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Branchenmeldungen 23.03.2020

Allergene in der Zahnarztpraxis

Allergene in der Zahnarztpraxis

Patienten fragen ihren Zahnarzt sehr häufig nach Allergenen, beispielsweise in Füllmaterialien oder Implantaten. Das geschieht teilweise aus berechtigter Sorge, teilweise sind die Patienten verunsichert. Das ist darauf zurückzuführen, dass im Internet wilde Gerüchte über zahnärztliche Prozeduren und deren Auswirkungen auf die Gesundheit kursieren. Es soll schon zu Depressionen oder schweren Darmerkrankungen gekommen sein durch Behandlungen beim Zahnarzt. Solche Diskussionen finden in vielen Zahnarztpraxen statt. Doch wie sieht es eigentlich mit der eigenen Gefährdung aus und der der Mitarbeiter in der Praxis? Welche arbeitsbedingten Allergien gibt es in der Zahnarztpraxis?

Nicht nur die Latexhandschuhe sind ein Problem

Regelmäßig Latexhandschuhe zu tragen, ist nicht gesund und kann unliebsame Folgen haben. Das ist mittlerweile weithin bekannt. Neben Gummimaterialien gibt es noch zahlreiche weitere Stoffe in der Zahnarztpraxis, die weniger bekannt sind und ebenfalls sogar schwere Allergien hervorrufen können. Hier besteht Handlungsbedarf für die Zahnärzte. In der Literatur ist nur wenig über allergisch bedingte Berufskrankheiten bekannt, die Erwerbstätige in Zahnarztpraxen betreffen. Es gibt Verdachtsmeldungen auf Berufskrankheiten, die als grobe Orientierung dienen können. Hauterkrankungen sind dabei an erster Stelle genannt, gefolgt von Atemwegserkrankungen. Arbeitsmediziner gehen von Kontaktdermatiden und allergischen Atemwegserkrankungen aus. Im privaten Bereich kann jeder selbst etwas tun, wenn Allergien auftreten. So können sich Allergiker, die auf Hausstaubmilben reagieren, Bettwaren und Matratzen speziell für Allergiker anschaffen. Am Arbeitsplatz ist der Schutz nicht ganz so einfach.

Studien belegen Allergien unter Zahnärzten und deren Mitarbeitern

Im Jahr 1996 haben Forscher bei 21,4 Prozent der Zahnärzte in Schweden eine Kontaktdermatitis festgestellt. Im gleichen Jahr gab es eine weitere Studie, die auf Hautprobleme bei den deutschen Zahntechnikern hinweist. Bei den untersuchten, ausgewählten Probanden kam heraus, dass 63 Prozent eine allergische und 23 Prozent eine irritative Kontaktdermatitis hatten. Die irritative Kontaktdermatitis der Haut entsteht, wenn die Schutzmechanismen der Haut überlastet sind, beispielsweise durch chemische oder physikalische Reize. Eine allergische Kontaktdermatitis entsteht durch den direkten Kontakt mit Allergenen. Dieser Kontakt verursacht eine sehr spezifische, überschießende Reaktion des Immunsystems.

Die Allergieauslöser

Bei zahnmedizinischen Behandlungen kommen vielfältige Materialien zum Einsatz, die möglicherweise zu allergischen Reaktionen führen. Bereits bekannt als Allergieauslöser sind Additive und Vulkanisationsbeschleuniger. In der Fallpublikation von Axelsson 1987 über eine anaphylaktische Reaktion auf den Gebrauch von Latexhandschuhen rückte das Problem mit einer immunglobulin-E(IgE)-vermittelten Sofortreaktion auf die im Latex enthaltenen Latexproteine verstärkt ins Bewusstsein. Zeitweise waren nahezu 16 Prozent aller Beschäftigten im Gesundheitswesen sensibilisiert gegenüber Latex. Mittlerweile sind gepuderte Latexhandschuhe verboten, stattdessen werden Vinyl- oder Nitrilhandschuhe verwendet, was zu einer deutlichen Verringerung dieses Problems geführt hat.

