Branchenmeldungen 26.10.2021

Zurück zur problemorientierten Streitkultur!

Zurück zur problemorientierten Streitkultur!

Foto: Drobot Dean – stock.adobe.com

Meinungsäußerungen scheinen derzeit häufig das Ziel zu verfehlen und benötigen Disclaimer, dabei war doch gestern noch klar, was wir eigentlich sagen wollten. Warum scheinen wir uns derzeit so häufig misszuverstehen und bewegen uns mit unseren Aussagen so zielsicher aufs Glatteis? Prof. Dr. Arnd Pollmann, Professor für Ethik und Sozialphilosophie in der Sozialen Arbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin, geht diesem neuartigen Phänomen im exklusiven ZWP-Interview nach.

Herr Prof. Dr. Pollmann, was läuft eigentlich ge­rade falsch in unserer aktuellen Gesprächskultur? Oder anders gefragt, was ist uns in unserem Austausch mit anderen abhandengekommen?

Wir haben das Streiten verlernt. Angesichts des rechthaberischen Krawalls, mit dem wir es derzeit überall zu tun haben, mag das ein wenig paradox klingen. Doch ein wirklich produktiver Streit, und zwar ein Streit in der Sache, gelingt nur dann, wenn ­die Streitenden jeweils die Bereitschaft mitbringen, einander zuzuhören, einander ausreden zu lassen und vor allem: einander verstehen zu wollen. Ein solcher Streit wäre problemzentriert und verständigungsorientiert. Das heutige Gezanke ist meist nur ein besserwisse­rischer Austausch persönlicher Animositäten. Genau an diesem Punkt werde ich von Tag zu Tag desillusionierter: Ich beobachte fast überall, besonders aber in den sozialen Medien, einen geradezu bösartigen Hang zur gezielten Fehlinterpretation, eine Epidemie des „hermeneutischen Misstrauens“.

Das müssen Sie uns erklären …

… die Kunst der Hermeneutik geht auf den antiken Götterboten Hermes zurück. Dieser hatte die Aufgabe, dem griechischen Volk die oft ein wenig kryptisch formulierten Botschaften der olympischen Götter verständlich zu machen. Die nach ihm benannte Kunst der Vermittlung basiert sehr wesentlich auf dem, was in der Philosophie hermeneutisches Wohlwollen genannt wird. Das Motto lautet: Lese und ­kritisiere Texte und Wortbeiträge stets so, dass du aus diesen Verlautbarungen jederzeit das Best­mögliche herausholst! Es ist diese Tugend, die oft schmerzlich fehlt. Eher regiert allerorten das Laster des hermeneutischen Generalverdachts: Weil ich das Gegenüber sowieso nicht wirklich ausstehen kann, muss entsprechend auch alles falsch sein, was diese Person sagt. Das ist natürlich ein Irrtum, und deshalb greift man dann auch gern zu verschiedensten Taktiken, die Gesprächsbereitschaft bloß zu simu­lieren, in Wahrheit aber die Gegnerin oder den Gegner so schlecht wie möglich aussehen zu lassen.

Welche Taktiken wären das?

Eine erste Strategie betrifft die gezielte Nicht-Interpretation des Gesagten: Man weigert sich, Anführungszeichen mitzuhören, Ambivalenzen zuzugestehen, Hintergründiges wahrzunehmen oder zwischen den Zeilen zu lesen. Jedes Wort wird für bare Münze genommen und dann entsprechend auch auf die Goldwaage gelegt. Eine Person ­äußert sich zum Beispiel ironisch, etwa im Zuge einer konzertierten Schauspielaktion, und man tut empört so, als habe sie es ernst gemeint. Da hört der Spaß der Verständigung sehr rasch auf. Die zweite Strategie ist die gezielte Falschinterpretation: Eine Person beklagt sich beispielsweise über den verregneten Sommer. Und man entgegnet: „Ach so, du leugnest also den ­Klimawandel!“. Hier werden Ansichten zurückgewiesen, die gar nicht vorgetragen wurden. Die dritte Technik ist die gezielte Überinterpretation des Gesagten. Wer etwa aus epidemischen Gründen die Absage einer Quer­denker-Demo begrüßt, wird sogleich als Anhängerin der „Corona-Diktatur“ verunglimpft, wer demgegenüber auf die Demonstrationsfreiheit pocht, wird rasch in die Schublade der „Covidioten“ gesteckt. Man zeichnet ­jeweils Karikaturen des Gegenübers, um dessen Argumente gar nicht mehr inhaltlich prüfen zu müssen. 

Sind es diese Strategien, die sich hinter dem Stichwort „Cancel Culture“ verbergen?

