikbrackets sowie lingualen Bracketsystemen auch der Einsatz von Alignern angeboten. Gut für kleinere ästhetische bis mittlere Korrekturen einsetzbar, stellen die transparenten Schienen bei der Behandlung schwerer Fehlstellungen oft nicht die erste Wahl dar. Zu unrecht? Das im folgenden dargestellte Fallbeispiel zeigt den Einsatz von Alignern bei klinisch herausfordernder Indikation.

Transparente Zahnschienen werden bereits seit 20 Jahren als seriöse Behandlungsmethode eingesetzt. Die Anzahl an behandelten Fällen weltweit steigt kontinuierlich und der Einsatzbereich (von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter) erweitert sich ständig. Und dennoch: Viele Kieferorthopäden und Zahnärzte behaupten, dass Aligner nur begrenzt geeignet sind, um Zähne in einer präzisen und vorhersagbaren Weise zu bewegen. Insbesondere in schwierigen Fällen, in denen Extraktionen erforderlich sind, geneigte Okklusionsebenen korrigiert oder Wurzeln bewegt werden müssen.

Der folgende Patientenfall wird zeigen, dass sich Aligner sehr wohl auch bei schwieriger Indikation als eine effektive sowie zuverlässige Behandlungsapparatur erweisen.

Klinisches Fallbeispiel

Die 47-jährige Patientin stellte sich wegen des von ihr als unästhetisch wahrgenommenen Erscheinungsbildes ihrer Zähne in der Klinik vor. Es lagen ein stark ausgeprägter Engstand in der unteren Front, eine geneigte obere Okklusionsebene, eine asymmetrische Lachlinie, eine mesiale Kippung des unteren linken Eckzahns sowie eine nur noch minimale knöcherne Einbettung von Zahn 32 (linker unterer seitlicher Schneidezahn) mit einer tiefen Parodontaltasche von 7 mm vor (Abb. 1a bis 1g).

Nach einer interdisziplinären Beratung mit dem behandelnden Parodontologen und Prothetiker wurde entschieden, Zahn 32 zu extrahieren, da dieser eine schlechte Prognose hatte und eine tiefe Parodontaltasche aufwies. Eine Augmentation der bukkalen Gingiva zur Korrektur der Rezession sowie der Austausch unästhetischer und schlechter Restaurationen wurden für das Ende der Behandlung vorgesehen. Zudem wurden Bleaching und Veneers besprochen und für die Zeit nach Abschluss der kieferorthopädischen Behandlung ins Auge gefasst.

Wir wählten Aligner als Behandlungsapparatur. Dies geschah aus folgenden Gründen:

  • Ästhetisch ansprechendes Aussehen über die gesamte Behandlungsdauer aufgrund der nahezu unsichtbaren transparenten Korrekturschienen.
  • Möglichkeit der Integration sogenannter „Pontics“ in den Aligner, eines optischen Ersatzes des gezogenen Zahns, welcher die unästhetische Lücke solange verbergen soll, bis diese durch die Bewegung der benachbarten Zähne geschlossen wird.
  • Im Vergleich zu bukkalen oder lingualen Bracketapparaturen bedecken Aligner die Zähne komplett. So werden sie gestützt, wenn Kräfte ausgeübt werden. Zudem dient die Oberfläche aller Zähne als Verankerung für die erfolgende Bewegung.
  • Die Zahnhygiene kann mit einfachen Methoden aufrechterhalten werden.
  • Es kommt zu weniger Notfällen und SOS-Praxisterminen, zudem ist weniger Stuhlzeit erforderlich.
  • Realisierung einer vorhersagbaren sowie präzisen 3D-Planung und Behandlung.
  • Es ist eine Möglichkeit, die Behandlung mit digitalen virtuellen Tools nachzuverfolgen, welche dabei helfen, die Behandlungszeit zu verkürzen und ungewollte Zahnbewegungen zu vermeiden.

