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Branchenmeldungen 01.03.2019

Kieferorthopädisches Know-how beim 18. IOS in Prag

Kieferorthopädisches Know-how beim 18. IOS in Prag

Traditionell, wissenschaftlich, innovativ – diese Mischung mit Blick in die Zukunft der Kieferorthopädie bot das 18. International Orthodontic Symposium (IOS). Traditionell trafen sich auch diesmal wieder ca. 200 Kieferorthopäden aus über 30 Ländern zu hochkarätigen Vorträgen, Erfahrungsaustausch und Diskussionen in der Goldenen Stadt Prag.

Bei der Ende 2018 stattfindenden Veranstaltung wurde erstmalig das Format von ehemals drei Tagen mit Vorkurs am Donnerstag auf ein zweitägiges Symposium Freitag und Samstag geändert, um noch mehr Kollegen mit langer Anreise bei möglichst wenig Praxisausfall die Teilnahme zu erleichtern. Diese Neuerung erläuterten der wissenschaftliche Leiter Prof. Dr. Dr. Ralf Radlanski (Berlin) und Veranstalter Dr. Jan V. Raiman (Hannover) zum Auftakt des Events. Sie würdigten die Rolle des IOS als Plattform für den hochkarätigen kollegialen Austausch zu neuesten Techniken und Ideen im Fachgebiet.

Prof. Dr. Aladin Sabbagh (Erlangen) eröffnete in der Bacetti-Memorial-Lecture mit klaren Worten: „Kieferorthopäden sind mehr als Smile- Designer.“ Er verglich die KFO-Auswirkungen und Behandlungen auf das Gesicht mit der Champions League.“ Zum Kiefergelenk bestätigte er: „Behandeln Sie kein reines Knacken!“ Erst in Kombination mit Schmerzen sei dies angezeigt. Er betonte nach eigener Praxisstudie mit ca. 10.000 Patienten die Bedeutung eines schwachen Bindegewebes (Fingerbiegetest im Erstbefund!) mit mehr Bandscheibenproblemen, schlechter „Bite-Jump-Reaktion“, erhöhter Rezidivrate und längerer Behandlungsdauer.

Kieferorthopädisch riet er bei diesen Patienten zu Fixed Functionals, sehr langen Retentionszeiten und Muskelübungen. Er zeigte Verbindungen der KFO mit allen Lebensbereichen u. a. über OSAS/Schnarchen, Phonetik und das Wohlbefinden (Kopf- und andere Schmerzen). Zur Umsetzung der Diagnostik in seiner Praxis sagte er: „Heute mache ich statt einer Stunde Befundung nur fünf Tests und eliminiere funktionelle Probleme bereits vorab per AquaSplint.“

Prof. Dr. Michael Wolf (Aachen) zeigte aktuelle Überlegungen und innovative Technologien für die permanente Retention. Seine Empfehlung: Analyse der individuellen Risikofaktoren für die Retention bereits im Rahmen der Therapieplanung. Bei Bedarf, den Adhäsiv-befestigten 3-3-Retainer (gern digitalisiert präzise gefertigt) um weitere herausnehmbare Retentionsapparaturen ergänzen. Die Nutzung von präzisen Behandlungssystemen und Strategien kann den Retentionsbedarf reduzieren. Ein mit festsitzendem Retainer stabilisierter Zahn kann trotz Retainer post therapeutische Stellungsänderungen erfahren.

„Chapeau!“ sagten und dachten viele beim Vortrag von Prof. Dr. Sebastian Paris (Berlin). Nach technischen Zwischenfällen (weil die Verbindung zum Beamer nicht funktionierte) klappte er einfach den Rechner zu und brachte „Zahnkaries – Fakten und Fiktion“ auf den akademischen und praktisch relevanten Punkt. Er beschrieb den Paradigmenwechsel zu Karies als multifaktoriellem aber hauptsächlich zuckerbedingtem Geschehen mit kausaler Therapie mit Fokus auf Nahrung (Zuckerkonsum), Biofilm (Zahnreinigung) und Mineralisation (Fluoride) und möglichst spät erst die Füllungstherapie bei Kariesneubildung. Aufgrund mangelnder Evidenz und Mitarbeit empfiehlt er Zahnseide übrigens erst bei Vorhandensein einer Initialkaries. Dr. Amr Amsker (Mansoura/Ägypten) zeigte in Bildern und Fallberichten die Rolle der Kieferorthopädie in der interdisziplinären Zahnheilkunde mit Beispielen aus seiner Praxis in Ägypten.

