Branchenmeldungen 08.10.2026

DG PARO Jahrestagung 2026: Bewährtes meets Fortschritt

Vom 24. bis 26. September 2026 begrüßte die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) rund 800 Teilnehmer/-innen zur Jahrestagung im neuen Heidelberg Congress Center.

DG PARO Jahrestagung 2026: Bewährtes meets Fortschritt

Foto: Annette Schrader Fotografie

Unter dem Motto „Stabilität und Progression. Stillstand und Fortschritt“ widmete sich die Tagung der Frage, wie sich Bewährtes in der Parodontologie erhalten und gleichzeitig wissenschaftlicher und technischer Fortschritt sinnvoll in die Versorgung integrieren lässt, um stabile Behandlungsergebnisse zu erzielen. An drei Kongresstagen bot ein umfangreiches Programm mit nationalen und internationalen Referent/-innen vielfältige Möglichkeiten zur Fortbildung und für einen kollegialen Austausch. Neben dem Hauptprogramm fanden Symposien, wissenschaftliche Kurzvorträge, Hands-on-Kurse, eine umfangreiche Posterausstellung und der DG PARO-Teamtag statt.

Bereits am Donnerstag startete das CP GABA Young Experts´Training, das jungen Kolleginnen und Kollegen über zwei Tage eine Plattform für wissenschaftliche Weiterbildung und Networking bot. Prof. Dr. Peter Eickholz (Universität Frankfurt am Main) startete das Programm mit einem persönlichen Einblick in seine akademische Laufbahn und ermutigte den wissenschaftlichen Nachwuchs, internationale Kontakte zu knüpfen und Möglichkeiten zur Weiterbildung aktiv zu nutzen. Ein Statistikseminar von Dr. Stefan Reckelkamm (Universität Münster) rückte anschließend die strukturierte Datenaufbereitung, moderne Statistiksoftware und den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) in der Forschung in den Mittelpunkt. Eine zentrale Botschaft lautete: Ein gutes Studiendesign bildet die Grundlage wissenschaftlicher Aussagen und kann auch durch komplexe statistische Verfahren nicht ersetzt werden. Im Schreibseminar „Medizinisches Wissen lebendig vermitteln“ zeigte Dr. med. Werner Bartens (Süddeutsche Zeitung, München) zudem, wie wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich und zugleich fachlich korrekt für ein breiteres Publikum aufbereitet werden können.

Stillstand ist keine Option

Am Freitag eröffnete das Tagungsleitungsteam um Prof. Dr. Peter Eickholz, Dr. Nihad El-Sayed, DH Ivana Elez und Prof. Dr. Bettina Dannewitz das wissenschaftliche Hauptprogramm. Das Tagungsmotto beschrieb dabei bewusst ein Spannungsfeld: Neue diagnostische und therapeutische Möglichkeiten eröffnen Chancen, müssen aber hinsichtlich ihres tatsächlichen klinischen Nutzens kritisch bewertet werden. Die zentrale Botschaft der Eröffnung war entsprechend eindeutig: Stillstand in den Bemühungen um eine bessere parodontale Versorgung ist keine Option. Dr. Doris Seiz, Vizepräsidentin der Bundeszahnärztekammer, unterstrich in ihrem Grußwort die Bedeutung der Parodontologie für die Mund- und Allgemeingesundheit. Erfolgreiche Parodontitistherapie erfordere einen „langen Atem“ und Präzision. Die DMS 6 zeige deutlich den Behandlungsbedarf von rund 14 Millionen an schweren Parodontalerkrankungen leidenden und therapiebedürftigen Patienten, was die große Bedeutung von Prävention und Parodontitis als „Schlüsselthema“ hervorhebt.

