Anzeige
Patienten 18.12.2015

Zahnarztangst: Vertrauen wiedererlernen – heißt Angst verlernen

Zahnarztangst: Vertrauen wiedererlernen – heißt Angst verlernen

Empathie und sprechende Medizin für Angstpatienten

Die Angst vorm Zahnarzt ist heute fast sprichwörtlich. Vermehrt berichten Medien über Patientenschicksale. Zahnarztangst-Patienten selbst können sich heute über das Internet austauschen und auf speziellen Foren Beistand und Tipps finden.

Und auch wir Zahnärzte haben heute mehr Bewusstsein für sie entwickelt. Doch der Eindruck, dass die „Angst vorm Zahnarzt“ weniger geworden ist und sich heute niemand mehr mit seiner Zahnarztangst verstecken würde, dieser Eindruck täuscht.

Studien der letzten Jahre belegen immer wieder, dass sich die Zahnarztangst nach wie vor hartnäckig hält. Eine große Zahl Betroffener nimmt immer noch erst nach langer Leidenszeit zahnärztliche Hilfe in Anspruch – mit teils verheerenden Folgen. Nahezu täglich erleben wir in unserer Zahnheilkundepraxis, wie hoch die Hemmschwelle für den einzelnen Angstpatienten doch immer noch ist und wieviel Überwindung es ihn kostet, seinen Teufelskreis aus Angst und Scham und Schmerzen aus eigener Kraft zu verlassen.

Damit der leidende Angstpatient aus seiner Isolation und Resignation heraustritt, bedarf es demnach mehr als nur eines freundlichen Appells. Selbstverständlich muss die allgemeine Aufklärung fortgesetzt werden, aber sie allein reicht wohl nicht aus. Was fehlt, sind leicht zugängliche – niederschwellige – Angebote durch uns Zahnärzte selbst, Angebote die von konsequenter Ergebnisoffenheit und bedingungsloser Akzeptanz geprägt sind und die wir auch offensiv und patientengerecht kommunizieren müssen. Darin müssen wir dem Patienten mit ausgeprägter Angst vor Zahnbehandlung zuerst glaubhaft unsere Behandlungsabstinenz zusichern, und zwar so lange, wie er es wünscht. Auch die verbindliche und am Ende auch uneingeschränkt einzuhaltende Zusage schmerzfreier Behandlung gehört dazu.

So einem optimal an den Angstpatienten angepassten Ansatz steht jedoch die Tatsache entgegen, dass im Zentrum unserer zahnärztlichen Aufgabenstellung vorrangig die bestmögliche Behandlung von Erkrankungen rund um das menschliche Kauorgan stehen muss. Die Behandlung von Menschen mit seelischen Erkrankungen – als solche ist die Dentalphobie klinisch anerkannt – ist nun einmal nicht unser Fachgebiet, sondern das von Psychiatern und Psychologen.

Wenn wir Zahnärzte uns jedoch der Herausforderung stellen wollen, Patienten mit ausgeprägter Zahnarztangst zu erreichen und zu behandeln, so hilft uns das allgemeine Gebot ärztlicher Vorsicht und Rücksichtnahme allein noch nicht weiter. Unerlässlich hierfür ist unsere empathische Annäherung an den Angstpatienten. Zum einen müssen wir uns seinen inneren Zustand, seine spezielle Leidenssituation bestmöglich vergegenwärtigen. Zum anderen müssen wir genau seine konkreten Angstauslöser kennen und wissen, welche Gerüche, Geräusche, Gegenstände in unserer Praxis und welche unserer Worte, Gesten und Handlungen beim Angstpatienten das nackte Grausen verursachen können. Unser eigenes Auftreten und unsere Praxis sollten wir dementsprechend modifizieren. Wir und unser gesamtes Team müssen uns bewusst machen: Wir selbst sind als Personen mit unserer Profession und unserem Habitus Gegenstand dieser Angst, der „Zahnarztangst“. Aus Sicht des Patienten verkörpern wir seine Angst geradezu.

