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Branchenmeldungen 23.06.2014

Mundgesundheit im Pflegefall – „Best Ager“ war gestern

Georg Isbaner
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Mundgesundheit im Pflegefall – „Best Ager“ war gestern

Die 43. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Dentale Technologien (ADT) hat sich vom 19. bis 21. Juni 2014 in Böblingen u.a. dem Thema der Alterszahnmedizin gewidmet. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für AlterszahnMedizin (DGAZ) und dem European College of Gerodontology wurden zahlreiche Vorträge und Workshops rund um das Schwerpunktthema „Dentale Technologien im Dienste der Senioren – Digitale Analyse, Planung und Diagnostik“ gehalten.

Alterszahnmedizin

Die Zahnmedizin und Zahntechnik werden durch ihre eigenen Erfolge und durch die demografische Entwicklung der kommenden Jahrzehnte vor neue Herausforderungen gestellt. Teil- und totalprothetisch versorgte Patienten sind vermehrt in einem Alter, wo sie ihre eigene Zahngesundheit und Mundhygiene oft nur noch eingeschränkt selbstständig gewährleisten können. Neue Konzepte seitens der Zahnmedizin und Zahntechnik sind zwingend erforderlich, um in der Breite eine ausreichend gute Versorgung älterer Patienten in der ambulanten und stationären Pflege sicherzustellen. Der Zahnersatz, den die heute pflegebedürftigen Patienten noch in Zeiten erhalten haben, in denen sie als „Best Ager“ (50+ oder ünger) galten, ist in vielen Fällen für eine genügende und möglichst selbstständige oder durch das Pflegepersonal zu besorgende Mundhygiene teilweise oder vollständig ungeeignet. Zu kompliziert sind Geschiebe und Co., zu anfällig und umständlich zu reinigen ist der aufwendige Zahnersatz aus „besseren eiten“ für den Alltag im Pflegeheim oder bei der häuslichen Pflege.

Impressionen aus Böblingen

Unter dem Vorsitz von Prof. Jürgen Setz, ZTM Wolfgang Weisser, Prof. Dr. Daniel Edelhoff und ZTM Rainer Gläser sowie im Zusammenwirken mit Prof. Dr. Ina Nitschke, DGAZ-Präsidentin, und dem DGAZ-Tagungsleiter Dr. Elmar Ludwig, wurde auf der 43. Jahrestagung der ADT das zwar wenig innovativ klingende aber Innovationen bedürfende Gebiet der Alterszahnmedizin mutig angegangen. Dass man in der Zahnmedizin dabei noch recht am Anfang steht, verdeutlichte, wie wenig einig man sich bisher war, was denn Alterszahnmedizin nun genau sei. In der Tat lässt sich das schwer eingrenzen und benennen. „Die Alterszahnmedizin wurde lange vernachlässigt. Neue Konzepte, Anwendungsmethoden und Technologien müssen thematisiert werden“, konstatierte Prof. Setz im Hinblick auf die Tagung. Auf die Frage, was denn Geroprothetik aus Sicht der Zahntechnik sei, entgegnete ZTM Weisser: „Es ist die komplette Bandbreite des Zahnersatzes. Ob implantatgestützt oder konventionell – Geroprothetik beinhaltet unter anderem die Putz- und Handhabbarkeit sowie den damit einhergehenden Lebenszyklus des Zahnersatzes.“ 

„Konzept 75+“

Dass es an Ansätzen und Vorschlägen hierbei nicht fehlt, verdeutlichte Prof. Edelhoff: „Die Behandlungskonzepte müssen sich anpassen. Dabei können wir auf die CAD/CAM-Technologien zurückgreifen. Gerade wenn es um die Reproduzierbarkeit von Zahnersatz geht, können wir inzwischen durch das Speichern digitaler Datensätze weniger belastend versorgen. Der Zahnersatz muss nicht mehr ewig halten. Man kann diesen bei Verschleiß effizient wieder herstellen und dabei sogar etwaige Veränderungen der Mundhöhle des älteren Patienten berücksichtigen oder die Handhabbarkeit entsprechend modifizieren.“

