Finanzen 12.04.2021

Ein Jahr Pandemie: Wirtschaftliche Auswirkungen auf Zahnarztpraxen

Ein Jahr Pandemie: Wirtschaftliche Auswirkungen auf Zahnarztpraxen

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Die Gesundheitsversorgung ist seit dem Ausbruch der Pandemie spürbaren Veränderungen unterworfen: Präventionsmaßnahmen und elektive Eingriffe wurden abgesagt, zahlreiche Behandlungs- und Beratungstermine fielen aus. Welche Auswirkungen aber hat all das auf die wirtschaftliche Situation des ambulanten und stationären Sektors? Nachdem eine Zwischenbilanz zu der Lage der Krankenhäuser veröffentlicht wurde, nimmt die Deutsche Apotheker- und Ärztebank (apoBank) nun die ökonomische Situation in Praxen und Apotheken unter die Lupe.

Ärzte: Anteil an Privatpatienten und an Zusatzleistungen entscheidend

Dank konstanter Abschlagszahlungen aus staatlichen Schutzschirmen und der Erstattung pandemiebedingter Zusatzkosten blieben in den Arztpraxen die Auswirkungen im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung bislang moderat. Die Krankenkassen haben die Budgets trotz verminderter Leistungsmengen im üblichen Umfang ausgezahlt.

Für die sogenannten extrabudgetären Leistungen – dazu gehören beispielsweise Vorsorgeuntersuchungen oder ambulante Operationen – wurden die Verluste bis zum Ende des vierten Quartals 2020 durch Ausgleichzahlungen begrenzt, sofern sich das Gesamthonorar um mehr als 10 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal verringerte. Perspektivisch könnten sich aber hier Umsatz- und Ertragseinbußen ergeben. Denn der Gesetzgeber hat zwar eine Verlängerung des Rettungsschirms für Ärzte beschlossen, ob und in welchem Umfang die einzelnen Kassenärztlichen Vereinigungen Ausgleichszahlungen für extrabudgetäre Leistungen aus eigenen Mitteln zahlen können, ist allerdings derzeit noch unklar.

Sofort spürbar war der Ausfall bei Umsätzen aus privaten Krankenversicherungen und aus Leistungen für Selbstzahler, der durch Patientenrückgänge in Arztpraxen während des ersten Lockdowns verursacht wurde. Die Honorare für privatärztliche Leistungen sanken im April 2020 um durchschnittlich rund 30 Prozent. Bei einigen Facharztgruppen waren die Umsatzeinbußen sogar deutlich höher. Eine Kompensation dieser Honorarverluste fand nicht statt.

Dabei machen laut Analysen der apoBank Privatleistungen, je nach Fachrichtung und Praxisstandort, einen relevanten Anteil der Gesamteinnahmen aus, insbesondere bei den technik-intensiven Fachdisziplinen, zu denen beispielsweise die Radiologen und Augenärzte zählen. Aber auch Hautärzte, Orthopäden, Urologen und HNO-Ärzte haben in der Regel einen hohen Anteil an Einnahmen durch Privatpatienten und Selbstzahlerleistungen. Werte zwischen 35 und 50 Prozent sind in diesen Fachgruppen nicht unüblich.

Zahnärzte: Versorgung teilweise stark zurückgefahren

Die Einnahmen von Zahnärzten und Kieferorthopäden aus Privat- und Selbstzahlerleistungen liegen mit mehr als 50 Prozent noch über den Werten der Facharztgruppen. Als Folge rückläufiger Patientenzahlen mussten die Zahnärzte vor allem zu Beginn der Pandemie deutliche Umsatzeinbußen verzeichnen, im April 2020 sind die Einnahmen bei privatärztlichen Leistungen um rund 50 Prozent zurückgegangen. Erst mit sinkenden Infektionszahlen und Lockerung der Kontaktbeschränkungen im Mai nahm der Umfang der Leistungen wieder zu und lag im Sommer leicht unter dem Vorjahresniveau.

Die Bundesregierung hat zwar sowohl für 2020 als auch für 2021 Liquiditätshilfen für Zahnärzte beschlossen – allerdings handelt es sich hier um reine Darlehen. Die beteiligten Kassenzahnärztlichen Vereinigungen erhalten zur Ausschüttung an ihre Praxen 90 Prozent der Gesamtvergütung aus 2019; Leistungseinbrüche aus 2020 schlagen sich bei Zahnärzten damit 2021 noch nicht durch. Doch mögliche Überzahlungen der Krankenkassen für nicht erbrachte Leistungen müssen in 2022 und 2023 vollständig ausgeglichen werden. Die Leistungsmenge ist dabei nicht gedeckelt, so dass Nachholeffekte ermöglicht werden. Und sollten kürzlich gegründete oder übernommene Praxen durch den pandemiebedingten Leistungsrückgang in wirtschaftliche Schieflage geraten, können sie durch die Kassenzahnärztlichen Vereinigungen gefördert werden.

