Psychologie 25.06.2026
Einsamkeit in der Praxis erkennen: Studie zeigt Versorgungslücke
Einsamkeit ist ein unterschätzter Risikofaktor im Praxisalltag. Das zeigt eine repräsentative YouGov-Studie im Auftrag von Doctolib (n=1.028, Juni 2026), die anlässlich der bundesweiten Aktionswoche des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gegen Einsamkeit veröffentlicht wird. Doctolib ist Partner der Kampagne.
Mehr als 70 Prozent der Befragten gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens gelegentlich einsam gewesen zu sein. 24 Prozent fühlen sich häufig oder sehr häufig einsam. 53 Prozent sagen, Einsamkeit hat ihre psychische oder körperliche Gesundheit bereits belastet, bei 18 Prozent war der Einfluss erheblich. Die Symptome, die daraus folgen, sind im Praxisalltag vertraut: 64 Prozent der Betroffenen berichten von Niedergeschlagenheit, 59 Prozent von weniger Alltagsmotivation, je 46 Prozent von sozialem Rückzug und Schlafproblemen. Dennoch: Nur 6 Prozent der Befragten würden bei anhaltender Einsamkeit ihre Hausarztpraxis aufsuchen. Nur 8 Prozent würden Psychotherapeut:innen oder Psychiater:innen kontaktieren.
Einsam mitten unter Menschen: Der unsichtbare Patient
Klinisch relevant ist ein weiterer Befund: 23 Prozent der Betroffenen berichten, dass sie sich auch dann allein gefühlt haben, wenn andere Menschen um sie herum waren, zum Beispiel auf Veranstaltungen, im Büro oder in der Familie. Diese Patient:innen kommen in die Praxis und zeigen nach außen keine offensichtlichen Warnsignale. Hinzu kommt: 69 Prozent der Deutschen empfinden Einsamkeit nach wie vor als gesellschaftliches Tabu. 22 Prozent empfinden es als unangenehm oder peinlich, offen darüber zu sprechen. Weitere 20 Prozent würden das Gefühl ganz für sich behalten.
71 Prozent halten es außerdem für wahrscheinlich, dass sich jemand aus dem eigenen Umfeld einsam fühlt, ohne dass man es weiß. In der Praxis bedeutet das: Einsamkeit als Ursache von gesundheitlichen Beschwerden bleibt in vielen Konsultationen unbenannt.
Junge Erwachsene am stärksten betroffen
Die Studie räumt mit einem verbreiteten Bild auf: 46 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass vor allem Menschen ab 65 Jahren von Einsamkeit betroffen sind. 31 Prozent glauben, dass ältere Menschen beim Thema am wenigsten öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Die Daten zeigen das Gegenteil: 33 Prozent der 25- bis 34-Jährigen und 32 Prozent der 18- bis 24-Jährigen fühlen sich häufig oder sehr häufig einsam. Bei den über 55-Jährigen sind es 18 Prozent. Das Verhältnis ist damit fast 2:1.
Jüngere Menschen gehen dabei offener mit dem Thema um: 51 Prozent der 18- bis 24-Jährigen würden bei anhaltender Einsamkeit das Gespräch mit Familie oder Freunden suchen, bei den über 55-Jährigen sind es 38 Prozent. Nur 11 Prozent der 18- bis 24-Jährigen würden das Gefühl ganz für sich behalten, bei den 45- bis 54-Jährigen ist es mehr als jede:r Vierte (26 Prozent).