In seinem beeindruckenden Vortrag stellte Prof. Dr. Dr. Dirk Nolte (München) die Eruptionsstörungen aus seiner Sicht als Chirurg bravourös und systematisch vor. Er unterteilte in die mechanische Retention (90 % mechanische Ursache, Beseitigung der Ursache und Einordnung möglich), in primäre Retention (< 0,5 %), sekundäre Retention (ca. 9 %, metallischer Klopfschall, keine KFO-Bewegung, Chirurgie nötig) und Primary Failure of Eruption (PFE, < 0,5 %, KFO bringt eher Verschlimmerung, Chirurgie nötig). Vor dem Hintergrund seiner Langzeitergebnisse empfahl er zu-dem eine Abwägung, ob langwierige KFO oder Transplantation sinnvoller ist mit Ermutigung zur chirurgischen Lösung.

Erwartungsgemäß kontrovers wurde der fundierte und sehr gut aufbereitete Vortrag von Dr. Sinan Hamadeh (Hennef) aufgrund seiner Thematik diskutiert. „Extrahieren oder nicht?“ schließlich beschäftigt diese Frage die Kieferorthopädie seit Jahrzehnten. Diskussionen und Gespräche fanden ihre Fortsetzung beim traditionellen Get-together mit Referenten und Teilnehmern bei Bier und tschechischem Buffet begleitet vom Musikantentrio um den legendären Soldaten Schwejk.

Mit Prof. Dr. Myroslava Drohomyretska und Dr. Veronika Ganchuk (beide Kiew) eröffneten zwei Damen den zweiten Tag. Professor Drohomyretska präsentierte in einem sehenswerten und aufwändig gestalteten Vortrag ihr Dental Body Synergy (DBS)-Konzept. Danach wird in ihrer Klinik ganzheitlich CMD diagnostiziert und therapiert. Dr. Ganchuk zeigte einen Vergleich zur Präzision der Bracketplatzierung bei direktem und digital unterstützten indirekten Bonding. Sie arbeitete eine deutlich höhere Präzision für Letzteres heraus (z.B. Easy Brace von Promed/Kiew) insbesondere unter DVT-Nutzung mit Blick auf die Wurzeln.

Dr. Dr. Wolfgang Kater (Bad Homburg) präsentierte seine weitreichenden positiven Erfahrungen zur „Early Surgery“, zur orthognathen Chirurgie vor Abschluss des skelettalen Wachstums (2006 bis 2018 waren von seinen 5.592 Dysgnathie-Operationen 89 % bei fast abgeschlossenem Wachstum ca. 18-Jährige Patienten, 7 % männlich und unter 18, 5 % weiblich und unter 16 bei einer Re-OP-Rate unter 5 %). Er warte, sofern möglich, bis zum 12. Lebensjahr. Verbesserungen sehe er in funktioneller (z. B. Kiefergelenk, Nasenatmung, Infektionsreduktion), in psychosozialer (z. B. Vermeidung eines lebenslang geschädigten Selbstwertgefühls) und auch in ästhetischer Hinsicht.

Er präsentierte junge Schicksale mit Kiefergelenkaplasie, -ankylose, bimaxillärer Retrognathie u.ä. und betonte: „Jeder wird individuell evaluiert.“ Als Zusatz zeigte er nach der Pause noch seine minimalinvasive und mit deutlich weniger nervalen Ausfällen behaftete UK-Osteotomietechnik.

Mit mexikanischem Feuer trug Dr. Mauricio Gonzáles Balut (Mexiko City/Mexiko) vor und zeigte die KFO-Behandlung von parodontal kompromittierten Patienten. Prof. Dr. Aladin Sabbagh bot in seinem zweiten Vortrag einen weitreichenden Überblick über sein Trouble Shooting in der KFO, das für jeden einige sofort anwendbare Tricks enthielt.

Abgerundet wurde der IOS 2018 von Dipl.-Ing. Mag. Christian Url (Wien). Von der Simulation bis zur Apparatur erklärte der Ingenieur praxisnah und auf den Punkt gebracht die Erfordernisse und die Abläufe für den 3D-Druck von Alignern in der eigenen Praxis anhand der Abläufe bei Orthorobot, die diese Leistungen anbieten. Speziell die Arbeit mit der Software OnyxCeph³™3D macht die Umsetzung in der Praxis und auch die Übersetzung für das Labor möglich. Url zeigte Software, Hardware und alle nötigen Komponenten mit möglichen Problemen wirklich verständlich und fundiert auf.

Dieser Beitrag ist in KN Kieferorthopädie Nachrichten erschienen.

Foto: Dr. Doreen Jaeschke

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