Branchenmeldungen 28.04.2026
19. Wintersymposium der DGOI 2026 in Zürs am Arlberg
Praxisnah, kollegial und inspirierend – so lässt sich auch das diesjährige Wintersymposium der DGOI beschreiben. Über 30 Referenten, darunter acht junge Implantolog:Innen, ein engagierter Kollegenkreis und zehn Industriepartner der DGOI bildeten über vier Tage hinweg eine Mastermind-Gruppe der oralen Implantologie. Fernab des Praxisalltags fanden die implantologisch tägigen Kollegen unabhängig ihres fachlichen Levels im Wissens- und Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe zusammen. Sie profitierten von der Expertise aller Mitwirkenden. In diesem Jahr stand der „Misserfolg oder verhersehbares Ende eines Erfolgs – Komplikationsmanagement im implantologischen Alltag“ im Fokus.
Aus Fehlern lernen
„Misserfolge und Fehler zu reflektieren ist der effektivste Weg, um zu verstehen, warum etwas nicht funktioniert hat. Daraus lassen sich Lösungsansätze formulieren, mit denen wir unsere Entscheidungsfindung und Workflows verbessern können“, so Prof. Dr. Daniel Grubeanu, Präsident der DGOI, zur Wahl des Gipfelthemas.
Um den Kollegen – unabhängig ihres fachlichen Levels – praxisgerechte Lösungsansätze für die Prävention von Misserfolgen sowie für das Management von Komplikationen an die Hand zu geben, hatten Kongresspräsident Prof. Dr. Fred Bergmann und Prof. Dr. Dr. Ralf Smeets, Fortbildungsreferent der DGOI, ein thematisch breit gefächertes Programm mit Vorträgen, Workshops – überwiegend mit Hands-on-Training – und Table Clinics zusammengestellt. Die Themen reichten von Ursachen implantologischer Komplikationen über chirurgische und prothetische Lösungsstrategien bis zur interdisziplinären Behandlungsplanung.
Das kam bei den Teilnehmern sehr gut an: Ihnen gefielen vor allem die exzellenten, aber dennoch bodenständigen Referenten mit ihrer praxisnahen, authentischen Ausrichtung. Immer wieder betont wurde, das man daher viele Impulse für die direkte Umsetzung in der eigenen Praxis mitnehme.
Auf fachlicher Seite wurde deutlich: Ziel der modernen Implantologie ist eine vorhersagbare, minimalinvasive, ästhetisch und funktionell anspruchsvolle Versorgung unter Berücksichtigung individueller Patientenfaktoren. Parameter wie evidenzbasierte Entscheidungsfindung, präzise digitale Planung, biologisch orientiertes Vorgehen, enge Zusammenarbeit mit dem zahntechnischen Partner und eine aktive Einbindung des Patienten sind erfolgsentscheidend. Digitale Workflows und KI unterstützen Behandler in den Bereichen Diagnostik, Planung und Entscheidungsfindung. Dennoch bleiben die klinische Erfahrung des Behandlers und das Verständnis für die Biologie entscheidende Erfolgsfaktoren.
Diskutiert wurden unter anderem diese Themen:
Präzise planen
Da die Ursache für die meisten Komplikationen eine unzureichende Planung ist, kommt es auf eine strukturierte Planung an. Wichtig sind die richtige 3D-Position des Implantats, in der ästhetischen Zone die Achsenausrichtung, unter Berücksichtigung der Okklusion. 3D-Diagnostik und digitale Implantatplanung können den Behandler dabei unterstützen. In der Regel führt sie zu einer höheren Vorhersagbarkeit des Behandlungsergebnisses, zur Integration der prothetischen Zielsetzung (Backward Planning) und auch zu einer besseren Kommunikation mit dem Zahntechniker.
Als Vorteile der schablonengeführten Implantation wurden beispielsweise eine reduzierte chirurgische Komplexität und die höhere Sicherheit genannt. Weniger Stressempfinden während der Implantation hoben vor allem die jungen Implantologen als positiv hervor.
Sofortimplantation
Gerade in der ästhetischen Zone gilt es, den Knochenabbau nach Zahnextraktion zu verhindern. Daher ist, bei geeigneter Indikation und ausreichendem Knochenangebot, eine Sofortimplantation/ -versorgung anzustreben. Neben einer präzisen 3D-Planung – Stichwort Achsenausrichtung – ist auch auf die Wahl des Implantatsystems – Stichwort Primärstabilität – zu achten. Die Referenten betonten die Bedeutung klarer Behandlungsstrategien. Dazu gehöre eine strukturierte Entscheidungsfindung im Hinblick auf eine Sofort-, Früh- und Spätimplantation sowie ein definierter „Plan B“, wenn keine Primärstabilität erreicht werden kann.