Einen gesundheitspolitischen Auftakt setzte Martin Hendges der Vorsitzende des Vorstands der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (Berlin) mit seiner Bestandsaufnahme von fünf Jahren PAR-Richtlinie. Nach Inkrafttreten der neuen Richtlinie im Juli 2021 waren die Behandlungszahlen zunächst deutlich gestiegen, es folgten Einbußen durch die Budgetierung der PAR-Behandlungsstrecke, was zu einem deutlichen Abfall der Neubehandlungen, unter das Niveau vor der Einführung der neuen PAR-Behandlungsrichtlinie, führte. Hendges forderte daher eine langfristig gesicherte Finanzierung der gesamten PAR-Behandlungsstrecke einschließlich der Unterstützenden Parodontitistherapie (UPT). Dr. Tim Hörnschemeyer (Osnabrück) ergänzte im Rahmen seines Vortrages „Die PAR-Richtlinie in der Praxis“ den Blick auf die Richtlinie aus Sicht des niedergelassenen Fachzahnarztes für Parodontologie in Niedersachsen. Die PAR-Strecke als „Einbahnstraße“ stelle den niedergelassenen Zahnarzt vor die ein oder andere organisatorische Herausforderung, die nur gut geschultes Praxispersonal bewältigen kann. Hörnschemeyer kritisierte den Mangel an einer flächendeckenden Versorgung der Patientinnen und Patienten durch parodontologisch weitergebildete Zahnärzte, Spezialisten oder Fachzahnärzte für Parodontologie. Für eine langfristige Verbesserung der parodontalen Versorgung forderte Hörnschemeyer insbesondere mehr Dentalhygienikerinnen und Dentalhygieniker sowie mehr spezialisierte Behandlerinnen und Behandler.

Diagnostik zwischen Mikrobiom, MRT und KI

Wie stark sich die diagnostischen Möglichkeiten in der Parodontologie verändern, zeigte die folgende Session. Prof. Dr. Daniel Hagenfeld (Universität Köln) zeichnete den Weg der Mikrobiologie von klassischen Markerkeimen hin zum Next-Generation-Sequencing (NGS) nach. Im Mittelpunkt steht heute zunehmend nicht mehr der Nachweis einzelner Bakterien, sondern die Betrachtung des gesamten oralen Mikrobioms. NGS, Multi-Omics und KI könnten zukünftig dazu beitragen, Dysbiosen differenzierter zu erkennen und klinische Entscheidungen stärker zu individualisieren.

Einen anderen Blick auf zukünftige Diagnostik eröffnete Prof. Dr. Dr. Ti-Sun Kim (Universität Heidelberg). Sie prognostiziert die dentale MRT als bildgebendes Verfahren, das ohne ionisierende Strahlung auskommt, um gefährdete Bereiche als „Bone at Risk“ bereits vor einem radiologisch sichtbaren Knochenabbau zu identifizieren. Prävention könnte demnach einen noch größeren Stellenwert bekommen. Noch bestehen jedoch Grenzen bei der Interpretation der Signalintensitäten. Dentale und parodontale Strukturen sind aber auch heute bereits durch die dentale MRT darstellbar.

Prof. Dr. Balazs Feher (Harvard Dental School, Boston, USA) zeigte schließlich, welches Potenzial (KI) bei der Auswertung von Röntgenbildern, Fotografien und intraoralen Scans sowie bei Prognose und Risikoeinschätzung hat. Es zeigt sich eine rasante Entwicklung bei dem Einsatz von KI in der Diagnostik und auch in der Weiterentwicklung von KI-Modellen. Gleichzeitig wurde deutlich: KI soll die zahnärztliche Beurteilung unterstützen, nicht ersetzen.

Biotika und die Grenzen der nichtchirurgischen Therapie

Prof. Dr. Yvonne Jockel-Schneider (Universität Würzburg) widmete sich dem möglichen Nutzen von Pro-, Prä-, Syn- und Postbiotika als adjuvante immunmodulatorische Ansätze. Die Datenlage wurde als heterogen beschrieben: Kurzfristige positive Effekte auf die Blutung auf Sondieren waren nach antiinfektiöser Therapie teilweise nachweisbar, eine signifikante Verbesserung der Taschensondierungstiefen hingegen nicht. Eine allgemeine Empfehlung für den Einsatz von Biotika lässt sich aus der derzeitigen Evidenz daher nicht ableiten.

Prof. Dr. Dagmar Slot (Universität Amsterdam, Niederlande) beleuchtete anschließend die Grenzen der nichtchirurgischen Parodontitistherapie aus Sicht der Dentalhygiene. Besonders wichtig sei es, Patient/-innen langfristig in einem entzündungsfreien Zustand zu halten. Dabei müsse die Reevaluation ausreichend spät erfolgen: Die Heilung kann deutlich länger dauern als die häufig angenommenen drei Monate. Eine zu frühe Beurteilung könnte deshalb die tatsächlich erreichbare klinische Verbesserung unterschätzen.

