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Statements 13.09.2013

Vom Gero-Nerd zum Mainstream

Vom Gero-Nerd zum Mainstream

Und heute? Heute ist die Alterszahnmedizin immer noch keine „gmahde Wiesn“. Es braucht immer noch Pioniere und Anschieber, aber Nerd muss man nicht mehr sein. Heute lobt sogar „Die Linke“ Zahnärzte für ihr Engagement in der Pflege. Aber, liebe Politiker, dauerhaft und flächendeckend funktioniert nur, was auch ausreichend honoriert wird!

Entwicklungen werden einem manchmal erst bewusst, wenn man sie in der persönlichen Retrospektive betrachtet. Es war Mitte der 1990er-Jahre in München. Wir waren zu dritt: Eine Kollegin, zwei Kollegen, alle wissenschaftlich interessiert, aber nicht so richtig an dem, was damals in einer Poliklinik für Zahnerhaltung angesagt war. Seinerzeit begeisterte sich der Mainstream für das künstliche Altern von Füllungsmaterialien – reiben, drücken, baden – und vermaß dann unter dem Mikroskop, ob und wie weit sich Randspalten geöffnet hatten. Alles im Labor und alles ohne echte Patienten.

Dabei zeichneten sich bereits die Erfolge der Prophylaxe ab, der Füllungsmarkt begann zu schrumpfen. Dann hatten wir die Idee, Prophylaxeprogramme für Menschen mit Behinderungen zu erproben und „Teamwerk - Zahnmedizin für Menschen mit Behinderungen“ war geboren. Zufällig ergab sich die Frage: „Könnt Ihr nicht mal in unserer Seniorenpflegeeinrichtung vorbeischauen?“ Mit dem Schauen kam der Schock: Die haben ja oft noch echte Zähne und zahnmedizinisch passiert gar nichts mehr! Es war eine schnelle Entscheidung, die Zielgruppe zu wechseln.

War man jedoch bei den Menschen mit Behinderung ein gern gesehener Gutmensch, umgab die pflegebedürftigen Alten ein ziemlich raues Wasser. Niemand schien auf uns gewartet zu haben. Die Heime nicht (Wollen die jetzt kontrollieren? Das bringt doch nur Arbeit und Ärger!), die Hochschule nicht (Was wildern die Zahnerhalter denn jetzt in der Prothetik?), die Kammer nicht (Für die Mundhygiene der Pflegebedürftigen sind allein die Pflegekräfte zuständig, außerdem gilt die freie Arztwahl!) und auch die KZV nicht (Die sollen in der Zahnklinik bleiben!).

Lichtblicke waren die wenigen Gleichgesinnten: Zwei von der AOK in Bayern, zwei Herren im Kammervorstand und der „Arbeitskreis für Gerostomatologie“ – etwa 50 Kolleginnen und Kollegen, die etwas interessierte, was sonst niemanden interessierte. Eben richtige „Gero-Nerds“. Aber mit der zähen Ausdauer kamen die Erfolge. Die Angehörigen Pflegebedürftiger verstanden uns zuerst, die Seniorenorganisationen bald auch, und dann kam die Politik. Nicht nur die Standespolitik, sondern auch die „große“ Politik. Und entgegen aller Klischees haben viele nicht nur versprochen, das Thema anzuschieben, sie haben es auch wirklich getan. Die Pflege begann, die Notwendigkeit zu sehen (Ich hab mir schon immer gedacht, dass es nicht gut sein kann, wenn man sich nicht um die Zähne kümmert), und die Kollegen packten richtig schnell und tatkräftig an.

Und heute? Heute ist die Alterszahnmedizin immer noch keine „gmahde Wiesn“. Es braucht immer noch Pioniere und Anschieber, aber Nerd muss man nicht mehr sein. Heute lobt sogar „Die Linke“ Zahnärzte für ihr Engagement in der Pflege. Aber, liebe Politiker, dauerhaft und flächendeckend funktioniert nur, was auch ausreichend honoriert wird! Jetzt ist die Zeit reif, jetzt ist die Alterszahnmedizin Mainstream!

Foto: © Adam Gregor – Fotolia.com
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