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Branchenmeldungen 12.11.2015

8. IOC in London: Über 6.000 Teilnehmer erlebten KFO-Highlights

8. IOC in London: Über 6.000 Teilnehmer erlebten KFO-Highlights

Deutsche Kieferorthopäden zahlreich präsent in Vorträgen und im Publikum. Ein Bericht von Dr. Doreen Jaeschke.

Dreieinhalb Tage präsentierte sich die internationale Kieferorthopädie im ExCel-Center in den Londoner Docklands bei Bestwetter mit strahlendem Sonnenschein. Rund 6.000 Teilnehmer aus ca. 90 Ländern waren der Einladung von WFO (World Federation of Orthodontists) und BOS (British Orthodontic Society) gefolgt und erlebten das beeindruckende Ergebnis von achteinhalb Jahren Vorbereitung durch Tagungspräsident Dr. Jonathan Sandler, sein Team und die WFO. Nach dem 2. IOC (1931) und dem 3. IOC (1973) war London bereits zum dritten Mal Gastgeber dieses Events. „Ich war noch nie so stolz, Brite und Teil der WFO zu sein“, betonte Sandler auf der fulminanten Eröffnung eines IOC, der so Sandler, „das Unwiderstehliche, das Miteinander und die Inspiration des Fachgebietes feiern sollte.“ Eine sichtlich gerührte Prof. Dr Birte Melsen wurde gemeinsam mit Prof. Dr. Nigel Hunt von Präsident Prof. Dr. Roberto Justus zum WFO-Ehrenmitglied ernannt. Dr. William DeKock, einer der WFO-Gründungsväter, erhielt den ersten WFO Service Award, der in Verbindung mit seinem Namen neu geschaffen wurde. Heute zählt die WFO 112 Organisationen weltweit zu ihren Mitgliedern. Erstmalig hatten auf Initiative des BOS auch insgesamt 35 Stipendiaten (z.B. aus Indien, Afrika, Kambodscha, den Philippinen oder Nepal) die Möglichkeit der Teilnahme am IOC im Gesamtwert von 50.000 Pfund erhalten.

Impressionen aus London

Keynote Lecture: Prof. Dr. Kuijpers-Jagtman

Im Eröffnungsvortrag „Die zahlreichen Gesichter der KFO“ diskutierte Prof. Dr. Anne Marie Kuijpers-Jagtman Patientenerwartungen und die Messbarkeit von Behandlungsergebnissen. Angesichts steigender Patientenzahlen und neuer Techniken umriss sie Entwicklungen von „Banding zu bonding, Multiloop zu Straigth-Wire, von konventionell zu selbstligierend, Metall zu Keramik und von sichtbar zu unsichtbar“. Sie fragte, ob angesichts dieser Entwicklungen FRS und PAR-Index als Basis der Diagnostik noch Goldstandard seien, und empfahl, für die Fotodiagnostik eher das spontane Lachen der Patienten einzufangen, denn „Sichtweise und Bewertung der Patienten sollten mehr ins Outcome der KFO-Behandlung einfließen“. Abschluss und Überleitung in den Willkommensempfang in der Industrieausstellung bildete eine aufwendige Liveshow des Urban Soul Orchestra zum Thema „Britain“ mit Musik- und Tanzeinlagen.

3-D-Diagnostik und 3-D-Re-Evaluation

Inhaltlich wurde ein weiter Bogen gespannt. Dr. David Sarver demonstrierte den Nutzen von Computersimulationen für die Patientenaufklärung. Statt früher befürchteter Frustration der Patienten aufgrund der „bebilderten“ Erwartung, belegen neuere Studien deren Zufriedenheit aufgrund der Einbindung in die Entscheidung. Prof. Dr. Lucia Cevidanes zeigte mit den Möglichkeiten der 3-D-Bildgebung auf, wo tatsächlich therapeutische Veränderung, z.B. bei Klasse II- und III-Therapie, im skelettalen Bereich auftreten (Vergleich initial, nach einem halben oder einem ganzen Jahr mit Darstellung der Remodellationen im Bereich von Kondylen und Fossae). Mit ihr verglich auch Prof. Dr. Hugo De Clerck u.a. 21 Patienten (Ø 8,1 Jahre über zehn Monate) mit Facemask und GNE versus BAMP (Bone Anchored Maxillary Protraction). Trotz großer individueller Abweichungen war die BAMP im Mittel um 2 bis 3mm wirkungsvoller auf die Maxilla. Es konnten aber auch Veränderungen in Fossae und „aktiven“ Suturen detektiert werden. Prof. Dr. Junji Sugawara zeigte Daten von 205 Surgery-First-Patienten (davon 86,3% Klasse III inklusive 18% moderat-schwerwiegenden fazialen Asymmetrien). Bei seinem „orthodontics-driven“-Ansatz sind fast 80 Prozent der Eingriffe monomaxillär bei kürzerer durchschnittlicher Behandlungsdauer (von 14,8 ± 4,7 Monaten) als bei konventionellem Vorgehen.