Diabetes und Parodontitis: Früherkennung in der Zahnarztpraxis

Dr. Tin Crnic (Universität Wien/Universität Mainz) erläuterte anhand der aktuellen S2K-Leitlinie von 2024 die bidirektionale Beziehung zwischen Diabetes mellitus und Parodontitis. Besonders praxisrelevant waren die dargestellten Effekte einer Parodontitistherapie auf die glykämische Kontrolle. Drei bis vier Monate nach antiinfektiöser Therapie wurde eine HbA1c-Reduktion um 0,43 Prozent berichtet. Dies unterstreicht, dass eine erfolgreiche Parodontitistherapie auch über die Mundhöhle hinaus gesundheitlich relevant sein kann.

PD Dr. Katrin Nickles (Mannheim/Universität Frankfurt am Main) ergänzte die wissenschaftlichen Grundlagen durch Fallbeispiele und konkrete Empfehlungen. Der Gesundheitspass Diabetes und der FINDRISK-Fragebogen können helfen, Risikopatient/-innen zu identifizieren. Therapieresistente parodontale Situationen, Wundheilungsstörungen oder rezidivierende Beschwerden sollten Anlass geben, an einen bislang unerkannten oder schlecht eingestellten Diabetes zu denken. Eine nichtchirurgische Parodontitistherapie ist grundsätzlich auch bei nicht optimal eingestelltem Diabetes möglich; vor chirurgischen Eingriffen sollte jedoch eine möglichst gute Stoffwechseleinstellung angestrebt werden.

Antibiotika: gezielt statt routinemäßig

Der verantwortungsvolle Umgang mit Antibiotika bildete einen weiteren Schwerpunkt. Prof. Dr. Andrea Mombelli (Genf, Schweiz) stellte klar, dass systemische Antibiotika die mechanische Biofilmentfernung nicht ersetzen können. Vielmehr seien sie eine gezielt einzusetzende Ergänzung bei entsprechender klinisch gestellter Indikation. Ziel ist es, das Behandlungsergebnis zu verbessern und gegebenenfalls die Notwendigkeit weiterführender chirurgischer Eingriffe zu reduzieren.

Auch Prof. Dr. Paula Matesanz (Universität Madrid, Spanien) betonte für lokal applizierte antimikrobielle Wirkstoffe den ergänzenden Charakter. Vor allem bei lokalisierten persistierenden oder rezidivierenden tiefen Taschen könnten sie zusätzliche klinische Effekte erzielen.

Prof. Dr. Bettina Dannewitz (Weilburg, Universität Frankfurt am Main) weitete den Blick auf die allgemeine Verordnungspraxis in der Zahnmedizin. Vor dem Hintergrund antimikrobieller Resistenzen plädierte sie für einen zurückhaltenden und indikationsgerechten Einsatz von Antibiotika und hinterfragte insbesondere deren Verordnung bei Schmerzen. Auch vermeintliche Penicillinallergien sollten kritisch geprüft werden. Die Session machte damit deutlich, dass moderne Antibiotikatherapie vor allem eine sorgfältige Indikationsstellung voraussetzt.

Frischer Wind für die Parodontologie

Wie vielfältig Fortschritt aussehen kann, zeigte das Symposium „Frischer Wind in der Parodontologie – Stabilität und Progression“. Dr. Javier Calatrava (Universität Madrid, Spanien) zeigte mit seinem State-of-the-Art-Vortrag zur ästhetischen Kronenverlängerung, welche Vorteile der digitale Workflow bei der chirurgischen Kronenverlängerung haben kann. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich chirurgische Eingriffe durch einen vollständig digitalen Workflow besser planen und vorhersagbarer gestalten lassen. Anhand von DVT-Daten und digitalen Scans können individuelle OP-Schablonen erstellt werden, die zunächst die externe Gingivektomie und nach Lappenbildung die chirurgische Kronenverlängerung unterstützen. Calatrava demonstrierte damit einen digitalen Workflow, der die Behandlung von der initialen Planung bis zum chirurgischen Ergebnis begleitet.

PD Dr. Miriam Cyris (Universität Kiel) widmete sich dem App-basierten Zähneputzen und sah insbesondere im personalisierten Feedback Potenzial für eine nachhaltige Motivation der Patientinnen und Patienten.

