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Branchenmeldungen 04.06.2020

Reduzierung der Aerosolbelastung – auch nach Corona

Reduzierung der Aerosolbelastung – auch nach Corona

Unsere Patienten sind es mittlerweile gewohnt, in der Öffentlichkeit, zum Beispiel beim Einkaufen, beim Friseur oder auch im öffentlichen Nahverkehr, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Auch die Praxis betritt der Patient mit angelegtem Mundschutz.

Viele haben sich bereits so daran gewöhnt, unter anderen Menschen diese Maske zu tragen, dass sie sich regelrecht nackt fühlen, wenn sie diese für die Behandlung beim Zahnarzt abnehmen müssen.

In der täglichen Praxis sind wir immer bemüht, die Behandlungen für unsere Patienten sicherer, komfortabler und effizienter zu gestalten.

In der Praxishygiene ist das Bestreben, sowohl den Behandler als auch den Patienten vor Infektionen zu schützen. In Zeiten der SARS-CoV-2 Pandemie sind die bekannten Übertragungswege die exponierten Schleimhäute. Also kann bei einer zahnärztlichen Behandlung die Ansteckung sowohl über die Augen-, über die Nasen- als auch über die Mundschleimhaut erfolgen.

Aus diesem Grund heraus fragten wir uns in der Praxis: „Warum behält der Patient den Mundschutz nicht während der Behandlung an?“ So wurde die Idee geboren, den Patienten unter Kofferdam zu behandeln, während er gleichzeitig den Mund-Nasen-Schutz weiter trägt. Zusätzlich werden auch die Augen des Patienten geschützt, aber dies sollte ja auch heute schon Standard sein, nicht nur in der Endodontie, wo eine Augenverätzung bzw. Augenverletzung durch Nadeln und Natriumhypochlorid denkbar ist und dann große Auswirkungen für den Patienten haben kann.

Abbildung 2

Praktisch sieht das Ganze so aus:

In den Mundschutz wird ein Schlitz geschnitten (siehe Teaserbild und Abb. 2). Durch diese Öffnung in der Maske wird dann der Kofferdam angelegt (siehe Abb. 3). Die Nase des Patienten ist weiter durch den Mundschutz verdeckt, gleichzeitig werden die Augen mit einer Schutzbrille geschützt, somit ist keinerlei Schleimhaut exponiert. Ein weiterer Vorteil hierbei ist, dass der Mundschutz gleichzeitig als Schutz für Wangen und Lippen dient, damit das Gummi des Kofferdams nicht direkt auf der Haut aufliegt.

Abbildung 3

Der Einwand, der immer als erstes in den Köpfen entsteht, ist, dass der Patient darunter bestimmt Beklemmungen bekommt. Ganz bestimmt gibt es einige wenige Patienten, die sehr empfindlich sind und damit nicht klarkommen, für diese ist dann aber die Behandlung unter Kofferdam generell schon schwierig. Die wichtigste Frage, die sich Behandler oder viel mehr der Patient stellen muss, ist: Wovor habe ich mehr Angst, vor Corona oder der Beklemmung?

Tatsächlich ist es so, dass das Atmen unter Kofferdam mit dem Mundschutz nicht viel anders ist als ohne. Grundsätzlich ist es aber so, dass unter Kofferdam sowohl die Mund- als auch die Nasenatmung weiter erfolgen kann, da seitlich das Gummituch nie vollständig anliegt. Anders bei der Behandlung ohne Kofferdam. Hier kann der Patient i.d.R. nur noch durch die Nase atmen. Da sich im Rachenraum das Behandlungswasser, der Sauger oder Restaurationsmaterialreste befinden, wird der Rachenraum vom Patienten per Reflex mit der Zunge und dem Gaumensegel verschlossen. Daher unser Rat: Wird der Patient explizit darauf hingewiesen, dass bei der Kofferdam-Behandlung Mund- und Nasenatmung weiter möglich ist und er sogar besser Luft bekommt, nimmt der Patient dies als einen großen Pluspunkt auf. Weisen Sie daher nach dem Anlegen den Patienten darauf hin, dass er durch den Mund und die Nase weiter Atmen kann, und spielen Sie es einmal mit ihm durch. Dann wird der Unterschied für den Patienten spürbar.

