Branchenmeldungen 31.03.2026
Wenn Patient:innen nicht die Wahrheit sagen: Jede dritte Konsultation betroffen
Eine ergänzende repräsentative Patientenbefragung bestätigt die ärztliche Wahrnehmung: 31 Prozent der Menschen in Deutschland geben zu, ihren Ärzt:innen schon einmal wichtige Gesundheitsinformationen verschwiegen zu haben. Bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren ist es fast jede und jeder Zweite (45 Prozent). Das Paradox: 87 Prozent derer, die schon einmal etwas verschwiegen haben, wissen, dass dies Folgen für ihre Gesundheit haben kann – und tun es trotzdem.
Falsche Diagnosen und Vertrauensverlust: Die Folgen für die Praxis
Die medizinischen Konsequenzen sind gravierend: 34 Prozent der befragten Ärzt:innen nennen falsche oder verzögerte Diagnosen als häufigste Folge, wenn Patient:innen wichtige Informationen verschweigen. 31 Prozent berichten von Vertrauensverlust in der Arzt-Patienten-Beziehung, 30 Prozent von unwirksamen Behandlungen. 27 Prozent führen unnötige Untersuchungen und Tests durch, 26 Prozent sehen eine Verschlechterung der Erkrankung als Konsequenz. Weitere 26 Prozent warnen vor gefährlichen Wechselwirkungen zwischen Medikamenten.
Von Symptomen bis Alkohol: Welche Informationen Patient:innen verschweigen
Unter denjenigen, die schon einmal Informationen zurückgehalten haben, nennen 27 Prozent Symptome oder Beschwerden, 26 Prozent private und soziale Umstände wie Stress oder finanzielle Sorgen, 24 Prozent psychische Probleme und mentale Gesundheit. Auch Lebensstilfaktoren bleiben oft unerwähnt: Tabak- und Nikotinkonsum (17 Prozent), Gewicht (16 Prozent), Bewegungs- und Ernährungsgewohnheiten (14 bzw. 13 Prozent) sowie Alkoholkonsum (12 Prozent).
Zeitdruck und Scham: Wie Ärzt:innen Unehrlichkeit erkennen und was hilft
Wie erkennen Ärzt:innen, dass Patient:innen nicht ehrlich sind? 47 Prozent achten auf Körpersprache und Verhalten wie Nervosität, Zögern oder ausweichenden Blickkontakt. 45 Prozent bemerken es, wenn medizinische Befunde nicht zu den Angaben der Patient:innen passen. 42 Prozent registrieren widersprüchliche, vage oder ausweichende Aussagen, 40 Prozent verlassen sich auf ihre ärztliche Intuition und Erfahrung.
Nur 51 Prozent der befragten Ärzt:innen sind „eher sicher" oder „sehr sicher", dass sie Unehrlichkeit zuverlässig erkennen. 35 Prozent sind unentschieden, 13 Prozent fühlen sich unsicher oder sehr unsicher.
Die Gründe für das Schweigen sind aus ärztlicher Sicht vor allem emotionaler Natur: 34 Prozent vermuten Angst vor Verurteilung oder negativer Bewertung als Hauptmotiv, 33 Prozent nennen Scham oder Peinlichkeit. 30 Prozent gehen davon aus, dass Patient:innen die Information für nicht relevant halten. 27 Prozent vermuten, dass Patient:innen eine bestimmte Behandlung oder ein Medikament erhalten oder vermeiden wollen.
Die Patientenbefragung bestätigt dieses Bild: Unter denjenigen, die schon einmal Informationen verschwiegen haben, nennen 35 Prozent die Angst vor Verurteilung als Hauptgrund, 31 Prozent Scham, 30 Prozent die Annahme, die Information sei nicht relevant.
Ärzt:innen reagieren aktiv auf das Problem: 38 Prozent erklären die Wichtigkeit vollständiger Informationen, 36 Prozent stellen gezielte Nachfragen, 34 Prozent versuchen, eine vertrauensvollere Atmosphäre zu schaffen. Generell empfinden 67 Prozent der befragten Ärzt:innen eine ehrliche Kommunikation für wichtig oder sehr wichtig für den Behandlungserfolg.
Verschärft wird das Problem durch den Zeitdruck im Praxisalltag: Bei 22 Prozent der befragten Ärzt:innen dauert ein Patientengespräch durchschnittlich nur fünf bis zehn Minuten, bei 27 Prozent elf bis 15 Minuten. 34 Prozent der Ärzt:innen sehen „ausreichend Zeit für Gespräche" als wichtigen Faktor für ehrliche Kommunikation. Auch Patient:innen spüren den Druck: 40 Prozent wünschen sich mehr Zeit für das Gespräch. In dieser Situation bleiben sensible Themen, die mit Scham behaftet sind, oft unausgesprochen.
„Im Digitalen fallen Hemmungen weg": 40 Prozent sind in Fragebögen ehrlicher
Hier könnten digitale Vorab-Fragebögen einen Ausweg bieten: 57 Prozent derjenigen, die schon einmal nicht die Wahrheit sagten, bewerten einen vertraulich geführten digitalen Fragebogen als positiv. 40 Prozent geben an, in einem solchen Fragebogen ehrlicher antworten zu können als im direkten Gespräch.
Bereits heute nutzen viele Ärzt:innen digitale Lösungen: 53 Prozent setzen auf Patientennachrichten oder Messenger-Systeme für Anfragen, Rezepte oder Befunde, 46 Prozent nutzen eine digitale Patientenaufnahme, bei der Patient:innen Anamnesebögen digital ausfüllen. Nur sieben Prozent nutzen noch keine digitalen Tools.
Für die Zukunft wünschen sich 32 Prozent der Ärzt:innen eine nahtlose Integration digitaler Tools in die bestehende Praxissoftware, 31 Prozent sichere Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Terminen und 28 Prozent digitale Eingabemöglichkeiten für besonders sensible Themen.
Digitale Lösungen können nicht nur Barrieren wie Scham senken – sie haben auch therapeutisches Potenzial, wie Dr. med. univ. Albrecht Wenzel, Facharzt für Innere Medizin, Diabetologe und Ernährungsmediziner aus Leipzig betont: „Digitale Gesundheitstechnologien haben ein enormes therapeutisches Potenzial. Kontinuierliche Glukose-Messungen, die alle fünf Minuten den Blutzuckerwert erfassen und auf dem Smartphone visualisieren, zeigen beispielsweise eine vergleichbare Wirksamkeit wie medikamentöse Therapien. Dieses unmittelbare Biofeedback macht Gesundheit greifbar und kann nachhaltige Verhaltensänderungen bewirken."
Informationen zur Studie
Patientenbefragung: Die repräsentative Umfrage wurde von YouGov im Auftrag von Doctolib durchgeführt. Befragt wurden 1.043 Erwachsene ab 18 Jahren in Deutschland im Zeitraum vom 4. bis 11. März 2026. Die Erhebung wurde nach Alter, Geschlecht und Region quotiert und die Ergebnisse entsprechend gewichtet. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die Wohnbevölkerung in Deutschland ab 18 Jahren.
Ärztebefragung: Die ergänzende Befragung wurde ebenfalls von YouGov im Auftrag von Doctolib durchgeführt. Befragt wurden 312 niedergelassene Ärzt:innen verschiedener Fachrichtungen in Deutschland im Zeitraum vom 4. bis 14. März 2026. Die Ergebnisse geben ein Stimmungsbild unter den befragten niedergelassenen Ärzt:innen wieder und erlauben keine repräsentativen Rückschlüsse auf alle niedergelassenen Ärzt:innen in Deutschland.