Global Village Day – Angebote auf allen Ebenen

Neuland war auch die Einführung eines Global Village Day zwischen beiden Kongresstagen. Hier gestalteten sechzehn Mitgliedsorganisationen teils höchstinteressante Sessions selbst. Beispielhaft sei hier Gastgeber BOS genannt, dessen hochkarätiges Tagesprogramm zwei Hauptthemen der KFO aufnahm: technische Entwicklungen und patientenbezogene Forschung. Die Dres. David Birnie und Nigel Harradine (Vorkongress DGKFO 2015) beleuchteten praxisrelevant digitale KFO von App bis 3-D-Diagnostik, -Scan und -Print. Die meisten dentalen Apps werden einen Monat nach Download nur noch von 1% der User genutzt, der TheraMon®-Sensor in KFO-Geräten hingegen wirkt positiv motivierend aufgrund der Rückkopplung mit dem Arzt. Dr. Vincent Kokich Jr. konzentrierte sich auf die optimierte anteriore Ästhetik als Hauptkriterium aus Patientensicht. Schritt für Schritt vollzog er interdisziplinäre Planung und Therapie quasi als Backward Planning nach, ausgehend vom gewünschten Ergebnis. Ähnlich gut besucht waren auch die Vorträge der dänischen Gesellschaft. Bei Professorin Inger Kjaer zur Frage nach Ursachen und Vorhersagbarkeit von Wurzelresorptionen oder im Parallelprogramm für über 1.000 KFO-Assistenten und Techniker bei Dr. Marco Rosa (Vorgehen bei Nichtanlage seitlicher Schneidezähne) reichten die zahlreichen Sitzplätze nicht einmal aus.

Deutsche Kieferorthopädie präsentiert sich vielseitig

Die deutschen Kieferorthopäden demonstrierten ein weites Spektrum im Ländervergleich: Prof. Dr. Sabine Ruf thematisierte ausgeprägte Klasse II-Malokklusionen im Hinblick auf die psychosoziale Entwicklung betroffener Kinder (bei Klasse II/1 und Overjet über 4mm). Hier kann frühe KFO-Therapie Abhilfe schaffen, wobei das Selbstwertgefühl dennoch im Vergleich geringer bleibt. 3-D-Analysen belegten zudem eine Verbesserung der Atemwege und des Sauerstoffgehalts im Blut. Eine frühere funktionelle Behandlung scheint bessere skelettale Effekte zu bringen. In weiteren Vorträgen des Hauptprogramms zeigte u.a. Prof. Dr. Dirk Wiechmann Arbeit und Ergebnisse individueller Lingualapparaturen, während die aktuellen Möglichkeiten und Fragen zu skelettalen Verankerungen von Prof. Dr. Benedict Wilmes und Dr. Björn Ludwig diskutiert wurden. Im Rahmen der DGKFO-Session des Global Village Day sprach Dr. Nico Bock zu White-Spot-Läsionen. So zeigen männliche Patienten, behandelt in der Pubertät, und stark übergewichtige Patienten ein erhöhtes Risiko für WSL. Dr. Christian Kirschneck stellte ein „Rattenmodell“ vor, das valide Daten zur Erforschung von Zahnbewegungen (u.a. bei möglicher 3-D-Diagnostik) liefert, bei Gesunderhaltung des Versuchstieres. Weitere Referenten waren Dr. Christoph Reichert (Knochenersatzmaterialien in der KFO), Dr. Julia von Bremen (JIA-Effekte auf die kraniofaziale Morphologie und KFO-Therapie) sowie Dr. Michael Wolf (HMGB1 – Ziel in der Biologie der Zahnbewegung.) In der Session der European Federation of Orthodontics (FEO) fokussierte Prof. Dr. Bärbel Kahl-Nieke auf das „forgotten joint“ – das Kiefergelenk bei JIA. Dr. Kirschneck thematisierte den Nikotin-induzierten Knochenverlust.

Gesellschaftsabende zwischen Dinos und Wachsfiguren

Exklusiv war das Begleitprogramm in besonderen Lokalitäten. Die „International Reception“ in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett war das Stelldichein der internationalen Kieferorthopädie am Montag, während am Dienstag die Presidents Reception unter Dinosauerierskeletten im Natural History Museum vom amtierenden WFO-Präsidenten Prof. Dr. Roberto Justus abgehalten wurde. Seine Amtszeit endete mit der Übergabe des Amtes an den ersten Briten, Dr. Allan Thom, am Mittwoch. Der krönende Abschluss des kieferorthopädisch inspirierenden Kongresses und vieler kollegialer Gespräche war das Galadiner im Old Billingsgate Market am letzten Abend. Gastland für den 9. IOC in 2020 ist übrigens Japan, Veranstaltungsort wird dann Yokohama sein.

Foto: © Dan Burman
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