Branchenmeldungen 25.11.2021

Zahnmedizin der Zukunft: Aus Reparatur wird Coaching

Zahnmedizin der Zukunft: Aus Reparatur wird Coaching

Foto: kudosstudio – stock.adobe.com

Die Rolle der Zahnmedizin ändert sich: Restaurative Versorgungen werden weiter ab- und präventive Bemühungen zunehmen. Der Zahnarzt, ehemals Vollzeit-Reparateur, wird so zu einem Coach, der im Team mit dem Patienten an dessen nachhaltiger Mundgesundheit arbeitet. Gerade Studierende der Zahnmedizin und junge Zahnärztinnen und Zahnärzte wird dieser Wandel in ihrer weiteren Berufsausübung direkt betreffen. Ein Interview mit Priv.-Doz. Dr. Gerhard Schmalz, Oberarzt an der Leipziger Poliklinik für Zahnerhalt und Parodontologie, zum Verständnis von Prävention heute und den neuen Aufgaben der „Coaching-Generation“.

Herr Dr. Schmalz, Sie haben zusammen mit Prof. Dr. Dirk Ziebolz das patienten-orientierte Präventionskonzept IPC ins Leben gerufen. Was steckt dahinter?

Vorweg gesagt: Das IPC-Konzept wurde auf Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse entwickelt, ist jedoch keineswegs ein primär akademischer Ansatz. Es rückt den gesamten Patienten in den Fokus, statt sich nur mit isolierten Erkrankungen oder Besonderheiten des Patienten zu befassen. Ziel ist es, sowohl Inhalte und Rahmenbedingungen als auch die Frequenz der Präventionssitzungen individuell an den Patienten anzupassen. Hierfür werden Risikofaktoren aus den Bereichen Allgemeinerkrankungen, Medikamente und Lebensgewohnheiten aus der Anamnese zusammen mit Bedarfsfaktoren unter anderem aus den Bereichen orale (Vor-)Erkrankungen und Versorgungen (wie Implantate) zu einer Gesamtbetrachtung des Patientenfalles vereinigt. Diese Vorgehensweise zielt, wie die gesamte personalisierte Medizin, auf eine Erhöhung der Behandlungssicherheit, Effizienz und Effektivität ab. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die Primärprävention von Erkrankungen gelegt.

Welche neue Rolle erhält der Zahnarzt durch das IPC zukünftig?

Das IPC-Konzept bedingt zwei wesentliche Veränderungen für die Praxis: Zum einen gewinnt die Anamnese, insbesondere die Interpretation der Anamneseergebnisse, an Bedeutung. Hierfür haben wir einen Anamnesebogen mit Risikoklassifikationssystem entwickelt, welcher die Anamneseinformationen für den Zahnarzt in eine praktische Konsequenz übersetzt und auf die eben beschriebene Primärprävention hinführt. Ein Beispiel: ein junger Patient mit rheumatoider Arthritis, der noch nicht an einer Parodontitis erkrankt ist. Bei diesem Patienten würde bisher erst bei entsprechender Manifestation einer Parodontalerkrankung die entsprechende Therapie mit darauffolgender Nachsorge (UPT) erfolgen. Das IPC-Konzept soll jedoch durch individuelle, zielgerichtete Präventionsmaßnahmen verhindern, dass dieser parodontologische Risikopatient überhaupt erst parodontal erkrankt. Zum anderen hat das IPC-Konzept eine individuelle Anpassung der notwendigen diagnostischen Maßnahmen in der Präventionssitzung zur Folge. So wird im IPC eine Basis- von einer erweiterten Diagnostik unterschieden, wobei die Ergebnisse der Basisdiagnostik die Notwendigkeit von erweiterter Diagnostik festlegen. Hierin ergibt sich zudem die gemeinsame Betrachtung verschiedener Erkrankungen. Beispielsweise haben parodontal vorerkrankte Patienten ein hohes Wurzelkariesrisiko an exponierten Wurzeloberflächen und bedürfen neben der Sekundär- oder Tertiärprävention ihrer Parodontitis auch einer Primärprävention für Wurzelkaries. Insgesamt wird der Zahnarzt in der Perspektive zum Mundgesundheitsmanager und hat damit eine andere Rolle als bisher; es kommt zum Paradigmenwechsel von einem primär reparativen Ansatz zu einer gesamten (präventions)medizinischen Betrachtungsweise. Dies ist zwar eine große Verantwortung für den Zahnarzt, stellt aber auch eine große Chance für die Zukunft dar, da so die Zahnmedizin innerhalb der gesamten Medizin an Bedeutung gewinnt.

Inwieweit gelangen Ihre Inhalte schon jetzt in die studentische Ausbildung am Standort Leipzig?

Wir versuchen unseren Studierenden generell zu vermitteln, dass Prävention nicht nur Therapie ist, sondern auch absolut zeitgemäß. Gerade Studierende und junge Kolleg*innen haben noch viele Berufsjahrzehnte vor sich – und dabei werden sie immer weniger restaurativ, sondern viel mehr präventiv tätig sein. Hierfür versuchen wir in all unseren Lehrveranstaltungen ein grundlegendes Bewusstsein zu schaffen und für das Thema Prävention zu sensibilisieren. Die Zahnmedizin hat die einzigartige Chance, wirklich zielgerichtet Primärprävention zu betreiben und dabei sogar noch einen Beitrag für die Allgemeingesundheit des Patienten zu leisten.

Das Interview ist in dentalfresh erschienen.

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