Bei der Patientin kam das Invisalign® System zum Einsatz. Es wurde ClinCheck® verwendet, um die Zahnbewegungen zu simulieren und die Attachments zu planen, die zur Unterstützung der schwierigen Bewegungen erforderlich waren (Extrusion der oberen linken Frontzähne, Wurzel- und Kronenaufrichtung des linken unteren Eckzahns sowie dem Schließen der Extraktionslücke mit korrekter paralleler Ausrichtung der Wurzeln der benachbarten Zähne), Abb. 2a und 2b.

Für den Fall wurden 50 Aligner geplant, die je eine Woche getragen werden sollten. Bei jedem Kontrollbesuch erhielt die Patientin zehn Schienen. Es wurden mit ihr alle zehn Wochen Termine vereinbart, bei denen außerdem eine professionelle Zahnreinigung erfolgte, intra- und extraorale Aufnahmen gemacht sowie ein intraoraler Scan zur Beurteilung des Behandlungsfortschritts im Vergleich zur Planung durchgeführt wurden.

Zum Behandlungsplan gehörten optimierte Attachments, die basierend auf Erkenntnissen künstlicher Intelligenz und der Erfahrung mit Alignertechnologien entwickelt wurden, und die die Kontrolle der Extrusions-, Rotations- und Wurzelbewegung unterstützen. Die Präzision dieser Attachments sowie das Verständnis der speziellen Biomechanik von Alignern im Vergleich zu Bracketapparaturen sorgen letztlich dafür, dass die Behandlungsziele schnellstmöglich und mit einem Minimum an unerwünschten Nebenwirkungen erreicht werden.

Alle Attachments wurden im ersten Aligner berücksichtigt (Abb. 3a). Die Extraktion von Zahn 32 war mit Einsatz des zweiten Aligners vorgesehen, damit die Patientin sich vorab eine Woche an die Aligner gewöhnen konnte (Abb. 3b).

Zwölf Wochen nach dem Beginn der Behandlung und elf Wochen nach der Extraktion des unteren Schneidezahns wurden klinische Fotos erstellt. Zudem erfolgte ein intraoraler Scan. Um die aktuellen Zahnpositionen mit dem Behandlungsplan abzugleichen, kam hierbei ein im iTero-Scanner integriertes Tool (Progress Assessment Tool®) zur Anwendung. Das Ergebnis wird dabei sowohl farbig hervorgehoben als auch mithilfe von Werten in einer detaillierten Tabelle dargestellt. Aus dieser ist genau ersichtlich, welche der erfolgten Zahnbewegungen 1:1 der Planung entspricht, und welcher Zahn bzw. welche Zähne noch hinter dem Plan zurückbleiben oder sich in eine falsche oder gar entgegengesetzte Richtung bewegen. Sofern erforderlich, wird der Behandlungsplan entsprechend überarbeitet. Es können dann neue Zahnschienen bestellt werden oder manchmal wird der Patient bzw. die Patientin auch angewiesen, seine/ihre Aligner einfach etwas länger als ursprünglich vorgesehen zu tragen, oder die Mitarbeit zu verbessern (Abb. 3a und 3b).

54 Wochen nach Beginn des Falls wurde die Behandlung abgeschlossen. Die Attachments wurden entfernt und die Patientin an ihren Prothetiker überwiesen, um die Verblendung der abgeriebenen und grau verfärbten Zähne mit Keramikveneers zu planen, welche letztlich dann auch das unästhetische schwarze Dreieck zwischen den unteren Schneidezähnen abdecken, das hauptsächlich durch die Extraktion des linken unteren seitlichen Schneidezahns und durch die Auflösung des Engstands verursacht wurde. Beachten Sie die Verbesserung in allen Parametern und das Erreichen aller Behandlungsziele inklusive der erforderlichen schwierigen Zahnbewegungen wie Extrusion oben links, Wurzelaufrichtung und die Korrektur der geneigten Okklusionsebene (Abb. 6a bis 6f; Abb. 7a bis 7j).

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Aligner nicht nur in einfachen, sondern auch in schwierigen Fällen eingesetzt werden können und sollten. Und dass sie definitiv die geplanten Ergebnisse liefern, wobei die Behandlungsmodalität der einer festen Zahnspange in vielerlei Hinsicht überlegen ist.

Dieser Beitrag ist in KN Kieferorthopädie Nachrichten erschienen.

Foto: Autor

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