Branchenmeldungen 09.09.2025
Drei Fragen an Juliane Bohl, Geschäftsführerin Hausengel Holding GmbH
Frau Bohl, warum sehen Sie den politischen Ruf nach einem Modellprojekt kritisch?
Der Begriff „Modellprojekt“ suggeriert, dass wir es mit einer neuen, zu testenden Versorgungsform zu tun hätten, dabei leben und arbeiten seit über zwei Jahrzehnten Tausende Betreuungskräfte im Rahmen der sogenannten Live-in-Betreuung in deutschen Haushalten. Diese Versorgungsform ist Realität, nicht Modell. Was wir brauchen, ist keine symbolpolitische Testphase, sondern endlich ein pragmatischer, gerechter Rahmen für eine Versorgungsform, die längst systemrelevant ist. Meine Sorge ist, dass der politische Fokus auf einzelne Pilotprojekte ein narratives Ungleichgewicht schafft. Es entsteht der Eindruck, nur bestimmte Träger würden rechtssicher und ethisch korrekt handeln, während andere Modelle pauschal unter Grauzonenverdacht geraten. Dabei stehen alle Anbieter vor denselben Herausforderungen. Es braucht keine Leuchttürme für die Schaufenster, sondern tragfähige Brücken für die Praxis.
Sie sagen, die rechtlichen Grundlagen für die Live-in-Betreuung seien längst vorhanden …
Ja, die zentralen Regelungen existieren längst. Entsendung, Selbstständigkeit und das Arbeitgebermodell sind rechtlich zulässig – auch für Betreuungskräfte, die im Haushalt der zu betreuenden Person leben. Was fehlt, ist nicht das Gesetz, sondern die Bereitschaft, diese bestehenden Modelle auch politisch zu tragen und in ihrer Vielfalt zu akzeptieren. Das eigentliche Problem liegt in der Umsetzungspraxis: Familien, die auf Live-in-Betreuung angewiesen sind, bewegen sich in einem Klima permanenter Verunsicherung. Seriöse Anbieter, die rechtlich saubere Modelle anbieten, sehen sich mit pauschalen Grauzonen-Vorwürfen konfrontiert. Gleichzeitig wird einzelnen Modellprojekten ein rechtliches Exklusivitätslabel verliehen – das ist nicht sachgerecht. Gefragt ist jetzt kein neuer regulatorischer Rahmen, sondern politischer Wille: erstens, die bestehende Rechtslage auch tatsächlich anzuwenden und zu verteidigen; zweitens, faire finanzielle Unterstützung für Familien, und zwar unabhängig vom gewählten Modell; und drittens, eine Versachlichung der Debatte, bei der Qualität, Transparenz und Verantwortung zählen, nicht Trägerform oder Label.
Gerade in ländlichen Regionen ist die häusliche Betreuung oft die einzige praktikable Lösung. Was wünschen Sie sich hier von der Politik?
Die Politik muss anerkennen, dass häusliche Betreuung in strukturschwachen Regionen keine Ausnahme, sondern tragende Säule der Versorgung ist. Wenn ambulante Pflegedienste keine Kapazitäten haben, wenn Pflegeheime kilometerweit entfernt sind, dann ist die Betreuungskraft im eigenen Zuhause oft die einzige Alternative. Entscheidend ist ein klares politisches Bekenntnis zur Live-in-Betreuung als legitimer Versorgungsform. Seriöse Anbieter – solche, die transparent arbeiten, sozialversicherungskonforme Lösungen anbieten und Betreuungskräfte eng begleiten – dürfen nicht länger in die Defensive geraten, während ideologisch gefärbte Pilotprojekte als allei-nige Lösung verkauft werden. Wir wünschen uns faire Rahmenbedingungen, nicht privilegierte Wettbewerbsverzerrung.
Mehr Infos zu den Angeboten der Hausengel auf www.hausengel.de.
Quelle: www.pflegebevollmaechtigte.de