Patienten 01.12.2021

Werden Menschen mit HIV im Praxisalltag anders behandelt?

Werden Menschen mit HIV im Praxisalltag anders behandelt?

Foto: VIIV

Ein Gespräch mit dem HIV-Selbsthilfenetzwerk AktHIV.de über die Herausforderungen HIV-positiver Menschen in der medizinischen Versorgung.

Werden Menschen mit HIV im Praxisalltag anders behandelt?

Die Vergabe des letzten Termins am Tag, weil danach ordentlich desinfiziert werden müsse, der Vermerk von „HIV“ mit Leuchtstift auf der Patientenakte oder gar die Ablehnung einer Behandlung sind heute nach wie vor gängige Reaktionen, wie HIV-positive Menschen beim Arztbesuch behandelt werden. Diskriminierung ist nach wie vor präsent, findet aber auch subtiler statt. Die eigene HIV-Infektion deshalb zu verschweigen ist allerdings keine Lösung – denn antiretrovirale Therapien können Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten haben, über die Ärzt*innen Bescheid wissen sollten.

Was empfinden HIV-positive Menschen in einer ärztlichen Praxis als diskriminierendes Verhalten?

Es gibt viele Möglichkeiten: Nicht nur der moralische und zudem oft klischeebehaftete Zeigefinger („Selbst Schuld, wenn man sich sexuell nicht zügeln kann!“) ist im Umgang mit HIV-positiven Menschen unangebracht. Auch Mitleid („Ach Gott, wie konnte Ihnen das nur passieren?“) begegnet uns als Menschen mit HIV häufig. Dahinter steckt oft eine – ob beabsichtigte oder unbeabsichtigte - Bewertung der Persönlichkeit und des Lebensstils, die als diskriminierend empfunden werden kann.

Dr. med. Sebastian Noe,
Facharzt für Innere Medizin
und HIV-Schwerpunktarzt,
MVZ München am
Goetheplatz

 

„Es gibt keinen Grund, Menschen mit HIV in der medizinischen Versorgung anders zu behandeln. Bei Einhaltung aller üblichen Hygienemaßnahmen besteht kein Risiko einer HIV-Übertragung – völlig egal, ob die Person unter der Nachweisgrenze ist oder nicht. Der einzige Punkt, bei dem die HIV- Infektion aus medizinischer Sicht eine Rolle spielt, ist die Beachtung möglicher Wechselwirkungen
der HIV-Medikamente.“

Wie gut sind Fachärzt*innen heutzutage über HIV informiert?

Die meisten wissen von n=n, also dass HIV bei einer Viruslast unter der Nachweisgrenze nicht übertragen werden kann – aber nicht alle scheinen sich darüber im Klaren zu sein, dass n=n insbesondere für ungeschützte Sexualkontakte gilt. Bei alltäglichen Kontakten, dazu zählen auch Arztbesuche, besteht ohnehin unabhängig von der Höhe der Viruslast kein Infektionsrisiko – das bestätigt auch das Robert-Koch-Institut. Andere Viren können wesentlich infektiöser sein und angemessene Hygienemaßnahmen sind ja gerade in Praxen und Kliniken selbstverständlich.

Was wünschen sich Menschen mit HIV bei ihrem Arztbesuch?

Vor allem frisch mit HIV diagnostizierte Menschen haben im Gegensatz zu uns langjährigen Aktivist*innen oft Schwierigkeiten, souverän mit diskriminierendem Verhalten umzugehen. Aktuelles Wissen zu HIV und Übertragungsrisiken kann Ärzt*innen und auch Praxisteams im Gespräch und der Behandlung HIV-positiver Menschen einen diskriminierungsfreien Umgang ermöglichen. Eine medizinische Berücksichtigung der HIV-Infektion ist dabei notwendig, eine moralische Bewertung nicht angebracht. Menschen mit HIV steht unabhängig von der Höhe ihrer Viruslast eine fachlich adäquate Behandlung zu - wie allen anderen Patient*innen auch. 

Gespräch mit Vertreter*innen des Vereins AktHIV.de, Gabriele Trost, Christian Hillen und Ralf Betz.

 

Quelle: ViiV / NP-DE-HVU-ADVR-210008 - 11.2021

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