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Praxishygiene 16.04.2020

Kontaktlos durch die Praxis: „Corona-Angst? Nicht bei uns!“

Dr. Tomas Lang
Dr. Tomas Lang
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Kontaktlos durch die Praxis: „Corona-Angst? Nicht bei uns!“

Das Aufrechterhalten des zahnmedizinischen Praxisbetriebs in Zeiten der Corona-Pandemie ist eine große Herausforderung, aber auch eine Chance für positive Veränderungen. Dass dies tatsächlich möglich ist – mit möglichst wenigen Risiken für Team und Patient – zeigt Dr. Tomas Lang. In seiner auf Endodontie limitierten Praxis Sirius Endo (Essen) hat er mit seinem Team den Workflow des „isolierten Patienten“ eingeführt, um die zahnmedizinische Versorgung akuter Patienten sicherzustellen.

Unumstritten, das zahnmedizinische Personal arbeitet während der Corona-Krise an vorderster Front und ist durch die Nähe zum Patienten und die Aerosol-Belastung besonders gefährdet. Aufgrund der geringen Erfahrungen mit dem SARS-2-Erreger sind klare Handlungsvorgaben vonseiten der Kammer bisher auch nicht möglich gewesen. Aus Angst vor Ansteckung sowohl bei Patienten als auch bei dem Praxisteam haben sich sogar einige unserer Überweiser-Praxen bereits zur vorübergehenden Schließung gezwungen gefühlt. Doch das ist nicht nur eine Lose-lose-Situation für Praxisinhaber, Team und Patienten, es ist auch unnötig. Dr. Tomas Lang erklärt im exklusiven ZWP online-Interview, wie sich die Risikofaktoren auf ein Minimum reduzieren lassen. Der Clou: Der Workflow ist für nahezu jede Zahnarztpraxis umsetzbar. Sofort.

Der „isolierte“ bzw. „kontaktlose Patient“ – was bedeutet das?

Im Grunde genommen handelt es sich um eine auf den derzeitigen Ausnahmezustand angepasste Form des Patientenmanagements – und womöglich den zukünftigen Standard der Praxishygiene. Wie Dr. Lang erklärt, bedeutet das konkret: der Kontakt zwischen Praxis und Patient wird auf ein Minimum reduziert. Kein Warten im Wartezimmer, um somit unnötigen Kontakt zu anderen Patienten zu vermeiden. Kein Berühren von Zeitschriften oder Türklinken. „Zudem entfällt der klassische Check-in am Empfangstresen, denn die Board-Karte bringt der Patient bereits ausgedruckt, ausgefüllt und unterschrieben mit“, wie Dr. Lang bildhaft erläutert.

So funktionierts: Von der Kontaktaufnahme bis zur Behandlung

Anamnese

Das erste Beratungsgespräch zwischen Patient und Zahnarzt erfolgt in der Onlinesprechstunde. Vor dem Gespräch sendet der Patient oder die überweisende Praxis die Röntgenbilder und andere Befunde per Mail an die Praxis. Auf Grundlage dieser Bildgebung erfolgt dann ein anamnestisches Gespräch und meist kann auch schon eine Diagnose aus dem Gespräch abgeleitet werden. Nur in seltenen Fällen ist es notwendig, dass der Patient zur Absicherung der Diagnose zur klinischen Untersuchung kommen muss. Im Rahmen der Anamnese und Diagnostik ergibt sich dann, ob es sich um ein aufschiebbares Problem handelt oder ob akuter Behandlungsbedarf besteht. Da während einer Pandemie der Praxisbetrieb auf Notfalltherapien heruntergefahren werden sollte, ist es ratsam, bei Patienten nur akute Behandlungen durchzuführen und planbare und vorhersagbare Behandlungen in die Zeit der Pandemie-Rezession (Juni bis Juli) zu verschieben.

Die Behandlungsunterlagen, wie z.B. Kostenvoranschlag, Anamnese etc., werden dem Patienten vorab per E-Mail zugeschickt. Der Patient wird gebeten, die Unterlagen auszudrucken und bereits unterschrieben zum Behandlungstermin mitzubringen. Darüber hinaus wird der Patient angehalten, schon „einsatzbereit“ zur Praxis zu kommen. Das heißt, Zuhause Zähne zu putzen und auch noch einmal das WC aufzusuchen.

„Das Praxis-WC, Türklinken, Terminzettel, Kugelschreiber, im Prinzip der gesamte Empfangsbereich und das Wartezimmer – hier stecken die größten Risiken der Ansteckung, da hier keine Hygienemaßnahme nach jedem Patientendurchlauf erfolgen kann“, so Dr. Lang.

Kontaktlos durch die Praxis

Außerdem wird der Patient angewiesen, sich bei Ankunft an der Praxis, vor Eintreten, telefonisch zu melden. Die Rezeption prüft dann, ob das Behandlungszimmer für den Patienten schon fertig vorbereitet ist. Wenn dies der Fall ist, wird der Patient direkt ins Behandlungszimmer „geschleust“. Dabei werden Türen vom Praxisteam geöffnet, sodass der Patient nichts berühren muss.

Behandlungszimmer

Im Behandlungszimmer wird dann geprüft, ob der Patient alle notwendigen Unterlagen dabei hat. Sollte ein Patient seine Unterlagen doch mal vergessen haben, werden diese selbstverständlich für ihn ausgedruckt und auf einer abwischbaren Unterlage vorgelegt.

