Praxismanagement 17.09.2021

Zahnmedizin: Frauen auf der Überholspur

Zahnmedizin: Frauen auf der Überholspur

Foto: Krakenimages.com – stock.adobe.com

Bereits in drei bis vier Jahren werden bundesweit mehr Zahnärztinnen als Zahnärzte ambulant tätig sein. Vor diesem Hintergrund wird auch das Wissen um deren spezifische Bedürfnisse und Prioritäten immer wichtiger. So besitzt beispielsweise die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Zahnärztinnen einen signifikant höheren Stellenwert als für ihre männlichen Fachkollegen, weshalb andere berufliche Rahmenbedingungen erforderlich sind.

Der Frauenanteil in der Zahnmedizin steigt seit Jahren und liegt bei den Studienanfängern mittlerweile bei rund zwei Dritteln. Die Betrachtung des Anteils der beruflich tätigen Zahnärztinnen nach Altersgruppen (siehe Grafik 1) veranschaulicht diese Entwicklung: Während in den alten Bundesländern bei den über 45-jährigen Zahnmediziner*innen derzeit noch die Männer überwiegen, sind bei den jüngeren die Frauen bereits in der Mehrheit. In den neuen Bundesländern ist diese Entwicklung aus historischen Gründen deutlich weiter vorangeschritten. Im Gegensatz zu Westdeutschland war dort die Berufstätigkeit von Frauen bereits lange vor der Wende der Normalfall und hat zur Folge, dass die demnächst in Ruhestand tretende Altersgruppe 65 plus bereits mehrheitlich weiblich ist.

Quelle Grafik 1: Bundeszahnärztekammer, Mitgliederstatistik, Stand: 31.12.2019

Mit steigendem Frauenanteil wächst auch der Anteil der Zahnmediziner*innen, die angestellt oder in Teilzeit tätig sind. Inzwischen arbeiten von den rund 72.600 in Deutschland tätigen Zahnärzt*innen ca. 20.500 in einem Angestelltenverhältnis. Knapp zwei Drittel davon sind Frauen. Während Zahnärztinnen die allgemeinzahnärztliche Versorgung inzwischen deutlich dominieren, ist deren Anteil bei den fachzahnärztlichen Weiterbildungen und Spezialisierungen niedriger. Dies betrifft insbeson- dere Spezialisierungen im operierenden Bereich. So ist von den 3.321 (Stand: Ende 2019) tätigen Fachzahnärzt*innen für Oralchirurgie deutschlandweit nur jede*r vierte weiblich. Auch in den neuen Bundesländern beträgt hier der Frauenanteil nur rund ein Drittel. Anders sieht es bei den Fachzahnärzt*innen für Kieferorthopädie aus: Hier liegt der Frauenanteil bundesdurchschnittlich bei 55 Prozent.

Bereits 2006 reagierte der Gesetzgeber mit dem Vertragsarztrechtsänderungsgesetz (VÄndG) auf die wachsende Nachfrage nach einer angestellten Tätigkeit und ermöglichte die Anstellung von bis zu zwei Zahnärzt*innen sowie Teilzeittätigkeit in der ambulanten zahnmedizinischen Versorgung. Seit 2019 können Vertragszahnärzt*innen gemäß dem neuen einheitlichen Bundesmantelvertrag – Zahnärzte sogar drei, in Ausnahmefällen bis zu vier, in Vollzeit beschäftigte Zahnärzt*innen anstellen, bei Teilzeitbeschäftigung entsprechend mehr. Dass die flexibleren Arbeitszeitmodelle vorwiegend von Frauen genutzt werden, lässt sich auf den Wunsch nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf zurückführen. Die größere Nachfrage nach angestellten Berufsmöglichkeiten fördert auch den Anstieg zahnärztlich tätiger MVZ. Diese bieten Zahnärztinnen eine fami- lienfreundliche, kooperative Angestelltentätigkeit und damit ideale berufliche Rahmenbedingungen.

Quelle Grafik 2: IDZ (2020) – InvestMonitor 2019

Eine in 2019 durchgeführte Umfrage der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg unter 400 angestellten Zahnmediziner*innen liefert interessante Erkenntnisse zu den Gründen für eine Angestelltentätigkeit. Geschlechter- und altersunabhängig schätzten es angestellte Zahnmediziner*innen, dass sie weitgehend von den unternehmerischen und Verwaltungsaufgaben entbunden sind und sich voll auf die Leistungserbringung konzentrieren können. Bei einigen genannten Gründen zeigen sich jedoch auch signifikante gender- sowie altersgruppenspezifische Unterschiede:

So ist die am häufigsten genannte „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ für Frauen deutlich wichtiger als für Männer (♀ 79 %, ♂ 30 %) und wurde zudem genderunabhängig von Jüngeren deutlich häufiger genannt als von Älteren (unter 35-Jährige: 61 %, 55 Jahre und älter: 34 %). Auch auf die Teamarbeit legen Frauen (♀ 65 %, ♂ 45 %) und Jüngere (♀ 66 %, 55 plus: 39 %) besonders großen Wert wie auch auf die Arbeitszeitgestaltung (♀ 54 %, ♂ 29 %).

