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Statements 16.04.2020

„Wir fühlen uns gemeinsam alleingelassen“

„Wir fühlen uns gemeinsam alleingelassen“

Ist unsere Regierung in der Komplexität ihrer Entscheidungen in Sachen Corona überfordert?

In einem Statement äußert sich Jochen Linneweh, Geschäftsführer dental bauer GmbH und Co. KG, zu den gegenwärtigen Problemen der Dentalbranche und dem aktuellen Status quo.

Derzeit erleben wir einen unglaublichen Zusammenhalt in unserer „Dentalfamilie“ – und dafür möchte ich stellvertretend im Namen von dental bauer ein aufrichtiges Dankeschön an alle Mitarbeiter der Zahnarztpraxen und Dentallabore richten, die in dieser schweren Krise für ihre Patienten da sind und einen großartigen Job machen. Als Dentaldepot sind wir stolz darauf, mit unseren Leistungen die Aufrechterhaltung des Betriebes unserer Kunden in entscheidendem Maße mit zu gewährleisten. Denn die Arbeit von Zahnarzt und Zahntechniker lässt sich nicht aus dem Homeoffice heraus ausüben. Ebenso gilt mein großer Dank jedem Einzelnen aus unserem tollen Team, das sich nicht verunsichern lässt, mitzieht und an die gemeinsame Zukunft mit unserem Unternehmen und unseren Kunden glaubt.

Arbeit als Verantwortung

Das Coronavirus hat binnen kurzer Zeit Leben und Gesellschaft nicht nur in unserem Land verändert. Auf Bundes- wie Landesebene wird über Gebote und Verbote entschieden. Die Politik setzt mehr denn je auf Presse und moderne Medien und verschafft sich mit Arbeitstiteln wie Solidarität, Schutzmaßnahmen und Finanzschutzschirmen sogar nebenbei zusätzliche Wählerstimmen. Viele Medien überhäufen die Bürger zudem stündlich mit nationalen und internationalen Corona-Statistiken. Jedoch besteht der Eindruck, dass die Regierung dabei nicht selten den Blick auf Menschen, Firmen und Berufsstände verliert, die trotz aller Hiobsbotschaften ihren persönlichen täglichen Beitrag in der Solidargemeinschaft leisten wollen, nämlich ihrer Verantwortung nachgehen und arbeiten.

Berechtigte Enttäuschung der Zahnärzteschaft

Zu den aktuell erkennbar von der Regierung vernachlässigten Berufsständen zähle ich u.a. den unserer Kunden, es sind die Zahnärztinnen und Zahnärzte, Mediziner und Unternehmer in einer Person. Zu Recht herrscht bei ihnen Empörung über die Krisenmaßnahmen seitens der Bundesregierung: Ausgerechnet sie, die durch die unvermeidbare Nähe zum Patienten und dessen Mundraum besonders gefährdet sind, wurden im COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz zunächst nicht berücksichtigt. Auch in punkto Beschaffung von Schutzausrüstung – zum Schutz der Patienten, zum Selbstschutz und zum Schutz des Personals – fühlen wir uns gemeinsam alleingelassen.

Die Begriffe regieren, reagieren und agieren liegen eng beieinander. Von Corona-bedingten Einschränkungen und Verboten wissen wir europaweit mehr als genug, von den publikumswirksamen Finanzschutzschirmen haben wir zwar häufig gehört – doch wer sich zu welchen Bedingungen unter welchen Schirm stellen darf, dazu fehlen uns allen valide Aussagen. Einer global vernetzten Kanzlerin samt auf der Welt umherreisenden Ministern müsste es als Beispiel doch möglich sein, innerhalb kürzester Zeit Schutzausrüstung für alle (!) Risikogruppen dieses Landes zentral zu beschaffen. Behandler und Praxisbetreiber werden sich regelrecht selbst überlassen. Der offene Brief des Dr. Siegfried Marquardt aus Tegernsee an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn trifft den grundsätzlichen Sachverhalt ins Schwarze.

Dass nun ein Finanzschutzschirm für Zahnarztpraxen mit deutlicher Verspätung und gleichzeitig starken Reglementierungen zum Karsamstag angekündigt wurde, befeuert einmal mehr die Enttäuschung der Zahnärzteschaft.

Scheinbare Hilfe versus Praxisrealität

In ihrem gemeinsamen Beratungsforum für Gebührenordnungsfragen haben sich PKV und BZÄK mit Vertretern der Beihilfe auf eine Corona-Hygiene-Pauschale geeinigt. Die dabei verhandelten 14,23 Euro (GOZ Gebührennummer 3010 analog – erhöhter Hygieneaufwand) wirken eher provozierend als mildernd.

Wie soll für diesen Betrag der erforderliche Mehraufwand in den Praxen ausgeglichen werden? Mit welchem Realitätsbezug werden hier Beträge ermittelt? Während einerseits in gemeinsamer Solidarität zusammen gegen das Virus gekämpft wird, sehen sich andererseits die Zahnärzte zeitgleich gezwungen, eigenverantwortlich für die langfristige und flächendeckende Sicherstellung der zahnmedizinischen Versorgung in Deutschland kämpfen zu müssen.