Um vorab ein mögliches Missverständnis zu vermeiden: Das umstrittene Feuilleton-Etikett der „Cancel Culture“ steht für Phänomene, die heute aus sämtlichen poli­tischen Richtungen kommen. Die Cancel Culture ist ­weder eine Spezialität der Neuen Rechten noch ein ­ureigenes Metier der sogenannten Lifestyle-Linken. Es geht dabei um ein gruppenpsychologisches Phäno­-men angriffslustiger Zusammenrottung, das vor allem in den sozialen Medien auftritt, dass wir ähnlich aber auch aus Schulen oder aus Arbeitskontexten kennen. Dann wird meistens von „Mobbing“ gesprochen. Der Begriff des Mobbings wiederum geht auf den Verhaltensforscher Konrad Lorenz zurück, der das Phänomen ursprünglich in der Tierwelt beobachtet hat: „Dumme Gänse“ rotten sich zusammen, um den „schlauen Fuchs“, dem sie jeweils allein hilflos ausgeliefert wären, so lange mit ihrem aggressiven Geschnatter zu traktieren, bis dieser entnervt das Weite sucht. Auf die Menschenwelt übertragen: Durch viele kleine, fiese Nadelstiche soll eine unliebsame Person auf Dauer fertig gemacht werden, bis ihr Ruf nachhaltig ruiniert, ihre Arbeit diskreditiert und ihr soziales Umfeld effektiv von ihr ent­fremdet ist. Wenn man es so beschreibt, kann man schwerlich bestreiten, dass es das Phänomen der Cancel Culture wirklich gibt. Sie hätte ihr Ziel erreicht, wenn tatsächlich ­niemand mehr etwas mit der betreffenden Person zu tun haben wollte. Allerdings haben die betroffenen Personen in den sozialen Medien oft auch eigene Followerinnen und Follower und damit nicht selten auch echte Unterstützung. Das unterscheidet Twitter und Facebook dann doch vom Schulhof oder dem Büro.

Aber ist Kritik nicht manchmal berechtigt?

Selbstverständlich. Aber so argumentieren die mobbenden Kids auf dem Schulhof oder die mobbenden Kolleginnen und Kollegen im Büro dann zumeist auch: „Die soll sich nicht so anstellen! Wer sich ins Haifischbecken begibt, muss selbst auch bissige Kritik ertragen können.“ Häufig aber führt dieser Gegeneinwand am Kern der unzivilisierten Kommunikationspraxis vorbei. Denn beim Mobbing geht es meist gar nicht um Kritik in der Sache, sondern um gezielten Rufmord. Beliebt ist etwa folgende Taktik: Jemand tätigt irgendeine Aussage, von der man meint, sie sei unmoralisch, rechts, links, rassistisch oder auch sexistisch. Und von der Anrüchigkeit dieser einzelnen Aussage wird unumwunden auf die Anrüchigkeit der gesamten Persönlichkeit geschlossen. Dann wird gesagt, die Person sei ein schlechter Mensch, ein Rassist oder auch ein Sexist. Das kann natürlich sein, und doch handelt es sich meist um einen unzulässigen Kurzschluss.

Was können wir als Gesprächsteilnehmer*innen aktiv tun, um Meinungsbekundungen wieder Raum zum „Atmen“ zu geben?

Der rechthaberische Krawall, von dem wir reden, zeigt sich heute ja vor allem in den sozialen Medien. Daher könnte man meinen, es liege am Geschäftsmodell dieser Medien, die einfach besser moderiert, strafrechtlich kontrolliert oder am Besten gleich ganz abgeschaltet werden müssen. Das ist nicht völlig falsch. Aber um eine Analogie zu bemühen: Man bekommt den Hass, der sich bisweilen auch in Fußballstadien entlädt, nicht schon dadurch weg, dass man die Stadien schließt. Das Problem liegt gesamtgesellschaftlich tiefer. Daher komme ich auf den Anfang unseres Gesprächs zurück, als ich gesagt hatte, dass wir verlernt haben, richtig zu streiten. Genauer müsste man sagen: Viele Menschen haben gar nicht erst gelernt, wie man sich produktiv verständigt oder auch streitet. Daher käme es heute vor allem darauf an, dass wir unsere Kinder nicht so erziehen, dass sie einen perversen Spaß daran haben, im Netz zu zündeln und zu trollen. Das setzt in Familien und Schulen die Vermittlung gewisser Medienkompetenzen voraus, aber auch die Pflege einer ganz eigenen Gesprächskultur und vor allem: eine gewisse „Herzensbildung“.

Herr Prof. Pollmann, vielen Dank für das Gespräch.

Der Beitrag ist in der ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis erschienen.

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