Hilfreich kann uns hier ein Seitenblick auf standardisierte verhaltenstherapeutische Verfahren sein, die seit vielen Jahren schon das allmähliche „Verlernen“ von Angst durch gezielt dosierte „Reizkonfrontation“ und „Exposition“ effektiv erzielen. Bezogen auf Patienten mit Zahnbehandlungsangst kann das bedeuten, dass der Patient uns und unsere Praxis ruhig mehrmals zum Gespräch aufsuchen darf, bevor er sich für eine Behandlung entscheidet. Es entsteht so die durch keinerlei Zureden oder Überzeugenwollen zu ersetzende Erfahrung, dass der Patient die Zahnarztpraxis mit all ihren angstbesetzten Reizen selbständig aufsuchen und ohne Reue wieder verlassen und daher auch wiederkommen kann. Weiteres Beispiel: Auch im Laufe einer – bei Angstpatienten meist aufwändigeren – zahnärztlichen Behandlung, die in unserer Praxis oft unter Vollnarkose geschieht, „verlernen“ Angstpatienten weiterhin ihre Angst: Nach erfolgter Erstbehandlung unter Narkose erlauben sie uns nach und nach die Weiterbehandlung mit nur lokaler oder sogar gelegentlich auch ganz ohne Betäubung. Und – noch wichtiger – die allermeisten bleiben uns treu, das heißt sie kommen wieder, was für ein komplettes dauerhaftes Verlernen ihrer Angst spricht.

Der behutsamere Umgang mit Angstpatienten erfordert also auch eine Umstellung unseres gewohnten Terminmanagements, in der Weise, dass wir die Fokussierung auf unsere notwendige zahnärztliche Behandlung zunächst ganz hinten anstellen – und das, obwohl wir genau diese Behandlung am Ende doch rein zahnmedizinisch gesehen durchführen müssen. Es mag paradox klingen, doch es ist zielführender, wenn wir diese dringende Notwendigkeit zunächst weitestgehend ignorieren. Jede erkennbare Täuschungs- oder verfrühte Überredungsabsicht unsererseits führt am Anfang mit größter Wahrscheinlichkeit zum sofortigen Kontaktabbruch durch den Patienten. Es ist anfangs definitiv mehr Zeit einzuplanen und explizit freizuhalten. Eine Regel ist es, dass man einen Angstpatienten grundsätzlich nicht beim ersten Termin schon zahnärztlich behandelt. Und zu meiner Vorbereitung gehört unabdingbar, dass ich als Zahnarzt vor jedem Ersttermin immer genau weiß, wann ich einen Patienten mit Zahnbehandlungsangst vor mir habe. So lässt sich das Gespräch sofort ohne Zeit- und Behandlungsdruck gestalten.

Wenn es dann vor der Behandlung zu einer gewünschten ersten Untersuchung kommt, bleibt es übrigens immens wichtig, dass wir uns dabei selbst weiterhin konsequent aus dem Blickwinkel des Angstpatienten betrachten. So müssen wir seiner großen Scham beim Öffnen seines Mundes und Entblößen seiner oftmals erschreckend erkrankten Zähne mit aller erdenklichen Gefasstheit begegnen. Wenn wir am liebsten ausrufen möchten: „Das darf doch nicht wahr sein!“ muss uns stattdessen ein „Es ist toll, dass Sie zu uns gekommen sind. Wir könnten Ihnen wirklich helfen, wenn Sie es wünschen.“ über die Lippen kommen. Das geringste Kopfschütteln, Stirnrunzeln, Augen verdrehen unsererseits kann im Nu unsere gerade erst entstandene Vertrauensbasis zunichte machen.

Resümierend muss man feststellen, dass bei Patienten mit Zahnbehandlungsangst sicherlich ein gewisser Anteil an so genannter sprechender Medizin durch uns Zahnärzte im Vorfeld unabdingbar ist. Dabei müssen wir bereit sein, unsere eigene Rolle zu reflektieren und ein ausführliches Gespräch im Wortsinne auf Augenhöhe zu ermöglichen, bei dem vor allem zunächst der Patient selbst in ruhiger Atmosphäre zu Wort kommt. Aller Erfahrung nach braucht man diesen Raum, damit das notwendige Vertrauen entstehen kann, welches beim Angstpatienten aus verschiedensten Gründen zerstört ist.

In unserem Zahnarztangstratgeber, der seit Mitte dieses Jahres jedem interessierten Besucher im Internet frei zugänglich ist, haben wir diese Voraussetzungen und Haltungen, die für uns selbst, unsere zahnärztlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und unseren täglichen Umgang mit Angstpatienten erforderlich sind, leicht verständlich aufgeschrieben. Das Portal ist zwar auf dem Fundament unserer mehr als 30-jährigen Erfahrung in der kontinuierlichen Behandlung von Patienten mit Zahnbehandlungsangst entstanden. Das Besondere daran ist, dass dieser Ratgeber über weite Teile aus der Sicht von Betroffenen verfasst ist, die darin auch selbst zu Wort kommen. Er richtet sich konsequent und in allererster Linie an die Angstpatienten und ihre persönliche Situation und will ihnen so eine praktische Orientierungshilfe geben. Weitere Informationen unter www.zahnarztangstratgeber.de. 

 

Foto: © alphaspirit – Fotolia
Mehr News aus Patienten

ePaper

Anzeige