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Branchenmeldungen 15.06.2018

„Hygiene ist ein Mannschaftssport“

Stefan Thieme
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„Hygiene ist ein Mannschaftssport“

Validierung und Praxishygiene sind so alltägliche wie „heiße“ Themen, die kühle Köpfe und fundiertes Know-how bedürfen. Ein Unternehmen, das Praxen rundum bei allen Hygienefragen zur Seite steht und so aus einer (gefürchteten) Praxisbegehung eine willkommene Kontrolle macht, ist die Pluradent AG & Co KG. Thomas Weidler ist Spezialist im Offenbacher Unternehmen in den Bereichen Hygiene und Validierung und verrät im Interview unter anderem, welche Parallelen zwischen Fußball und Hygiene durchaus bestehen.

Herr Weidler, seit einigen Jahren geht Ihr Unternehmen verstärkt den Weg vom Produktanbieter hin zum Systemdienstleister, was bedeutet dies speziell für den Bereich der Hygiene in Zahnarztpraxen?

Medizinprodukte-Aufbereitung ist ein umfangreiches und komplexes Arbeitsfeld. Häufig führt es noch ein stiefmütterliches Dasein und wird in seiner Auswirkung auf den Praxisalltag unterschätzt. Produkte für sich allein gesehen, sind nur ein Teil der Lösung, egal wie gut, innovativ oder technisch ausgereift sie sind. Erst mit der Abstimmung und Einbindung in die individuellen Arbeitsabläufe können sie ihre volle Leistung entfalten.

Es ist wie bei einem Auto; sie können den stärksten Motor und die besten Sicherheitssysteme einbauen. Wenn die Abstimmung mit dem Rest des Fahrzeugs nicht stimmt, bekommen Sie die Motorleistung nicht auf die Straße und die Sicherheitssysteme schaffen eine trügerische Sicherheit. Gleiches gilt zum Beispiel für ein Reinigungs- und Desinfektionsgerät (RDG). Ist dieses nicht auf die Bedürfnisse der Praxis abgestimmt, hinsichtlich Größe, benötigter Adaptionen, räumlicher Positionierung, falscher Prozessmedien oder suboptimal ein- gestellter Prozessparameter, kann das Reinigungsergebnis unter Umständen schlechter ausfallen, als bei einer gut ausgebildeten, motivierten Fachkraft mit ausreichend Zeit für eine manuelle Aufbereitung. Nur weil ein Gerät teuer war, sollte man nicht ausschließlich auf seine Sicherungssysteme vertrauen. Oder anders gesagt, in Zeiten der nahenden Fußball-WM …

Hygiene ist nichts für Einzelkämpfer, sondern ein Mannschaftssport. Der Praxisbetreiber ist als Trainer zuständig für das geeignete Umfeld, die richtige Mannschaftsaufstellung und deren Motivation. Die Hygienespezialistin erfüllt die Funk-tion des Mannschaftskapitäns. Sie steuert, führt und kontrolliert das Team im Bereich Hygiene und verteidigt unter Umständen auch mal gegen den Chef, wenn dieser zu stark vom gemeinsam vereinbarten Spielplan abweicht. Die Industrie produziert die passende Ausstattung für das Spielfeld. Und Pluradent als Betreuerteam im Hintergrund unterstützt mit Know-how, Coaching und Erfahrung, um dem/n Spieler/-innen zu ermöglichen, die bestmögliche Leistung abzurufen.

Die Pluradent hat sich beim Thema Validierung und Hygienemanagement stark aufgestellt und bietet mit über 30 Mitarbeitern in diesem Segment eine hohe Beratungsdichte. Welche Entwicklung sehen Sie hier künftig und was werden Ihre Hauptaufgaben dabei sein?

Um bei den Sportanalogien zu bleiben, die Entwicklung valider Arbeitsprozesse, auch außerhalb der Hygiene, ist ein Marathon und kein Sprint. Man muss gut planen und ständig trainieren, um sich weiterzuentwickeln. Um die Praxen hierbei bestmög- lich zu unterstützen, haben wir neben unseren Validierer/-innen, mit unserem Assistenzbüro für Hygiene und Validierung, als erstes Unternehmen im Markt, ein Team dieser Größe, welches unsere Kunden ausschließlich und umfänglich in den Belangen der Hygiene, insbesondere der Validierung, berät und unterstützt. Unser Ziel ist es, die auf die Praxis zugeschnittene Dienstleistung, vor, während und nach der Validierung, anzubieten. Dies beginnt mit der Definition und den Inhalten einer Prozessvalidierung und endet eigentlich nie!