Eine Socket Preservation ist bei Sofortimplantation in der Regel empfehlenswert, um eine stabile Weichgewebemanschette zu erreichen. Diskutiert wurden hier der Einsatz von PRF in Kombination mit Knochenersatzmaterialien. Auch die Socket-Shield-Technik und der Einsatz von PTFE-Membranen wurden diskutiert. PTFE-Membranen gelten jedoch vor allem bei größeren Knochendefekten als Mittel der Wahl, da sie eine Überkonturierung ermöglichen und sich gleichzeitig minimalinvasiv entfernen lassen.
Zahnloser Kiefer
Als Versorgungsmöglichkeit wurde das All-on-Konzept diskutiert, hier vor allem der digitale Workflow zur All-on-X-Prothese. Sensibilisiert wurde aber gerade dafür, dass der zahnlose Kiefer kein „Standardfall“ ist. Im Gegenteil, die Entscheidung der prothetischen Versorgung ist patientenzentriert zu treffen. Je nach Patient kann ein herausnehmbarer implantatgetragener Zahnersatz die bessere Lösung sein. Wichtig ist das prothetisch orientierte Backward Planning unter besonderer Berücksichtigung der Funktion und eines minimalinvasiven Ansatzes. Die Funktion kann sogar vor der Ästhetik stehen.
Indikationsbezogene Implantatauswahl
Indikation und Patient bestimmen die Wahl des Implantatsystems. Bei Titanimplantaten eignet sich zum Beispiel eine tiefer gesetzte Implantatschulter zur Optimierung des Emergenzprofils, ein modifiziertes Makrodesign – beispielsweise mit einem gewindelosen zervikalen Anteil – zur Reduktion krestaler Belastung und „tapered“ Implantate zeigen Vorteile bei einem kompromittierten Knochenangebot.
Im Vergleich zu Titan zeigen Keramikimplantate in der Regel im Hinblick auf die Weichgewebeanlagerung ein besseres Resultat und eine potenziell geringere Plaqueaffinität. Einteilige Systeme beweisen auch bei Sofortimplantationen gute Ergebnisse, sofern die knöchernen Voraussetzungen gegeben sind. Vorgestellt wurden ovale und trianguläre Implantatdesigns, die zusätzliche Optionen für das Weichgewebsmanagement bieten.
Augmentation, horizontal und vertikal
Ein Thema war die horizontale und vertikale Augmentation mit autologen Knochenschalen, sowohl das Vorgehen wie auch mögliche Komplikationen der technisch anspruchsvollen – und aufgrund des Entnahmeeingriffs relativ invasiven – Methode. Sensibilisiert wurde für eine sorgfältige (digitale) Planung, die entsprechende Erfahrung des Operateurs und eine konsequente Nachsorge, um Risiken zu minimieren .
Alternative Autotransplantation
Eine Autotransplantation als evidenzbasierte Alternative zu Implantaten kann gerade bei jungen Patienten in der Wachstumsphase eine geeignete Behandlungsoption sein. Die biologische Integration hängt stark von der Patientenselektion und zeitlichen Faktoren ab. Limitationen bestehen beispielsweise hinsichtlich systemischer Risikofaktoren wie Rauchen und Diabetes. Bei Patienten über 40 Jahren gilt die Methode als relativ kontraindiziert.
Blutkonzentrate und Hyaluronsäure
Bei den Table Clinics am Dienstagnachmittag stand die Differenzierung von PRF, PRGF und PRP im Fokus: Die Verfahren unterscheiden sich vor allem in der Aufbereitung, Zentrifugation und Zellverteilung. So haben die Rotationsgeschwindigkeit sowie die erste Zentrifugation einen entscheidenden Einfluss auf die Qualität des Konzentrats. Für die Praxis wichtig: Das gewonnene Blut sollte unmittelbar weiterverarbeitet werden. Zu den klinischen Vorteilen der Blutkonzentrate gehören reduzierte postoperative Schmerzen, eine verbesserte Angiogenese und bessere Wundheilung.
Bei dem Thema Schmerzreduktion und Förderung der Heilung wurde der Einsatz von Hyaluronsäure als unterstützende Maßnahme hervorgehoben. Auch die Kombination von Hyaluronsäure und Knochenersatzmaterialien im Sinne eines „Sticky Bone“ wird zunehmend in der klinischen Praxis angewendet.
Schmelzmatrixderivate
Parodontale Regeneration: In der Parodontalchirurgie gelten Membranen oder Schmelz-Matrix-Proteine (z. B. Emdogain) mit oder ohne Zusatz von Knochenersatzmaterialien als evidenzbasiert und sollten daher angewendet werden. Vorgestellt wurde auch eine Anwendung von Emdogain ohne offene Lappenoperation.
