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Branchenmeldungen 26.06.2020

„So viele Schmerzpatienten hatten wir noch nie“

„So viele Schmerzpatienten hatten wir noch nie“

Wie verändert das Coronavirus den täglichen Praxisbetrieb? Wir haben mit dem jungen Zahnarzt und Praxisinhaber Ahmed Alkhafaji (DentalCare Bochum) über seine vergangenen Arbeitswochen und die getroffenen Maßnahmen gesprochen.

Herr Alkhafaji, wie gestaltet sich momentan der Alltag in Ihrer Praxis?

Es ist eine angespannte Situation, die von allen viel abverlangt. Viele Praxen in Bochum mussten schon schließen, weil sie nicht ausreichende Schutzmasken zur Verfügung hatten. Dadurch hat sich der Zustrom an Patienten bei uns um einiges verdoppelt. Unsere Praxis ist in der innerstädtischen Fußgängerzone gelegen und hat sowieso schon viel Laufpublikum. Diese vergangenen Wochen aber hatten wir so viel Schmerzpatienten wie nie zuvor. Und dies zum größten Teil eben, weil die Türen der anderen Praxen geschlossen sind.

Wir hatten zum Glück und rein zufällig vor dem Ausbruch der Krise hier in Deutschland noch Verbrauchsmaterialien, Schutzmasken, Handschuhe und Desinfektionsmittel bestellt. Das ist jetzt unser Vorteil. Dadurch können wir weiterhin arbeiten.

Was sind derzeit die größten Herausforderungen für Sie und Ihr Team?

Unser Hauptproblem ist, dass man natürlich nicht möchte, dass viele Patienten zusammen im Wartezimmer sind. Gleichzeitig kommen gerade jetzt viele Patienten ohne Termin. Wir haben dafür große Stoppschilder in der Praxis aufgestellt – damit sichern wir die Einhaltung der Mindestabstände. Gleichzeitig terminieren wir ältere Patienten gezielt um. Zum Beispiel haben wir heute einen älteren Herrn vom Vormittag in den Nachmittag gelegt. Eigentlich haben wir dann schon Feierabend, solche Ausnahmen sind uns aber wichtig, zum Schutze dieser Patientengruppe. In der direkten Behandlung bleibt der Mundschutz die ganze Zeit auf, auch wenn wir nur mit dem Patienten sprechen. Wir tragen zudem Schutzbrillen und Kopfhauben. Denn es geht ja weniger darum, uns direkt zu schützen, als vielmehr um die Gefahr, eine mögliche Weiteransteckung durch uns so gering wie möglich zu halten. Stecke ich mich an, ohne es zu merken, verpotenziere ich automatisch durch meine Arbeit als Zahnarzt die Ansteckung anderer. Das gilt es, zu vermeiden.

Was würden Sie sich von bundespolitischer Ebene als unmittelbare Hilfestellung jetzt wünschen?

Eine Koordinierungsstelle, die den zahnmedizinischen Betrieb in Städten organisiert. So könnte die normale Zahnmedizin ruhen und es gäbe sieben oder acht Praxen, die Schmerzpatienten versorgen könnten. Patienten würden in einer zentralen Stelle anrufen und dann zugewiesen werden. In Krankenhäusern wird es ja schon so gemacht. Auch die Materiallage wäre somit gesichert und könnte effektiv gebündelt werden. Inwieweit so etwas umsetzbar ist, kann ich nur bedingt einschätzen. Doch aktuell geht jede Praxis anders mit dieser Krise um und die Patienten kommen – verständlicherweise – wie sie wollen. Das ist nicht optimal und kostet Kraft.

Wie halten Sie dem aktuellen Druck stand?

Zum einen ist es wichtig, dass man nicht vergisst, was wir tun – nämlich Menschen mit Schmerzen zu helfen. Das ist eine Verantwortung, die wir als (Zahn-)Ärzte annehmen müssen, besonders in Krisenzeiten. Zum anderen hilft es sehr, die für sich richtigen Informationsquellen zu finden. Ich zum Beispiel habe meine Informationen über Kollegen und aus Studien zu Corona- Patienten bezogen. Gleichzeitig habe ich auch mein Wissen aus der Uni aufgefrischt. So konnte ich meinen Mitarbeiterinnen in der Praxis erklären, womit wir es bei einem behüllten Virus eigentlich zu tun haben, wie er aufgebaut ist und funktioniert. Diese Informationen waren unglaublich wichtig für uns, um mit den eigenen Fragen und auch der Panikmacherei umgehen zu können. Wissen ist Macht und hilft, die Gefahren zu verstehen und dort, wo es nötig ist, zu relativieren. Es nimmt die Furcht und macht uns handlungsfähig.

Der Beitrag ist in der ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis erschienen.

Foto Teaserbild: DentalCare Bochum 2019

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