Branchenmeldungen 18.05.2026
„Unternehmerische Verantwortung beginnt dort, wo Entscheidungen langfristig wirken“
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Herr Weiss, Sie führen die BEGO Unternehmensgruppe als Inhaber und CEO. Was bedeutet unternehmerische Verantwortung für Sie heute, jenseits von Umsatz und Marktanteilen?
Christoph Weiss: Unternehmerische Verantwortung beginnt für mich dort, wo Entscheidungen langfristige Wirkung entfalten. Es geht darum, Stabilität für Mitarbeitende, Kunden und Partner zu schaffen und dabei verlässlich zu bleiben, auch wenn das Umfeld unruhiger wird. Für Praxen und Labore ist das kein abstrakter Wert, sondern die Grundlage für Planungssicherheit. Unser Anspruch bei BEGO ist deshalb, nicht nur wirtschaftlich solide zu handeln, sondern auch technologisch und partnerschaftlich verantwortungsvoll.
Die Dentalbranche gilt als vergleichsweise stabil. Spüren Sie dennoch eine wachsende Unsicherheit durch politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen?
Christoph Weiss: Ja, diese Unsicherheit ist spürbar, auch in einer insgesamt robusten Branche. Sie entsteht weniger aus einem einzelnen Faktor, sondern aus der Summe von Kostenentwicklung, geopolitischen Spannungen und regulatorischer Dichte. Für Praxen und Labore bedeutet das, dass Investitionen genauer abgewogen werden und Verlässlichkeit im Alltag an Bedeutung gewinnt. Genau deshalb setzen wir auf Lösungen, die nicht nur innovativ sind, sondern im täglichen Einsatz überzeugen.
Wo sehen Sie aktuell die größten Risiken für mittelständische Unternehmen in Deutschland?
Christoph Weiss: Ich sehe die größten Risiken in einer Kombination aus hoher Regulierung, steigenden Kosten und langsamen Entscheidungsprozessen. Mittelständische Unternehmen brauchen Freiraum, um zu investieren, zu entwickeln und auch einmal schneller zu reagieren. Für unsere Kunden hat das direkte Folgen, weil sich Innovationskraft und Versorgungssicherheit nicht vom wirtschaftlichen Umfeld trennen lassen. Unser Ansatz ist deshalb, Stabilität aus eigener Stärke zu schaffen, durch Qualität, Fertigungskompetenz und klare Prioritäten.
Erleben Sie politische Entscheidungsprozesse in Europa derzeit eher als Chance oder zunehmend als Standortnachteil?
Jonathan Weiss: Europa ist für uns zunächst einmal ein wichtiger Ordnungsrahmen und ein großer gemeinsamer Markt. Das ist grundsätzlich eine Chance, wenn Regeln nachvollziehbar, konsistent und praxisnah ausgestaltet sind. Zum Nachteil wird es dort, wo Prozesse zu langsam werden oder die Realität von Unternehmen und Anwendern zu wenig berücksichtigen. Ich wünsche mir deshalb ein Europa, das Sicherheit und Innovationsfähigkeit nicht gegeneinander ausspielt.
Wo wünschen Sie sich von der Politik mehr Pragmatismus und wo ganz konkret mehr Mut?
Jonathan Weiss: Mehr Pragmatismus wünsche ich mir überall dort, wo gute Lösungen an überkomplexen Anforderungen scheitern. Mehr Mut wünsche ich mir bei der Frage, wie wir industrielle Wertschöpfung in Deutschland und Europa aktiv sichern wollen. Für Praxen und Labore ist das relevant, weil Versorgung, Qualität und Verfügbarkeit nicht selbstverständlich sind. Wir brauchen Entscheidungen, die Machbarkeit und Verantwortung zusammenbringen.
Der Implantatmarkt ist hart umkämpft. Worin liegt aus Ihrer Sicht der entscheidende Mehrwert für Kundinnen und Kunden, sich für BEGO zu entscheiden?
Jonathan Weiss: Der Implantatmarkt ist heute stark differenziert, zugleich steigen die Erwartungen an Sicherheit, Effizienz und klinische Verlässlichkeit. Für Anwender zählt deshalb nicht die lauteste Botschaft, sondern ein System, das im Alltag funktioniert und wirtschaftlich sinnvoll bleibt. Unser Mehrwert liegt in einem durchdachten Zusammenspiel aus Implantologie, Prothetik und digitalem Workflow. Wir wollen Lösungen bieten, die Praxen und Labore nicht zusätzlich belasten, sondern konkret entlasten.

Langjährige Partnerschaft und generationsübergreifender Austausch: Christoph Weiss (links im Bild), geschäftsführender Gesellschafter der BEGO Unternehmensgruppe, im Gespräch mit Lutz Hiller, Vorstand der OEMUS MEDIA AG, sowie Jonathan Weiss (rechts im Bild), Vice President Business Development / General Management bei BEGO USA. Foto: OEMUS MEDIA AG
Wie wichtig sind Verlässlichkeit, Fertigungstiefe und der Standort Bremen heute noch als Argumente, gerade im internationalen Vergleich?
Christoph Weiss: Verlässlichkeit ist für mich kein weicher Faktor, sondern eine harte Leistungszusage. Fertigungstiefe schafft Kontrolle über Qualität, Prozesse und Reaktionsfähigkeit, gerade in anspruchsvollen Märkten. Der Standort Bremen steht dabei für Erfahrung, industrielle Kompetenz und eine klare Haltung zu Qualität Made in Germany. Für unsere Kunden bedeutet das, dass sie sich auf gleichbleibende Standards und belastbare Partnerschaft verlassen können.