Dass es aber nicht nur um den eigentlichen Zahnersatz geht, sondern um ein wirkliches Gesamtkonzept, machten Prof. Nitschke und Dr. Ludwig deutlich. „Rein statistisch betrachtet nimmt heutzutage die Pflegebedürftigkeit ab einem alter von 75 Jahren besonders stark zu. Daher sprechen wir bei der DGAZ von dem sogenannten ‚Konzept 75+‘“, erklärte Dr. Ludwig. Prof. Nitschke gab zu bedenken, dass es zwar keine starre Altersgrenze gebe, wir aber umso stärker eine Versorgungsdiagnostik betreiben müssen: „Was passiert mit dem Zahnersatz, wenn sich die motorischen und/oder kognitiven Fähigkeiten der Patienten vermindern?“ Prof. Setz sprach provozierend von einer gewissen Selbstverliebtheit mancher zahnmedizinischer und zahntechnischer Therapieansätze: „Wir ergehen uns oft in technischen Innovationen, doch die Zweckmäßigkeit verlieren wir dabei aus den Augen. Das Einfachere kann oft das Bessere sein.“

Zahnärzte in der Pflicht

Dass es dabei ebenso auf die viel beschworene aber mancherorts immer noch nicht ausreichend gute Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt und Zahntechniker ankommt, bestätigte ZTM Klar: „Viele prothetische Misserfolge gründen in der mangelnden Kommunikation zwischen Techniker und Behandler. Oft wisse der Zahntechniker wenig über das Alter oder die motorischen Fähigkeiten des Patienten. Altersgerechte Prothesen bleiben dabei auf der Strecke.“ Prof. Nitschke sieht hier vor allem die Zahnärzte in der Pflicht: „Wir müssen die Zahntechniker ‚mitnehmen‘“. Prof. Edelhoff sprach sogleich eines der Grundprobleme in der Alterszahnmedizin an: „Wir müssen dieses Thema stärker in der Ausbildung unserer Zahnärzte und Zahntechniker verankern.“

Gerade einmal vier der 30 deutschen Universitäten mit zahnmedizinischer Fakultät hätten dieses Fachgebiet in ihre Lehrpläne aufgenommen, ergänzte die DGAZ-Präsidentin. Dr. Ludwig wies darauf hin, dass darüber hinaus hinsichtlich der Gesetzgebung Handlungsbedarf bestehe: „Der rechtliche Rahmen, inwieweit neben den Zahnärzten auch Zahntechniker im Pflegebereich Dienstleistungen erbringen dürfen, muss sicherlich neu geregelt werden.“

Dr. Ludwig gibt sich aber dennoch optimistisch, dass in Zukunft dieses Thema stärker berücksichtigt wird: „Sollte der Kongress hier in Böblingen dazu beitragen, dass sich Zahnärzte und Zahntechniker prinzipielle Gedanken zur Alterszahnmedizin machen, war die Gemeinschaftstagung schon ein großer Erfolg.“

Tatsächlich sind auch in diesem Jahr über eintausend Teilnehmer nach Böblingen gekommen, um sich zahnmedizinisch und zahntechnisch weiterzubilden. Das übliche Rahmenprogramm mit dem industriegesponserten Gettogether am Donnerstagabend und dem ADT-Festabend am Freitag im historisch bedeutsamen Kloster Bebenhausen rundeten diese Veranstaltung ab.

Organisation und Ausblick 

Lobend muss auf die Vorbereitung dieses Kongresses hingewiesen werden. Gerade die auch in diesem Jahr in Taschenbuchformat erhältliche, umfangreiche Kurzreferate-Sammlung der Böblinger Vorträge garantiert einen nachhaltigen Eindruck dieser Veranstaltung. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass sich Katrin Stockburger ab kommendem Jahr zunehmend aus dem organisatorischen Geschäft zurückziehen und ab 2016 aus dem aktiven Geschehen ausscheiden möchte.

2015, zur 44. ADT-Jahrestagung, wird es in Böblingen sowohl um die „Digitale Prozesskette – Probleme & Lösungen“ als auch um das Thema „Was können die neuen CAD/CAM-Materialien?“ gehen.

Foto: © OEMUS MEDIA AG
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