Apotheken: Gesundheitsmanager in der Krise

Gleich am Anfang der Corona-Krise im März 2020 haben viele Apotheken noch Umsatzsteigerungen verzeichnet, doch kurze Zeit später sank die Nachfrage deutlich, und bereits im Mai lag der Arzneimittelabsatz - sowohl der verschreibungspflichtigen als auch der rezeptfreien Medikamente - zwischen 20 und 30 Prozent unter Vorjahresniveau.

Je nach Standort und Leistungsangebot waren die Apotheken unterschiedlich von der Krise betroffen. Vor allem Centerapotheken, aber auch Apotheken in Einkaufsstraßen litten unter dem gedrosselten Nachfrageverhalten. Positiv wirkten sich die bürokratischen Erleichterungen für Apotheken aus, um den Betrieb sicherzustellen, sei es bei der Herstellung von Desinfektionsmitteln oder bei der finanziellen Förderung des Botendienstes.

Gleichzeitig hat die Pandemie die Bedeutung der Apotheken als Gesundheitsmanager gestärkt. So werden die Apotheker intensiv in die Pandemie-Bewältigungspolitik eingebunden, zum Beispiel bei der Verteilung von Schutzmasken oder bei der Durchführung von Schnelltests.

apoBank: Erste Hilfe für die ambulante Gesundheitsversorgung

Die apoBank verzeichnete vor allem in der ersten Lockdownphase einen verstärkten Beratungsbedarf zu den möglichen zur Verfügung stehenden Hilfen. Die Beeinträchtigungen waren unterschiedlich: In manchen Fällen ging es um erhöhte Kosten, etwa für Schutzmaterialien, andere verzeichneten einen Rückgang an Patienten, bei anderen wiederum fehlten aufgrund von Quarantäne-Maßnahmen die Mitarbeiter.

Entsprechend wurden die Hilfsmaßnahmen der apoBank individuell angepasst. Häufig war für den Arzt oder Apotheker eine schnelle Lösung hilfreich, wenn Kontokorrentkredite erhöht wurden, bei anderen war es sinnvoller, generell die Finanzierungsmodalitäten zu überarbeiten. Für wieder andere waren zusätzliche Darlehen, die Hilfsprogramme der Bundesregierung oder die KfW beziehungsweise regionalen Fördermittel passend.

Der explizit auf die Pandemie zurückzuführende Liquiditätsbedarf bei Ärzten und Apotheken war bislang unterschiedlich, belief sich in der Summe auf einen dreistelligen Millionenbetrag und betraf insgesamt etwa 2.200 Kunden. „Die Auswirkungen waren vor allem zu Beginn der Pandemie deutlich zu spüren, die Praxen und Apotheken haben sich aber insgesamt aufgrund ihrer schnellen Reaktionsfähigkeit sehr gut geschlagen. Die Einnahmen werden etwas unter Vorjahresniveau liegen. Tatsächliche Liquiditätsengpässe erwarten wir aber nur in seltenen Ausnahmen,“ sagt Daniel Zehnich, Leiter des Bereichs Gesundheitsmärkte und Gesundheitspolitik bei der apoBank.

Insgesamt bleibt die wirtschaftliche Lage bei Praxen und Apotheken nach einem Jahr Pandemie heterogen und hängt stark vom Standort oder Spezialisierung ab. „Im Großen und Ganzen haben die staatlichen Schutzmaßnahmen größere Verwerfungen in der ambulanten Versorgung verhindert“, fasst Zehnich zusammen. „Dauern die durch die Pandemie veränderten Rahmenbedingungen allerdings länger an, wird sich daraus auch ein veränderter Versorgungsbedarf ergeben und die Auswirkungen auf die Praxen und Apotheken müssen neu eingeordnet werden. Um das Gesundheitssystem nachhaltig zu stabilisieren, braucht es daher weiterhin finanzielle Unterstützung und strukturelle Förderungsmaßnahmen. Die gesundheitspolitischen Signale zeigen in die richtige Richtung. Aber es gilt, am Ball zu bleiben, die Wirksamkeit der bisherigen Maßnahmen kritisch zu prüfen und noch mehr zuzuhören, um auf die individuellen Bedarfe reagieren zu können.“

Wie sehen die Situation aber Ärzte, Zahnärzte, Apotheker und andere Heilberufler selbst? Um ein aktuelles Stimmungsbild einzufangen, führt die apoBank eine Online-Umfrage durch. Heilberufler können ab sofort daran teilnehmen und ihre Erfahrungen während der Pandemie mitteilen, die politischen Maßnahmen bewerten und das Ausmaß der direkten Auswirkungen auf ihr Arbeitsumfeld benennen. Das Beantworten der Fragen dauert etwa fünf Minuten und erfolgt anonym

Zur Umfrage „Heilberufler in Zeiten von Corona – ein Zwischenfazit“ geht es hier.

Quelle: apoBank

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