Weitere Beiträge spannten den Bogen von der vitalen Wurzelamputation bei betagten Parodontitispatient/-innen über das Fasten gegen parodontale Entzündungsprozesse bis zu Risikofaktoren gingivaler Rezessionen und Veränderungen des oralen Mikrobioms nach Stammzelltransplantation. Zum Abschluss gab PD Dr. Jens Weusmann (Universität Mainz) ein Update zum Air-Polishing und diskutierte unterschiedliche Pulver sowie deren Einsatzmöglichkeiten und Risiken. Die Bandbreite der Themen spiegelte exemplarisch das Tagungsmotto wider: Innovation eröffnet neue Möglichkeiten, verlangt jedoch stets nach einer kritischen Bewertung ihres klinischen Mehrwerts.

Periimplantitis: unterschiedliche Wege zum Ziel

Den fulminanten Auftakt des Samstags bildete die Session „Was tun bei Periimplantitis?“. Besonders spannend war die Gegenüberstellung unterschiedlicher Therapiekonzepte aus Frankfurt und Göteborg. PD Dr. Ausra Ramanauskaite (Universität Frankfurt) stellte das Frankfurter Therapiekonzept der Periimplantitis nach kurzfristiger Absage von Prof. Dr. Frank Schwarz vor. Dieses beinhaltet je nach Knochendefekt unter anderem die Implantoplastik und den Einsatz von Membranen zum Abdecken von Knochenersatzmaterial. Prof. Dr. Jan Derks (Göteborg) präsentierte dagegen das Therapiekonzept aus Göteborg, das ein Vorgehen ohne Implantoplastik und Membranen vorsieht: Nach chirurgischer Eröffnung steht die Reinigung der Implantatoberfläche im Mittelpunkt.

In der anschließenden Diskussion zwischen PD Dr. Ausra Ramanauskaite und Prof. Dr. Jan Derks wurden die Unterschiede der Konzepte offen gegenübergestellt. Während die Implantoplastik nach Prof. Dr. Frank Schwarz insbesondere eine bessere Hygienefähigkeit freiliegender Implantatoberflächen ermöglichen soll, verwies Derks bei seinem Vorgehen, das das Medizinprodukt Implantat intakt lässt, auf die aus seiner Sicht fehlende Evidenz aus systematischen Reviews für das invasive Verfahren Implantoplastik oder die Abdeckung von periimplantären Knochendefekten mit Membranen. Gerade diese Gegenüberstellung unterschiedlicher klinischer Strategien machte den besonderen Reiz der Session aus und zeigte, dass auch bei etablierten Therapiekonzepten weiterhin Diskussionsbedarf besteht.

Selten, aber folgenreich

Prof. Dr. Ines Kapferer-Seebacher (Universität Innsbruck, Österreich) stellte seltene Erkrankungen mit ausgeprägten oralen Manifestationen vor. Dazu gehören das Papillon-Lefèvre-Syndrom, das Ehlers-Danlos-Syndrom, die Plasminogendefizienz und die Hypophosphatasie. Insbesondere eine schwere Parodontitis im Kindes- oder Jugendalter sollte Anlass geben, an eine systemische Ursache zu denken. Die Therapie orientiert sich grundsätzlich an den etablierten Prinzipien der Parodontitisbehandlung. Entscheidend bleiben Mundhygiene, antiinfektiöse Therapie, gegebenenfalls adjuvante Antibiotika und eine konsequente unterstützende Nachsorge. Beim Papillon-Lefèvre-Syndrom besitzt Aggregatibacter actinomycetemcomitans besondere Bedeutung.

PD Dr. Katrin Nickles (Universität Frankfurt am Main) widmete sich der sicheren Parodontitistherapie bei Blutungsstörungen. Eine sorgfältige Anamnese ist entscheidend, insbesondere die Frage nach ungewöhnlich starken Nachblutungen. Bei bekannten Gerinnungsstörungen müssen Diagnostik und gegebenenfalls präoperative Medikation interdisziplinär geplant werden. Für die lokale Blutstillung stehen unter anderem oxidierte Zellulose, Kollagen- und Gelatineschwämme, Fibrinkleber und Tranexamsäure zur Verfügung. Notwendige Behandlungen sollten nach Möglichkeit gebündelt werden. Bei der Schmerztherapie sind ASS und NSAR zu vermeiden. Paracetamol wurde als bevorzugte Alternative genannt. Zugleich betonte Nickles, dass Zahnfleischbluten zunächst ein Entzündungszeichen ist. Aus Angst vor Blutungen darf die häusliche Mundhygiene nicht vernachlässigt werden.

