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Branchenmeldungen 27.11.2019

Hui oder Pfui? Hunde in der Arztpraxis – das sagt der Experte

Hui oder Pfui? Hunde in der Arztpraxis – das sagt der Experte

Während in den USA und Australien Hunde schon lange als Therapiebegleiter eingesetzt werden – etwa auch als Besucher in Altenpflegeheimen, um den Menschen dort etwas Freude und Abwechslung zu gönnen –, hat sich auch in anderen Ländern in den letzten 20 Jahren viel getan.

In Deutschland hat sich die oberste Fachbehörde für Gesundheit, das Robert Koch-Institut, nicht gegen Tiere ausgesprochen, ganz im Gegenteil: Die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention, die nach §23 Abs. 3 Infektionsschutzgesetz in ihren Empfehlungen den Stand der medizinischen Wissenschaft vertritt, hat sich zu Tieren im Gesundheitsdienst positiv geäußert. Dies wurde einmal in der Empfehlung „Infektionsprävention in Heimen“ (2005) und dann noch einmal in der eine noch riskantere Patientengruppe umfassenden Empfehlung „Anforderungen an die Hygiene bei der medizinischen Betreuung von immunsupprimierten Patienten“ (2010) veröffentlicht.

Zunehmend binden hierzulande Pflegeeinrichtungen, Rehabilitationskliniken, sogar Krankenhäuser und Therapeuten in niedergelassener Praxis Tiere wie Hunde und Katzen, aber auch durchaus Esel, Schafe und Pferde in ihre Konzepte mit ein. Die Vorteile des Tierkontaktes für die Patienten sind nach Studien1, 2 erhöhte Lebensfreude und Ablenkung von der Krankheit – und damit einhergehend eine verminderte Komplikationsrate. Nützliche „Nebenwirkungen“ sind vermehrte Bewegung der Betreuten mit dem Tier, Blutdruckharmonisierung, geringerer Verbrauch an Analgetika und/oder Psychopharmaka3, 4.

Der Grund: Tieren sind die allermeisten Menschen über die so genannte Biophilie, die Liebe zur Natur, innerlich verbunden. Seit Urzeiten signalisiert ein ruhender Hund, dass keine akute Gefahr besteht – das zu sehen, beruhigt auch die Menschen. Über eine komplexe Hormonkaskade, die u.a. Acetylcholin, Dopamin und Serotonin enthält, beruhigt sich der Kreislauf. Durch die Beobachtung des Tieres wird man von eigenem Leiden abgelenkt, dies führt dazu, dass Schmerzen weniger stark wahrgenommen werden und psychische Beeinträchtigungen sinken, insbesondere kommt es zur Aufhellung von Depressionen und Angstzustände werden reduziert.

Mögliche Organisationen des Tierkontaktes

Beim „Besuchsdienst“ kommen die Tiere, die in Haushalten ihrer Besitzer leben, mit diesem stundenweise zu Besuch in die stationäre Einrichtung, z.B. ein Akutkrankenhaus. Eine Variante davon ist das Mitbringen eines geeigneten Tieres durch einen in der Einrichtung arbeitenden Halter. Es bleibt während der Arbeitszeit in der Einrichtung und geht dann mit dem Halter nach Hause. In anderen Fällen werden die Tiere direkt dort gehalten und von den Bewohnern (Patienten) oder dem Personal betreut, z.B. als „Stationskatze“ in einer psychiatrischen Klinik. Manche Altenheime lassen den Einzug von Bewohnern mit ihrem Tier zu. Die dritte Form sind körperbetonte Therapieformen mit Tieren, Beispiel hierzu ist die Hippotherapie, bei der körperlich Eingeschränkte auf einem geschulten Pferd Gleichgewichtssinn und Selbstbewusstsein trainieren können.

Was wird von den Tieren in der Arztpraxis verlangt?

Die Tiere müssen gesund und gutmütig sein, da auch ein ungeschickter Handgriff ohne Biss vertragen werden muss. Hunde müssen vollständig geimpft sein. Tägliche Inspektion auf Zecken und Flöhe vor Betreten der Praxis ist obligat. Die Hunde müssen einen gepflegten Eindruck machen und regelmäßig entweder mittels Stuhlproben auf Wurmbefall untersucht oder routinemäßig entwurmt werden. Auch müssen sie sauber sein und artgerecht gehalten werden.

Was muss die Praxis dem Tier bieten?

Ein Hund muss sich auch einmal zurückziehen können. Hierzu muss eine geeignete Möglichkeit geschaffen werden, sei es in einem Backoffice oder in einem Bett im Sprechzimmer. Wichtig ist, dass keiner während der Ruhezeit das Tier anfasst oder mit ihm spricht. Weiter benötigt das Tier jederzeit zugängliches sauberes Wasser in einem geeigneten Napf. Ob auch ein Fressnapf erforderlich ist, hängt von der Aufenthaltsdauer des Tieres in der Praxis ab, für „Zwischendurch“ reichen auch Leckerli aus Trockenfutter.

