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Branchenmeldungen 15.05.2019

«Die Pflegerische Zahnmedizin ist eine Versorgungslücke»

«Die Pflegerische Zahnmedizin ist eine Versorgungslücke»

Teil 2 des exklusiven Interviews mit Dr. Michael Keller, der im Kanton Uri als «Ihr Zahnarzt auf Achse» Pflegebedürftige in ihren eigenen vier Wänden oder Pflegeinstitutionen behandelt.

Der mobile Zahnarzt unterstützt derzeit GeriaDent, eine aktuelle Studie des Vereins Labucca, die  den Istzustand der zahnmedizinischen Versorgung Schweizer Pflegebedürftiger aufdecken soll. Nachdem Dr. Keller im ersten Teil einen Einblick in die Anfänge seiner mobilen Zahnarztpraxis und die Herausforderungen im Alltag gab, spricht er im zweiten Teil über grundsätzliche Probleme der Pflegerischen Zahnmedizin in der Schweiz.

Dr. Keller, Sie machten bereits deutlich, dass Sie oftmals zu spät zum Patienten gerufen werden. Wie erklären Sie sich das?

Zumeist besitzt die Mundgesundheit nicht den angemessenen Stellenwert, wenn sich pflegebedürftige Patienten ihre Investitionen überlegen. Eine Versorgung mit neuem Zahnersatz leisten sich nur wenige, auch wenn sie die Mittel dazu besässen respektive über die erwähnten Kanäle beschaffen könnten. Abschreckend wirkt dabei der hohe «Einstiegspreis». Auf die Zeit gemessen geben institutionalisierte pflegebedürftige Patienten innerhalb von fünf Jahren genauso viel Geld für den Friseur aus, wie sie für eine dentale Neuversorgung aufwenden müssten.

Allerdings würde ich sagen, dass sich die Aufmerksamkeit der Thematik gegenüber stark gesteigert hat. Gerade im Umfeld der lokalen Zahnärzte, aber auch in Politik und Pflege steigt die Sensibilität für die Mundgesundheit. Es besteht Hoffnung, über die im Rahmen der GeriaDent-Studie eingefädelte Zusammenarbeit, vernetzende Lösungen zu finden.

Gibt es denn schon eine Anlaufstelle für Zahnärzte, die sich engagieren wollen?

Um auch andere freiwillige lokale Zahnärzte in die Lage zu versetzen, Hausbesuche durchführen zu können, wurde die Domain zahnmobil.ch ins Leben gerufen.

Sie befindet sich derzeit im Aufbau und wird dabei vom gemeinnützigen Verein Labucca - Lächeln im Alter (www.labucca.ch) tatkräftig unterstützt. Als Plattform für Information, Koordination und Förderung der pflegerischen Zahnmedizin bietet Labucca eine solche Anlaufstelle. Noch im laufenden Jahr planen wir mit einem konkreten Versorgungskonzept an die Öffentlichkeit zu treten, um allen, die sich in der pflegerischen Zahnmedizin engagieren möchten, das nötige Know-How zu vermitteln.

Welche Massnahmen sind Ihrer Meinung nach nötig, um den Bedürfnissen Pflegebedürftiger zukünftig besser gerecht zu werden?

Die pflegerische Zahnmedizin ist eine Versorgungslücke. Diese Versorgungslücke zu überbrücken gelingt nur, indem

  1. wissenschaftliche Grundlagen für eine effiziente Palliativzahnmedizin gelegt werden. Ohne gute Zahlen bezüglich Behandlungsbedarf und Behandlungsbedürfnis seitens Pflegebedürftiger (idealerweise direkt beim Eintritt in die Pflege) fehlt jegliche Grundlage zur Planung eines flächendeckenden Versorgungskonzeptes.
  2. ansässige Zahnärzte auf freiwilliger Basis mobile Einsätze leisten. Hierfür muss man Ihnen so gut wie möglich zur Seite stehen, indem man sie im logistischen und im organisatorischen Bereich maximal entlastet.
  3. die Mittel und Fähigkeiten für eine effiziente Mundpflege seitens der caregivers erarbeitet werden. Ziele und Inhalte eines solchen Mundpflegekonzeptes müssen gemeinsam definiert und in die bestehenden Schulungs- und Pflegekonzepte integriert werden.

Alle diese drei Punkte finden sich im Projekt GeriaDent integriert und werden derzeit im Herzen der Schweiz emsig bearbeitet. Wir freuen uns darauf, unsere Erfahrungen und Kenntnisse mit allen Interessierten zu teilen, sobald wir soweit sind!

Vielen herzlichen Dank für das Interview, Dr. Keller. Wir wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute.

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