Hat sich der Anspruch der Anwenderinnen und Anwender in den vergangenen Jahren verändert? Und wie reagiert BEGO darauf?
Christoph Weiss: Ja, der Anspruch ist klarer und zugleich umfassender geworden. Anwender erwarten heute nicht nur ein gutes Produkt, sondern einen funktionierenden Gesamtprozess mit nachvollziehbarem Nutzen. Für Praxen und Labore heißt das, dass Zeit, Wirtschaftlichkeit und klinische Sicherheit gemeinsam betrachtet werden. Unser Ansatz ist deshalb, nicht in Einzelkomponenten zu denken, sondern in Lösungen, die in der täglichen Realität Bestand haben.
Im vergangenen Jahr haben Sie mit dem Semados® Conical Connection-System ein neues Implantatportfolio vorgestellt. Was war der Auslöser für diesen Entwicklungsschritt und ist das neue System eher Evolution oder ein bewusster strategischer Schnitt?
Christoph Weiss: Für mich ist es eine konsequente Weiterentwicklung mit strategischer Relevanz. Wir beobachten im Markt seit Jahren den Wunsch nach Verbindungen, die biologische, prothetische und prozessuale Anforderungen noch besser zusammenführen. Für Anwender bedeutet das eine Lösung, die an bestehende Erfahrungen anknüpft und zugleich neue Anforderungen aufnimmt. Unser Ansatz war deshalb nicht ein Bruch um des Bruchs willen, sondern eine gezielte Weiterentwicklung mit klarem Nutzenbezug.
Wenn Sie nach vorn schauen, wird das Implantat der Zukunft eher einfacher oder technologisch noch komplexer?
Jonathan Weiss: Aus Sicht des Anwenders sollte es einfacher werden, auch wenn die Entwicklung im Hintergrund komplex bleibt. Gute Technologie zeigt ihre Qualität nicht darin, dass sie mehr erklärt werden muss, sondern dass sie sicher und effizient anwendbar ist. Für Praxen und Labore bedeutet das weniger Reibung in Prozessen und mehr Verlässlichkeit in der Umsetzung. Ich glaube deshalb, dass die Zukunft in durchdachter Vereinfachung liegt.
BEGO kommt ursprünglich aus der Zahntechnik. Welche Rolle spielt das Labor heute noch in Ihrer strategischen Ausrichtung?
Christoph Weiss: Das Labor spielt eine zentrale Rolle, gerade weil Versorgung heute individueller, digitaler und anspruchsvoller geworden ist. Technik allein ersetzt nicht die Erfahrung, das Verständnis für Funktion und die Fähigkeit, patientenspezifische Lösungen umzusetzen. Für die Praxis bleibt das Labor ein entscheidender Partner in der Qualität der Versorgung. Unser Verständnis bei BEGO ist daher, beide Seiten so miteinander zu verbinden, dass echte Zusammenarbeit entsteht.
Wie wichtig ist individuelle Implantatprothetik in einer Zeit zunehmender Standardisierung und digitaler Workflows?
Jonathan Weiss: Standardisierung ist wichtig, weil sie Prozesse stabiler und effizienter macht. Aber sie ersetzt nicht die Notwendigkeit individueller Lösungen dort, wo anatomische, funktionelle oder ästhetische Anforderungen es erfordern. Für Praxen und Labore liegt der Nutzen darin, beides sinnvoll zu verbinden, Standards im Ablauf und Individualität in der Versorgung. Genau in diesem Zusammenspiel sehen wir einen wesentlichen Mehrwert moderner Implantatprothetik.
Welche strategischen Themen werden BEGO in den kommenden fünf Jahren besonders prägen?
Christoph Weiss: Die nächsten Jahre werden aus meiner Sicht von drei Themen geprägt sein, klinisch sinnvolle Digitalisierung, belastbare Partnerschaft mit unseren Kunden und industrielle Resilienz. Für Praxen und Labore wird entscheidend sein, dass neue Möglichkeiten nicht mehr Komplexität erzeugen, sondern bessere Versorgung und effizientere Abläufe ermöglichen.
Jonathan Weiss: Unser Fokus liegt deshalb auf Lösungen, die technologisch anschlussfähig und zugleich wirtschaftlich tragfähig sind. Hinzu kommt für uns die Aufgabe, Qualität und Fertigungskompetenz am Standort weiter zu stärken.
Was müssen junge Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie Zahntechnikerinnen und Zahntechniker heute mitbringen, um langfristig erfolgreich zu sein?
Jonathan Weiss: Fachliche Kompetenz bleibt die Grundlage, aber sie allein reicht nicht mehr aus. Wichtig sind Lernbereitschaft, ein offener Umgang mit digitalen Prozessen und das Verständnis für interdisziplinäre Zusammenarbeit. Für Praxis und Labor wird es immer wichtiger, Schnittstellen zu verstehen statt nur den eigenen Ausschnitt. Wer Technik mit klinischem oder handwerklichem Urteilsvermögen verbindet, ist sehr gut aufgestellt.
Und zum Schluss persönlich gefragt: Was treibt Sie nach so vielen Jahren an der Spitze des Unternehmens weiterhin an?
Christoph Weiss: Mich treibt die Frage an, wie wir Substanz bewahren und zugleich Entwicklung ermöglichen. Ich finde es spannend, ein Unternehmen mit langer Geschichte so weiterzuentwickeln, dass es auch in Zukunft für Kunden ein verlässlicher Partner bleibt. Dabei geht es für mich nicht um kurzfristige Wirkung, sondern um Entscheidungen, die langfristig tragen. Genau dieser Anspruch macht die Aufgabe nach wie vor sehr reizvoll.
Vielen Dank für die Einblicke und das Gespräch.