Branchenmeldungen 09.09.2020

Von Philadelphia nach Gärtingen mit einem Elite-Abschluss

Von Philadelphia nach Gärtingen mit einem Elite-Abschluss

Das Studium an einer amerikanischen Ivy League-Universität ist ein Lottogewinn! Dabei spielt Glück kaum eine Rolle – wer in der Ivy League studieren möchte, braucht ganz viel Talent, Disziplin und Ehrgeiz. Lukas Winkelmann konnte bei allen drei Anforderungen ein Häkchen setzen und verbrachte so acht Jahre in den USA. Seit Mai 2019 ist der junge Zahnarzt wieder zurück in heimischen Gefilden – mit einem erstklassigen Abschluss und einer großen Motivation, sich und das Gelernte in der Familienpraxis einzubringen.

Herr Winkelmann, Sie haben in den USA Zahnmedizin studiert. Wie haben Sie das geschafft?

Durch meine Tennisleidenschaft! Ich war früher mit Herz und Seele Tennisspieler und wollte das Tennisspielen auch während des Studiums nicht aufgeben. So kam die Idee, mich in Amerika für ein Tennisstipendium zu bewerben. Noch dazu kannte ich die USA (zumindest Florida) von Kindheit an durch regelmäßige Urlaubsaufenthalte.

Ich habe zuerst vier Jahre lang ein College in Tennessee an der Tusculum University besucht. Dort hieß es: Sechs Stunden Vorlesung und am Nachmittag Training und Konditionstraining. Das College muss man sich wie eine Art Physikum vorstellen, in dem alle Studenten des medizinischen Bereiches ähnliche Kurse belegen. Spiele mit dem Team wurden dann parallel zum Studium ausgetragen.

Während meiner Zeit im College habe ich in den Sommerpausen neben dem Tennis auch zahlreiche Praktika absolviert. Ich war zwar von der Medizin fasziniert, wusste aber noch nicht, wo genau die Reise hingehen sollte – in die Chirurgie oder Zahnmedizin. Durch ein längeres Praktikum im Krankenhaus konnte ich hautnah das Gute und das Schlechte, die großen Momente und den Alltag erleben. Das war unglaublich lehrreich. Außerdem habe ich mir viele Zahnarztpraxen angeschaut, um unterschiedliche Praxistypen kennenzulernen und ein besseres Gefühl für den Beruf zu bekommen.

Da ich zu den Top 3 von allen Tennisspielern der USA zählte, über 70 Auszeichnungen in den vier Jahren am College erhielt und noch dazu meinen Abschluss mit summa cum laude schaffte, konnte ich mir einen Platz an der University of Pennsylvania (UPenn) in Philadelphia, einer der besten Universitäten für Zahnmedizin, ergattern. Bevor mir der Platz sicher war, hatte ich eine Abmachung mit mir selber: Entweder ich schaffe es an die UPenn (und nicht an irgendeine beliebige Universität) und studiere Zahnmedizin oder aber ich versuche mein Glück im Tennis. Es hätte also durchaus auch noch ganz anders kommen können! Nochmal vier Jahre später habe ich dann mein Studium mit Doktor titel im Mai 2019 abgeschlossen.

Was hat Ihnen denn besonders am Studium der Zahnmedizin in den USA gefallen?

Ich hatte das Privileg, an einer sehr renommierten Universität studieren zu können, die großkalibrige Professoren anzieht und zudem ganz andere Ressourcen zur Verfügung stellt als eine staatliche Universität. Insofern entsprechen meine Erfahrungen sicherlich nicht dem Durchschnitt. Das Studium an der UPenn war unglaublich vielseitig und hart, weil es wahnsinnig viel zu tun und zu lernen gab.

Beindruckend war vor allem das umfassende Angebot vor Ort – wir hatten alle Spezialprogramme und Kliniken im gleichen Gebäude wie die Zahnklinik. KFO, MKG, Parodontologie, Kinderzahnheilkunde, Endo, Prothetik, Orale Pathologie und weiteres mehr. Dadurch erlebt man alles hautnah und kann sich Wissen und Erfahrungen direkt und wiederholt aneignen, und das noch dazu an der Seite von international renommierten Experten. Das war schon Wahnsinn!

Was für eine einmalige Bandbreite an Wissen ich in dieser intensiven Zeit erlangen konnte, merke ich zum Teil noch jetzt, wenn ich auf andere „Frischlinge“ treffe und wir unsere Erfahrungen vergleichen. Ich habe an der UPenn gelernt – und bin dafür unglaublich dankbar – Zahnmedizin im Ganzen, aus jeder Perspektive zu betrachten, um für den Patienten eine einheitliche Gesamtplanung machen zu können.

Die Praxis OXIDIO, in der Lukas Winkelmann seit Juli 2019 arbeitet, betreut unter anderem auch amerikanische Patienten der umliegenden Militärstützpunkte. Hier kommen Lukas Winkelmann seine fundierten Kenntnisse der amerikanischen Sprache, einschließlich der erlernten zahnmedizinischen Fachbegriffe, zugute. © Winkelmann

Welche Unterschiede fallen Ihnen zwischen der Zahnmedizin in Deutschland und den USA auf?