Mit einer Angestelltentätigkeit in kooperativen Praxisstrukturen lassen sich Berufstätigkeit und Familie wesentlich besser vereinbaren als in einer selbstständig geführten Einzelpraxis – so zumindest die Einschätzung der Befragten. Auf die Frage, welche Maßnahmen das höchste Verbesserungspotenzial bergen, wurden vor allem flexible Arbeitszeitmodelle, Teilzeitangebote und bessere Kinderbetreuung genannt. Die Umfrage zeigte außerdem, dass auch bei den angestellten Zahnmediziner*innen die Frauen meistens die Hauptlast bei Kinderbetreuung und Haushalt tragen. Rund 30 Prozent der befragten Zahnärztinnen sehen dies als Hürde für eine Niederlassung (♂ 5 %). Des Weiteren schreckt vor allem das wirtschaftliche Risiko die Umfrageteilnehmerrinnen von einer Niederlassung ab. Dennoch betrachten 52 Prozent (♂ 55 %) ihre derzeitige Angestelltentätigkeit nicht als Entscheidung für das gesamte Berufsleben, sondern planen eine spätere 

selbstständige Tätigkeit, zumal die Angestelltentätigkeit in der ambulanten zahnmedizinischen Versorgung auch ihre Schattenseiten birgt: Immer noch besteht bundesdurchschnittlich ein deutliches Gehaltsgefälle zwischen den Geschlechtern. Wie eine Umfrage von apoBank und Verband Deutscher Zahnärzte (FVDZ) ergab, verdienen angestellte, in Vollzeit arbeitende Zahnärztinnen bundesdurchschnittlich 61.000 Euro brutto im Jahr, während ihre männlichen Kollegen mit durchschnittlich 82.000 Euro auf ein deutlich höheres Gehalt kommen. Eine weitere Studie der apoBank, die sich mit Werten, Zielen und Wünschen von Heilberufler*innen befasst, legt den Rückschluss nahe, dass auch die Frauen selbst bei ihrem Verdienst Aufholbedarf sehen. 80 Prozent der befragten Frauen wünschen sich ein höheres Einkommen. Die Zufriedenheit mit der beruflichen Situation ist bei den Frauen signifikant von 63 Prozent (2016) auf 52 Prozent (2019) gesunken.

Auch bei den Existenzgründungen gibt es in der Durchschnittsbetrachtung – bei großer individueller Vielfalt – signifikante Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Laut der aktuellen Existenzgründungsanalyse des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ) ließen sich im Jahr 2019 bundesweit erstmals mehr Zahnärztinnen als Zahnärzte in eigener Praxis nieder, was vor allem der hohen Zahl weiblicher Gründer in den neuen Bundes- ländern (69 %) geschuldet ist, die deutlich über jener in den alten Bundesländern (48 %) lag. Bei der gewählten Niederlassungsform gibt es hingegen kaum genderspezifische Unterschiede.

Geschlechtertypische Unterschiede zeigen sich hingegen vor allem bei der Höhe des Finanzierungsvolumens und dem Alter bei der Erstniederlassung. Frauen gründen durchschnittlich rund ein Jahr später als ihre männ- lichen Kollegen (♀ 36,7 Jahre, ♂ 35,5 Jahre). Während sich fast die Hälfte (48 %) der niederlassungswilligen Zahnärzte im Alter zwischen 30 und 34 niederlassen, ist der Zeitkorridor bei den Zahnärztinnen wesentlich breiter. So starten immerhin 28 Prozent der Gründerinnen ihr Business erst mit 40 Jahren und später (♂ 17 %). Ferner liegen die Praxisinvestitionen bei Existenzgründerinnen im Durchschnitt niedriger als bei ihren männ- lichen Kollegen (siehe Grafik 2); für die Übernahme einer Einzelpraxis geben sie im Schnitt 318.000 Euro aus (♂ 392.000 Euro). Dabei betreffen die Unterschiede in den Finanzierungsvolumina primär den Übernahmepreis. Auf eine umfassende Modernisierung und eine gute Ausstattung ihrer Praxis legen beide Geschlechter großen Wert, was sich in den nahezu identischen, im Verhältnis zu den gesamten Finanzierungskosten bei den Frauen sogar vergleichsweise höheren durchschnittlichen Investitionen (♀ 182.000 Euro, ♂ 174.000 Euro) widerspiegelt.

Fazit

Mit dem Ziel der Sicherstellung einer guten ambulanten Versorgung auch im ländlichen Raum müssen die spezifischen Bedürfnisse von Zahnärztinnen stärker Berücksichtigung finden und vor allem Gehaltsgerechtigkeit hergestellt werden. Für Politik und Selbstverwaltung ist daher das Schaffen geeigneter Rahmenbedin- gungen eine wichtige Zukunftsaufgabe.

Autorin: Verene Heinzmann, www.rebmann-research.de

Der Beitrag ist in der ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis erschienen.

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