Branchenmeldungen 23.04.2021

Ein Lehrlabor für Sambia: „Wir wollen Lebensfreude zurückgeben“

Rebecca Michel
Rebecca Michel
E-Mail:
Ein Lehrlabor für Sambia: „Wir wollen Lebensfreude zurückgeben“

Foto: GER.D. Charity e.V.

Cornelia Fischer aus Kappelrodeck und Dr. Thomas Baum aus Bernburg vom GER.D Charity e.V. haben sich gleich mehrere hohe Ziele gesteckt. Eines davon steht nun kurz vor der Verwirklichung: Im Siavonga-Distrikt im Süden Sambias wird ein zahntechnisches Lehrlabor entstehen – eine große Chance für die Menschen vor Ort.

In einem Land wie Sambia, in dem die Bevölkerung gerade in den ländlichen Gegenden an katastrophalen oralen Missständen leidet, sind zahnmedizinische Behandlungen rar und eine zahntechnische Versorgung so gut wie nicht vorhanden. Direkt angeschlossen an eine Mädchenschule und ausgestattet mit gespendetem Equipment aus Deutschland, erhalten nun aber künftig Schülerinnen vor Ort die Möglichkeit, eine zahntechnische Ausbildung zu absolvieren. Das Equipment aus Deutschland hat Sambia bereits erreicht, und sobald die Pandemie es zulässt, geht es an die konkrete Einrichtung des Labors.

Im Interview erklären Cornelia Fischer und Dr. Thomas Baum, wie die Idee zum Dental Lab Program entstand und was alles geschehen musste, um eine Umsetzung ermöglichen zu können.

Frau Fischer, Herr Dr. Braun, wie kamen Sie zur Entwicklungshilfe?

Dr. Thomas Baum: Ich bin in verschiedene Einsatzorte der Welt gefahren, unter anderem 2012 dann das erste Mal nach Sambia. Die Frage war dann relativ schnell, wie man nachhaltig an den Einsatzorten arbeiten kann. Um das zu erreichen, haben wir 2015 beschlossen, einen eigenen Verein nach unseren Vorstellungen zu gründen. Wir ließen uns als NGO [Nichtregierungsorganisation] registrieren, seither dürfen wir tätig sein. Wir haben nach und nach begonnen, die Zahntechnik mit ins Visier zu nehmen, da das entwicklungshilfetechnisch ein recht brach liegendes Feld ist. Die Hoffnung ist nun, dass die Zahntechnik eine Chance bekommt, ebenfalls Auslandseinsätze zu fahren.

Cornelia Fischer: Für mich war das Thema Entwicklungshilfe anfangs recht schwierig. Ich habe mich gefragt, ob es überhaupt Sinn ergibt, nach Afrika zu fliegen und zwei Wochen Zahntechnik zu machen. Als ich dann aber dort war und gesehen habe, wie die Zähne aussehen und was der Grund hierfür ist, kam die Idee, nachhaltig Zahntechnik zu gewährleisten. Viele Leute, bereits junge Frauen, haben abgefaulte Zähne. Einer jungen Patientin mussten wir die Frontzähne ziehen – was das für physische und vor allem auch psychische Folgen hat, das sollte jedem bewusst sein. Der Grund dafür sind zuckerhaltige Getränke und generell Zucker, der nach Afrika geschifft wird, ohne Aufklärung zu gewährleisten, was das mit den Zähnen macht. Das ist eine Qual, ein irrer Leidensdruck, dem bereits ganz junge Schulkinder ausgesetzt sind. Die Zahntechnik kann da massive Lebensfreude zurückgeben, und das ist auch das Ziel unseres neuen Lehrlabors.

Warum aber ausgerechnet Sambia?

Baum: In Sambia sind die Strukturen relativ gut überschaubar und man kann mit wenig Einfluss viel bewegen. Wir können dort Zahnstationen errichten bzw. einrichten, die dann von einheimischen Zahnärzten selbstständig weiter betrieben werden, die der Staat dann dorthin „geschickt“ hat. Es ist ein sehr nachhaltiges Konzept.

Wie ist denn der Status quo der Zahntechnik dort?

Baum: Es gibt in Sambia zwar eine zahntechnische Ausbildung, aber weder Gerätschaften noch mögliche Ausbilder. Und alles aus Lehrbüchern lernen, ist in der Zahntechnik auch nicht möglich. Unser sambischer Partnerzahnarzt, Dr. Cosmas Chishimba, hat unabhängig von uns ebenfalls festgestellt, dass Zahntechnik in Sambia kaum bis gar nicht funktioniert. In Lusaka, der Hauptstadt, gibt es nur zwei oder drei Labore! Aber hier heißt Labor, dass jemand in einer Garage irgendwo mit ein bisschen Wachs und Kunststoff und Zähnen unbekannter Herkunft etwas zusammenbaut. Die Ausbildung fehlt einfach.

