Statements 20.10.2021

Arbeitsumgebung neu definiert: Vom Silo in den Möglichkeitsraum

Guy Genette
Guy Genette
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Arbeitsumgebung neu definiert: Vom Silo in den Möglichkeitsraum

Foto: Guy Genette Lebens- und Arbeitsräume GmbH

Da wir Arbeitsräume und -umgebungen konzipieren, konstruieren und produzieren, ist eine unserer größten Herausforderungen, auch das zu gestalten, was über die physische Präsenz von Innenarchitektur und materieller Ausstattung hinausgeht. Worum handelt es sich dabei?

Um Zwischen- und Leerräume, Ergonomie – oder gar Farbwirkung? Sicherlich geht es auch um diese Dinge, wobei eine präzise Formulierung sicherlich helfen würde, die Qualität und die Komplexität effizienter und menschlicher Arbeitsraumgestaltung darzustellen.

Würden wir uns auf die physischen Artefakte einer Arbeitsumgebung reduzieren, dann käme sowohl die Erkenntnis als auch der Zusammenhalt der Menschen, die dort arbeiten, zu kurz. Wenn man über die Effizienz und die Abhängigkeit von Wissen, Können und Engagement von Mitarbeitenden redet, wird deutlich, dass es eben diese zu priorisieren gilt. Was will man mit schönen Dingen, wenn die Motivation und Kreativität zu kurz kommen?

Deshalb muss hier der Fokus von den unmittelbar präsenten Artefakten auf die Soziofakte und Mentefakte verschoben werden. So behauptet es jedenfalls der Berliner Design-Ökonom Joachim Kobuss. Damit eröffnet er den Raum des Designs deutlich in Richtung Mehrwert durch die Relevanz aller beteiligten Akteure – zum Beispiel in einem Labor oder einer Praxis. Beziehen sich Soziofakte auf die gesellschaftlichen Qualitäten eines Arbeitsteams, so meinen Mentefakte die intrinsischen Gedanken, Informationen und Gefühle einzelner Teammitglieder.

Was heißt das konkret für die Arbeit und diejenigen, die die Arbeit planen und führen? Eine Ansammlung von spezialisierten Personen, die alle in ihrer eigenen „Welt“ arbeiten, sowohl technisch, kommunikativ als auch medial abgeschottet von den Kolleginnen und Kollegen. Der Transfer von Wissen und damit die Möglichkeit zur Innovation und Kreativität sind hier maximal eingeschränkt. Jedem sein Tisch, jedem sein Stuhl, jedem sein Werkzeug – isolierte Potenziale hinter den Mauern von unsichtbaren Silos.

Silodenken und in Silos arbeiten ist in der Welt des innovativen Managements längst zum Inbegriff der zu vermeidenden Szenerien geworden. Denn wenn ich schon die besten Mitarbeitenden habe, dann sollte ich sie im Labor oder in der Praxis nicht isolieren, sondern besser integrieren. Offene Arbeitssituationen und -plätze, aber auch Möglichkeiten der Ruhe und Erholung in einer flexiblen Umgebung sollen oberste Priorität haben. Wandel und Komplexität aktueller Herausforderungen gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und technischer Art müssen zu offenen und dynamischen Arbeitssituationen führen.

Der Experte als Alleinherrscher über sein eigenes Silo ist ziemlich hilflos, wenn er dieses verlässt. Dabei bildet gerade das Verlassen der Komfortzone den alltäglichen Status, wenn man die Transformation von vormals isolierten Arbeitsinhalten unter den Bedingungen von Veränderung und innovativer Kreation im Blick haben will. Allein die Souveränität, zu wissen, dass man nicht alles vorhersehen kann, lässt aus den Spezialisten auch Generalisten werden. Der Ökonom Peter F. Drucker (1909 –2005) hat diese Herausforderung schon vor Jahrzehnten auf den Punkt gebracht: „Management bedeutet, die Dinge richtig zu tun, Führung bedeutet, die richtigen Dinge zu tun.“ Und genau das geht nur in einer offenen Umgebung, die als Möglichkeitsraum gestaltet ist.

Guy Genette
Lebens- und Arbeitsräume GmbH
www.guy-genette.de

Dieser Beitrag ist in der ZWL Zahntechnik Wirtschaft Labor erschienen.

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