Finanzen 23.04.2025
„Es ist wichtig, das starke US-Gewicht im Blick zu behalten“
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Frau Decker, wie bewerten Sie das hohe Gewicht von US-Unternehmen in Welt-ETFs? Und welche Risiken und Chancen sehen Sie in der aktuellen Weltmarktlage?
Welt-ETFs gelten als eine der einfachsten Möglichkeiten, global gestreut zu investieren. Was viele jedoch nicht wissen: Ein großer Teil dieser ETFs besteht aus US-Unternehmen – oft über 60 Prozent. Das liegt daran, dass der US-Aktienmarkt der größte und wertvollste der Welt ist. Firmen wie Apple, Microsoft oder Google machen alleine schon einen erheblichen Anteil aus. Das bringt viele Chancen mit sich, denn diese Unternehmen sind innovativ, global erfolgreich und oft auch krisenresistenter als andere.
Aber genau darin liegt auch ein Risiko: Wenn ein Welt-ETF stark von US-Aktien dominiert wird, hängt das eigene Investment primär von der wirtschaftlichen Lage in den USA ab. Steigen zum Beispiel dort die Zinsen oder kommt es zu politischen Problemen, kann das den ETF stark beeinflussen – obwohl man doch eigentlich „weltweit“ investieren wollte. Auch die Bewertungen vieler US-Aktien sind aktuell sehr hoch, was das Risiko für Kursrückgänge erhöht. Es ist also wichtig, das starke US-Gewicht im Blick zu behalten.
Welche Ansätze empfehlen Sie, um das Klumpenrisiko durch die starke Gewichtung der USA in Welt-ETFs zu reduzieren? Sind Portfolios, die sich an der tatsächlichen Wirtschaftsleistung orientieren, eine praktikable Alternative?
Wenn man verhindern möchte, dass ein Großteil des eigenen Geldes in nur einem Land – wie den USA – investiert ist, gibt es mehrere Möglichkeiten. Eine Variante ist, gezielt Regionen wie Europa, Asien oder Schwellenländer zusätz-lich ins Portfolio aufzunehmen. Dafür gibt es viele einzelne ETFs, die genau solche Märkte abbilden. Das hilft, das sogenannte Klumpenrisiko zu verringern. Manche Anleger entscheiden sich auch für Welt-ETFs, die Länder nicht nach der Größe ihrer Börse gewichten, sondern danach, wie groß ihre tatsächliche Wirtschaftsleis-tung ist – also gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP).
In solchen ETFs haben Länder wie China oder Indien mehr Gewicht, während die USA entsprechend weniger stark vertreten sind. Solche Lösungen sind allerdings nicht so weit verbreitet, aber sie können eine sinnvolle Ergänzung sein. Auch sogenannte Smart-Beta-ETFs, die nicht nach der Größe der Unternehmen gewichten, sondern z. B. nach der Qualität oder Stabilität von Firmen, können helfen, die starke US-Lastigkeit im Depot zu verringern.
Wie können Anleger auf die Unsicherheiten durch Handelskonflikte und potenzielle Zölle reagieren? Welche Anpassungen im Portfolio würden Sie in solchen Situationen empfehlen?
Handelskonflikte oder Zölle zwischen großen Volkswirtschaften – etwa den USA und China – können erhebliche Auswirkungen auf die Märkte haben. Unternehmen, die stark vom Export abhängig sind, geraten schnell unter Druck. Deshalb ist es wichtig, das eigene Geld nicht nur in einem Land oder einem Sektor anzulegen, sondern breit zu streuen. In unsicheren Zeiten können sogenannte defensive Branchen helfen – zum Beispiel Unternehmen aus dem Gesundheitsbereich, von Versorgungsdienstleistern oder Produzenten von Lebensmitteln. Diese Firmen sind meist weniger abhängig vom Konjunkturverlauf, da ihre Produkte und Dienstleistungen auch in Krisenzeiten gebraucht werden. Gold ist ebenfalls eine beliebte Absicherung. Es entwickelt sich in politisch oder wirtschaftlich unsicheren Zeiten oft stabil und kann helfen, Verluste an den Aktienmärkten auszugleichen. Auch ETFs auf Gold sind hier eine bequeme Lösung. Zudem sollte man auf mögliche Währungsschwankungen achten. Wer zum Beispiel viel in US-Dollar investiert, kann bei starken Veränderungen des Wechselkurses Verluste machen. Es gibt ETFs, die solche Risiken absichern („Währungshedge“), was in bestimmten Situationen sinnvoll sein kann.
Welche spezifischen Indizes oder Anlageklassen sehen Sie als geeignet an, um die regionale und sektorale Diversifikation im Portfolio zu erhöhen und es gegen globale politische und wirtschaftliche Unsicherheiten abzusichern?
Ein gut aufgestelltes Portfolio sollte möglichst vielseitig sein – sowohl was Regionen als auch Branchen angeht. Neben einem klassischen Welt-ETF kann es sinnvoll sein, gezielt Regionen hinzuzufügen, die im globalen Vergleich oft zu kurz kommen. Dazu zählen zum Beispiel Schwellenländer wie Indien oder Brasilien, aber auch europäische oder japanische Märkte. Diese Länder und Regionen bringen oft andere Chancen und Risiken mit sich und sorgen so für mehr Ausgewogenheit im Portfolio.
Auch die Auswahl unterschiedlicher Branchen ist wichtig. Gerade in schwierigen Zeiten haben sich Sektoren wie Gesundheit, Lebensmittel oder Versorger als stabil erwiesen. Zusätzlich kann man über sogenannte Infrastruktur-ETFs investieren, also in Unternehmen, die etwa Stromnetze, Straßen oder Kommunikationsleitungen betreiben. Diese Geschäftsmodelle sind oft langfristig und krisenfester. Wer noch breiter aufstellen möchte, kann auch über alternative Anlagen nachdenken – zum Beispiel über Immobilienfonds (REITs) oder Rohstoffe wie Gold. Diese Anlagen verhalten sich oft anders als Aktien und können helfen, Schwankungen auszugleichen. Am Ende geht es immer darum, das Risiko gut zu verteilen. Wer nicht nur auf eine Karte setzt, sondern verschiedene Länder, Branchen und Anlageformen kombiniert, ist langfristig besser gegen Überraschungen aufgestellt – egal, ob politisch, wirtschaftlich oder an der Börse.
Dieser Beitrag ist in der ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis erschienen.