Sensibilisierung gegenüber Acrylatverbindungen

Ebenfalls lange bekannt ist, dass es durch Acrylatverbindungen zur Sensibilisierung kommt. So berichtet das Institut für medizinische Diagnostik. Damit kommt es auch zu Allergien vom Spättyp. Diese Allergien zeigen erst einige Stunden nach dem direkten Kontakt mit dem Allergen die typischen klinischen Symptome, wie Rötungen, Schwellungen und Juckreiz. Schon seit etwa 80 Jahren ist bekannt, dass der Kontakt mit Methylmethacrylat Allergien auslöst. Durch die Verbreitung von Kompositen wurde das Problem virulent. Bei den meisten Betroffenen kommt es zunächst zu Hautreaktionen, meistens an den Fingerkuppen, denn diese haben direkten Kontakt mit den allergieauslösenden Verbindungen. Im weiteren Krankheitsverlauf und bei fortwährendem Kontakt, können sich die allergischen Reaktionen auf die oberen Atemwege ausbreiten und eine Rhinitis auslösen. Es kann auch zu Erkrankungen der unteren Atemwege in Form von Asthma kommen.

Was nicht in jeder Zahnarztpraxis bekannt ist

Nicht in jeder Zahnarztpraxis ist bekannt, dass alle Acrylate Latex- und Vinylhandschuhe durchdringen. Da der lokale Kontakt der Fingerspitzen mit dem Allergen meistens nur zeitlich begrenzt erfolgt, versuchen sich viele Mitarbeiter durch einen Trick zu schützen. Sie stülpen sich zusätzliche Fingerlinge oder von Handschuhen abgeschnittene Fingerteile über. Diese Methode kann helfen, allerdings ist zu beachten, dass der Doppelschutz nur etwa zehn bis 15 Minuten anhält und dann erneuert werden muss. Der direkte Hautkontakt beim Wechseln ist dabei strikt zu vermeiden.

Weitere Ursachen für Allergien in der Arztpraxis

In den Dentalpraxen kommen sehr viele Desinfektionsmittel zum Einsatz, die ebenfalls sehr häufig zu Allergien führen. Dabei gibt es Mittel, die gleichzeitig sensibilisierend und irritierend wirken, wie Alkylamine, Benzalkoniumchlorid, Chlorhexidin, Glutaraldehyd und Peroxide.

Kolophonium, ein Naturstoff, der in vielen Abformmassen, Fluoridlacken oder auch in Temporärfüllstoffen enthalten sein kann, ist ebenfalls als Allergieauslöser bekannt. Naturharze enthalten diesen Stoff, der als Bindungsvermittler fungiert.

Den Kontakt mit potenziellen Allergenen vermeiden

Damit es erst gar nicht zu berufsbedingten allergischen Erkrankungen kommt, gilt es, den Kontakt mit potenziellen Allergenen und sensibilisierenden Arbeitsstoffen weitestgehend zu vermeiden. Das ist das Ziel bei der Prävention solcher Erkrankungen. Dabei hat sich das STOP-Schema bewährt:

  • Substitution
  • Technik
  • Organisation
  • Persönlicher Schutz

Das setzt allerdings voraus, dass die allergieauslösenden Stoffe in der eigenen Praxis auch bekannt sind. Wer einmal seine Arbeitsmittel systematisch ermittelt und dabei das Gefährdungspotenzial bewertet, erlebt in der Regel die eine oder andere Überraschung. Am besten ist es, diese Bewertung im Team vorzunehmen und sich gemeinsam auf die Suche nach weniger gefährlichen Ersatzstoffen zu machen. Folgende Fragen können dabei weiterhelfen:

  • Welche Arbeitsmittel müssen wirklich steril sein und desinfiziert werden? Manchmal reicht eine gründliche Reinigung mit den passenden waschaktiven Substanzen vollkommen aus.
  • In welchen Bereichen ist es möglich, den Hautkontakt mit den Allergenen zu reduzieren? Dazu hat die Berufsgenossenschaft BGW eine praxisorientierte Broschüre herausgegeben, die weitere Tipps zu diesem Verbesserungsprozess beinhaltet, die unter www.bgw-online.de zu finden ist.

Welche Folgen können berufsbedingte Allergien haben?

Schon der Kontakt mit sehr geringen Mengen der Allergene kann zu gravierenden, akuten gesundheitlichen Störungen führen. Häufig müssen Betroffene ihren erlernten Beruf aufgeben. Kann der Betroffene die berufliche Verursachung nachweisen, helfen die zuständigen Berufsgenossenschaften finanziell weiter. Doch für Umschulung und anschließende Jobsuche gibt es kaum Unterstützung, die muss jeder selbst bewältigen. Es ist in jedem Fall sinnvoll, wirksam die Allergien zu verhindern. Dann sieht sich niemand gezwungen, die Folgen zu bewältigen.

Foto Teaserbild: MQ-Illustrations – stock.adobe.com

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