Der Patient begibt sich mit der Behandlung ohnehin schon in eine Situation, wo er sich ausgeliefert fühlt. Durch die Kombination von Schutzbrille, Mundschutz und Kofferdam bekommt er Sicherheit für seine Gesundheit zurück. Und, bei richtiger vorheriger Führung gewinnt er auch für seine Behandlung spürbare Sicherheit.

Natürlich ist jedem Patienten selber überlassen, ob er mit dieser Situation zurechtkommt oder nicht, wichtig ist, dass er mitentscheiden kann!

Corona hat das zahnärztliche Praxisteam schon vor so einige Herausforderungen gestellt. Daher ist es wichtig, die Assistenz bei der Behandlung mit ins Boot zu holen. Denn nicht nur für den Patienten bietet der Kofferdam, gerade in der jetzigen Zeit, eine hohe Behandlungssicherheit, sondern natürlich auch für das zahnmedizinische Personal. Da keinerlei Schleimhaut des Patienten exponiert ist, ist die Gefahr, dass das entstehende Aerosol bei der Behandlung kontaminiert ist, sehr gering.

Mittlerweile gibt es wissenschaftliche Daten in Form von systematischen Übersichtsarbeiten, die die Reduzierung der Aerosolbelastung während der Behandlung bei der Verwendung von Kofferdam belegen. Interessant ist hierbei vor allem der Zusammenhang zwischen der Kombination unterschiedlicher Hilfsmittel. In Tabelle 1 ist dargelegt, dass die Filterwirkung bei der Anwendung von Mund-Nasen-Schutzmasken lediglich 62 Prozent beträgt. Die Filterwirkung von FFP2/3-Masken beträgt 94 Prozent bzw. 99 Prozent. Die Wirkung der Kombination aus hochvolumiger Absaugung in Kombination mit den unterschiedlichen Schutzmasken ist in der zweiten Spalte aufgeführt. Hier wird deutlich, wie die Kombination aus beiden Verfahren die vermeintlich schlechte Wirkung des Mund-Nasen-Schutzes deutlich ausgleicht. Wird die hochvolumige Absaugung mit Kofferdam-Anwendung kombiniert, fällt die unterschiedliche Filterwirkung der verwendeten Masken nicht mehr ins Gewicht, da wir nun unabhängig von der verwendeten Maske bei einer Reduktion von mindestens 99,62 Prozent (Mund-Nasen-Schutz) hinzu 99,99 Prozent bei der Verwendung von FFP3-Masken kommen (MS Howe 2020).

Maskentyp Filtration (in %) Hochvolumige Absaugung Hochvolumige Absaugung + Kofferdam Risikodifferenz Relatives Risiko
Chirurgische Maske 62 92,78 99,62 6,84 0,931
FFP2 94 98,86 99,94 1,08 0,989
FFP3 99 99,81 99,99 0,18 0,998

Tabelle 1

Ein wenig bekannter Fakt ist, dass FFP2- und FFP3-Masken beruflich nur bei für diesen Zweck arbeitsschutzmedizisch untersuchtem Personal „zum Tragen“ kommen darf, maximal drei bzw. fünf Verwendungen pro Arbeitsschicht zulässig sind, 30 Minuten Ruhezeit zwischen jeder Anwendung bestehen muss und die Tragedauer auf 75 bis 120 Minuten beschränkt ist. Die Gründe hierfür sind der höhere Atemwiderstand und die höhere Rückatmung von CO2. Unsere Beobachtung ist daher folgende gewesen: Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter FFP2/3-Masken tragen, wird häufig aus Komfortgründen der Gummizug reduziert oder die Maske leicht heruntergezogen, sodass das Atmen leichter fällt, in diesem Fall schützt die Maske sogar schlechter als ein normaler Mund-Nasen-Schutz und erfüllt nur eine Alibifunktion.

Besser ist es, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konsequent nur den Mund-Nasen-Schutz tragen und die Patientenbehandlungen konsequent mit Kofferdam und hochvolumiger Absaugung erfolgen. 

Fotos: Autoren

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