Im Gegensatz zum Rest der Praxis ist das Behandlungszimmer von jeher ein „hoch kontrollierter Raum“. Jeder ist es gewohnt, Flächen und Ablagen nach der Nutzung zu desinfizieren.

Und dennoch sieht der Workflow von Dr. Lang einen Mehrfachschutz vor, um möglichen Risiken für Patient und Team erst gar keine Angriffsfläche zu bieten. So wird immer mit Kofferdam gearbeitet, aber trotzdem auch mit einem Spritzschutz oder einem Visier. So gibt es für die meisten Vorkehrungen eine Rückfallebene.

Foto: Behandlungssituation unter Kofferdam mit Schutzbrille für den Patienten und Visier an den Okularen des OP-Mikroskopes. © Dr. Lang

Das Konzept von Dr. Lang sieht folgende Maßnahmen vor:

  • Morgendliche Messung und Dokumentation der Körpertemperatur des gesamten Praxisteams (Grenze: 37,5 °C).
  • Während der Pandemie: Vorselektierung der Patienten nach Dringlichkeit, akute Beschwerden werden zeitnah behandelt, aufschiebbare und gut planbare Behandlungen werden weiter im Voraus terminiert.
  • Erweiterte Anamnese: trockener Hustem, Geschmacksveränderungen, Kontakt mit anderen COVID-19-Patienten, Schüttelfrost oder Fieber?
  • Vor der Behandlung wird standardmäßig beim Patienten Fieber gemessen, zulässige Höchstgrenze für die normale Sprechstunde ist 37,5 °C.
  • Patienten mit einer Temperatur über 37,5 °C, positiv auf Corona getestete Patienten sowie Schmerzpatienten, die sich in Quarantäne befinden, werden entweder mit Schutzausrüstung am Ende der Sprechstunde behandelt oder an die Zahnklinik verwiesen.
  • Patienten sollten nicht im Wartezimmer warten müssen, sondern direkt in das Behandlungszimmer durchgeschleust werden. Aus diesem Grund meldet sich der Patient telefonisch mit seinem Handy an und bekommt von der Rezeption das „Go“, in die Praxis zu kommen (siehe Video).
  • Begleitpersonen von Patienten müssen vor der Praxis warten, Ausnahmen bilden Kinder und Patienten mit starken Behinderungen.
  • Standardisierte Hygienemaßnahmen und Schutzmaßnahmen wie bisher (Flächendesinfektion usw.).
  • Der Patient spült seinen Mund für 60 Sekunden mit einer desinfizierenden Mundspülung aus, dadurch wird die Menge der Viren auf Mund- und Rachenschleimhaut abgesenkt.
  • Die Behandlung erfolgt ausschließlich mit Kofferdam: Arbeiten am „geschlossenen“ Mund.
  • Vollschutzbrille für den Patienten.
  • Es folgt das Desinfizieren des zu behandelnden Zahns mit einem mit Natriumhypochlorid (3-5%) getränkten Pellet. Selbst wenn der Patient COVID-19-positiv ist, ist das Aerosol, was nun aufsteigt, nicht kontaminiert.
  • Intraorale Röntgenaufnahmen werden während der Pandemie möglichst extraoral angefertigt. Moderne OPG- und DVT-Geräte bieten die Möglichkeit der Einblendung auf das Gebiet von Interesse.
  • Das Praxisteam wird ebenfalls durch eine Kombination verschiedener Maßnahmen geschützt: Mundschutz (risikoabhängig MNS bis FFP3), Schutzbrille und Visier.
  • Bei Verwendung eines OP-Mikroskops erfolgt die Behandlung hinter einer kleinen zugeschnittenen Plexiglasbarriere, welche ans OP-Mikroskop angebracht wird (siehe Abbildung).
  • Stoßlüftung nach jedem Patienten, um die Ansteckung über Aerosole in der Luft zu reduzieren.

„Diese Vorsichtsmaßnahmen geben beiden Seiten – dem Patienten als auch dem Praxispersonal – ein starkes Sicherheitsgefühl“, bestätigt Dr. Lang. Zudem sei das Feedback der Patienten, die bereits auf diese Weise behandelt wurden, durchweg positiv. „Patienten spüren, dass das Risiko für eine Ansteckung mit dem Coronavirus dadurch für sie sehr minimiert wird, und wahrscheinlich deutlich unter dem Risiko eines Supermarkt-Einkaufs liegt.“ Hinzu komme der Komfortgewinn für den Patienten, schließlich kommt er augenblicklich, ohne Wartezeit, ins Behandlungszimmer.

„Unsere Gesellschaft steht derzeit vor einem Scheideweg. Das Coronavirus wird sich auch nachhaltig auf Praxen und das Patientenmanagement auswirken“, dessen ist sich Dr. Tomas Lang sicher. Wir haben es in der Hand, dass sich Abläufe durch diese Pandemie zum besseren hin verändern. Für ihn ist die Sensibilisierung und das Selbstverständnis im Team das Fundament für einen sicheren und guten Umgang mit dem Coronavirus. Der Workflow des „isolierten Patienten“ bietet Praxen eine gute Perspektive, auch in diesen schweren Zeiten.

Dr. Tomas Lang, vielen Dank für die spannende Vorstellung ihres neuartigen Workflows. Wir wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute!

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