Branchenmeldungen 15.01.2026

Alterszahnmedizin: Von internationaler Expertise für die eigene Praxis profitieren

In Köln findet Anfang Mai 2026 ein ganz besonderer Kongress statt: der 36. Jahreskongress des European College of Gerodontology (ECG). Gastgeberin ist in diesem Jahr die Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie der Uniklinik Köln.

Alterszahnmedizin: Von internationaler Expertise für die eigene Praxis profitieren

Foto: Michael Wodak, Uniklink Köln

Zudem kooperieren mehrere renommierte Fachgesellschaften, darunter die Deutsche Gesellschaft für Alterszahnmedizin (DGAZ) und die European Geriatric Medicine Society (EUGMS); auch die Japanese Society of Gerodontology (JSG) entsendet internationale Referentinnen und Referenten.

Prof. Dr. Dr. Greta Barbe, Direktorin der Poliklinik, gibt im Interview einen Einblick in die Besonderheiten dieses Kongresses – und spricht eine herzliche Einladung an alle Interessierten aus.

Frau Prof. Barbe, Fortbildungen zur Alterszahnmedizin gibt es heute zum Glück ja viele, auch ein eigenes Curriculum. Was ist das Besondere an diesem Kongress des ECG?

Prof. Dr. Dr. Greta Barbe: Das Besondere an diesem ECG-Kongress ist seine internationale Ausrichtung. Während Fortbildungen zur Alterszahnmedizin heute vielfältig sind, bietet dieser Kongress die Möglichkeit, Erfahrungen und Impulse aus Europa, Deutschland und aus dem asiatischen Raum zusammenzubringen. Diese Regionen zeigen eindrucksvoll, wie Alterszahnmedizin in stark alternden Gesellschaften organisiert und weiterentwickelt wird in Lehre, Forschung und Krankenversorgung. Gleichzeitig präsentieren wir den aktuellen Stand der deutschen Forschung und freuen uns über zahlreiche renommierte Referentinnen und Referenten aus dem In- und Ausland. So entsteht ein fachlich hochklassiger Austausch, der unterschiedliche Perspektiven vereint und dennoch praxisnah bleibt. Wir in Köln sind sehr dankbar, dass nationale wie internationale Gäste weite Wege auf sich nehmen, um diesen Dialog möglich zu machen.

Einladung an alle, die ältere Menschen versorgen

Das Programm bietet ja ein breites Spektrum von Themen – von der Epidemiologie bis zu konkreten Behandlungssettings und Therapieoptionen. An wen richtet sich der Kongress? An die Spezialisten? Oder an jede interessierte Zahnärztin/jeden interessierten Zahnarzt? Auch an Studierende?

Prof. Dr. Dr. Greta Barbe: Der Kongress richtet sich ganz bewusst nicht nur an ausgewiesene Spezialistinnen und Spezialisten der Alterszahnmedizin, sondern an alle, die an der Versorgung älterer Menschen beteiligt sind. Eingeladen sind zahnärztliche Kolleginnen und Kollegen aus Forschung, Lehre und der täglichen klinischen Versorgung – ebenso wie das gesamte zahnärztliche Team und Studierende, die früh Einblicke in dieses wichtige und zukunftsträchtige Themenfeld gewinnen möchten.

Weil die Alterszahnmedizin ein ausgesprochen vielschichtiges und interdisziplinäres Gebiet ist, freuen wir uns zudem sehr über Teilnehmende aus anderen Gesundheitsberufen, die in die Betreuung älterer Patientinnen und Patienten eingebunden sind. Dieser multiprofessionelle Austausch bringt sicher wertvolle Perspektiven und praxisnahe Impulse – gerade auch für den niedergelassenen Bereich.

Besonders am Herzen liegt uns, dass auch junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Raum bekommen: Für sie wird der ECG-Nachwuchspreis ausgeschrieben, und sie haben die Möglichkeit, eigene Posterbeiträge einzureichen und ihre Forschung international sichtbar zu machen, aber auch sich im entspannten Rahmen zu vernetzen.