Denn Rahmenbedingungen wie Gesetze, Normen und Leitlinien, das Gesundheitswesen im Allgemeinen und das medizinisch-technische Wissen rund um die Aufbereitung ändern und/oder erweitern sich regelmäßig. Unsere Aufgabe als Pluradent ist es, frühzeitig diese Entwicklungen zu erkennen und in die Beratungen und Dienstleistungen mit einfließen zu lassen.

Validierung aller Hygieneprozesse ist das Zauberwort, gerade auch wenn es um das leidige Thema der behördlichen Praxisbegehungen geht. Warum sollte eine Zahnarztpraxis aus Ihrer Sicht die Hygieneprozesse validieren?

Validierung und Praxisbegehung sind hochemotionale Themen. Ihre Fragestellung bildet dies hervorragend ab. „Das leidige Thema der behördlichen Praxisbegehung“. Wir sind schon so konditioniert, dass Kontrollen, in diesem Fall die Begehung, zwingend etwas Negatives sein müssen. Warum können wir sie nicht als etwas Positives sehen? Es ist an sich doch eine Frage der persönlichen Einstellung. Das verhält sich wie mit der indianischen Fabel der zwei Wölfe. Sie kämpfen ständig und zu jedem Thema um die Vorherrschaft. Der böse und negativ eingestellte Wolf und der gute, positiv denkende Wolf. Und welcher gewinnt? Es gewinnt immer der, den wir füttern.Wenn man das Thema Begehung ständig negativ betrachtet, wird es zwangsläufig zur Qual. Doch warum diese Variante des Controlling nicht als etwas Positives ansehen? Wo sonst bekommt man, für einen in der Regel moderaten Gebührensatz, eine externe, unabhängige Kontrolle, welche die eigenen Arbeitsabläufe unvorbelastet beleuchtet und blinde Flecken in der Organisation aufzeigt.

Aktuell stehen einige Praxen dem Thema Validierung noch skeptisch gegenüber und sehen hier überwiegend hohen Aufwand, hohe Kosten und nur wenig Nutzen für die eigene Praxis. Wie können Sie im persönlichen Gespräch mit diesen Praxisinhabern eine solche Sichtweise entkräften?

Sicherlich, eine Entwicklung von stabilen, effizienten Arbeitsprozessen ist in erster Linie immer erst einmal zeitintensiv und verursacht unter Umständen Kosten für die Gestaltung des Arbeitsumfelds und eine vertiefende Ausbildung des Praxisteams.

Abgerechnet werden sollte aber zum Schluss. Sind die Chancen der Prozessoptimierung erstmal erkannt und man implementiert ein System in den Praxisalltag, rechnen sich diese Energie- und Geldleistungen auf Jahre: Eingesparte Arbeitszeit, vereinfachte Abläufe, Erhöhung der Prozessqualität, stressärmeres Arbeiten.

Besonders häufig wird der dokumentarische Aufwand beklagt. Muss ich wirklich die gesamten Aufbereitungsabläufe, inklusive der Prozessparameter, verknüpft zum Patienten dokumentieren? Die Auslegungen sind, wie so häufig in der Hygiene, vielfältig. Jeder sollte sich hier die Frage stellen, wie er in anderen Lebensbereichen mit dem „Schreibkram“ umgeht. Theoretisch können Sie Verträge per Handschlag schließen.

Ich kenne aber niemanden, der einen Mietvertrag, eine Versicherung oder einen Autokauf ohne schriftlichen Vertrag, sprich eine Dokumentation der vereinbarten Leistungen, abschließt. Warum sollte man also im Fall der Hygiene auf die Dokumentation verzichten? Belegt sie doch nichts anderes als die eigene, regelkonform erbrachte Leistung.

Ist Ihrer Erfahrung nach mit Beendigung eines Validierungsverfahrens in einer Zahnarztpraxis neben Rechtssicherheit und Gelassenheit bei einer anstehenden Praxisbegehung mit weiteren positiven Effekten zu rechnen? Ich denke hier unter anderem an geringere Reparaturanfälligkeit von technischen Geräten oder auch der leichteren, standardisierten Einarbeitung neuer Mitarbeiter/-innen?