Gesteuerten Geweberegeneration: Die grundlegende Funktion von Membranen als Trennschicht zwischen Weich- und Hartgewebe sowie für die Stabilisierung des Blutkoagulums wurde diskutiert und empfohlen als entscheidender Faktor für jede Form der Regeneration.
Periimplantitis
Steht die Periimplantitis-Therapie vor einem Paradigmenwechsel? Vorgestellt wurde als Alternative zu mechanischen und lasergestützten Reinigungsmethoden die elektrochemische Dekontamination (GalvoSurge) von Titanoberflächen. Dieses Verfahren beschädigt weder die Implantatoberfläche noch verändert es die Titanrauigkeit. Studien zeigen vielversprechende Ergebnisse in Bezug auf eine Reduktion von Entzündungsparametern und die Möglichkeit einer Re-Osseointegration des „behandelten“ Implantats.
Neue Biomaterialien für die Praxis?
Ein kritischer Blick wurde auf die wissenschaftliche Evidenz neuartiger resorbierbarer Biomaterialien, z.B. Seidenmembranen und Magnesium- Pins geworfen. Ihre potenziell heilungsfördernden Eigenschaften seien vielversprechend, aber die evidenzbasierte Datenlage für den klinischen Einsatz oft noch begrenzt. Geschärft wurde insgesamt das Bewusstsein für eine kritische Abwägung zwischen Innovation und wissenschaftlicher Evidenz. Es gilt vielmehr, neue Technologien bzw. Materialien sinnvoll und patientenorientiert zu integrieren.
Junge Implantolog:Innen willkommen
Dass die DGOI dem implantologischen „Nachwuchs“ mit der Plattform „Junge Implantolog:Innen“ eine eigene Plattform bot, kam bei den Teilnehmern sehr gut an. Die jungen Implantologen als „Digital Native“ macht bewusst, dass sie sozusagen seit Fall 1 digitale Technologien einschließlich KI-gestützter Planungssoftware und navigierter Implantation nutzen. Digitale Workflows sind für sie selbstverständlich. Daher lautete ihre Botschaft: Präzise Planung mit digitaler Unterstützung und die interdisziplinäre Zusammenarbeit sind entscheidend, um erstens Komplikationen zu vermeiden und zweitens langfristig stabile Ergebnisse zu erzielen.
Emotionaler Höhepunkt
Emotional wurde es am Samstagabend, als Prof. Dr. Daniel Grubeanu dem Gründungsmitglied und ehemaligen DGOI-Präsidenten (2009 bis 2015) Dr. Georg Bayer, Landsberg am Lech, zum Ehrenmitglied der DGOI ernannte. Er dankte ihm für sein langjähriges Engagement, das die Fachgesellschaft mit ihren kollegialen Werten nachhaltig mit geprägt hat. Das Auditorium applaudierte mit Standing Ovation. Auch Gründungsmitglied Dr. Regine Dressler, Pfinztal, die seit vielen Jahren als Study Club Leiterin Nordbaden und Kassenwart für die Fachgesellschaft aktiv ist, dankte Prof. Grubeanu herzlichst für ihr persönliches Engagement.
Fazit
Zu den Referenten 2026 gehörten:
Dr. Anna-Lena Bergmann, Viernheim/ Prof. Dr. Fred Bergmann, Viernheim/ Dr. Laura Benyei, München/ Hermann Borowitz, Kaufbeuren/ Dr. Torsten Conrad, Bingen/ Dr. Chiara Dordea, München/ Dr. Christian Dürr, Aichach/ Dr. Michael Gahlert, München/ Dr. Martin Gollner, Bayreuth/ Dr. Till Gerlach, Oppenheim/ Prof. Dr. Daniel Grubeanu, Trier/ Dr. Maximilian Grubeanu, Trier/ Dr. Sven Görrissen, Kaltenkirchen/ Maximilian Hilscher, Kaufbeuren/ Dr. Brigitte Kirchmann, Erkelenz/ Dr. Jan Klenke, Hamburg/ Dr. Arne König, Bad Nauheim/ Dr. Frank Maier, Tübingen/ Dr. Jochen Mellinghoff, Ulm/ Dr. Chaimongkon Peampring, Thailand/ Dr. Peter Randelzhofer, München/ Dr. Kay Pehrsson, Herne/ Dr. Paitoon Rojojarat, Thailand/ Dr. Stefan Röhling, München/ Björn Roland, Klein-Winternheim/ Dr. Thore Santel, Essen/ Dr. Lisa Scherer, Gersthofen/ Dr. Konstatin Schober, Wien (Österreich)/ Prof. Dr. Dr. Ralf Smeets, Hamburg/ Dr. Mathias Sommer, Köln/ Dr. Haki Tekyatan, Simmern, und Priv.-Doz. Dr. Paul Weigl, Frankfurt am Main.