Die in Deutschland praktizierte Zahnmedizin bewegt sich auf höchstem internationalen Qualitätsniveau. Und das ist keineswegs der Verdienst der Politik. Zwar bieten hierzu die Universitäten eine wichtige qualitative Grundlage, doch es ist dem medizinischen Selbstanspruch eines jeden Behandlers zuzuschreiben, wenn es um gewissenhafte Behandlung nach State of the Art, persönliche Weiterbildung inklusive seines Teams sowie Investitionsbereitschaft für zeitgemäße Behandlungsmethoden geht.

Auslegungsübung statt durchdachter Klarheit

Ein jüngstes Beispiel aus Baden-Württemberg belegt, wie eine Landesregierung in ihrer Vorgehensweise aus vermeintlich umsichtiger Vorsicht regelrechten Aktionismus entstehen lässt und am 9. April 2020 durch eine Neuregelung innerhalb der Corona-VO unabsehbare Folgen auf die Zahnärzteschaft heraufbeschwört. Vermutlich wohlüberlegt, wollte die Regierung nicht die Schließung von Praxen anordnen, doch die Formulierung war faktisch als Berufsverbot zu verstehen. Nur aufgrund der sofortigen Intervention durch die Verantwortlichen der KZV Baden-Württemberg und der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg war es möglich, über die Osterfeiertage das Gesundheitsministerium in seiner Verordnungseuphorie „einzubremsen“. Inzwischen hat das Ministerium seine „eigentlich beabsichtigten Vorgaben konkretisiert“ und berichtet unter anderem von „konstruktiven und einvernehmlichen Gesprächen mit KZV und ZK“.

Auch bedient sich das Ministerium für sein Einlenken einer eigenen gefälligen Terminologie und beschreibt seither den Vorgang auf seiner Homepage als „Auslegungshinweise zur Corona-Verordnung“.

Das konkrete Beispiel zeigt, wie im allgemeinen Interesse getroffene Verordnungen über infektionsschützende Maßnahmen durchaus auch vielschichtige Negativfolgen mit sich bringen können, wenn sich die Entscheider möglicherweise zu oberflächlich mit Zusammenhängen und damit verbundenen Auswirkungen befassen. Schließlich wären in diesem Fall Patientinnen und Patienten, Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie deren Mitarbeiter markant betroffen gewesen.

Stetiger Aufklärungsbedarf

Seit Jahren begleiten wir flächendeckend unsere Kunden bei Fragen und Maßnahmen zu Praxishygiene mit dem von uns hierfür eigens entwickelten PROKONZEPT® und wissen somit sehr genau, welchen personellen, räumlichen, gerätetechnischen und wirtschaftlichen Aufwand die Praxen hierfür betreiben und welches riesige Investitionsvolumen in mehrfacher Millionenhöhe bundesweit dahinter steht.

Leider sind den meisten Patienten die vorbildlichen Hygienestandards in deutschen Zahnarztpraxen zu wenig bewusst, so dass selbst bei einem Corona-Exit-Szenario die derzeit propagierte „Distanzwahrung“ eher von einem zeitnahen Praxisbesuch abhalten könnte. Vielleicht wäre dem mit einem entsprechenden Aufklärungsprogramm entgegenzuwirken.

Engagierter Kundenservice und Produktbeschaffung

Aufgrund reduzierter Nachfrage haben wir uns entschieden, Arbeitszeiten sinnvoll anzupassen, sodass aber dennoch unsere persönliche Erreichbarkeit sichergestellt ist. Entsprechend ist unser technischer Service – ausgestattet mit der erforderlichen Schutzausrüstung – selbstverständlich weiterhin im Einsatz und führt notwendige Reparaturen sowie Wartungsarbeiten vor Ort in der Praxis durch.

Zugleich erfüllt es uns mit Sorge, dass wir unsere Kunden mit einigen Produkten nicht in der gewohnten Schnelligkeit beliefern können. Die sonst selbstverständliche „Hardware“ in Form von Verbrauchsmaterialien wie Gesichtsmasken, Schutzkitteln, Einmalhandschuhen, Händedesinfektionen und Gesichtsschutzschilde sind aufgrund der Corona-Pandemie gefragt wie nie. Wir setzen alle Hebel in Bewegung, doch geht die Beschaffung unter anderem mit langen Wartezeiten im Zoll und nicht selten mit dem Risiko verminderter Qualität bei zugleich überhöhten Preisen einher. Noch nie dagewesene exotische Scheinfirmen versprechen, gegen Vorkasse begehrte Waren zu liefern – hier zeigt sich die Marktwirtschaft von ihrer hässlichen Seite.

Mündig muss mündig bleiben

Möchte man ein Fazit aus den beschriebenen Vorgängen ziehen, so sollte gerade in diesen Zeiten auch neu formulierten Verordnungen mit angemessener Aufmerksamkeit begegnet und gegebenenfalls auch offiziell dagegen interveniert werden. Trotz weitreichender Argumente, wie die Pandemie in den Griff zu bekommen ist, darf keinem von uns der Status als mündiger Bürger entzogen werden.

Ich wünsche uns allen weiterhin gute Gesundheit und eine kräftige Portion Optimismus.

Foto Teaserbild: dental bauer

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