Und schon wieder eine Fußballmetapher: Nach der Validierung ist vor der Validierung.Wiederholte Validierungen zeigen, oder sollten es hoffentlich, dass stabile Prozesse dauerhaft reproduzierbare Ergebnisse erbringen. Und dies auch, oder gerade, wenn notwendige Prozessanpassungen vorgenommen wurden. Und ja, die Vorteile sind vielfältig. Insbesondere hinsichtlich den zwei von Ihnen angesprochenen Punkten. Valide Prozesse zeichnen sich dadurch aus, dass die definierten Ziele auch unter erschwerten Bedingungen erreicht werden. Das heißt, neue Teammitglieder dürfen, auch am ersten Arbeitstag, die Prozesssicherheit nicht verwässern. An diesem Beispiel kann eine Praxis auch die Qualität ihrer QM-Unterlagen messen. Im Idealfall ist die neue Kollegin in der Lage, ohne Bindung anderweitiger personeller Ressourcen, die Arbeitsabläufe anhand der Unterlagen eins zu eins umzusetzen.

Für den Praxisinhaber ist dies besonders interessant, da Pflege- und Wartungsfehler, bedingt durch unbekannte Geräte oder importierte Pflegedefizite, in der Einarbeitungszeit ansonsten schnell zu unnötigen Ausfällen bzw. Reparaturen führen können. Hinzu kommt, dass die Gerätetechnik immer komplexer wird, weil sie auch immer mehr leisten muss. Dies schlägt sich in entsprechenden Bedienungsanleitungen mit dem Umfang eines Brockhaus nieder. Umso wichtiger wird die in Ihrer ersten Frage angesprochene Systemdienstleistung.

Die Praxis braucht Ansprechpartner, die bei Bedarf auch vor Ort sind und das System, seine Komponenten und Besonderheiten kennen. Dazu gehören alle wichtigen Aspekte – von den Aufstellbedingungen über das Zubehör, die Pflegezyklen, die Pflegemittel bis zur Einweisung und vielem mehr. Das Internet versagt hier in den meisten Fällen.

Haben Sie hier ein konkretes Beispiel?

Ja, zum Beispiel ein Pflegefehler. Aktuelle RDG der Markenhersteller reinigen, bei sachgerechter Nutzung, so gut, dass auch im Gelenk eines Instruments keinerlei Schmiermittel zurückbleibt. Fehlt jetzt in der Arbeitsanweisung der Hinweis, dass nach „jeder“ Reinigung zu ölen ist, könnte beispielsweise eine neue Kollegin nur „nach Bedarf“ ölen und dadurch einen höheren Instrumentenverschleiß verursachen. Einmal nicht geölt, und es können sich schon Schleifspuren im Gelenkbereich bilden. Man fährt sein Auto ja auch nur einmal ohne Öl. Schauen Sie einfach mal in Ihre Instrumentenschubladen.

Und noch eine eher persönliche Frage zum Abschluss: Sie sind ein anerkannter Hygienespezialist. Wie schaffen Sie es, die ganz unterschiedlichen regionalen gesetzlichen Regelungen und Bestimmungen so im Blick zu behalten, dass Sie hier stets auf dem aktuellsten Stand sind?

In meiner Arbeit muss ich ständig am Ball bleiben. Das bedeutet: kontinuierlich informieren, lernen und nie stehen bleiben. Es ist allerdings nicht wirklich nachvollziehbar, warum es so viele unterschiedliche regionale Regelungen gibt. Sie alle zu kennen, ist leider kaum leistbar, zumal einige von ihnen noch nicht einmal in schriftlicher Form zugänglich sind. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Prüfkriterien zeitnah annähern. Persönlich versuche ich, offen für neue und andere Sichtweisen zu bleiben. Ich probiere erst etwas aus und schließe es nicht gleich kategorisch als nicht leistbar aus. Am besten trifft es vielleicht folgender Werbeslogan: „Unmöglich ist keine Tatsache. Unmöglich ist Potenzial.“

Foto: Eugene Onischenko/Shutterstock.com
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