Branchenmeldungen 22.10.2021

Sucht- und Genussmittel: „Zu viel“ zeigt sich an den Zähnen

Sucht- und Genussmittel: „Zu viel“ zeigt sich an den Zähnen

Foto: contrastwerkstatt – stock.adobe.com

Der Konsum von Suchtmitteln ist weiter verbreitet als oft angenommen: Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit rauchen zwölf Millionen Menschen, 1,6 Millionen Menschen sind abhängig von Alkohol sowie etwa 2,3 Millionen Menschen von Medikamenten – und das alleine in Deutschland. Rund 600.000 Menschen weisen außerdem einen problematischen Konsum von Cannabis und anderen illegalen Drogen auf.1 Doch auch alltägliche Genussmittel wie Kaffee oder Softdrinks machen sich an den Zähnen bemerkbar. Praxisteams sollten daher über einschlägige Kenntnisse zu Folgen des Konsums, möglichen Wechselwirkungen und zum Umgang mit diesen besonderen Patienten verfügen.

#1: Rauschdrogen

Heroin und Methadon sind Opioide, wobei Letzteres therapeutisch unter anderem als Analgetikum in der Rehabilitation nach Verletzungen oder Operationen verordnet wird. Aufgrund ihrer mitunter euphorischen Wirkung haben sie auch ein gewisses Suchtpotenzial und können im Drogenkonsum missbraucht werden.2 Oral verabreichtes Methadon hat einen hohen Zuckergehalt, der grassierende Karies verursachen kann. Heroin dagegen kann, wie auch Amphetamine und Ecstasy, Thrombozytopenie bedingen – mit möglichen Folgewirkungen auf die Hämostase.3

Als Folge eines starken Konsums von Methamphetamin („Crystal Meth“), ist umgangssprachlich auch der sogenannte Meth-Mund (engl. Meth mouth) bekannt.4 Ein Meth mouth bezeichnet die Kombination mehrerer Symptome, die ähnlich auch bei Kokainmissbrauch auftreten können:5, 6

  • Grassierende Karies 
  • Gingivitis und Parodontitis
  • Xerostomie
  • Bruxismus und 
  • Trismus7

LSD (Lysergsäurediethylamid) ist eine halluzinogene Droge, die die Inzidenz von Bruxismus erhöhen und mit einer Kiefergelenkdysfunktion in Verbindung gebracht werden kann. Zahnärzte sollten sich außerdem bewusst sein, dass Stresssituationen bei diesen Patienten unter Umständen Panikattacken auslösen können.3 

Auch bei regelmäßigem Konsum von Kokain sind ein erhöhtes Risiko für Ischä­mie sowie eine erhöhte Inzidenz von Zahnkaries zu beobachten.3 Neben LSD und Cannabis hat auch Kokain eine sympathomimetische Wirkung und kann die systemischen Auswirkungen von Adrenalin in dentalen Lokalanästhetika verstärken.8 Aus diesem Grund sollte der Adrenalinzusatz bei diesen Patienten reduziert werden.3 Da es sich um illegale Drogen handelt, werden diese Wechselwirkungen in Fachinformationen wie z. B. bei Ultracain® D-S 1:200.000 nicht aufgeführt. So hemmt beispielsweise Kokain vor allem den Noradrenalin-, aber auch den Adrenalinabbau.9 Dadurch kann es zu lebensbedrohlichen Hochdruckkrisen kommen. Zu beachten ist außerdem, dass es bei diesen Patienten oft schwierig ist, eine ausreichende Anästhesietiefe zu erzielen.10

In den letzten Jahren ist auch der Lösungsmittelmissbrauch in die Schlagzeilen geraten. Dadurch erhöht sich das Risiko für Krämpfe. Eine Reduzierung der Dosis adrenalinhaltiger Lokalanästhetika wird bei diesen Patienten empfohlen, da Lösungsmittel das Myokard für Katecholamine sensibilisieren können.3 Bei Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen liegen möglicherweise Kontraindikationen für Adrenalin vor. Zahnärzte können hier auf ein ­Lokalanästhetikum ohne Vasokonstriktor zurückgreifen, z. B. Ultracain® D ohne Adrenalin.11 Auch bei anabolen Steroiden kann die systemische Wirkung des Adrenalins verstärkt werden und zudem die Blutgerinnung gestört sein. Der Konsum leistungssteigernder Mittel sollte daher abgefragt werden.3 

#2: Alkohol

Zahlreiche Studien konnten bereits belegen, dass ein übermäßiger Alkoholkonsum mit einem erhöhten Risiko für Parodontitis assoziiert ist. Alkoholkranke Patienten weisen im Vergleich zu Gesunden eine mangelhafte Mundhygiene auf. In Kombination mit Rauchen verschlechtert sich die allgemeine Mund­gesundheit noch einmal signifikant gegenüber Nichtrauchern.13 Aus zahnärztlicher Sicht sollte daher allen alkoholkranken Patienten die Optimierung der grundlegenden Mundhygiene ans Herz gelegt und der Zugang zu professioneller zahnärztlicher Versorgung gefördert werden, um so Erkrankungen der Mundhöhle zu reduzieren.13 