Risikobewertung – Welche Gefahren drohen wirklich?

Tiere erwerben im Umgang mit anderen Tieren und bei Bewegung im Freien beispielsweise Umweltkeime, pathogene Darmkeime wie Salmonellen und gelegentlich Ektoparasiten. Diese führen auch bei älteren Menschen kaum zu bedrohlichen Infektionen, wenn die Basishygiene eingehalten wird. Auch Hautpilze (Dermatophyten) sind von Hunden auf den Menschen übertragbar und umgekehrt, wobei zu beachten ist, dass man einen Befall bei Hunden nicht unbedingt sehen muss.

Hunde im Hygieneplan

Im Hygieneplan werden neben den hier genannten Anforderungen auch Kontraindikationen nach Ermessen der behandelnden Ärzte (z.B. Allergien, Asthma, Neurodermitis, abwehrschwächende und konsumierende Erkrankungen, akute Erkrankungen wie Lungenentzündung, schwerer nicht eingestellter Diabetes, Malignome sowie akute Infektionserkrankungen) für den Tierkontakt niedergelegt. Der Reinigungs- und Desinfektionsplan muss nicht geändert werden, aber es werden zusätzliche Maßnahmen wie Reinigung von Futter- und Wasserschüsseln sowie Betten aufgenommen. Eine Dokumentation von Impfungen, Tierarztbesuchen etc. gehört gleichfalls zu jedem Tier in der Einrichtung hinterlegt.

Vorgaben der Berufsgenossenschaft zum Schutz des Personals vor Unfällen sind zu beachten. Somit muss vor Einführung von Tieren in therapeutische Konzepte Rücksprache mit dem Betriebsarzt sowie den Aufsichtsbehörden genommen und das Personal geschult und motiviert werden. Patienten und Angehörige müssen entsprechend aufgeklärt werden. Da sicherlich neue Patienten überrascht werden können, plötzlich einen Hund in einer Arztpraxis zu treffen, wird empfohlen, bereits ein Bild des Hundes schon im Eingangsbereich oder spätestens beim Empfang aufzustellen mit einem passenden Kommentar, z.B. „Ich gehöre zur Therapie“ oder „Ich bin im Team dabei“ oder Ähnliches.

Umgang mit dem Hund

Nicht artgerechter Umgang mit Tieren, zum Beispiel „auf die Schnauze küssen“, erhöht das Risiko für eine Infektionsübertragung und ist abzulehnen. Nach dem Streicheln reicht es aus, die Hände zu waschen, dies gilt auch für zufälliges Belecken.

Fazit

Wie hier dargestellt, wird das von Hunden ausgehende Hygienerisiko oft überschätzt. Ein paar einfache Hygienemaßnahmen reichen aus, um die hauptsächlich übertragenen Erreger (Hautpilze, potenziell pathogene Darmbakterien, Ektoparasiten) fernzuhalten. Artgerechter Umgang und gute Pflege einschließlich Impfung und tierärztlicher Überwachung senken das Risiko vor allem im Setting „Arztpraxis“ auf das normale bevölkerungsübliche, das wir alle tragen müssen, wenn wir am Leben teilhaben wollen.

Autor: Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Schwarzkopf

Dieser Beitrag ist in Zahnärztliche Assistenz erschienen.

Foto: Anastasiia Novikova - Shutterstock.com

Kontakt

Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Schwarzkopf
Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie
Ö.b.u.b. Sachverständiger für Krankenhaushygiene
Institut Schwarzkopf GbR
Mangelsfeld 16
97708 Bad Bocklet
Tel.: 09708 70596-0
info@institutschwarzkopf.de
www.institutschwarzkopf.de

Literatur

1 Schwarzkopf A. Hygiene als Voraussetzung für Therapie mit Tieren. In: Olbrich E, Otterstedt C (Hrsg.): Menschen brauchen Tiere, Kosmos Verlag Stuttgart, 2003, S.:106–115.
2 Schwarzkopf A. Tiere in Einrichtungen des Gesundheitsdienstes und der Pädagogik. 3. Auflage 2018, Support-Verlag Institut Schwarzkopf GbR, Aura an der Saale.
3 Charnetski CJ, Riggers S, Brennan FX. Effect of petting a dog on immune system function. Psychol Rep. 2004 Dec;95(3 Pt 2):1087–91.
4 Claus, A. (2000): Tierbesuch und Tierhaltung im Krankenhaus. München: med. vet. Diss.

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