Was ist also der Plan?

Baum: Es hat sich ergeben, dass wir nach und nach ein paar Zahnstationen für lokale zahnmedizinische Versorgung eingerichtet haben. Das ist auch weiterhin unser Plan und unser Ziel, hinzu kommt jetzt aber eben auch die Zahntechnik in Form eines bzw. mehrerer Lehrwerkstätten. Das ist natürlich auch direkt wieder die optimale Ergänzung des Nachhaltigkeitsgedankens – wenn vor Ort immer wieder neue lokale Personen ausgebildet werden, verselbstständigt sich die Ausbildung und das Land Sambia kann dann darauf aufbauen.

Fischer: Wir haben im Distrikt Siavonga eine Mädchenschule besichtigen dürfen, zusammen mit Hermann Striedel, einem lokalen Ansprechpartner für zahnmedizinische Hilfsorganisationen. Ihn habe ich dann gefragt, ob man die Lehrwerkstatt nicht direkt dort anbauen könnte. Er fand diese Idee gut, und so wird es jetzt gemacht.

Wer wird also lehren und wer wird gelehrt?

Fischer: Gelehrt werden die Mädchen dieser Schule, und zwar im Umgang mit Kunststoff – Interimsprothesen, Klammern biegen, Totalprothesen. Die Schülerinnen sollen eine Chance bekommen, zum Beispiel eben in die Zahntechnik einzusteigen. Lehren werden dann abwechselnd erst einmal Zahntechniker von Zahnärzte ohne Grenzen und unser Verein, sobald die Pandemie das zulässt. Das machen wir so lange, bis die ausgebildeten Mädchen dann selbst ausbilden können.

Woher stammt das ganze Equipment?

Fischer: Die Ausstattung und die Materialien werden aus Deutschland gespendet. Mehrere Einzellabore haben ihr älteres Equipment an uns gesendet, Tische und Werkzeuge von immer noch guter Qualität. Auch ein paar Firmen haben uns großzügig mit beinahe neuen Tischen, z. B. aus Schauräumen, unterstützt. Dank der Spenden können wir jetzt sowohl das Lehrlabor in Siavonga als auch theoretisch ein zweites in der Nähe von Lusaka einrichten, sobald das zeitlich wieder möglich ist.

Baum: Die Materialien für die Labore werden ebenfalls aus Deutschland gespendet, unser Team oder Reisende in unserem Namen dorthin werden dann immer wieder neue Materialien mitnehmen. Die Dentalhändler in Sambia sind aus China und Indien, wir haben aber zum Beispiel auch schon bei Henry Schein in Südafrika bestellt, das ging auch gut. Man kann dort schon Materialien bestellen, aber es ist eine finanzielle Sache. Einfacher ist es, direkt aus Deutschland Materialien mitzubringen. Und meistens ist diese Ameisentaktik die, die am besten funktioniert.

Die Laboreinrichtung ist ja Teil Ihres Dental Lab Programs. Haben Sie noch weitere Projekte?

Baum: Wir führen auch das Dental Education Program, dafür schicken wir in der Regel Helferinnen für Putztrainings und Hygieneausbildungen in kleine Dörfer. Dort verteilen sie zum Beispiel auch Zahnbürsten an Schulen. Außerdem geben wir kostenlose Check-ups generell in ärmeren Gegenden rund um Lusaka, die ansonsten kaum je einen Zahnarzt zu Gesicht bekommen.

Was erhoffen Sie sich für die Zukunft?

Fischer: Ich wünsche mir, dass wir bald die nächsten Schritte verwirklichen können, also Einrichtung und Verteilung des Equipments. Außerdem dann natürlich, dass alles nachhaltig betreut werden kann und das Projekt dann selbstständig läuft. Das ist ja schließlich das oberste Ziel.

Baum: Also wenn ich mir etwas wünschen dürfte, wäre das: Ich komme irgendwann runter und die Leute vor Ort sagen mir, dass alles läuft und ich eigentlich wieder gehen kann. Das wäre mein Traum. Wir haben aber bis dahin noch einen langen Weg zu beschreiten.

Frau Fischer, Herr Dr. Baum, vielen Dank für das Gespräch!

Dieser Beitrag ist in der ZWL Zahntechnik Wirtschaft Labor erschienen.

Mehr News aus Branchenmeldungen

ePaper