Zahnerhalt oder Implantation: Entscheidungsfindung

Den Abschluss der Jahrestagung bildete die Session zur Entscheidung zwischen Zahnerhalt und Implantation. Prof. Dr. Bernadette Pretzl (Karlsruhe/Universität Frankfurt am Main) hinterfragte zunächst die Definition des hoffnungslosen Zahnes. Als Kriterien gelten unter anderem ein Knochenverlust von 75 Prozent oder die Kombination mehrerer ungünstiger Faktoren wie vertikale Defekte, Furkationsbefall und ausgeprägter Knochenverlust. Dabei müssen jedoch auch Rauchen, Diabetes, Mundhygiene und die Adhärenz der Patient/-innen berücksichtigt werden. Die unterstützende Parodontitistherapie wirkt protektiv: Selbst Zähne mit einem Knochenverlust von 60 bis 80 Prozent können bei regelmäßiger Nachsorge über neun Jahre zu mehr als 90 Prozent erhalten bleiben. Die Prognose hängt somit nicht allein vom Ausgangsbefund, sondern wesentlich von Behandlungsqualität, häuslicher Mundhygiene und langfristiger Betreuung ab.

PD Dr. Otto Zuhr (München/Universität Frankfurt am Main) griff diese Überlegungen im Spannungsfeld von Parodontologie und Implantattherapie auf. Angesichts des demografischen Wandels müssen Entscheidungen über Extraktion und Implantation zunehmend langfristig betrachtet werden. Die Prognose eines Implantats ist bei guter Nachsorge nicht grundsätzlich besser als die eines parodontal kompromittierten Zahnes. Zugleich kann ein später gesetztes Implantat eine höhere Chance haben, lebenslang im Mund zu verbleiben.

Im Mittelpunkt steht daher eine partizipative Entscheidungsfindung, die therapeutische Möglichkeiten, langfristige Perspektiven und individuelle Präferenzen berücksichtigt. Prof. Dr. Peter Eickholz brachte die zentrale Botschaft der Tagung auf den Punkt: „Implantate sind gut, aber Zähne sind besser.“

Hyaluronsäure als Ergänzung regenerativer Therapiekonzepte

Prof. Dr. Anton Friedmann (Universität Witten/Herdecke) stellte biologische Grundlagen und klinische Einsatzmöglichkeiten von Hyaluronsäure, insbesondere quervernetzter Hyaluronsäure (xHyA), vor. Hyaluronsäure beeinflusst Zelladhäsion, Migration, Proliferation und Angiogenese und kann regenerative Prozesse in Weich- und Hartgewebe unterstützen. Präklinische und klinische Daten zeigten vielversprechende Ergebnisse unter anderem bei Rezessionsdeckungen, intraossären Defekten, gesteuerter Knochenregeneration, lateraler Augmentation und Ridge Preservation.

Ein Schwerpunkt lag auf dem Clean-&-Seal-Konzept. Nach gründlicher mechanischer Instrumentierung wird zunächst ein Natriumhypochlorit-Aminosäuren-Gel wiederholt zur Reduktion von Biofilm und Granulationsgewebe eingesetzt. Anschließend soll xHyA die Wundheilung unterstützen. Das Konzept wurde ausdrücklich als Ergänzung und nicht als Ersatz der mechanischen Instrumentierung eingeordnet. Vorgestellte klinische Studien und Fallserien zeigten Verbesserungen bei Blutung auf Sondieren, Sondierungstiefen und Pocket Closure, teilweise auch beim radiologischen Knochenniveau. Für eine abschließende Bewertung der einzelnen Indikationen sind weitere kontrollierte klinische Studien erforderlich.

Der Team-Tag: Prävention und Interdisziplinarität

Parallel zum wissenschaftlichen Hauptprogramm richtete sich der DG PARO-Team-Tag gezielt an das gesamte zahnmedizinische Team. Dentalhygienikerin Ivana Elez, B.Sc. (Universität Frankfurt am Main) führte durch das Programm, das Prävention, Patientenkommunikation und interdisziplinäre Zusammenarbeit miteinander verband.

In der Session „Prophylaxe trifft Implantologie“ gab PD Dr. Katrin Lorenz (Universität Dresden) Orientierung im „Produktechaos“ der Prophylaxe. Leitlinien, wissenschaftliche Evidenz und Expertenkonsens sollten die Basis für Produktempfehlungen bilden.