Da gibt es einiges, angefangen mit den Gehältern in den USA. Diese liegen mit mehr als 152.000 US-Dollar pro Jahr bei weitem höher als in Deutschland. Dabei muss man aber auch bedenken, dass die meisten Studierenden eine Art staatliches Darlehen während des Studiums bezogen haben und dies danach zurückzahlen müssen. Und das sind keine Peanuts, sondern größere Beträge.

Außerdem ist die USA nicht nur ein großes, sondern auch ein klagefreudiges Land und die Gefahr, mindestens einmal im Berufsleben als Zahnarzt verklagt zu werden, ist um ein Vielfaches höher als bei uns. Auch das Thema Krankenversicherungen ist in Amerika sehr durchwachsen, weil nicht jeder versichert ist. Hier in Deutschland sind wir ja alle pflichtversichert, was dann aber leider zu endloser Bürokratie und einer komplizierten Politik der Krankenkassen führt. Und die Abrechnung in deutschen Praxen ist ja schon fast ein Studium für sich. Da stand ich ehrlich gesagt anfangs wie der Ochse vor dem Berg. Wir schreiben hier komplexe Abhandlungen zu Abrechnungspositionen mit allen möglichen Regeln und Klauseln; in den USA gibt es für eine Behandlung eine Abrechnungsposition und basta.

Sie arbeiten seit Juli 2019 in der Zahnarztpraxis OXIDIO im baden-württembergischen Gärtringen. Wie kam es zur Anstellung in dieser Praxis?

Ich stand irgendwann vor der Entscheidung, entweder in den USA zu bleiben oder nach Deutschland zurückzukehren. Letztlich zog es mich zurück in die Heimat. Mit meinem Vater, der auch Zahnarzt ist, habe ich mich während dieser Studienzeit fachlich viel ausgetauscht und stand ihm dabei durchaus kritisch gegenüber. Doch auch er ist sehr wissbegierig, arbeitet in seiner Praxis zukunftsorientiert und hat immer das Gespräch mit mir gesucht. Insofern wusste ich, dass ich mich aktiv einbringen kann und in meinen Interessen und Entwicklungen nicht beschränkt werde.

Zudem hat OXIDIO viele amerikanische Patienten, und das passt zu mir. Daher war mein Einstieg in die Praxis meines Vaters wie maßgeschneidert für mich – ich war geografisch und familiär wieder zu Hause und zugleich noch mit dem Amerikanischen verbunden.

Wieso ist eigentlich die Praxis derart amerikanisch ausgerichtet?

Es gibt im Umkreis von Stuttgart eine Reihe an US-Kasernen und Militärstützpunkten, die wiederholt Patienten an unsere Praxis überweisen. Deshalb hat mein Vater die Praxis irgendwann zweisprachig aufgestellt. Um die Versorgung amerikanischer Patienten auf deutschem Boden zu erleichtern, sind wir außerdem Teil von Concordia/Tricare, einem Versicherungsprogramm für Militärangehörige. Damit können wir ohne Probleme unsere amerikanischen Patienten behandeln, ohne dass für sie oder uns ein großer und langwieriger Papierprozess entsteht.

Wie gestaltet sich der Arbeitsalltag zwischen Ihnen und Ihrem Vater?

Jeder von uns hat seine Interessenschwerpunkte. Ich persönlich gehe in ästhetischen Fällen total auf. Veneers und Kompositveneers gehören, neben chirurgischen Eingriffen, zu meinen Stärken. Mein Vater macht im Gegenzug die Implantate mit jahrelanger Erfahrung und liebt Endo. Damit ergänzen wir uns ausgesprochen gut. Und CAD/CAM ist ein genereller Leistungsschwerpunkt unserer Praxis. Wenn ich mal an einer Stelle nicht weiterkomme, zum Beispiel partout einen Kanalzugang nicht finden kann, dann kommt mein Vater von seinem in mein Behandlungszimmer und hilft mir. Das ist ein großartiger Bonus unserer Zusammenarbeit!

Lockt denn trotzdem noch die USA und ein mögliches Leben und Arbeiten dort?

Nein, nicht wirklich. Derzeit ist der Plan, dass ich langsam in die Praxisführung eingeschleust werde und mein Wissen und meine Erfahrungen in diesem Bereich gezielt vertiefe. Mein Vater liebt seine Arbeit, will aber gewiss nach einem langen Berufsleben auch irgendwann kürzer treten. Ein Standortwechsel im näheren Umkreis der derzeitigen Praxis ist momentan im Gespräch, um die Praxisgröße und die Erreichbarkeit für die Patienten zu optimieren. Ich gebe aber zu: Trotz dieser Pläne halte ich meine Arbeitslizenz (Approbation) in den USA durch verschiedene Fortbildungen aktiv, auch wenn ich es wahrscheinlich nie nutzen werde. Aber warum aufgeben, was man sich hart erarbeitet hat?!

Übrigens, das Tennis spielt heutzutage keine große Rolle mehr für mich. Ich spiele noch gelegentlich, aber ohne den früheren Drive.

Das Interview ist in der dentalfresh erschienen.

Foto Teaserbild: Winkelmann

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