Wann sollte das Praxisteam wachsam sein? Ein Alkoholmissbrauch sollte dann vermutet werden, wenn die Person nach Alkohol riecht oder einen Tremor hat, der auf einen Entzug zurückzuführen sein könnte.3 Es sollte auch die Tageszeit beachtet werden, da Personen mit Alkoholabhängigkeit häufig bereits früh am Morgen trinken, um auftretende Entzugserscheinungen zu überwinden. Der CAGE-Fragebogen ist beispielsweise ein einfaches und nützliches Screening-Tool zur Erkennung (≥ 2 Ja-­Antworten: hohe Wahrscheinlichkeit für ein vorliegendes Alkoholproblem).3, 14

#3: Tabak

Zigaretten schädigen den Körper in vielfacher Hinsicht. Tabak verursacht Zahnverfärbungen und Mundgeruch und erhöht das Risiko für Karies sowie Tumoren im Mund- und Rachenraum ­­(wie z. B. Plattenepithelkarzinome).15 Die giftigen Inhaltsstoffe von Zigarettenrauch reichern sich im Speichel an und sind so eine dauerhafte Gefahr für Zähne und Zahnfleisch. Nikotin bewirkt beispielsweise eine Vasokonstriktion. Die Gingiva und die gesamte Mukosa werden weniger durchblutet. Dadurch wirkt das Zahnfleisch von Rauchern häufig blass und grau.16 Die Wundheilung ist bei Rauchern oft verzögert. Abhängig von der Anzahl der gerauchten Zigaretten pro Tag erhöht sich das Risiko, an Parodontitis zu erkranken, um rund zehn Prozent.16, 17 Studien zeigen einen höheren Schweregrad und ein schnelleres Fortschreiten der Parodontitis bei Rauchern. Sie verlieren mehr Zähne und sprechen weniger gut auf die Parodontitistherapie an als Nichtraucher.18 Allerdings ist bewiesen, dass einige der schädlichen Auswirkungen des Rauchens auf das Parodontalgewebe reversibel sind. Wichtig ist also, den Rauchern dringend zu einer Rauchentwöhnung zu raten.18 

Zu beobachten war in den letzten Jahren auch immer mehr ein Trend weg von Zigaretten hin zu E-Zigaretten (Vaporizern). Aktuelle Untersuchungen legen dar: Im Vergleich zu konventionellen Zigaretten kann bei E-Zigaretten von einer weniger schädlichen Wirkung auf die Mundschleimhaut ausgegangen werden – ein Risiko ist es aber dennoch.19 

#4: Koffein- und zuckerhaltige Genussmittel

Zähne werden besonders von stark zucker- und säurehaltigen Getränken angegriffen – vor allem, wenn diese zwischendurch immer wieder konsumiert werden. Die Folgen können unter anderem vermehrte Karies, vor allem Approximalkaries, sowie erosive Zahnhartsubstanzschäden sein.20 Gerade dentale Erosionen stellen insbesondere in den Industrieländern ein zunehmendes Problem dar.21, 22 Aber nicht nur Soft- und Energydrinks sind eine Herausforderung für die Zähne, sondern auch Kaffee. Der häufige Konsum von Kaffee, aber auch von Tee, Rotwein und anderen Genuss- und Nahrungsmitteln, hinterlässt Farbpartikel auf der Zahnoberfläche. Ein Teil davon dringt mit der Zeit in den Zahnschmelz ein. Bräunlich-gelb verfärbte Zähne sind die Folge. Gegen derlei extrinsische Zahnverfärbungen, die meist nur ein ästhetisches Problem darstellen, sollte das Prophylaxe-Team regelmäßig professionelle Zahnreinigungen empfehlen. 

Außerdem sollte Zahnärzten die Empfehlung bekannt sein, dass Patienten am Operationstag besser auf Kaffee verzichten. Dies dient der Vermeidung von Nachblutungen, die durch die stimulierende Wirkung des Koffeins auf das kardiovaskuläre System (unter anderem Hypertonie, Tachykardie) sowie die Vasodilatation bedingt sein können.23 Auch ein Anästhesieversagen oder frühzeitiges Nachlassen der Betäubung kann auf eine erhöhte Koffeinmenge im Blut zurückzuführen sein.24

Langfristige Nebenwirkungen von Kaffee auf das orofaziale System wurden und werden zwar immer wieder in den Raum gestellt, entbehren aber häufig einer genauen wissenschaftlichen Basis. So konnten bei statistisch durchschnittlichem Genuss kein verstärkter Bruxismus, keine iatrogen induzierte Gingivitis und Parodontitis beobachtet werden, allerdings auch keine ­positiven antibakteriellen Effekte. Bezüglich des Knochenstoffwechsels ergaben sich in diversen Studien Hinweise auf mögliche negative Effekte auf die ­Zellaktivität und die Mineralisation.23 

Mehr zu besonderen Patienten erfahren Interessierte unter: www.dental.sanofi.de/besondere-patienten 

 Autorin: Isabel Becker

Der Beitrag ist in der ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis erschienen.

Die dazugehörige Literaturliste steht hier zum Download bereit.

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