Neben der Deutschen Gesellschaft für Alterszahnmedizin (DGAZ), die das Programm mitgestaltet, ist auch die European Geriatric Medicine Society (EUGMS) mit an Bord. In Deutschland wird häufig beklagt, dass die Geriater die Zahnmedizin zu wenig in den Blick nehmen. Ist das auf europäischer Ebene anders?

Prof. Dr. Dr. Greta Barbe: Ich denke, es besteht nach wie vor Entwicklungspotenzial in der Zusammenarbeit zwischen Geriatrie und Zahnmedizin – das gilt sowohl national als auch international. Gleichzeitig zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass sich in den letzten Jahren einiges bewegt hat. Auf europäischer Ebene entstehen durch Initiativen wie das COST-Programm wichtige wissenschaftliche Netzwerke, die den interdisziplinären Austausch gezielt fördern und Forschung zu Altersthemen bündeln. Auch im Umfeld der EuGMS wächst das Bewusstsein dafür, dass orale Gesundheit ein zentraler Bestandteil der Gesamtgesundheit älterer Menschen ist.

National sehen wir ähnliche Entwicklungen: Themen der Zahnmedizin finden zunehmend Eingang in den Deutschen Geriatriekongress, und mit dem Expertenstandard „Mundgesundheit in der Pflege“ wurden wertvolle strukturelle Brücken zwischen Pflege, Medizin und Zahnmedizin geschaffen. Besonders erfreulich ist, dass die Bedeutung der Mundhöhle – insbesondere über Kaufunktion, Ernährung und inflammatorische Prozesse – immer stärker als relevanter Faktor für die systemische Gesundheit älterer Patientinnen und Patienten verstanden wird.

Natürlich gibt es immer weiteren Platz für intensivere Kooperation, aber die Richtung stimmt: Die Mundgesundheit älterer Menschen wird als gemeinsames Handlungsfeld erkannt, und die interprofessionelle Zusammenarbeit entwickelt sich stetig weiter.

Kooperation von Medizin und Zahnmedizin nimmt zu

Ein Thema des Kongresses ist die Ausbildung sowohl von Medizinern als auch Zahnmedizinern im Bereich Geriatrie/Alterszahnmedizin. Die Alterszahnmedizin ist mit der neuen Approbationsordnung in Deutschland nun auch Teil der universitären Ausbildung in der Zahnmedizin. Sind die Universitäten darauf ausreichend vorbereitet? Kann der geforderte Wissenstransfer zwischen Medizin und Zahnmedizin geleistet werden?

Prof. Dr. Dr. Greta Barbe: Die Universitäten sind gut vorbereitet. Zwar ist die Aufnahme der Alterszahnmedizin in die neue Approbationsordnung in einem Querschnittsbereich formal neu, doch der demografische Wandel und der damit verbundene Handlungsbedarf sind seit Jahren klar beschrieben – etwa durch die Mundgesundheitsstudien. Entsprechend hatten die Fakultäten ausreichend Zeit, Lehrinhalte anzupassen und Strukturen zu schaffen. Viele zahnmedizinische Konzepte sind nicht neu, müssen jedoch auf Multimorbidität und Pflegesituationen übertragen werden. Die aufsuchende Betreuung zu Hause und im Heim beziehungsweise das Erreichen dieser Gruppen und hier funktionierende Konzepte zu schaffen, gewinnt sicher dabei an Bedeutung.

Der geforderte Wissenstransfer zwischen Medizin und Zahnmedizin gelingt in der Lehre vor allem dort gut, wo im Querschnittsbereich „Altern“ echte interprofessionelle Lernformate entstehen. Diese Vernetzung zwischen Zahnmedizin, Geriatrie und Pflege erlebe ich sehr konstruktiv. Wichtig bleibt, dass Ausbildende selbst auf dem aktuellen Stand sind und Studierende aktiv in interdisziplinäre Versorgungsrealitäten – etwa in betreuten Pflegeeinrichtungen – einbinden. Ich möchte gerade junge Kolleginnen und Kollegen ermutigen, diese Schnittstellen im Rahmen von Famulaturen oder Promotionen vertieft zu nutzen.