PD Dr. Karina Obreja (Universität Frankfurt am Main) rückte anschließend die Prävention periimplantärer Erkrankungen in den Fokus. Implantaterfolg ende heute nicht mehr mit der Osseointegration – entscheidend seien langfristig gesunde periimplantäre Verhältnisse, gute Mundhygiene und eine strukturierte Nachsorge.

In der zweiten Team-Session stellte Dr. Inga Harks (Universität Münster) die Mundhöhle als Spiegel lokaler und systemischer Erkrankungen in den Mittelpunkt. Eine strukturierte Anamnese, sorgfältige klinische Untersuchung und fotografische Dokumentation sind wesentlich, um Veränderungen zuverlässig einzuordnen. Medikamentös bedingte Gingivawucherungen, beispielsweise unter Phenytoin, Ciclosporin A oder Kalziumantagonisten, erfordern gegebenenfalls eine interdisziplinäre Anpassung der Medikation. Besondere Aufmerksamkeit verdienen rasch auftretende oder ungewöhnliche Schleimhautveränderungen, da sie Erstmanifestationen hämatologischer Erkrankungen sein können. Auch virale und autoimmune Erkrankungen wie Herpes, Pemphigus vulgaris, Pemphigoid und Lichen planus wurden thematisiert. Persistierende Befunde sollten konsequent weiter abgeklärt werden.

PD Dr. Dr. Jan D. Raguse (Universität Münster) behandelte die Diagnostik, Therapie und Rehabilitation des Mundhöhlenkarzinoms. Da die Diagnose häufig spät gestellt wird, kommt der zahnärztlichen Früherkennung besondere Bedeutung zu. Inspektion und Palpation der Mundhöhle sollten Bestandteil jeder Untersuchung sein. Persistierende Schleimhautveränderungen sind zu dokumentieren und nach etwa 14 Tagen erneut zu beurteilen. Bei fortbestehendem Befund ist eine Biopsie beziehungsweise fachärztliche Abklärung erforderlich. Neben Chirurgie, Strahlen- und Chemotherapie gewinnen immuntherapeutische Konzepte an Bedeutung. Für die Lebensqualität nach erfolgreicher Tumortherapie ist die Wiederherstellung der Kaufunktion entscheidend. Auch Obturatorprothesen behalten dabei einen wichtigen funktionellen Stellenwert und können zunehmend digital geplant und hergestellt werden.

Bewusst über die Grenzen der Zahnmedizin hinaus blickte die Team-Session „Über den Tellerrand hinaus – interdisziplinär denken, für eine bessere Behandlung“. Birgit Stalla (Baden-Baden) thematisierte mögliche Zusammenhänge zwischen Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren, Darmmikrobiom und oraler Gesundheit.

Prof. Dr. Hari Petsos, M.Sc. (Soest, Universität Frankfurt am Main) widmete sich mit der „Zunge von A bis Z“ einem Organ, das bei der zahnmedizinischen Untersuchung besondere Aufmerksamkeit verdient. Neben Anatomie und Funktion standen Normvarianten und abklärungsbedürftige Veränderungen im Mittelpunkt.

Wie wichtig interdisziplinäres Denken für den langfristigen Behandlungserfolg sein kann und welche Rolle die Zunge hierbei spielt, zeigten Philipp Cummerow (Potsdam) und PD Dr. Sarah Bühling (Universität Frankfurt am Main) am Zusammenspiel von Kieferorthopädie und Logopädie. Während die Kieferorthopädie strukturelle Veränderungen korrigiert, setzt die Logopädie an funktionellen Faktoren wie Zungenruhelage und Schluckmustern an. Besonders beim offenen Biss können persistierende Zungenhabits das Rezidivrisiko erhöhen. Eine enge Abstimmung beider Disziplinen kann deshalb entscheidend sein, um ein kieferorthopädisches Ergebnis auch funktionell langfristig zu stabilisieren.

Wissenschaftlichen Nachwuchs und Forschung ausgezeichnet

Einen festlichen Akzent setzte die Verleihung der DG PARO-Preise und Auszeichnungen. Beim Fotowettbewerb belegte PD Dr. Jens Weusmann (Universität Mainz) mit der Langzeitstabilität einer Endo-Paro-Läsion an Zahn 31 den ersten Platz. Die weiteren Preise gingen an Dr. Pablo Cores-Ziskoven (Universität Mainz) und Dr. Caspar Bumm (Universität München). Der Teampreis wurde an die Praxis von Dr. Axel Nickles und PD Dr. Katrin Nickles, M.Sc. für das Konzept „Der rote Faden“ vergeben. Mit dem DG PARO-Forschungspreis wurde eine Arbeit zu prothetischen Langzeitergebnissen bei Patientinnen und Patienten mit Stadium-III/IV-Parodontitis und 20 bis 29 Jahren unterstützender Parodontitistherapie von Thomas Eger ausgezeichnet.

