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Branchenmeldungen 03.04.2020

Pinzgau: „Bei uns kommt nichts von den Schutzmasken an“

Pinzgau: „Bei uns kommt nichts von den Schutzmasken an“

Schutzausrüstung Mangelware in Österreich? Laut offiziellen Stellen nicht, schließlich laufen große Beschaffungsaktionen. Doch in Wahrheit kommt bei den Praxen so gut wie nichts an, wie ZWP online aus erster Hand in Erfahrung bringen konnte. Ein Kassenzahnarzt aus dem Pinzgau schilderte uns exklusiv, wie es derzeit wirklich um die Zahnarztpraxen bestellt ist.

Die Salzburger Landesregierung hatte am 10.3.2020 zusammen mit der Österreichischen Zahnärztekammer in den Medien verkündet, dass sie alle Arztpraxen mit den nötigen Schutzausrüstungen gratis ausstatten würde und die Verteilung derzeit laufe. Auch die oberösterreichische Landesregierung (ZWP online berichtete) hatte Zusicherungen gemacht. Also, kein Grund zur Sorge? Leider doch.

Schutzmasken für alle?

Wie unser Interviewpartner erklärte, lief die Verteilung Mitte März wie folgt: In den Gauen (Pinzgau, Lundgau, Flachgau, Tennengau, Stadt Salzburg) wurde je eine Ordination ausgewählt, die stellvertretend für alle Kollegen in der Gegend beliefert wurde. Die Praxen sollten sich dort telefonisch zur Abholung anmelden. So die Theorie.

Im Fall unseres Zahnarztes lief es leider anders: „In der Ordination im Pinzgau war dauerhaft der Anrufbeantworter ohne Messagefunktion eingeschaltet, also keiner erreichbar. Wir sind dann einfach ohne Voranmeldung hingefahren, man öffnete uns und übergab uns eine Packung mit 10 Masken 3M 8710E FFP1! Auf meine Rückfrage bei der Standesvertretung hieß es lapidar, mehr und bessere hätten sie nicht bekommen. Die Masken sind aus dem Jahr 2009, also elf Jahre alt, und mit Gummibändern. Ich habe sie nicht geöffnet, ich weiß also nicht, ob sie porös sind. Anmerkung: Laut RKI sind bei Aerosolen zudem FFP3 vorgeschrieben.“

Wie kritisch ist damit Ihr derzeitiger Zustand? Ist die zahnmedizinische Versorgung Ihrer Patienten in Gefahr?

„Wir sind nur mit den oben besagten 10 Stück FFP1-Masken ausgerüstet worden und haben sonst nur aus dem eigenen Lager OP-Masken ohne FFP-Schutz, also MNS. Wir haben zum Feuchtigkeitsschutz der MNS-Masken über diese selbstgenähte Schutzmasken aus OP-Tuch im Einsatz. Diese halten die Durchfeuchtung von außen ab. Die Ordination hat genug OP-Wäsche und Hauben und können uns daher zumindest damit gut selbst ausrüsten. Dies geht aber nur als Mehrweg, d.h., mit großer Vorsicht werden die OP-Wäschestücke dauernd gewaschen.

Einmalkleidung gibt es keine zu kaufen, auch Handschuhe sind derzeit kaum zu bekommen. Desinfektionsmittel hat eine Lieferzeit von mindestens acht Wochen, die Apotheken mischen, sofern sie Alkohol im Einkauf bekommen, selbst ab. Auf den benötigten Alkohol wurde rückwirkend Alkoholsteuer vom Staat aufgeschlagen und damit zusätzlich eine Verteuerung geschaffen. Ein Liter kostet derzeit knapp 35 Euro.“

Haben Sie etwas vonseiten Ihrer Kollegen gehört? Ist die Lage dort ähnlich?

„Es geht hier im Pinzgau vermutlich allen gleich. Wenn wir uns zusammenrufen, klingt meist die Sorge durch, wie es weitergehen soll. Die meisten haben geschlossen, die Assistentinnen haben auch Angst und wollen verständlicherweise schlecht geschützt nur ungern arbeiten. Für uns hat die Regierung bisher nichts, außer die Corona-Kurzarbeit, anzubieten. Laut Standesvertretung und Steuerberater fallen wir durch alle Roste durch. Einzig die Stundung der Sozialabgaben und der Steuervorauszahlung kann man beantragen und hoffen, dass sie zinsfrei gemacht wird. Das ist nur ein Goodwill und nicht gesetzlich geregelt!“

Aber wo landen denn dann die ganzen Materialien, haben Sie eine Idee?

„Wie es für uns aussieht, bekommen alle Sachen die Krankenhäuser. Selbst die Gemeinden und Exekutive scheinen nur unzureichend ausgestattet zu werden. Dramatisch, wenn man ein Altersheim und Essen auf Rädern betreiben muss.“

Wie sieht die Unterstützung generell aus? Wie werden Sie durch die Corona-Krise begleitet?

„Die Unterstützung hält sich sehr in Grenzen, als Kassenarzt habe ich bisher keine Informationen vonseiten der Behörde erhalten. Zu all dem sind in Pinzgau nun zwei Gebiete seit 1. April 2020 Quarantänegebiet. Selbst diese Information erhielt die lokale Politik und Exekutive anscheinend nur aus den Medien. Unsere Ausfallversicherungen werden vermutlich nicht greifen, da wir ja laut offizieller Seite arbeiten könnten. Es wurde bisher kein allgemeines Verbot ausgesprochen. Für den persönlichen Schutz unserer Mitarbeiter/-innen und uns selbst müssen wir zurzeit also selbst Sorge tragen. Die Regierung schickt uns niedergelassenen (Zahn-)Ärzten bisher nichts zu. Man kann nur hoffen, dass sich dies bald ändert.“

Wie sieht es mit finanzieller Unterstützung der Ordinationen aus?

„Uns wurde nie angekündigt, dass wir Ausgleichszahlungen erhalten könnten von den Krankenkassen oder vom Staat. Die Milliardenhilfe an Direktzahlungen ist nur von Menschen beantragbar, die letztes Jahr höchstens rund 33.000 Euro brutto verdient haben! Praxen haben ein Vielfaches an Fixkosten in Österreich. Für uns bleibt derzeit also nur von den (hoffentlich vorhandenen) Reserven die laufenden Kosten zu bezahlen oder bei der Hausbank vorzusprechen.“

Vielen herzlichen Dank für das offene Gespräch. Wir wünschen Ihnen vor allem in diesen Krisenzeiten alles Gute für die Zukunft und bleiben Sie gesund!

Foto Teaserbild: interpas – stock.adobe.com

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