Zugleich wächst auch das Interesse von Humanmedizinstudierenden und Pflegewissenschaftlerinnen und Pflegewissenschaftlern an Themen der Mundgesundheit. Der Austausch verläuft daher zunehmend wechselseitig und entwickelt sich bereits sehr konstruktiv. Die Session der EUGMS widmet sich genau dieser Frage: Welche Lehrinhalte sind aus Sicht beider Disziplinen unverzichtbar und wie kann die Ausbildung so gestaltet werden, dass Medizin und Zahnmedizin optimal voneinander profitieren im Sinne funktionierender Versorgung?

Von den Erfahrungen in Japan profitieren

Japan gehört zu den Industrieländern mit der ältesten Bevölkerung und sehr vielen hochbetagten Menschen. Auch aus Japan werden Gäste nach Köln kommen und eine ganze Vortragssession am Samstag bestreiten. Ein besonderes Highlight?

Prof. Dr. Dr. Greta Barbe: Japan setzt sich seit vielen Jahrzehnten intensiv mit den Folgen des demografischen Wandels auseinander und verfügt über breite Erfahrung in der Versorgung hochbetagter Menschen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Mundgesundheit. Neben der bekannten 8020-Bewegung, die das Ziel verfolgt, mit 80 Jahren noch 20 eigene Zähne zu besitzen, arbeitet Japan mit umfassenden Public-Health-Konzepten, die nicht einzelne Erkrankungen, sondern die gesamte orale Funktion in den Blick nehmen – also Kaufähigkeit, Schluckfunktion, muskuläre Aktivität und deren Bedeutung für Ernährung und systemische Gesundheit.

Programme wie das ‚Oral Function Management‘ oder Ansätze zur Prävention von Frailty zeigen sehr eindrucksvoll, wie ganzheitlich Mundgesundheit in Japan, auch im Public Health Sector, gedacht wird. Gerade dieser funktionelle, interdisziplinäre Ansatz bietet wertvolle Impulse für Deutschland. Ein solcher Blick „von außen“ eröffnet Perspektiven, die hierzulande nicht überall in dieser Tiefe verfügbar sind.

Hochkarätige Sprecher und viel Gelegenheit zum Austausch

Warum sollten Zahnärztinnen und Zahnärzte zum Kongress nach Köln kommen und auf was freuen Sie sich persönlich am meisten?

Prof. Dr. Dr. Greta Barbe: Zum einen ist Köln eine tolle Stadt für einen Besuch, in der man es sich gerade im Mai besonders gutgehen lassen kann. Unser geselliger Abend bietet zahlreiche Möglichkeiten, bei einem Kölsch unkompliziert miteinander ins Gespräch zu kommen, zu diskutieren und eigene neue Ideen zu generieren. Zum anderen haben wir eine außergewöhnliche Dichte an hochkarätigen Sprecherinnen und Sprechern, diese bei uns in Köln willkommen zu heißen, freut und ehrt uns wirklich sehr.

36. Jahreskongress des European College of Gerodontology

  • 8. und 9. Mai 2025, Köln
  • Tagungsort: Leonardo Royal Hotel Köln
  • Gastgeber: Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie der Uniklinik Köln

Weitere Informationen zum Programm, zum ECG Research Award und zu den Poster-Präsentationen (Anmeldefrist für beides ist der 1. Februar 2026) und zur Anmeldung gibt es auf der Internetseite des Kongresses.

Erstveröffentlichung bei „Quintessence News“ am 1. Dezember 2025. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Quintessenz Verlags, Berlin.

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