Auch Poster, Kurzvorträge und weitere Forschungsarbeiten wurden prämiert. Dr. Lisa Hezel (Magdeburg) erhielt den ersten Posterpreis für ihre Untersuchung zum 10-Jahres-Zahnerhalt nach Therapie endo-parodontaler Läsionen, den zweiten Platz belegte Milena Herzog (Universität Frankfurt am Main), während Dr. Marietta Wolf den ersten Preis für den besten Kurzvortrag erhielt. Im Rahmen der DG PARO/meridol® Forschungsförderung wurde Dr. Christina I. Pappe, M.Sc. (Universität Leipzig) für ihr Projekt zum Einfluss pflanzenbasierter Ernährung auf das orale Mikrobiom gefördert. Die meridol® Preise für Grundlagenforschung und klinische Studien gingen auf den ersten Plätzen an Prof. Dr. Thomas Kocher (Universität Greifswald) beziehungsweise Prof. Dr. Karin Jepsen (Universität Bonn).

Gemeinschaft und Austausch in besonderer Atmosphäre

Abseits der Vorträge bot die Jahrestagung zahlreiche Gelegenheiten für persönlichen und fachlichen Austausch. Einen besonderen Rahmen bildete das gemeinsame Dinner am Freitagabend auf dem Heidelberger Schloss, bei dem Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie Referentinnen und Referenten in besonderer Atmosphäre zusammenkamen. Abseits des Kongressprogramms bot sich so die Gelegenheit, Gespräche fortzuführen, neue Kontakte zu knüpfen und den Tag gemeinsam ausklingen zu lassen. Am Samstagmorgen begann der Kongresstag sportlich: Beim DG PARO-Lauf kamen die Teilnehmenden bereits vor Beginn des wissenschaftlichen Programms zusammen und erlebten Heidelberg aus einer anderen Perspektive. Damit waren auch der persönliche Austausch und das gemeinsame Miteinander wichtige Bestandteile der Jahrestagung.

Fazit

Die Jahrestagung in Heidelberg zeigte, wie treffend „Stabilität und Progression – Stillstand und Fortschritt“ die aktuelle Situation der Parodontologie beschreibt. Bewährte Grundprinzipien wie konsequente Biofilmkontrolle, Prävention, strukturierte Nachsorge und sorgfältige Indikationsstellung behalten ihre Bedeutung. Gleichzeitig verändern digitale Workflows, moderne Bildgebung, Mikrobiomanalysen und Künstliche Intelligenz zunehmend Diagnostik, Forschung und Therapieplanung.

Dabei wurde Fortschritt nicht als Selbstzweck verstanden. Vielmehr zog sich die Frage nach dem tatsächlichen klinischen Nutzen neuer Verfahren wie ein roter Faden durch das Programm. Ebenso deutlich wurde, dass eine erfolgreiche Parodontitistherapie immer häufiger über die Grenzen einer einzelnen Disziplin hinausgeht. Der Austausch zwischen Parodontologie, Implantologie, Kieferorthopädie, Logopädie, Allgemeinmedizin und dem gesamten Praxisteam wird damit zu einem wesentlichen Bestandteil einer modernen, patientenorientierten Versorgung. Neben dem wissenschaftlichen Programm bot das Congress Center Heidelberg reichlich Raum für persönliche Begegnungen, Diskussionen und Networking. Damit erfüllte die Jahrestagung auch ein wesentliches Anliegen der Tagungsleitung: Fortschritt nicht nur zu präsentieren, sondern gemeinsam zu diskutieren und in die tägliche Praxis zu übertragen.

 

Autorinnen: Klara Plath (Poliklinik für Parodontologie, Präventive Zahnmedizin und Zahnerhaltung, Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) und Annika Rahner (Poliklinik für Parodontologie, Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Carolinum Zahnärztliches Universitätsinstitut, Goethe-Universität Frankfurt am Main)

Mehr News aus Branchenmeldungen

ePaper