„Jüngere Menschen sind schon seit einigen Jahren besonders stark durch Einsamkeit belastet, nicht nur in Deutschland, sondern europaweit. Diese Studie zeigt, dass dieser Trend leider weiterhin anhält. Die Gründe dafür sind vermutlich vielseitig und komplex: Spätfolgen der Pandemie, soziale Medien und KI, oder auch die allgemein gestiegene psychische Belastung durch multiple Krisen oder persönliche schwierige Lebensumstände – all dies sind Faktoren, die Einsamkeit bei jungen Menschen teilweise, aber nicht vollständig erklären können”, sagt Prof. Dr. Maike Luhmann, Einsamkeitsforscherin und Autorin des Buchs „Einsamkeit: Warum sie uns alle betrifft“
Chronische Einsamkeit: klinisch relevanter Risikofaktor
84 Prozent der Deutschen sind der Ansicht, dass Einsamkeit genauso gefährlich sein kann wie eine chronische Erkrankung. Die Forschung belegt diesen Zusammenhang: Chronische Einsamkeit erhöht das Risiko für Depressionen und Angststörungen sowie für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, erhöhte Anfälligkeit für Infektionen und Demenz.
„Chronische Einsamkeit erhöht das Risiko für psychische Erkrankungen wie Depression und Angststörungen und auch für viele körperliche Erkrankungen, von einer erhöhten Anfälligkeit für Erkältungen über Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems bis hin zu Typ 2- Diabetes und Demenz. Zum einen wirkt sich Einsamkeit direkt auf den Körper aus, denn Einsamkeit ist eine Form von Stress, die unser Immunsystem auf Dauer schwächen kann. Zum anderen neigen von Einsamkeit betroffene Menschen auch eher zu ungesunden Verhaltensweisen, sie schlafen schlechter, ernähren sich weniger bewusst und bewegen sich seltener.”, so Prof. Dr. Maike Luhmann weiter.
Wo liegt Einsamkeit begründet?
Von denjenigen, die sich mindestens gelegentlich einsam gefühlt haben, nennen 40 Prozent das Alleinsein über längere Zeit als häufigsten Grund. 31 Prozent erleben das Gefühl vor allem in stressigen Lebensphasen. 23 Prozent fühlen sich auch dann allein, wenn andere Menschen um sie herum sind.
Versorgungsrealität: Hürden, Wartezeiten, fehlendes Angebot
41 Prozent der Befragten würden bei anhaltender Einsamkeit das Gespräch mit Familie oder engen Freunden suchen. Nur 16 Prozent würden aktiv professionelle Hilfe suchen, etwa in einer Therapie, Beratung oder über eine Hotline. Von jenen, die es versucht haben, mussten 14 Prozent mehr als drei Monate warten, 8 Prozent fanden trotz Suche keinen Platz. Lediglich 12 Prozent hatten keine Schwierigkeiten, Unterstützung zu erhalten.
75 Prozent der Deutschen rechnen damit, dass Einsamkeit in Deutschland künftig zunehmen wird. Nur 26 Prozent sagen, dass es hierzulande genügend Anlaufstellen für Betroffene gibt.
Einsamkeit als gesellschaftliche Aufgabe
47 Prozent empfinden Einsamkeit in erster Linie als persönliches Problem, 42 Prozent als gesellschaftliches. 58 Prozent sehen zuerst jede und jeden Einzelnen selbst in der Verantwortung. Erst danach folgen Vereine und soziale Initiativen (17 Prozent) sowie Politik und Gesundheitswesen (je 13 Prozent). 83 Prozent sehen digitale Kommunikation über WhatsApp oder Social Media nicht als vollwertigen Ausgleich für persönliche Nähe. Auch KI-Chatbots werden als alleinige Reaktion auf Einsamkeit skeptisch bewertet: Nur 27 Prozent halten sie für sinnvoll.
Ressourcen für die Praxis
Ärztinnen und Ärzte, die Patient:innen mit dem Thema Einsamkeit begegnen, können auf die Ressourcen auf der Kampagnenseite verweisen. Die Seite, entstanden im Rahmen der Partnerschaft mit dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, bietet Betroffenen eine Übersicht zu Hilfsangeboten wie der Telefonseelsorge (0800 111 0 111, kostenlos, anonym) und der Nummer gegen Kummer (116 111) bis zur digitalen Angebotslandkarte des Kompetenznetzes Einsamkeit mit über 1.000 regionalen Angeboten deutschlandweit.