Wissenschaft und Forschung 18.09.2012
Forscher entdecken "Motor" für Metastasen
Während
gesunde Körperzellen in ihrer Funktion und Vermehrung strikt vom
menschlichen Organismus überwacht werden, entziehen sich Krebszellen
dieser Kontrolle. Schlimmer noch: Einige entwickeln die Fähigkeit, den
Tumor zu verlassen, in das umgebende Gewebe einzudringen und an anderen
Stellen des Körpers Tochtergeschwülste zu bilden. Diese Metastasen
machen einen bösartigen Tumor zur lebensbedrohenden Gefahr. Der als
Metastasierung bezeichnete Vorgang ist ein Prozess, an dessen Steuerung
eine Vielzahl von Zellkomponenten beteiligt sind. Professor Heike
Allgayer und ihr Team wollen gemeinsam mit Professor Jonathan Sleeman
einzelne relevante Teilschritte im Prozess der Metastasierung auf
molekularbiologischer Ebene untersuchen, um die übergreifenden
Zusammenhänge zu verstehen. „Wir sind Molekülen auf der Spur, von denen
wir annehmen, dass sie die zentralen Komponenten eines Systems bilden,
das die Metastasierung von Tumoren im Wesentlichen bestimmt“, erläutert
Allgayer.
Langfristiges Ziel des Projektes ist es, den Weg für eine neue Therapie
gegen Krebs zu ebnen sowie Kriterien für die Diagnose zu entwickeln. So
könnte etwa das Mengenverhältnis bestimmter Moleküle im Gewebe ein Indiz
für eine Erkrankung sein. Im Idealfall ließe sich sogar das Stadium der
Erkrankung ableiten, so dass Ärzte die Behandlung passgenau gestalten
könnten.
Als eine zentrale Stellschraube im Netzwerk hat die Gruppe um Heike
Allgayer den molekularen Schalter mit dem sperrigen Namen
„Urokinase-Plasminogen-Aktivator-Rezeptor“, kurz: u-PAR, identifiziert.
Intensive Vorarbeiten des Forscherteams haben gezeigt, dass u-PAR die
Metastasierung fördert, sobald er aktiviert ist und in ausreichend
großer Zahl in den Krebszellen auftritt. Im gleichen Zuge haben die Forscher auch die regulierende Wirkung des
„Programmierte-Zelltod-Protein 4“ (Pdcd4) aufgedeckt. Pdcd4 hemmt die
Metastasierung indem es die Herstellung von u-PAR in den Zellen
vermindert. Die Steuerung von Pdcd4 erfolgt wiederum durch eine
kurzkettige Ribonukleinsäure, die sogenannte mikro-RNA 21 (miR-21). „Das
Fehlen von Pdcd4 in den Zellen – hervorgerufen insbesondere durch die
vermehrte Produktion der micro-RNA-21 – ist ein deutlicher Hinweis auf
eine Form von Darmkrebs, die gegebenenfalls eher zu Metastasierung
neigt“, erläutert Allgayer die für künftige Diagnostik interessanten
Ergebnisse.
Aktuelle Untersuchungen der Arbeitsgruppe um Jonathan Sleeman wiesen
zudem nach, dass sich die Zellen auf die Metastasierung vorbereiten,
indem sie beweglicher werden. Entscheidenden Einfluss darauf hat das
Protein CD24 – ein weiterer heißer Kandidat für eine zentrale Komponente
im Motor, der die Metastasierung bestimmt. CD24 kommt auf der
Oberfläche von Zellen vor und ist an der Signalweiterleitung und
Anheftung von Krebszellen beteiligt. Gemeinsam mit der Arbeitsgruppe von
Heike Allgayer konnte das Team um Sleemann nachweisen, dass CD24 in der
Lage ist, eines der bekanntesten krebsauslösenden Proteine, die Sarcoma
(Src)–Kinase, zu aktivieren.
In einem von der Wilhelm Sander-Stiftung geförderten Projekt wollen die
Forscher nun das Zusammenspiel zwischen den Molekülen CD24, u-PAR,
c-Src, Pdcd4 und miR-21 in Bezug auf die Regulation der Metastasierung
von Darmkrebs durch den Einsatz modernster molekularbiologischer
Methoden genauer untersuchen. Klären möchte das Forscher-Team, ob und
durch welche Mechanismen und Wechselwirkungen die einzelnen Komponenten
es bewerkstelligen, die Entstehung und Metastasierung von Darmkrebs zu
beeinflussen. Das Verständnis hierfür ist die Voraussetzung, Tumoren
zukünftig besser und effektiver behandeln zu können – etwa durch die
Entwicklung geeigneter therapeutischer Hemmstoffe.
Bei ihren Analysen greifen die Forscher zum einen auf Zellkulturmodelle
zurück, in denen sie die einzelnen Stellschrauben des Motors künstlich
herauf-, herunterregulieren oder ganz blockieren. Zum Zweiten nutzen sie
auch Gewebeproben, die routinemäßig von Patienten zur Diagnose
entnommen werden. Außerdem ergänzen die Forscher diese Daten durch ein
Tiermodell, in dem sie das Wachstum von Tumoren in Abhängigkeit von CD24
untersuchen.
Die Wilhelm Sander-Stiftung fördert dieses Forschungsprojekt mit rund 100.000 Euro. Stiftungszweck ist die Förderung der medizinischen Forschung,
insbesondere von Projekten im Rahmen der Krebsbekämpfung. Seit Gründung
der Stiftung wurden insgesamt über 190 Mio. Euro für die
Forschungsförderung in Deutschland und der Schweiz bewilligt. Die
Stiftung geht aus dem Nachlass des gleichnamigen Unternehmers hervor,
der 1973 verstorben ist.
Quelle: Wilhelm Sander-Stiftung